Test A Way Out: Ein Spiel, gefangen in sich selbst

von René Wiesenthal (22. März 2018)

Mit A Way Out gehen die Hazelight Studios den mutigen Schritt eines rein auf kooperativen Multiplayer ausgerichteten Spiels. Und dieses dreht sich rund um einen Gefängnisausbruch. Wie gut das Vorhaben geglückt ist, sagt euch unser Test.

A Way Out ist die Geschichte zweier ungleicher Männer, Leo und Vincent. Die beiden verbindet auf den ersten Blick nur, dass sie zusammen im selben Gefängnis ihre langjährigen Haftstrafen absitzen. Als sich jedoch herausstellt, dass hinter den Gefängnismauern ein gemeinsamer Widersacher lauert, dessen Verbindungen bis in den Knast hinein reichen, werden sie aktiv. Gemeinsam planen sie den Ausbruch, um Rache zu üben.

So bringt der scheinbare Zufall die beiden zusammen: Leo, der Impulsive, der Temperamentvolle und Vincent, der Kühle, Berechnende. Dass sie so sind, erfahrt ihr hauptsächlich aus Zuschreibungen im Spiel. Durch ihre Handlungen und Entscheidungen werden die Figuren kaum gezeichnet, sie bleiben bis zum Ende eher blass und stereotyp.

A Way Out: Lernt Vincent und Leo im Vorstellungsvideo kennen

Ebenso geht die Kameradschaft der beiden erzählerisch nie so recht über eine Zweckbeziehung hinaus, die Motive des gemeinsamen Agierens bleiben vage. Dadurch fehlt bis zum groß angelegten Finale das emotionale Gewicht. Die Spannung wird auch deswegen von Beginn an gedrückt, da ihr schon ab der Eröffnungssequenz wisst, dass den beiden der Gefängnisausbruch gelingt. Überraschend ist dann, dass sich das Spiel erst draußen überhaupt entfaltet. Jedoch niemals so richtig.

Durch dicke Sequenzen und ein dünnes Spiel

A Way Out ist ein Adventure der Hazelight Studios. Die haben schon in Brothers – A Tale of Two Sons die Kameradschaft in den Mittelpunkt der Erzählung gestellt. Da allerdings noch in Form eines minimalistischen Märchens, in dem Gespräche nur angedeutet und die Beziehung der Brüder über kleine Gesten und die Spielmechanik entwickelt wurde. A Way Out sucht nun die große Bühne, eine realitätsnähere Geschichte und einen Aufbau, der ausschließlich über Koop funktioniert. Ohne einen zweiten Spieler läuft hier also nichts.

Leider bleibt der kooperative Aspekt aber weitgehend ein leeres Versprechen. Interaktionsmöglichkeiten zwischen den Spielern beschränken sich in den meisten Fällen auf das abwechselnde Meistern von Quicktime-Events oder dem gemeinsamen Drücken einer eingeblendeten Taste an einem vorbestimmten Ort in den oft stark begrenzten Arealen. Herumprobieren müsst ihr kaum. Verschiedene Lösungswege sind selten. Meist gilt es, stur einem offensichtlichen und erzählerisch nicht immer logischen Weg zu folgen, um dann zur gleichen Zeit an Ort und Stelle für die nächste Szene zu sein.

Kurze Eindrücke zur Spielmechanik bekommt ihr hier:

Das Spiel stolpert über seine erzählerischen Ambitionen. In Brothers waren die simplen und unglaubwürdigeren Rätselpassagen dank fantastischer Spielwelt noch unproblematisch. In dem realistischen Szenario wirkt der Einsatz so mancher Lösungswege jedoch deplatziert und befremdlich. Als frühes Beispiel sei hier genannt, dass sich Leo und Vincent im Handumdrehen Öffnungen hinter ihren Zellentoiletten freifeilen, während im Gang die Wachen patrouillieren. Einer der Spieler steht dabei jeweils Schmiere. In einem Cartoon wäre das zu verschmerzen, hier wirkt es einfach nur unglaubwürdig.

Der Ansatz ist da

An manchen Stellen blitzt durch, was das Spiel hätte sein können. Wenn ihr im Boot den Fluss hinunterrast und dabei Hand in Hand Felsen ausweichen und der Strömung trotzen müsst, zum Beispiel. Wenn ihr aus der Vogelperspektive einen Flüchtigen einkesselt oder durch geschickte Zusammenarbeit Fische fangt. Auch in kleinen optionalen Minispielen, die das sonst sehr statische Spiel hin und wieder auflockern. Leider sind die gut umgesetzten Ideen aber zu selten.

A Way Out tanzt auf vielen Hochzeiten, ohne vorher zur Tanzschule gegangen zu sein. Schleichpassagen, Fahreinlagen mit Schusswechsel oder noch tollkühnere Genreausflüge gegen Ende des Spiels reißen Mechaniken nur an, lassen sie dann aber als unfertige Skizzen stehen. A Way Out ist lediglich der Entwurf eines vollwertigen Koop-Abenteuers.

Dafür ist die Inszenierung meist ziemlich ordentlich. Einige der actionlastigen Sequenzen sind dank gekonnter Kameraarbeit spektakulär anzusehen, auch dank größtenteils ansprechender Grafik. In solchen Momenten findet sich die Erfahrung, die Regisseur und Spieleschöpfer Josef Fares im Film gesammelt hat, auf die beste Art im Spiel wieder. Der optische Genuss wird manchmal durch stockende Bildfolgen und Clipping der Objekte getrübt. Insgesamt fällt der Eindruck aber positiv aus. Die Sprecher, die Fares undankbar zahnlose Zeilen aufsagen, machen ebenso einen guten Job.

A Way Out ist selbst wie ein Gefangener. Eine gute Idee gefangen in einem zu engen Käfig. Die angestrebten Ziele der Entwickler werden ersichtlich, sind aber nur angedeutet. Das Spiel wirkt dadurch wie eine Konzeptskizze. Nein, wir möchten Josef Fares nach dem Durchspielen von A Way Out nicht die Beine brechen, wie er es uns angeboten hat (Venturebeat berichtete). Wir würden ihm lieber ans Herz legen, beim nächsten Mal nicht zu hoch hinaus zu wollen.

Meinung von René Wiesenthal

A Way Out stößt euch immer wieder vor den Kopf, wenn ihr gerade versucht, es zu mögen. Es lässt euch einfach nicht. Es wird euch wohl nicht als grauenhaftes Spiel in Erinnerung bleiben, wohl aber eher als netter Versuch oder aber gar nicht. Der Ansatz, kooperative Arbeit an einem gemeinsamen Ziel in ein Gefängnisausbruchszenario zu verfrachten, ist eine tolle Idee. Allerdings fehlt dem Spiel ein gutes Drehbuch und gelungene spielerische Mittel, die Prämisse ansprechend umzusetzen.

Das ist schade, da sich Potenzial in dieser Idee zeigt, das niemals wirklich entfaltet wird. Könnt ihr euch darauf einlassen, dass A Way Out „nur“ eine hübsche Spielerei und kein vollwertiges Spielerlebnis ist, könnt ihr dem Abenteuer vielleicht dennoch etwas abgewinnen. Wer die seichte Handlung spannend findet, freut sich über einen oft toll inszenierten interaktiven Film.

So bleibt A Way Out ein Zwischenstopp auf dem Weg zur Vollendung einer tollen Idee. Ein Herzensprojekt von Josef Fares zwar, aber als Spiel nur ein Experiment. Vielleicht hat es dennoch Erfolg und gibt dem Team von Hazelight die Möglichkeit, in Zukunft die Versprechen einzulösen, die sie mit A Way Out gemacht haben.

73

meint: Ein ambitioniertes, toll inszeniertes Koop-Abenteuer, das aber die Interaktion und viele Spielelemente nur andeutet.

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Tags: Koop-Modus   Multiplayer  

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