Gar nicht mal so schön: Das Problem an realistischer Grafik (Kolumne)

von René Wiesenthal (Donnerstag, 29.03.2018 - 15:28 Uhr)

Nahe an der Realität oder doch nur ein Spiel, das gerne Nahe an der Realität wäre? Was auch immer unter realistischer Grafik zu verstehen ist: Das Streben danach ist aus vielen Gründen problematisch. Lasst uns drüber reden.

"Das sieht ja aus wie in echt!" - Seit ich das erste Mal das N64 in Betrieb genommen und mir mit offenem Mund das Intro von Wave Race 64 angesehen habe, ist mir diese Aussage unzählige Male über die Lippen gekommen. Wie selten ich damit Recht hatte, wird mir immer dann bewusst, wenn ich in meiner Gaming-Historie zurückdenke. Oder lag ich mit der Einschätzung doch richtig und Spiele sehen einfach immer noch echter aus?

Diese Grafikdemo sieht aus wie ein Film, ist aber mit der Unreal Engine entstanden.

Der Anspruch von Spieleentwicklern, ihre Produktionen realistisch aussehen zu lassen und der große Rummel der um vermeintlich realistische Grafik gemacht wird, ist nüchtern betrachtet albern. Ich möchte euch ein paar Gründe nennen, warum das so ist.

Realistische Grafik ist Augenwischerei

Realistische Grafik ist seit jeher ein großes Werbeversprechen. Bei Präsentationen erster Spielszenen wird sie oft angewandt wie ein schäbiger Zaubertrick: Die geskripteten und vorgerenderten oder von Hochleistungs-PCs berechneten Bilder blenden uns mit ihrer Schönheit. Dynamische Animationen erwecken den Eindruck von einer lebendigen Spielwelt. Ob das Gesehene in Form eines Spiels überhaupt funktionieren kann, ist egal. Genauso, wie die Spielmechanik und die tatsächliche Optik, die beim Endverbraucher ankommt, dann ausfällt – es sah so toll aus!

Ist der Hype einmal generiert, gehen die Vorbestellungen los. Natürlich lassen sich viele Spieler von Vorabbildern nicht mehr in die Irre führen und warten die finale Fassung der Software ab. Doch eine sehr breite Masse bestellt vor oder kauft an Tag 1. Mit ein bisschen grafischem Hokuspokus wird das Spiel zum wirtschaftlichen Erfolg, selbst wenn von der wunderschönen Präsentation am Ende nicht mehr viel übrig ist. Und auch, wenn die Optik ersten Bildern ähnelt: Sie allein macht noch kein gutes Spiel. Wenn es nur darum ginge, könnte ich mir auch Technikdemos angucken. Von der Dynamik, die bei geskripteten Spielszenen in Verbindung mit der Grafik erst den tollen Eindruck erweckt, ist im Spiel ohnehin nichts mehr zu sehen.

Realistische Grafik macht eigentlich nichts realistischer

Um auf das eingangs erwähnte Beispiel von Wave Race 64 zurückzukommen: Sah das realistisch aus, also nach echten Menschen, die auf echten Wellen echte Jetskis reiten? Oder waren unsere Sinne von der Videospieltechnik zu jener Zeit einfach noch Anderes gewöhnt? Die Antwort sollte klar sein. Die Wahrnehmung verändert sich mit technischem Fortschritt. Was uns heute realistisch oder realitätsnah erscheint, steckt voller offensichtlicher Makel, sobald wir in zehn Jahren nochmal drauf gucken. Damit ist realistische Grafik auch auf dem aktuellen Stand der Dinge immer ein falsches Versprechen.

Das habe ich einst tatsächlich für realistisch gehalten.
Das habe ich einst tatsächlich für realistisch gehalten.

Dass Spiele keinen Eindruck von Realismus vermitteln, selbst wenn sie es noch so sehr wollen, kommt auch durch den bereits erwähnten Punkt der fehlenden Dynamik. Denn seien wir ehrlich: Auch, wenn ein Spiel optisch noch so stark aufpoliert ist - Spiele können uns nicht täuschen. An vielen Stellen verrät sich das Spiel als solches – und sei es schon, sobald die Figur nur anfängt sich unnatürlich zu bewegen – und lässt euch klar erkennen, dass es sich um ein Spiel handelt. Von Interfaces und Co. mal ganz abgesehen. Spiele können auch mit vermeintlich realistischer Grafik nicht realistisch wirken. Warum also realistische Grafik zur Leitlinie erklären?

Realistische Grafik sieht nicht lange gut aus

Diesen Punkt habe ich bereits angedeutet, jetzt möchte ich einmal explizit ein Fazit dazu ziehen: Grafik, die realistisch sein will, sieht nach einigen Jahren nicht nur nicht mehr realistisch für uns aus, sondern schlicht und ergreifend schlecht. Wenn Entwickler nur versucht haben, den Eindruck von Realismus zu erwecken, schaffen sie das vielleicht für den Moment, nicht aber über längere Zeit hinweg. Spiele, die sich durch optische Eigenheiten oder einen ganz bestimmten – nicht realistischen – Grafikstil hervortun, können dagegen auch viele Jahre nach ihrem Erscheinen noch ansehnlich sein.

Sieht gut aus, aber nicht wirklich einzigartig: Assassin's Creed Origins.
Sieht gut aus, aber nicht wirklich einzigartig: Assassin's Creed Origins.

Vielleicht empfinden wir deren Texturen rückblickend als matschig oder aber den Detailgrad niedrig (weil wir immer verwöhnter werden), aber eine Darstellung, die einzigartig ist, bleibt länger frisch und ansehnlich als der Versuch, der Realität nahe zu kommen. Spiele werden zudem optisch immer austauschbarer und damit uninteressanter, je mehr sie statt auf eigene Akzente auf Realismus setzen. Könntet ihr ohne Vorwissen über die jeweiligen Schauplätze die Grafik aus Uncharted 4 - A Thief's End und Assassin’s Creed - Origins auseinanderhalten?

Ich möchte Realität und Spiel gar nicht verwechseln

Auch auf diesen Punkt habe ich bereits hingedeutet. Aber denken wir ihn doch einmal etwas weiter. Nehmen wir also an, wir kommen eines Tages tatsächlich an einen Punkt, an dem die Optik eines Spiels so realitätsnah geworden ist, dass sie uns täuschen kann. Dass ein Spiel auf den ersten und zweiten und vielleicht auch dritten Blick wirklich nicht mehr von der Realität zu unterscheiden ist. Wäre das noch spaßig?

Könntet ihr Spielfiguren künftig mit echten Menschen verwechseln? Gruselige Vorstellung.
Könntet ihr Spielfiguren künftig mit echten Menschen verwechseln? Gruselige Vorstellung.

Ich will von Spielen doch gar nicht, dass sie die Realität ersetzen oder ihr zu nahe kommen. Sie sollen von ihr losgelöst existieren und funktionieren können. Wenn Spiele eines Tages wirklich realistisch aussehen sollten (Animationen und KI eingeschlossen), ginge die Freude an der Fiktion verloren. Dann wäre ich eher verängstigt als begeistert.

Realistische Grafik frisst Massen wertvoller Ressourcen

Und das lässt sich zweifach feststellen: Zum einen frisst sie Rechnerressourcen von Spielern. Um Spiele flüssig zum Laufen zu bringen, die auf Hochglanzoptik bauen, braucht es teure Hardware, um die Grafikmöglichkeiten auch voll ausschöpfen zu können. Oder aber ihr spielt auf Konsolen und müsst befürchten, dass die Entwickler so dick aufgetragen haben, dass das Gerät in die Knie geht.

Andererseits – und das schließt an den Punkt der Augenwischerei an – frisst das Streben nach realistischer Optik Ressourcen auf Seiten der Entwickler. Die stecken dann Unmengen an Personal, Zeit und Geld in die Grafik, wodurch mitunter andere Aspekte des Spiels vernachlässigt oder Mängel überspielt werden. Ich persönlich verzichte lieber auf den einen oder anderen realistischen Lichtreflex, wenn ich stattdessen ein Spiel bekomme, das Spaß macht. Ich sag ja nur.

Immer realistischer oder doch lieber einzigartig? Schreibt uns in die Kommentare, was ihr von dem Trend haltet, dass Spiele immer realistischer aussehen sollen! Seid ihr Realismus-Freaks oder gebt ihr eher mir Recht?

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Tags: Hardware  

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