Dieser eine Moment: Wie ich nach 30 Jahren den Computer meines Vaters startete

(Kolumne)

von Marvin Heiden (03. April 2018)

Durch puren Zufall kam ich in Besitz des ersten Computers meines Vaters. Das Teil ist älter als ich und verwendet Technik, die eigentlich längst in ein Museum gehört. Kann ich ihn trotzdem nochmal zurück ins Leben rufen?

Sicher habt ihr schonmal von dem legendären Heimcomputer namens C64 gehört. Ihr dachtet, es ginge nicht noch primitiver als das? Gestatten, das direkte Vorgänger-Modell: Der Commodore VC20!Sicher habt ihr schonmal von dem legendären Heimcomputer namens C64 gehört. Ihr dachtet, es ginge nicht noch primitiver als das? Gestatten, das direkte Vorgänger-Modell: Der Commodore VC20!

Oft ist es nicht bloß die tolle Grafik, die spannende Geschichte oder der sympathische Hauptcharakter, der Spielern noch Jahre nach dem Genuss eines Abenteuers im Gedächtnis bleibt. Solche Erinnerungen drehen sich häufig um einen kurzen Moment. Einen besonderen Moment. >>Diesen einen Moment!<< Dem widmen wir diese Artikel-Serie und beschreiben aus unserer persönlichen Sicht, was diesen Moment so besonders und unvergesslich macht.

Hier findet ihr alle bisher in der Reihe erschienenen Artikel.

Mitten in der Nacht bekomme ich einen Anruf. Ich bin mit Freunden etwas trinken und sehr überrascht, schließlich wird in der WhatsApp-Generation doch normalerweise niemand mehr so schamlos auf seinem Handy angerufen. Noch dazu um diese Uhrzeit! Verwirrt gehe ich ans Telefon. Die Person am anderen Ende entpuppt sich als mein Großonkel aus Spandau: „Du weeßt doch, wir ziehen gerade um und sind dabei, den Keller auszuräumen. Ick hab da wat jefunden ...“ Meine Augen werden größer, meine Handflächen schwitzig. Kann es wirklich sein?

Am nächsten Morgen mache ich mich sofort auf den Weg. Selbst gestandene Berliner haben Respekt vor der gefährlichen und zermürbenden Odyssee zum entlegensten Ort, den sie sich nur vorstellen können: den geheimnisvollen Vorstadtbezirk Spandau. Mein alter Kiez. Ich treffe meinen Onkel vor seiner Wohnung und gemeinsam wagen wir den Abstieg in die schattigen Untiefen des ersten Untergeschosses. Vorbei an vergitterten Keller-Abteilen bahnen wir uns den Weg bis in die hinterste und dunkelste Ecke. Nachdem wir mit Mühe und Not einen zur Hälfte eingestürzten Schrank aufgestemmt hatten, ist mir plötzlich, als strahlte mir ein seltsames Licht entgegen. Im Halbdunkel schimmert ein vergilbtes Plastik-Gehäuse wie das Gold eines sagenumwobenen Piratenschatzes.

Bald auch in eurem Wohnzimmer? Die Neuauflage des VC20-Nachfolgers Commodore 64 im Miniformat:

Das ist er! Der Heimcomputer, den mein Vater sich vor sage und schreibe 36 Jahren als ersten Computer überhaupt kaufte und der lange Zeit als verschollen galt: Ein Commodore VC20 mit 1,1 Megahertz Hochleistungsprozessor und gewaltigen 5 Kilobyte Speicher. Eine wahre Höllenmaschine! ... na ja, für 1981 vielleicht. Heutzutage ist jedes Smartphone dagegen ein Supercomputer.

Als mein Vater den Rechner 1987 weiterverkaufte, um sich den wesentlich leistungsstärkeren Amiga 500 zuzulegen, wechselte der VC20 mehrfach den Besitzer, bis er irgendwann meinem Onkel aus Spandau in die Hände fiel und dort blieb. Es hielt sich bereits das Gerücht, er hätte das antike Stück verschrottet oder weiterverkauft, denn trotz mehrerer Suchaktionen blieb das Gerät unauffindbar. Bis jetzt.

Wieder zuhause kann ich mich vor Aufregung kaum halten. Alles ist genau wie beschrieben! Sogar der von meinem Vater selbst eingebaute Reset-Schalter ist noch intakt. Ich wundere mich einen Moment lang, was für ein krasser Hacker er in seiner Jugend gewesen sein muss und widme mich dann dem Haufen an Zubehör, den ich zusammen mit dem Oldtimer-Computer in meine Wohnung geschleppt hatte: Ein Netzteil, so groß und schwer wie ein Backstein, ein Bündel Kabelsalat für Video- und Audiosignale, einige Bücher mit Anleitungen für längst ausgediente Programmiersprachen und ... ein Walkman?

"Datasette" nannte sich das revolutionäre Speichermedium. Eine Festplatte hat der VC20 nämlich nicht."Datasette" nannte sich das revolutionäre Speichermedium. Eine Festplatte hat der VC20 nämlich nicht.

Doch nein, weit gefehlt. Wie sich nämlich herausstellt, dient das Kassettendeck in Wahrheit als Laufwerk! Denn noch bevor es Blu-Rays, CDs, Festplatten oder Disketten gab, wurden Daten doch tatsächlich auf Audiokassetten gespeichert. Klingt heutzutage absolut verrückt!

Ich mache mich also daran, die staubige Kiste zu verdrahten. Ich lege den Schalter um und die Power-LED beginnt blutrot zu leuchten. Ein Lebenszeichen, so weit so gut. Als nächstes ein Sendersuchlauf am Fernseher. HDMI-verwöhnte Konsolenzocker von heute können sich überhaupt nicht mehr vorstellen, dass der TV vor Urzeiten nicht mehr als eine einzige Input-Schnittstelle hatte! Der Computer verbindet sich also über den Antennenanschluss mit dem Fernseher und gibt sein Bildsignal nur über einen ganz bestimmten Kanal aus. Und dann ganz plötzlich wie aus dem Nichts der große Moment:

Computer von Commodore nutzten die leicht zu erlernende Programmiersprache "Basic".Computer von Commodore nutzten die leicht zu erlernende Programmiersprache "Basic".

ES LEBT! Auf dem futuristischen Cyan-farbigen Disko-Hintergrund bildet sich doch tatsächlich eine Eingabeaufforderung ab. Doch was nun? Überfordert von der Situation gebe ich den einzigen Befehl ein, den ich in der Kürze lernen konnte: „LOAD“ Es folgt die Aufforderung: „PRESS PLAY ON TAPE“ Dann wollen wir mal sehen, was sich noch auf der ollen Kassette verbirgt, denke ich mir und drücke auf Play. Das Einrasten des Schalters auf dem Kassettendeck bringt Kindheitserinnerungen an Hörspielheld Jan Tenner mit sich. „SEARCHING“ ... Die Spannung steigt mit jeder Umdrehung des Magnetbandes.

Dann stoppt plötzlich alles. „FOUND SARGON II - READY.“, gibt mir der Computer zu verstehen. Unsicher tippe ich die Buchstaben R U N wie eine magische Beschwörungsformel in die verklebten Tasten. „LOADING“ Ich traue mich kaum, zu blinzeln! Was mochte dieses mysteriöse Sargon II nur sein? In meinem Kopf male ich mir bereits die wildesten Atari-Weltraumfantasien aus. Dann die Enthüllung:

Ein Traum aus Neon-Grün: Das goldene Zeitalter der Computerspiele.Ein Traum aus Neon-Grün: Das goldene Zeitalter der Computerspiele.

Schach. Nun ja, damals waren die Erwartungen an Computerspiele wohl geringer als heute. Aber das ist längst noch kein Grund zur Enttäuschung, denn im Netz steht mittlerweile die gesamte Datenbank der VC20-Games zur freien Verfügung. Dort finden sich neben den simplen Minigames von Commodore selbst unter anderem auch solche von Sega und Activision, die versprechen, um einiges interessanter zu sein. Jetzt muss ich nur noch herausfinden, wie ich die Downloads auf Kassetten kopiert bekomme ...

Tags: Hardware   Dieser eine Moment   Retro  

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