JRPGs und ich: Wie eine totgeglaubte Liebe wieder erblühte

(Kolumne)

von Micky Auer (10. April 2018)

Es gab eine Zeit, in der ich japanische Rollenspiele geliebt habe. Dann haben wir uns entfremdet und wollten nichts mehr voneinander wissen. Doch dann ist irgendetwas passiert, was alles ändern sollte ...

Als ich mich zum ersten Mal mit dem Medium Videospiel auseinandergesetzt habe, waren die meisten unserer Leser vermutlich noch gar nicht auf der Welt. Die Rede ist von den 70er Jahren des vorherigen Jahrhunderts, als die Pixel laufen lernten.

Mein erster großes Abenteuer, bei dem ich im Alleingang eine feindliche außerirdische Invasion abgewehrt habe, kam vom japanischen Software-Entwickler Taito und hörte auf den Namen Space Invaders. Das Spiel kam also aus Japan, so wie auch all die anderen wilden Geschichten, die ich nach und nach erleben durfte: Gefangen in einem Labyrinth mit Geistern, deren Berührung tödlich ist (Pac-Man), die Rettung einer holden Maid aus den Klauen eines mutierten Riesenprimaten (Donkey Kong) oder die Vernichtung des Bösen, während ich meist nur Unterhosen trug (Ghosts 'n Goblins).

Videospiele waren für mich die einzige Verbindung zu einem Land am anderen Ende der Welt, von dem ich so gut wie gar nichts wusste. Das war zu diesem Zeitpunkt auch nicht nötig, denn es brachte mir ja Videospiele, und die mochte ich. So erblühte meine Zuneigung für ein neues Medium, das für mich untrennbar mit Japan verbunden war.

Als das erste JRPG über verschlungene und höchst dubiose Importwege seinen Weg zu mir fand, wurde aus der Zuneigung so etwas wie Liebe. Die knuddeligen Figuren, die kräftigen Farben, die tragischen und dramatischen Geschichten ... Ich war komplett hingerissen von dem, was die Welt der JRPGs zu bieten hatte. Und im Laufe der kommenden Jahre sollte dahingehend noch alles besser werden.

Als unsere Liebe noch jung war

Ich fühlte mich wie im Himmel. Der japanische Markt war voll von Spielen, die so exotisch, so spannend und neuartig wirkten. Anstatt trister, westlich angehauchter Szenarien erblühte auf den Konsolen für mich eine Welt, in der niemand eine normale Haarfarbe hatte, Magie und Schwertkunst stets im Mittelpunkt standen und in jedem Land Drachen hausten. Außerdem konnte schon allein in technischer Hinsicht keine westliche Produktion mit der filigranen japanischen Programmierkunst mithalten.

Zeig's ihnen, Kirin! Eine meiner größten Lieben: Final Fantasy 6Zeig's ihnen, Kirin! Eine meiner größten Lieben: Final Fantasy 6

Alles wirkte so viel besser, so viel geschmeidiger. Grafikstile voller Einfallsreichtum, unglaublich actionreiche Animationen, jeder noch so popelige Feuerzauber oder Schwertstreich wurde bildgewaltig inszeniert. Es war mir egal, dass ich über Jahre hinweg arg ähnliche Szenarien immer und immer wieder spielte. Auch hatte ich stets nur die wirklichen Perlen vor Augen und habe deren Kunstfertigkeit aus reinem "Fan Boy"-Verhalten auf gar nicht mal so gute Spiele übertragen.

Und während dieser Zeit ist bei mir eine Form der Akzeptanz eingetreten, die nicht positiv ist: Ich konnte über nichts mehr staunen. Ein Teenager, der mit göttlichen Waffen hantiert, als hätte er seit 500 Jahren nichts anderes trainiert? Mhm, nett. Eine Drachenpriesterin, die durch ihren Gesang mit den großen Bestien alter Zeiten kommuniziert, was jeden anderen Menschen in den Wahnsinn treiben würde? Ja, hm, sicher ganz hübsch. Trägt das Mädchen da eine Galeere als Hut? Haja ...

Ich war - wie es scheint - komplett saturiert. Über Jahre hinweg habe ich so viele JRPGs konsumiert, dass deren oft wirklich exotisch bis bizarre Gestaltung keine Besonderheit mehr für mich darstellte. In dieser Zeit habe ich einige Spiele gespielt, an deren Inhalt ich mich so gut wie gar nicht mehr erinnern kann, weil ich sie einfach konsumiert habe wie gesalzene Erdnüsse und Popcorn.

Tales of Zestiria: JRPGs erfreuen sich auch heute noch großer Beliebtheit.

Mein großes Interesse ist zu einem halb-automatisierten Abarbeiten einer stetig wachsenden Software-Bibliothek geworden. Mehr und mehr habe ich den Blick nach Westen gerichtet, weil plötzlich auch aus Europa und den USA interessante Spiele kamen, die durchaus mal Neues, mitunter was anderes boten als japanische Spielekost. Denn ich musste feststellen: Außer neuer Technik tut sich da nicht viel in Sachen Weiterentwicklung. Ich begann nicht nur, mich von JRPGs abzuwenden, sie gingen mir langsam Stück für Stück hart auf die Nerven.

Wir gehen besser getrennte Wege

Am Anfang waren es nur Kleinigkeiten, die mich die Augen verdrehen oder diesen einen Gesichtsausdruck aufsetzen ließen, wenn man im Stillen zu sich selbst sagt: "Oh Mann, was für ein Müll." Zuerst fielen mir die dämlichen Fummel auf, in denen die meisten Figuren gewandet waren. Lächerliche, unkomfortable Design-Spinnereien, die sich irgendein hochgelobter japanischer Character Artist aus dem Rektum gezogen hat. Und dabei spreche ich noch nicht mal von quasi nackten Brüsten, die nur mit irgendwelchen Fähnchen verhangen sind. Nein, ich fand bald mal alle Designs doof.

Irgendwann sah für mich jeder JRPG-Held gleich aus.Irgendwann sah für mich jeder JRPG-Held gleich aus.(Quelle: Dragonlolz.com)

Die Frisuren: Jungs mit Stacheln, Mädels mit endlosen Lockenkonstrukten auf dem Kopf. Alle männlichen Figuren heißen Ryu, alle weiblichen heißen Elena. Er kämpft mit Schwertern, sie mit Stäben. Und dann die von Anime und Manga inspirierten Zwischensequenzen und Zeichenstile: Lahmärschig inszenierte Zeitlupenkämpfe mit viel zu langen Stills, alle Teilnehmer haben übernatürliche Kräfte. Selbst das stets vorhandene, nervtötende Knuddelmonster, das meistens Popoi, Pippo oder Chu-Chu heißt, entfesselt einen schwarzen Zeitensturm des Chaos. Mit den Ohren.

Ganz zu schweigen von den grauenvoll geschriebenen Texten, später noch gesprochen von nicht minder grauenvollen Stimmen. Ernsthaft: Wer glaubt, dass nadelspitze, hochgepitchte Kreischestimmen in irgendeiner Form für eine Spieldauer von mindestens 40 Stunden zu ertragen sind, der sollte gezwungen werden, sie sich selbst anzuhören. Und nein: Nicht nur die Übersetzungen empfand ich als unerträglich und schlecht geschrieben, auch die japanischen Originale waren keinen Deut besser. Aufgesetzte Emotionen, melodramatische Szenen und die ewig gleichen Teenager, die erst mal lernen müssen, wie das Leben funktioniert, haben mir dann den Rest gegeben. Ich wurde älter, habe mich weiterentwickelt, doch die JRPGs sind einfach stehengeblieben und haben sich nur äußerlich verändert.

Die Zeit war gekommen, voneinander Abschied zu nehmen. Japanische Rollenspiele konnten mir nichts mehr geben, ohne mich sauer zu machen. Sie hingegen fühlten sich ungeliebt. Diese Beziehung konnte nicht mehr funktionieren, wir verabschiedeten uns voneinander und vergossen keine Träne für den jeweils anderen.

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Tags: Fantasy   Singleplayer  

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