Videospielsucht: Men's Health widmet sich der Krankheit

von René Wiesenthal (12. April 2018)

Men’s Health hat das Thema Videospielsucht für sich entdeckt. In einem Bericht auf der Internetseite des Magazins findet sich seit kurzem ein Ratgeber dazu, was Videospielsucht ist und wie die Leser ein problematisches Spielverhalten bei sich feststellen können. Genauer gesagt geht es um die sogenannte Gaming Disorder, die mit dem kommenden ICD-11 als offizielle Krankheit anerkannt werden soll. Der ICD ist ein von Ärzten angewandtes Verzeichnis zur Beschreibung und Diagnostik von Krankheiten. Gaming Disorder ist in der vorläufigen Version der kommenden Auflage des Katalogs die fachliche Bezeichnung der Videospielsucht.

Darüber aufzuklären, zeugt von guten Absichten. Allerdings ist nicht nur die Gaming Disorder problematisch, sondern auch die Art wie das Männermagazin darüber berichtet – oder eben auch nicht. Die Autorin leistet sich leider Fehler in ihrem Aufklärungsversuch.

Das fängt schon dabei an, wie zum Thema hingeführt wird:

“Gab es vielleicht sogar schonmal Streit, weil Sie lieber daddeln als Ihre Partnerin oder Freunde zu treffen?“

Eine übervereinfachte Frage, mit deren Beantwortung die Leser wohl keine treffenden Diagnosen der Gaming Disorder stellen können. Durch den Verweis darauf, dass Kritiker die Gefahr sehen, durch die Aufnahme der Gaming Disorder in den ICD könnte Videospielen vorschnell als krankhaft betrachtet werden, relativiert die Autorin diese Frage zwar. Sie geht aber schon hier etwas zu leichtfertig mit dem Thema um, indem sie lose miteinander in Verbindung stehende Sachverhalte einem hochkomplexen Gegenstand zuordnet. Weiterhin führt sie angebliche Kriterien zur Erkennung der Krankheit auf. Es heißt es dazu:

“Von einer Gaming Disorder spricht man, wenn mindestens 5 von diesen Kriterien in den letzten 12 Monaten dauerhaft oder immer wieder erfüllt wurden:“

Hier liegt ein Fehler vor. Im vorläufigen Entwurf des ICD-11 findet sich keine solche Beschreibung der Krankheit und auch nicht die daraufhin aufgeführten Kriterien. Hier scheint sich die Autorin zumindest teilweise beim DSM-5, einem amerikanischen Standardwerk zur Klassifizierung von Krankheiten, und dessen Beschreibung zur so genannten Internet Gaming Disorder bedient zu haben.

Interessanterweise reicht sie die tatsächlichen ICD-Kriterien in sehr frei übersetzter Form gegen Ende des Artikels nach, wobei sie aus "gaming" das Wort "zocken" macht und direkte Handlungsempfehlungen hinzufügt.

Aber zunächst geht es im Text weiter mit der Beschreibung davon was Videospiele seien. Besonders fraglich ist, dass hier das Wort "Kick" im Zusammenhang mit unbedenklichem Spielen benutzt wird, also eine Konnotation vom Spielerleben mit Drogenkonsum hergestellt wird.

In den weiteren Erklärungen im Artikel bezieht sich das Magazin auf eine Expertenquelle, genauer gesagt den Diplompsychologen Klaus Wölfling, der offenbar zum Interview bereitstand. Der Mediziner arbeitet im Bereich der Spielsucht, setzt einen Schwerpunkt seiner Arbeit auch auf Videospiele. Richtigerweise stellt er fest – so das Zitat im "Men’s Health"-Artikel – dass ein Spielverhalten problematisch ist, das zur dauerhaften Vernachlässigung anderer Aktivitäten führt. Auf seiner Internetpräsenz findet sich ein Fragenkatalog für Eltern, mit dem sie ein solches Problemverhalten bei ihren Kindern aufdecken können sollen.

Men’s Health reißt die Expertise aber aus dem Zusammenhang: Der Artikel bezieht sich schon im Einleitungstext explizit auf die Gaming Disorder im ICD. Die Kriterien, die Herr Wölfling in seiner therapeutischen Praxis heranzieht, entbehren sicher nicht der wissenschaftlichen Grundlage, sind aber keine allgemeingültigen Kriterien zur Diagnose der Gaming Disorder. Beim Leser können hier falsche Eindrücke entstehen.

Ebenso fehlt eine Angabe von Quellen an entscheidenden Stellen. So zum Beispiel bei Behauptungen zum positiven Potenzial vom Gaming.

“Gaming kann aber auch durchaus positive Effekte auf das Gehirn haben, zum Beispiel haben Zocker häufig eine schnellere Reaktion und können besser Entscheidungen treffen.“, wird pauschal in den Raum gestellt.

Richtig stellt das Magazin fest, dass im ICD eine Unterscheidung zwischen Gaming Disorder und so genanntem Hazardous Gaming - einer Art Vorform der Gaming Disorder - vorgenommen wird. Ebenso merkt die Autorin korrekterweise das für eine Gaming Disorder notwendige längerfristige Auftreten der Symptome an. Dazu sei aber gesagt, dass Men’s Health hier den Eindruck eines Dauerzustandes erweckt. Nach ICD-11-Entwurf reicht es aber schon für eine Diagnose aus, wenn das Verhalten im Zeitraum eines Jahres regelmäßig wiederkehrend ist und nicht ausschließlich durchgängig.

Besonderes Suchtpotenzial? Das hat World of Warcraft, wenn es nach Wölfling geht:

Der Artikel schweift dann noch ein wenig ins Thema Lootboxen ab. Eines, das aus vielerlei Gründen problematisch ist und kontrovers diskutiert wird, aber in einem Aufklärungsartikel zur Gaming Disorder im Grunde deplaziert.

Was Men’s Health ganz generell in dem Artikel unterschlägt, ist, dass die Gaming Disorder zum aktuellen Stand nicht mit hundertprozentiger Sicherheit im ICD-11 landen wird – auch, wenn es sehr wahrscheinlich ist. Dieser befindet sich derzeit in einem ständigen Überarbeitungsprozess, weshalb hier nicht von endgültigen Tatsachen gesprochen werden sollte. In unserem Artikel zum Thema Gaming Disorder findet ihr nähere Informationen zum Entwicklungsprozess des kommenden Krankheitskataloges.

Zum Abschluss des Artikels wird die Expertenquelle Wölfling mit der Aussage zitiert, er könne eine gesteigerte Gewaltbereitschaft bei Gamern bisher nicht feststellen. Diese anekdotische Evidenz aus der therapeutischen Praxis einer Einzelperson wird als Beweis herangezogen, dass "Das Vorurteil, dass Videospiele aggressiv machen" sich für "Betroffene" nicht unbedingt erfüllt. Wer mehr zum Thema Aggressionsbereitschaft durch Videospielkonsum erfahren möchte, kann sich dazu einführend unseren Artikel zum Thema durchlesen.

Die Aufklärung über gesundheitliche und soziale Risiken von problematischem Videospielverhalten, ist ein löbliches Anliegen. In der Form wie es bei Men’s Health getan wurde, ist es aber äußerst irreführend. Besonders, weil konkret von Gaming Disorder und ICD die Rede ist, sollte hier mehr Sorgfalt gewahrt werden, Quellen genutzt und nicht Informationen gemischt werden, die nicht zusammengehören. Oder wie seht ihr das? Schreibt uns eure Meinung in die Kommentare!

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