Streitgespräch: Ist Pixelgrafik Kunst oder die Röhrenjeans für Games?

(Kolumne)

von René Wiesenthal (18. April 2018)

Meine Güte, was sind das für wunderschöne Bildpunkte! Rastergrafiken mit kleinen rechteckigen Grafikelementen waren vor langer Zeit der Status Quo einer sich ständig weiterentwickelnden Spieletechnik. Heute sind sie zur nostalgischen Kunstform geworden. Oder doch nicht? Zwei Redakteure sind da nicht ganz einer Meinung.

Auch bei uns in der Redaktion sind wir nicht immer einer Meinung - schockierend, nicht wahr? Wir präsentieren euch in dieser Reihe zwei Perspektiven zu einem Thema. Zwei Redakteure streiten sich, damit ihr euch eure eigene Meinung bilden könnt.

Hier findet ihr alle bisher in der Reihe erschienen Artikel.

Der Klotz des Anstoßes

René:

Ich kann dieses Genöle nicht mehr hören. Sobald ein Entwickler sich Pixelgrafik bedient, quengeln die Leute rum, dass doch mal gut sei und sie das Spiel nur deswegen nicht kaufen werden. Was soll das? Was haben die für ein Problem? Micky, gib mir bitte Recht, dass Pixeloptik eine feine Sache ist!

Micky:

Lieber René ... Den Teufel werde ich tun. Ich kann Pixelgrafik nicht mehr sehen. Sie war schön (und sie war das einzige, was es gab) IN DEN FRÜHEN 90ern!!! Wer sich sowas heute noch für Geld kauft, soll es bitte tun. Ich gehöre aber sicher nicht zu dieser Käuferschicht. Warum soll ich mir ein spärlich animiertes Strickmuster antun, wenn ich stattdessen die Fertigkeiten von 3D-Künstlern bewundern darf?

Wie kann man Spiele wie Hyper Light Drifter denn nicht schön finden?

Die Zeiten flacher Treppchenoptik ist hoffentlich endlich mal vorbei. Und bitte: Ich will erst gar nichts von ach so künstlerisch wertvollen Indie-Produktionen hören, die ja über "sooooooo gute Ideen verfügen und die ihren eigenen Stil durch die retrophile Darstellung in ausgefeilter Pixelkunst verwirklichen." - Das ist ein Euphemismus für: Wir können nur Pixel. Geh mir fort mit dem Kram ...

SO einer bist du also!

Da haut es René um, wenn er sowas hört. Im Bild: Axiom Verge.Da haut es René um, wenn er sowas hört. Im Bild: Axiom Verge.

René:

Solidarität sieht anders aus, Herr Auer! Aber gut, jetzt weiß ich wenigstens, dass du auch so ein Kostverächter bist. Und natürlich werde ich zu deinem Entzücken jetzt noch viel genüsslicher das Kunst-Fass aufmachen. Denn auch, wenn du es als Ausdruck mangelnden Talents erachtest, PixelART ist eine Kunstform. Zugegebenermaßen nicht in jedem Fall gelungen - manche Rastergrafik ist einfach schlampig und faul - aber das findet sich auch in deiner angepriesenen 3D-Kunst wieder. Ein wirklich ansehnliches Pixelspiel zu entwickeln braucht aber ganz besondere Fingerfertigkeit. Umsonst würde man ja schließlich nicht den Unterschied zwischen einem schönen und einem hässlichen Pixelspiel erkennen.

Vielleicht braucht es sogar viel mehr Können als im 3D-Bereich, aus einer Pixeloberfläche erkennbare Objekte herauszuholen und räumliche Tiefe zu erzeugen. Bei diversen 3D-Engines ist sowas sicher mit zwei, drei Mausklicks erledigt. Und was ist eigentlich schlimm daran, dass mich neue Spiele wohlig an die frühen 90er erinnern? Die Zeit, in der ich Videospiele lieben gelernt habe.

Terranigma? Nein, das ist Owl Boy von 2016. Und es weckt schöne Kindheitserinnerungen.Terranigma? Nein, das ist Owl Boy von 2016. Und es weckt schöne Kindheitserinnerungen.

Micky:

Welchen Teil von "Geh mir fort mit dem Kram ..." hast du nicht verstanden? Weißt du, HängebauchART ist auch eine Kunstform, wenn ich den Zusatz "ART" dranhänge. Genau darauf scheinen sich ohnehin 99 Prozent der Hipster-Community in physischer Selbstbespaßung zu ergehen. "Uuuh, aaah, es ist ART! Es ist nicht einfach Kunst, nein, ART muss es sein. Die hab ich auf meinem Phone in diesem einem Game, wo man voll die Tasks performed." Aus meiner Sicht ist das alles nur ein Gehype rund um das innige Verlangen, jemand ganz Besonderes zu sein und nur ganz besondere Dinge zu machen und zu besitzen. Warte mal bis zum nächsten "ganz heißen Shit" in der Branche.

Alle, die über die Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfisches verfügen, werden sich drauf stürzen und die artsy Pixelart ganz schnell vergessen. Außerdem: erkennbare Oberflächen rausholen und räumliche Tiefe erzeugen? Ja, schön. Aber wozu brauch ich dann überhaupt 2D-Flächen? Wenn der Wunsch nach räumlicher Tiefe besteht, dann gibt es genug Werkzeuge, diese auch sinnvoll zu erzeugen. 2D-Texturen sehe ich in der Hinsicht nicht so sinnvoll. Nebenbei gibt es sicher auch 2D-Konstrukte, die mithilfe von dreieinhalb Klicks entstanden sind und voll ARTSY wirken. Und dazu bemerkt: Es ist rein gar nichts verkehrt daran, sich an die schönen Zeiten zu erinnern. Aber warum spielst du dann nicht die Originale? Die haben's meistens besser drauf als Artsy und seine Pixelfreunde.

Weiter mit: Der alte Mann und der Mate-Lappen

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Tags: Retro   Fun   Streitgespraech   Indie  

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