Faszination Müll: Warum trashige Games Spaß machen

(Kolumne)

von Marvin Heiden (19. April 2018)

Ja, man kann sich darüber aufregen, dass manche Spiele nicht so gut sind wie erwartet. Oder dass sie technisch hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben. Aber manchmal sollte man sie auch einfach als das ansehen, was sie sind: Spaßiger Trash.

Wo früher eine Ziege war, ist jetzt nur noch ... was eigentlich?Wo früher eine Ziege war, ist jetzt nur noch ... was eigentlich?

Vielleicht ist euch der englische Ausdruck „guilty pleasure“ ein Begriff. Falls nicht: Er beschreibt eine bestimmte Vorliebe von euch, die ihr gleichzeitig auch irgendwie bereut. Stellt euch zum Beispiel vor, ihr hättet ein Faible für Thunfisch mit Schokolade. Das schmeckt vielleicht richtig gut, ist aber gleichzeitig auch verdammt eklig. Klassische guilty pleasure also. Ebenfalls in diese Kategorie fallen für mich trashige Videospiele.

Objektiv betrachtet sind solche Machwerke nicht einmal einen flüchtigen Blick wert. Miese Grafik, unsägliche Steuerung, fehlerhaftes Leveldesign und unterirdische Synchronisation geben euch das eindeutige Signal, sofort in alle Richtungen davonzulaufen. Doch irgendetwas an diesen Spiel-gewordenen Freaks strahlt auf mich auch eine unfassbare Faszination aus. Ich denke mir, wenn ich mich nicht um diese missratenen Ausgestoßenen kümmere, wer dann?

Doch was genau meine ich eigentlich, wenn ich von „Trash“ spreche? Immerhin gibt es wirklich schlechte Games und solche, die so schlecht sind, dass sie schon wieder gut werden. Ich beziehe mich natürlich vor allem auf letztere. Oberstes Kriterium ist in diesem Falle der Spaß, den ihr beim Spielen habt. Denn meiner Meinung nach ist eigentlich nur ein langweiliges Spiel ein wirklich schlechtes Spiel. Ich behaupte nämlich, solange ihr euch gut unterhalten fühlt, könnt ihr mit einem Augenzwinkern auch die bizarrste Kitsch-Handlung und den unförmigsten Pixelmatsch ertragen.

Fast das gesamte Sortiment der Full-Motion-Video- oder FMV-Games gilt heute als absolut unspielbar. Der Shooter Krazy Ivan aus dem Jahr 1996 zum Beispiel hat spielerisch keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Doch die unterirdische Laienschauspielerei der ganz offensichtlich gefälschten Russen – inklusive aufgesetztem Akzent – ist so urkomisch, dass ich mich dem peinlichen Charme (oder Scham?) mit Freude hingebe.

Krazy Ivan glänzt durch "hollywoodreife" Schauspielerei.Krazy Ivan glänzt durch "hollywoodreife" Schauspielerei.

Und anscheinend bin ich nicht der einzige Liebhaber dieser zugegebenermaßen brotlosen Videospielkunst. Diverse Seiten im Internet widmen sich nichts anderem als dem Besten unter dem Schlechtesten. Da wäre zum Beispiel der Angry Video Game Nerd, der mit seiner Hassliebe zu Trash-Games längst zur Ikone geworden ist. Oder Moshboy, der auf seinem tumblr-Blog namens odditie-s die abgedrehtesten Games-Experimente unter der Sonne zusammenträgt.

Spiele wie der Goat-Simulator haben ihre Programmfehler mittlerweile sogar zum Spielprinzip erhoben. Ständig bleibt ihr dort mit eurer langen Ziegenzunge irgendwo kleben, fliegt meterhoch durch die Luft oder müsst der Grafik dabei zusehen, wie sie sich zu einem zappelnden Polygonklumpen zusammenzieht. Das Spiel ist visuell nicht sonderlich beeindruckend und hat auch keine immersive Handlung, bei der ihr voller Spannung mitfiebern könnt. Aber nicht trotz, sondern gerade wegen dieser nüchtern betrachtet gravierenden Mängel habt ihr den absurdesten Spaß eures Lebens!

Der Goat Simulator ist sich seiner Trash-Qualitäten durchaus bewusst:

Wie sonst nur selten könnt ihr beim Trash-Genre die Liebe der Entwickler zu ihrem Produkt spüren. Dabei spielt es keine Rolle, wie gut oder schlecht, wie hübsch oder hässlich sie ihre Ideen umsetzen, sondern vielmehr, dass sie es überhaupt tun. Trash-Games sind Punk und setzen damit ein klares Statement gegen den glattgebügelten Perfektionismus der heutigen Games-Industrie. Es sind kleine, dreckige Snacks für zwischendurch, die für konzentrierten Spaß und Abwechslung sorgen. Denn wenn ihr euch Tag für Tag nichts als Fünf-Sterne-Menüs zu Gemüte führt, schmeckt euch zwischendurch der ungesunde Schokoriegel aus Kindertagen ab und zu umso besser.

Tags: Fun   Retro   Indie  

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