Treue für Singleplayer: Hat Sony sein Versprechen gehalten?

(Kolumne)

von Micky Auer (20. April 2018)

In Zeiten, in denen Offline-Einzelspieler-Erfahrungen für Firmen kaum noch Profit abwerfen, fürchten viele Spieler um ihr liebstes Hobby. Sony verspricht jedoch, daran festzuhalten. Wie ist der Status Quo?

Vom Aussterben bedroht: God of war ist ein reines Singleplayer-Spiel ohne Mikrotransaktionen.Vom Aussterben bedroht: God of war ist ein reines Singleplayer-Spiel ohne Mikrotransaktionen.

Leute, seid mir nicht böse, aber ich bin nun mal absolut kein Freund von Multiplayer-Spielen. Ja, in der fernen Vergangenheit habe ich oft mit meinen Geschwistern Mario Kart und Street Fighter 2 auf dem SNES gespielt, aber in etwa ab der PlayStation-Ära hatte ich schon oft keinen Bock mehr, mich mit Freunden hinzusetzen und gemeinsam mit- oder gegeneinander zu zocken. Ich fand, dass wir unsere gemeinsame Zeit vielleicht besser mit was anderem verbringen sollten.

Was nicht heißen soll, dass ich jemals keine Lust auf Videospiele gehabt hätte. Nur wollte ich dabei meine Ruhe haben. Mich in der Abgeschiedenheit meiner eigenen vier Wände, umgeben von sanfter Dunkelheit, gekleidet in die bequemsten Klamotten, die der Schrank hergab in fremde Welten zu begeben. Ich wollte diese Abenteuer auf eigene Faust erforschen, Gegner bezwingen und die Mysterien mystischer Kulturen aufdecken. Ein ständiges: "LINKS! LINKS! DA! DA IST WAS! GEH MAL DA RÜBER! DU MUSST DEN ANDERS ANGREIFEN!!! MACH! TU! GIB! SPRING! SCHIESS!" hätte mir den Spaß einfach zerstört.

Nur, um es klarzustellen: Ich hab nichts gegen Multiplayer-Spiele. Ich will sie bloß nicht spielen. Und ich bin mir sicher, dass ich nicht der Einzige bin, der das so sieht (Ich spiele sogar The Elder Scrolls - Online allein!) Nun, liebe Einzelspieler-Enthusiasten, unser bevorzugtes Spielrevier ist großer Gefahr ausgesetzt. Denn wie nun schon seit einiger Zeit bekannt ist, finden große Publisher, dass aufwändig produzierte Einzelspieler-Spiele nicht genug Profit generieren. So verlagert sich die Produktionspolitik auf ausufernde Multiplayer-Spiele mit zahlreichen DLCs, Erweiterungen und Mikrotransaktionen. Dass das funktioniert, zeigt die Praxis.

Doch dann kommt Sony, legt seine weiße Ritterrüstung an und verkündet im Dezember vergangenen Jahres, dass der Konzern den Singleplayer-Spielen die Treue schwört. Das ist jetzt ein Dritteljahr her. Wie steht es nun um das Versprechen? Helft uns, Sony-Wan Kenobi! Ihr seid unsere einzige Hoffnung!

"Dieser Typ will ich nicht sein"

Shawn Layden, seines Zeichens Chef von Sony Interactive Entertainment America, ist derjenige, der die hoffnungsvollen Worte für Spieler verkündet, die sich die Vorliebe für Einzelspieler-Erfahrungen mit mir teilen. Das hatte Layden in einem Panel-Interview auf der PlayStation Experience zu dem Thema zu sagen:

"Ich möchte nicht zu den Teams hingehen und ihnen sagen: 'Ich habe in einem Magazin gelesen, dass es so etwas wie Games as a Service gibt. Entwickelt so etwas!' Dieser Typ will ich nicht sein. Wir entwickeln Horizon, God of War, Detroit, Uncharted, The Last of Us. Das sind die Dinge, auf die wir uns weiterhin stützen werden."

(Beginn ab 2:25:27 - Quelle: Youtube, PlayStation)

Eines sollte euch klar sein: So ganz kann auch Sony nicht ignorieren, dass mit Multiplayer nun mal mehr Geld zu erwirtschaften ist als mit Singleplayer. Das hat viele Gründe. So zum Beispiel auch unser eigenes Kaufverhalten, das eher dazu tendiert, Multiplayer zu bevorzugen und früh zu kaufen, um den Anschluss nicht zu verpassen. Singleplayer hingegen werden oft hinten angestellt, bis sie vergünstigt zu haben sind. Dass wir an dieser Situation als Konsumenten selbst Schuld tragen, erörtert Kollegin Chiara in ihrer Kolumne.

Ohne Shawn Layden reinen Opportunismus zu unterstellen: Es könnte natürlich auch sein, dass der schon lange festgelegte Produktionsplan von Sony bequemerweise nun das reflektiert, was das gesamte Thema zugunsten des Publishers erscheinen lässt. Das beudetet: Große Produktionen wie zum Beispiel God of War sind seit fünf Jahren in der Mache. Die Diskussion rund um "Games as a Service" und ähnliche Konzepte ist aber noch nicht so lange im Fokus der Öffentlichkeit. Daher ist es durchaus möglich, dass vor langem getätigte Entscheidungen jetzt halt einfach gut zur Situation passen.

War ursprünglich eine Tech-Demo: Detroit - Become Human wird die nächste große Singleplayer-Erfahrung:

Das auszuschlachten, ist natürlich das gute Recht einer Firma und deren PR-Abteilung (sie wären schön doof, würden sie diese Gelegenheit verpassen). Jedoch solltet ihr nicht davon ausgehen, dass ein Konzern von der Größenordnung von Sony nur deswegen etwas tut, um den Spielern einen Gefallen zu tun. Es geht stehts darum, eine wirtschaftliche Entscheidung zu treffen, die Kunden hält, neue Kunden gewinnt und letzten Endes Profit generiert. Das trifft auch auf Microsoft zu. Und Nintendo. Und Ubisoft. Und Electronic Arts. Und Activision-Blizzard. Und Square Enix. Und Bandai Namco. Und ...

So schmerzlich es für eingefleischte Fans auch sein mag, doch einem Unternehmen liegen seine Kunden nun mal nur dann am Herzen, wenn sie der Firma die Treue halten und deren Produkte kaufen. Würden sich beispielsweise nicht mehr ausreichend Leute für Naruto interessieren, käme dafür kein teuer produziertes Spiel mehr auf den Markt. Ob ihr Fans seid oder nicht, ist der Marketing-Abteilung bis zu einem gewissen Grad egal. Glaubt nicht, dass es nicht so ist.

Aber es ist nun mal ein Versprechen

Geschäftstaktik hin - Public Relations her ... Shawn Layden hat ein Versprechen abgegeben. Und darauf nagle ich ihn fest! Wie steht es um die Singleplayer-Politik von Sony? War das nur heiße Luft aus einer PR-Luftpumpe? Oder steht Sony zu seinem von Layden verkündeten Wort? Werfen wir einen Blick auf die großen Projekte, die da kamen und kommen sollen.

God of War: Endlich wieder strinkt für Einzelspieler. Das war nicht immer so, wie ihr in der Entwicklung sehen könnt:

Sony will noch in diesem Jahr die Stärken der eigenen Entwickler ausspielen. Diese liegen laut Shawn Layden vor allem im Erzählen von Geschichten. Große Spiele wie The Last of Us und Uncharted 4 - A Thief's End haben das in der Vergangenheit hinlänglich bewiesen, ihre Qualität untermauert diese Aussage. Reine Singleplayer-Spiele sind das jedoch auch nicht. Aber wir sind jetzt in der Gegenwart und blicken in die Zukunft. Was sehen wir da?

Direkt heute, am 20. April 2018, erscheint God of War. Strikt für Einzelspieler gedacht, kein aufgesetzter Mehrspieler-Modus, keine Online-Features. Punkt for Sony und Layden. God of War steht schon mal synonymisch für die Einhaltung des Versprechens. Was hat sich seit der im Dezember getätigten Aussage noch getan?

Shadow of the Colossus: Hoffentlich für alle Zeiten ohne Multiplayer

Auftritt: Shadow of the Colossus im Februar 2018. Ja, es ist ein Remake. Aber eines, wie man es sich wünscht: Liebevoll und komplett neu gestaltet, ohne die Stärken des Originals zu überschreiben. Wiederum eine reine Einzelspieler-Erfahrung. Könnt ihr euch vorstellen, die Kolossi im Koop-Modus online in die Knie zu zwingen und euren Namen in einem weltweiten Leaderbord für die schnellste Zeit zu sehen? Das wäre möglich ... und hätte die einzigartige Atmosphäre des Spiels komplett vernichtet. Versprechen: gehalten.

Diesen Monat erschien Yakuza 6 - Das Lied des Lebens. Klar, da steckt Sega dahinter, jedoch hat sich Sony um einen Eklusiv-Deal für diese Einzelspieler-Produktion bemüht. Trotz oftmals herangezogenem Vergleich zu GTA 5 gibt es hier keine Online-Mehrspieler-Kapriolen. Versprechen: wiederum gehalten.

Und in knapp einem Monat soll mit Detroit - Become Human ein Spiel erscheinen, das voll und ganz auf die Intensität seiner Erzählung baut und für das keinerlei Mehrspieler-Komponenten angekündigt sind. Versprechen: höchstwahrscheinlich gehalten. Wie das mit dem kommenden Spider-Man aussieht, dass exklusiv für PS4 unter der Regie von Insomniac Games entsteht, ist zwar nicht zu 100 Prozent sicher, jedoch gab es bis zum heutigen Tag keinerlei Aussagen über einen Mehrspieler-Anteil. Wozu auch? Es ist EIN Spider-Man, nicht ein ganzer Orden von Spinnenmännern ...

Wir fassen zusammen: Alle großen Produktionen von Sony der vergangenen Monate und der näheren Zukunft sind - wie es Shawn Layden versprochen hat - Spiele, bei denen die Erzählung und die damit verbundene Immersion auf einer reinen Einzelspieler-Erfahrung aufbauen. Weitere große Kaliber wie Days Gone und Final Fantasy 7 - Remake (von Square Enix, exklusiv für PS4) dürften sich in dieses Muster nahtlos einreihen. Welche Geheimnisse im Zuge der kommenden E3 offenbart werden, ist natürlich noch ungewiss.

Selbst wenn Sony in weiterer Folge Spiele auf den Markt bringt, die starke Multiplayer-Komponenten enthalten oder sogar rein auf Multiplayer aufgebaut sind: Solange der Konzern weiterhin so hochwertige Spiele für Solo-Helden in dieser Frequenz auf den Markt bringt, ist alles gut. Ich kann nicht belegen, wie groß die Zahl der Einzelspieler tatsächlich ist, im Namen aller möchte ich aber einfach mal klar und deutlich sagen: Danke, Sony, dass ihr uns nicht vergessen habt.

Tags: Singleplayer  

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