Metacritic: Im Durchschnitt eher kein Richtmaß

(Kolumne)

von René Wiesenthal (21. April 2018)

Wir leben in einer Zeit, in der alles quantifiziert, gebündelt und zusammengefasst werden muss. Immer mehr immer schnellere Informationen erfordern schließlich immer schnellere Entscheidungen. Was ist da praktischer als Qualitätsmittelwerte? Ein Symptom dieser Entwicklung ist der Metascore für Videospiele. In eurem eigenen Interesse: Nehmt den bitte nicht zu ernst!

Metacritic ist bedeutend, so viel ist sicher. Mal abgesehen davon, dass Jobs und Bezahlungen von Entwicklern an den Nümmerchen hängen, die neben Videospielen auf der Seite prangen, dient der Metascore vielen Spielern als Orientierung. Ein Spiel suchen, Metascore checken, Kaufabsicht feststellen. Ein Score von 85? Kann man schon mal machen. Aber 75? Lieber nicht, vielleicht wenn es vergünstigt wird oder nichts anderes erscheint. Ein schneller Klick, ein kurzes Nümmerchen (Doppeldeutigkeit unbeabsichtigt) und eine Entscheidung ist gefällt.

Das ist übrigens das beste Spiel aller Zeiten nach Metacritic:

Und genau das soll auch das Ziel der Seite sein. Ihr sollt schnell und zuverlässig erfahren, ob ein Spiel es wert ist, für euer Geld erworben zu werden. Eine gute Sache. Aber diese Prämisse enthält auch schon zwei fundamentale Probleme von Metacritic: Ganz so schnell könnt ihr euch gar kein ausreichendes Bild von einem nicht selbst von euch ausprobierten Spiel machen. Und zur Zuverlässigkeit: Ist der Metascore wirklich zuverlässig? Ich möchte euch einmal an einzelnen Punkten aufzeigen, wie er zustande kommt, bevor ich diese Frage beantworte.

Was genau ist ein Metascore?

Ein Metascore ist ein Durchschnittswert, den die Betreiber der Seite Metacritic zu einzelnen Videospielen errechnen (unter anderem, natürlich auch zu Filmen, Musik und so weiter). Der ergibt sich aus Bewertungen der Testberichte von internationalen Videospieljournalisten, deren Seiten in der Rating-Liste von Metacritic aufgeführt sind. Unter anderem im offiziellen FAQ bekommt ihr Informationen zur Methode der Erstellung von Metascores. Darin ist auch zu entnehmen, dass Einzelwertungen gewichtet werden. Nicht jede Zahl fließt also gleichberechtigt in die Berechnung ein.

Sony darf sich freuen. God of War hat derzeit einen Metascore von 95.Sony darf sich freuen. God of War hat derzeit einen Metascore von 95.

Das heißt, dass Videospielportale als unterschiedlich relevant eingestuft werden und dementsprechend mit Multiplikatoren versehen sind. Wie genau diese Gewichtung stattfindet, machen die Betreiber der Seite nicht publik. Sie schreiben dazu lediglich, dass die Gewichtung sich nach der Stellung des Videospielmagazins in der Branche und der generellen Qualität der jeweiligen Seite richtet. Das ist sehr vage, sehr subjektiv und möglicherweise auch sehr schnell überholt.

Die Wichtigmacher

Die Betreiber von Metacritic entscheiden pauschal darüber, wie relevant ein Test ist, wenn er von einer bestimmten Seite stammt. So dominieren die Größen, denen eine konsistent hohe Qualität nachgesagt wird, das Meinungsbild. Positiv hervorzuheben sei hier, dass die Liste an geführten Portalen (die übrigens ebenso im FAQ einsehbar sind) mehrmals im Jahr überprüft und überarbeitet wird. Immerhin. Fraglich ist das Vorgehen allerdings dennoch. Gerade dadurch, dass Nicht-Gaming-Seiten und -magazine teilweise sehr hoch gehandelt werden – nur, weil sie eine generell gute Reputation genießen.

Ein Metascore von 68 und dennoch viele Fans: Deadly Premonition.Ein Metascore von 68 und dennoch viele Fans: Deadly Premonition.

Tests, die keine numerischen Wertungen beinhalten, fließen ebenso mit in Metascores ein und werden ins Numerische übersetzt. Ebenso werden Abstufungen, die beispielsweise in 5er-Schritten stattfinden, in die verwendete 100er-Skala umgemünzt. Es stellt sich die Frage, wie gut die in Zahlen übersetzten Wertungen das abbilden, was der Rezensent ausdrücken wollte.

Ein Auf und Ab der Bewertungen

Metascores verändern sich auch, je nachdem wie viele Partnerseiten Wertungen vergeben haben und inwieweit diese bereits eingetragen sind. Guckt ihr also direkt nach Ablauf eines Test-Embargos auf die Seite, um euch ein Bild von einem Spiel zu machen, kann euer Eindruck – so wie eben der Metascore – ein ganz anderer sein, als schon am nächsten Morgen. Die Schwankungen sind enorm, ein Urteil habt ihr möglicherweise aber schon vorzeitig gefällt und euch damit vielleicht auch für oder gegen den Kauf eines Spiels entschieden. Gerade kleinen Entwicklern kann das schaden, da deren Absätze ohnehin geringer sind und möglicherweise die eigene Existenz am Erfolg eines einzigen Spiels hängt.

Auch Mafia 3 hat einen Score von 68, trotz einzelner Top-Wertungen.Auch Mafia 3 hat einen Score von 68, trotz einzelner Top-Wertungen.

Ihr seht also: Schon, wenn ihr Metascores ernst nehmt und als Richtmaß nutzt, um eine Kaufentscheidung zu treffen, ist die Zahl aus verschiedenen Gründen problematisch und mit Vorsicht zu genießen. Aber warum sollte der Metascore überhaupt das einzige Kriterium sein, das ihr für eine solche heranzieht? Wäre es nicht sinnvoller, sich mit einzelnen Tests zu beschäftigen und zu ergründen, was über die Spiele gesagt wird als sich auf einen Mittelwert aus Testberichten zu verlassen? Wenn überhaupt, kann der Metascore als grobes Maß herhalten, das Meinungsklima zu einem Videospiel in Erfahrung zu bringen. Mehr aber auch nicht.

Dann doch lieber Pro und Kontra abwägen

Was könnt ihr stattdessen tun? Nun, im besten Fall beschäftigt ihr euch ausgiebig mit einem Spiel, holt euch verschiedene Meinungen von Magazinen ein, denen ihr vertraut und macht euch so ein Bild davon, ob es euren Präferenzen entspricht.

Dafür muss es nicht immer die 90er-, vielleicht noch nicht einmal die 80er-Wertung sein. Was, wenn ein Spiel mit einem Metascore von 70 genau euren Geschmack trifft? Dann wäre es schade für euch und die Entwickler, wenn ihr es nur wegen dieser Durchschnittszahl ignorieren würdet. Vor allem polarisierende Spiele werden grundsätzlich nicht angemessen über Mittelwerte abgebildet.

Klar, bei der Masse an Spielen und Meinungen wird es sehr schnell unübersichtlich. Glücklicherweise habt ihr ja aber uns. Wir sind sehr zu empfehlen, wenn es um Testberichte geht, zwinker, zwinker.

Was haltet ihr von Metascores? Schaut ihr bei Metacritic rein, bevor ihr euch für einen Kauf entscheidet oder seid ihr ganz altmodisch und lest euch ausgiebig unsere Tests durch? Macht ihr die Qualität eines Spiels an seinem Metascore fest? Lasst uns Kommentare da und erzählt uns, was ihr von dem Thema haltet!

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