Dieser eine Moment: Ehrfurcht und Gänsehaut in God of War

(Kolumne)

von Micky Auer (24. April 2018)

Das neue God of War ist da und begeistert in vielerlei Hinsicht. Ich habe das Abenteuer schon einige Zeit vor der Veröffentlichung gespielt, da ich am Test dazu gearbeitet habe. Dabei bin ich gleich zu Beginn auf drei Momente gestoßen, die mir Ehrfurcht eingeflößt haben.

Oft ist es nicht bloß die tolle Grafik, die spannende Geschichte oder der sympathische Hauptcharakter, der Spielern noch Jahre nach dem Genuss eines Abenteuers im Gedächtnis bleibt. Solche Erinnerungen drehen sich häufig um einen kurzen Moment. Einen besonderen Moment. >>Diesen einen Moment!<< Dem widmen wir diese Artikel-Serie und beschreiben aus unserer persönlichen Sicht, was diesen Moment so besonders und unvergesslich macht.

Hier findet ihr alle bisher in der Reihe erschienenen Artikel.

Vorab eine winzige Spoiler-Warnung, die sich auf den letzten Absatz (auf der folgenden Seite) bezieht: Ich beschreibe dort eine Szene, die ihr zwar schon recht früh im Spiel zu sehen bekommt, die aber einen wichtigen Punkt darstellt. Ich werde natürlich dennoch bedachtsam vorgehen und das Drumherum weglassen. Über die anderen hier beschriebenen Punkte stolpert ihr noch wesentlich früher und sie stellen keine Spoiler dar.

Ihr wollt alles wissen? Na, dann mal los!

God of War, das vor wenigen Tagen exklusiv für die PlayStation 4 erschienen ist, stellt einen "Soft Reboot" der Serie dar. Das bedeutet, es geht mit Kratos immer noch um die gleiche Hauptfigur, die immer noch im selben Spieleuniversum agiert. Anders ist jedoch der geographische Schauplatz, der Wechsel von der griechischen zur nordischen Mythologie, die Kampfmechanik und die Einführung neuer, wichtiger Figuren.

Während die Charakterisierung des "neuen" Kratos viel Lob erfahren hat, ebenso wie auch die Art und Weise der Erzählung und der Aufbau der Geschichte, so viel Kritik gab es für die neue Kampfmechanik. Die führte wiederum dazu, dass viele Spieler sich Sorgen gemacht haben, ob der neuen Serienteil denn überhaupt noch ein "echtes" God of War sei. Mehr Infos darüber erfahrt ihr hier:

Natürlich ist es nach wie vor Geschmackssache, ob ein Spiel bei euch ankommt oder nicht. In meinem Fall gibt es gleich drei Begebenheiten, die mich von der neuen Richtung überzeugenb, die die Entwickler eingeschlagen haben. Für diese Extraportion Gänsehaut und Ehrfurcht musste ich nicht mal besonders weit ins Spiel vordringen.

Nummer 1: Kratos und der Baum

In einer Spielereihe, in der es vordergründig darum geht, die Götterwelt auszuradieren, einen persönlichen Rachefeldzug durchzuziehen und auf dem Weg bis zum Abspann jeden Gegner fachkundig auszuweiden, mutet der Beginn des neuen God of War äußerst ungewohnt an: Kratos legt seine Hand auf einen Baum, auf dessen Rinde ein leuchtender Handabdruck zu erkennen ist.

Stille, Trauer und Erinnerungen an die Vergangenheit: In God of War gibt es ungewohnt sanfte Momente.Stille, Trauer und Erinnerungen an die Vergangenheit: In God of War gibt es ungewohnt sanfte Momente.

Was ist hier geschehen? Hat der Gott des Krieges vergessen, was eigentlich sein Handwerk ist und ist stattdessen zum Baum-Umarmer geworden? Zum Blumenkind gar? Lässt sich die alte Glatze jetzt vielleicht sogar noch die Haare wachsen? Dieser Hippie! Nichts dergleichen. Kratos nimmt Abschied.

Nur wenige Schritte später wird euch offenbart, dass die neue Frau von Kratos verstorben ist. Der Baum, auf dem er zu Beginn seine Hand ruhen lässt, soll Teil ihres Scheiterhaufens werden. Sie selbst war es, die sich das Holz dafür zu Lebzeiten ausgesucht hat, daher auch ihr leuchtender Handabdruck.

Dieser eine Moment ist so unsagbar still. Kein donnerndes Musik-Inferno, keine perfekt inszenierte Action und kein vor Pathos triefender Monolog, vorgetragen mit grollender Donnerstimme, zerstört die Szene. Kollege Matthias wünscht sich schon lange so einen Moment in einem Spiel, ich durfte ihn erleben und gebe ihm Recht: Um eine so schwierige und tiefgreifende Emotion wie Trauer zu vermitteln, ist weniger stets mehr.

Solche Momente gab es bisher noch nicht, wie ihr im Video über die Entwicklung der Reihe sehen könnt:

Der Umstand, dass jemand wie Kratos der Träger dieses Moments ist, verstärkt die Wirkung der Szene nur noch weiter. Kratos ist dafür bekannt, erst wie wild rumzubrüllen, dann alles zu Haschee zu verarbeiten und dann weiterzubrüllen. Speziell dann, wenn er über etwas traurig ist. Das schlägt bei dem handgreiflichen Spartaner nämlich ansonsten sofort in Aggression und Zorn um. Hier steht er aber, schließt die Augen, hat den Blick nach innen gekehrt. Beinahe so etwas wie Demut vor dem Leben und dem Tod ausstrahlend, versinkt er in Gedanken an einen geliebten Menschen.

Besonders schön: Die Szene kann theoretisch an dieser Stelle verweilen, bis Ragnarök über die Menschheit hereinbricht. Denn erst wenn ihr der Aufforderung nachkommt den Angriffsknopf zu drücken, fängt Kratos an, den Baum zu fällen. Ihr selbst bestimmt also, wie lange und intensiv der Moment dauert. Ihr selbst seid Herr darüber, wie viel oder wie wenig ihr von dieser Emotion, die hier wortlos vermittelt wird, in euch aufnehmt und mitnehmt. Dieser eine Moment hat mir gezeigt, dass God of War auf einer neuen Ebene angekommen ist.

Nummer 2: Schon wieder Kratos und der Baum

Jetzt hat die oben beschriebene Szene dem mächtigen Kratos unerwartet viel Menschlichkeit verliehen, da habe ich kurzfristig vergessen, dass der "Geist von Sparta" in den Rang derer aufgestiegen ist, die er auf seinem Rachefeldzug so vehement verfolgt und ermordet hat. Kratos ist ein Gott. Das war er schon bevor er in den hohen Norden aufgebrochen ist, das ist er immer noch. Auch wenn er in Abgeschiedenheit lebt und sich nicht mehr um die eitlen Belange und Intrigen der Götterwelt(en) schert.

Trotz göttlicher Kräfte legen die Entwickler großen Wert darauf, den menschlichen Teil von Kratos darzustellen:

Selbst als Kratos den zuvor genannten Baum mit nur wenigen Schlägen seiner Axt fällt (einen gesunden, dicken Baum mit vier oder fünf Hieben zu fällen schafft kein normaler Mensch) und dabei die göttliche Kraft, über die er verfügt, für einen kurzen Moment aufblitzt, bleibt er in der Vorstellung des Betrachters zunächst immer noch ein Mensch. Ein überaus starker, jedoch nach wie vor ein Mensch.

Dann geschieht etwas, das in seiner Nebensächlichkeit mit einer so derartigen Leichtigkeit ausgeübt wird, dass man im ersten Moment gar nicht so recht schaltet, was da eben geschehen ist: Kratos wuchtet sich ohne jegliche Mühe den eben gefällten Baum auf die Schulter und trägt ihn zum Fluss, wo sein Sohn Atreus auf ihn wartet. Der Junge weiß zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, dass sein Vater ein Gott ist. Für ihn "war er immer schon sehr stark", wie er später einer anderen Person gegenüber erwähnt. So nimmt er auch keinerlei Notiz davon, dass da gerade jemand mit einem Baum auf der Schulter den Weg entlang kommt. Ein Baum. Ein verdammter Baum! Auf der Schulter!

Einen riesigen Troll in Grund und Boden zu stampfen, wilde Hexen zu vernichten und alle möglichen Ausgeburten verschiedener Höllen mit bloßen Händen zu zerreißen - ja, das sind so Dinge, die man von Kratos kennt, die man sich von ihm erwartet und die er auch fleißig ausübt. Doch ausgerechnet etwas so Unspektakuläres wie der Transport eines Baumes auf der Schulter verdeutlicht auf eindringliche Weise, mit wem ihr es hier zu tun habt. Plötzlich fühlt sich jetzt schon jeder Streich mit der Axt, den ihr im Verlauf des Spiels ausüben werdet, hundert Mal mächtiger an.

Uuuuuuund hopp! So ein Baum ist schnell transportiert. Wann man ein Gott ist ...Uuuuuuund hopp! So ein Baum ist schnell transportiert. Wann man ein Gott ist ...

Dieser eine Moment hat eine unmögliche Tat als etwas Alltägliches inszeniert, so dass ich bloß nicht mehr vergesse, welche göttliche Macht ich hier dank meines Controllers in den Händen halte. Ich weiß natürlich nicht, ob die Designer des Spiels genau das bewirken wollten, was sie in mir mit diesem Moment hervorgerufen haben, Fehler war es jedoch keiner. Im Gegenteil! Es hat sehr zur Intensität des Erlebten beigetragen.

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