Test Frostpunk: Eine wirklich eiskalte Aufbausimulation

von René Wiesenthal (26. April 2018)

Eine Eiswüste in der Arktis, eine Gruppe Überlebender und eine große Hoffnung: Die Hoffnung für die letzte Zuflucht der Menschheit. In Frostpunk habt ihr die Verantwortung, diese Hoffnung Wirklichkeit werden zu lassen und dabei alle Freiheiten, die sie mit sich bringt – auch die Freiheit, ein Tyrann zu sein.

In Frostpunk hängt nicht weniger als das Überleben der Menschheit von euch ab. In einem fiktiven 19. Jahrhundert wurde sie durch den Klimawandel dahingerafft, und so macht ihr euch zusammen mit einer Gruppe von Überlebenden auf den Weg nach Norden, um dort in einem Krater die letzte Stadt der Erde zu erbauen. Warum gerade dort? Ihr folgt Gerüchten über eine schier unerschöpfliche Wärmequelle, die euch fortan als Energielieferant dienen soll.

Frostpunk: Der offizielle Launch-Trailer

Diese findet ihr nach einer beschwerlichen und verlustreichen Reise tatsächlich und lasst euch dort nieder. Ihr errichtet nun eine Siedlung die kreisförmig, Schicht für Schicht um die Quelle herum wächst. Das geschieht teils durch bekannte Aufbau-Sim-Elemente, ist aber soweit angereichert mit Survival-Mechaniken und anderen spannenden Ideen, dass ihr keinen Simulationsstandard erwarten solltet.

Ab in den Krater

Euer Weg ins Eis beginnt mit einer bedrückenden und stimmungsvollen Sequenz, die den Ton für das Spiel gut festlegt. In Frostpunk ist Hoffnung ein rares und zerbrechliches Gut, das wird von Beginn an klar. Die Kulisse – sowohl optisch als auch in Form des Klangbilds – untermalt diesen Umstand perfekt. Die viktorianischen Gebäude und dampfbetriebenen Maschinen sind in kargen Farben gehalten. Schlicht ist die Grafik aber dennoch nicht, alles ist liebevoll und detailreich gestaltet. Die beißende Kälte wird dank realitätsnaher Wetter- und Umgebungsanimationen jederzeit spürbar. Frostpunk macht schon an der Oberfläche eine gute Figur, fordert eure Hardware aber dementsprechend auch auf höheren Grafikeinstellungen.

Der Mikrokosmos im Krater bietet reichlich Schauwerte.Der Mikrokosmos im Krater bietet reichlich Schauwerte.

Taucht ihr in die Tiefe ein, die das Spiel bietet, merkt ihr, dass die verschiedenen Mechaniken diesem positiven Eindruck gerecht werden können. Auch, wenn nicht alles von Beginn an vollkommen eingängig ist und Zusammenhänge sich erst nach und nach erschließen, erlernt ihr mit der Zeit die einzelnen Abläufe und erlebt eine Aufbausimulation, die weit über das einfache Aufbauen hinausgeht. Zwar beginnt ihr klassisch damit, erste Gebäude zu errichten - beispielsweise Behausungen - und euren Bürgern Aufgaben wie das Sammeln von Ressourcen zuzuweisen. Aber schon hier zeigen sich Besonderheiten.

Alle Hände voll zu tun

Ihr müsst etwa darauf achten, wie viele Bürger ihr welche Arbeiten erledigen lasst. Die Anzahl ist begrenzt, sie arbeiten nur bei Tageslicht, und wenn ihr nicht aufpasst, sterben sie in den widrigen Bedingungen außerhalb des Wärmekreises. Ihr könnt sie ab einem frühen Punkt im Spiel zum Beispiel aus dem Krater schicken, um Erkundungen durchzuführen – hier lauern nicht nur positive Überraschungen, sondern auch Gefahren. Mit dem Erkunden wird allerdings die Rahmenhandlung vorangetrieben und neue Bewohner können gefunden werden. Somit stellt dieser Teil des Spiels einen wichtigen Aufgabenbereich dar, den ihr im Blick haben solltet - wenn er auch nicht ganz so umfangreich ist, wie andere Elemente.

Immer wieder konfrontieren euch Bürger mit Problemen. Wie entscheidet ihr euch?Immer wieder konfrontieren euch Bürger mit Problemen. Wie entscheidet ihr euch?

Um eure Baumöglichkeiten voranzubringen, bewegt ihr euch auf vielen Stufen eines Technikbaums nach vorn. In diesem verbessert und spezialisiert ihr eure Technologie, wodurch neue Gebäude verfügbar werden. Plant ihr dabei nicht geschickt und passt nicht auf die Bedürfnisse eurer Bürger auf, gehen sie auf die Barrikaden und ziehen euch zur Rechenschaft, was ein Ende der Kampagne bedeutet. Denn Hoffnung und Zufriedenheit der Leute sind Parameter, die durch eure Handlungen beeinflusst und euch am unteren Bildschirmrand angezeigt werden. Ein Herrscher hat eben alle Hände voll zu tun.

Damit eure Gesellschaft überhaupt funktionieren kann, enthält das Spiel noch eine wichtige, eine politische Komponente: Über ein Gesetzessystem legt ihr fest, wie das tägliche Leben in eurer Stadt sich gestalten soll.

Dabei trefft ihr teils schwere und schwerwiegende Entscheidungen: Lasst ihr zu, dass Kinderarbeit legal ist, um die Produktivität zu steigern? Dann müsst ihr damit rechnen, dass es später zu Unfällen kommen kann, die euch persönlich zugetragen werden. Streckt ihr eure Nahrungsvorräte, indem ihr nahezu ungenießbare Suppe herstellt? Dann wird die Unzufriedenheit der Leute auf lange Sicht sinken. Werdet ihr zum gutmütigen Herrscher oder lasst ihr unsittliches Verhalten öffentlich bestrafen? Wie ihr euch auch entscheidet, es kann alles zum Ziel führen, egal wie kaltherzig ihr seid und wie viele Menschen ihr am Ende lebendig durchbringt. Die Konsequenzen kriegt ihr aber früher oder später zu spüren und Gesetzesbeschlüsse rückgängig machen könnt ihr nicht.

Meinung von René Wiesenthal

Mit Frostpunk haben die "This War of Mine"-Macher von 11-bit kein Aufbauspiel geschaffen, in dem ihr euch lange mit zu kleinteiligen Aufgaben wie dem Zuweisen einzelner Einheiten zu einer Tätigkeit oder ständigem Bauen geradezu endlos riesiger Imperien aufhalten sollt. Stattdessen errichtet ihr mittels einer Mixtur verschiedener, gut dosierter Spielmechaniken eine kleine, dynamische Gesellschaft am Rande der menschlichen Existenz.

Dabei seid ihr gezwungen, teils schwere Entscheidungen zu treffen, die euch moralische Konflikte bescheren und deren Auswirkungen ihr früher oder später zu spüren bekommt. In Verbindung mit der tollen, stimmigen Optik und der bedrückenden Atmosphäre ein wirklich einzigartiges Spielerlebnis.

Gestaltet die letzte Stadt der Erde nach euren moralischen Vorstellungen, stellt euch aber darauf ein, dass euer Handeln dabei vor allem im ersten Durchlauf mitunter verheerende Konsequenzen haben wird. Wer Lust auf ein Survival-Aufbauspiel der etwas schrofferen Art hat, das einen immer wieder vor unangenehme Tatsachen stellt, dem sei Frostpunk wärmstens (oder kältestens?) ans Herz gelegt. Wer umfangreiche, ausufernde Bau- und Erweiterungsmöglichkeiten und Außeinandersetzungen mit anderen Nationen möchte, ist hier an der falschen Stelle.

85 Spieletipps-Award

meint: Aufbauspiel trifft Survival: Eine Mixtur gut dosierter Spielmechaniken im düsteren Endzeitszenario.

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Tags: Science-Fiction   Steam   Singleplayer  

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