Vorschau Shadow of the Tomb Raider: Die langen Schatten der Lara Croft

von René Wiesenthal (27. April 2018)

Ein weiteres Mal geht für Lara Croft eine Ära zu Ende. Mit Shadow of the Tomb Raider steht das Finale der aktuellen Reihe an, die zeigt, wie aus einer jungen, unsicheren Archäologin die große Grabräuberin wurde, die seit Jahrzehnten die Videospielwelt unsicher macht. Wir waren in London unter den weltweit Ersten, die das Finale des Reboots anspielen durften. Und haben nun etwas Angst um Frau Croft.

So lange wie Lara Croft nun schon in den virtuellen Schatzkammern dieser Welt umhergeistert, müsste sie eigentlich alt und runzlig sein. Unter der Schirmherrschaft von Square Enix unterzog Crystal Dynamics sie im Jahr 2013 aber einer Verjüngungskur. Die aktuelle "Tomb Raider"-Reihe ist ein Quasi-Reboot und zeitgleich die Vorgeschichte dessen, was Tomb Raider in früheren Serienspielen zum Kult wachsen ließ. Mit Shadow of the Tomb Raider soll das letzte Kapitel erzählt werden, das den Kreis in Laras Entwicklung von der schüchternen, jungen Archäologin hin zur unerschrockenen Grabräuberin schließt. Und das kommt neben viel Gewohntem auch mit ein paar Überraschungen daher.

Zur Einordnung unserer Spieleindrücke: Square Enix ließ uns nach einigen einführenden Worten beim Enthüllungs-Event einen taufrischen Trailer begutachten. Anschließend durften wir auf der Xbox One X etwa 45 Minuten einer Demo spielen, die laut Herstelleraussagen sehr weit zu Anfang des Spiels angesiedelt ist und die Essenz dessen enthält, was es ausmacht. Schenken wir dem Glauben, können wir eine ganz grundlegende Feststellung machen: Wer Tomb Raider und Rise of the Tomb Raider bereits gespielt hat, wird sehr schnell zuhause sein - eine wirklich große Veränderung hat nicht stattgefunden.

Gewohnt hoher Standard

Das zeigt sich zumindest im Rahmen der Demo-Sequenzen schon bei der Technik. Shadow of the Tomb Raider sieht fantastisch aus, setzt aber keine wirklich neuen Akzente. Hier wird aber auf hohem Niveau gemotzt: Das Spiel trumpft mit tollen, dynamischen Umgebungseffekten, hochdetaillierten Charaktertexturen, stimmungsvollem Lichteinsatz und glaubwürdigen Gesichtsanimationen auf – wir befinden uns hier ganz klar am oberen Ende aktueller Grafikstandards. In den Zwischensequenzen kam die Bildrate nicht immer ganz hinterher und Laras Haare wirken bei all der Grafikpracht immer noch seltsam deplatziert in ihrer Unnatürlichkeit. Grund zum Schmollen ist das aber alles nicht.

Vor allem die vielen kleinen Details in der ersten Sequenz – wir befanden uns in einem kleinen mexikanischen Städtchen während des Totenfestes – haben uns zum Staunen gebracht: Der bröckelnde Hausputz in schal beleuchteten Nebengassen hat die Spielwelt ebenso authentisch werden lassen wie eine Schaar von Fliegen, die über einen im Lichtkegel der Laterne glänzenden Müllsack schwirrten. Wer sich Zeit für die Zierde zwischen den Menschenansammlungen nimmt, durch die ihr euch in dieser Sequenz schiebt, kriegt sehr viel fürs Auge geboten.

Dia de los Muertos: Beim "Tag der Toten" gibt es viele liebevolle Details zu Bestaunen.Dia de los Muertos: Beim "Tag der Toten" gibt es viele liebevolle Details zu Bestaunen.

In dieser Passage wurde unser Spiel oft von Skripten unterbrochen, wobei die Inszenierung wieder einmal stark ausgefallen ist. Zu viel betreutes Spielen soll es im weiteren Verlauf dann aber bitte nicht sein. Die englischen Sprecher machen allesamt einen tollen Job, auch der Sound fällt äußerst kräftig aus. Die musikalische Untermalung blieb dagegen leider gewohnt pompöses und vergessliches Einerlei – hier schreit einmal ein Bläser in der Schrecksekunde auf, dort begleitet ein bisschen Getöse eine Action-Sequenz – alles nicht sonderlich überraschend.

Junger Fuchs, alte Tricks

In die Spielmechaniken finden sich Kenner der Vorgänger schnell hinein. Wie von Lara gewohnt, hüpft ihr auf Plattformen umher, klettert an Vorsprüngen und rauen Wänden entlang. Mit den Äxten krallt ihr euch im Flug am Fels fest, mit den Seilpfeilen eures Bogens spannt ihr Verbindungen zwischen Klüften, die euch das Überwinden dieser ermöglichen. Eure Kletterfähigkeiten werden um die Möglichkeit ergänzt, euch elegant von Felswänden abseilen zu können.

Das Abseilen stellt eines der neuen Spiel-Features dar und sieht äußerst lässig aus.Das Abseilen stellt eines der neuen Spiel-Features dar und sieht äußerst lässig aus.

Flucht- und Rutschsequenzen sind ebenfalls wieder mit von der Partie. Tauchpassagen werden zudem wohl sehr viel mehr Raum bekommen als bisher. Das soll euch erstmal nicht abschrecken: Die Schwimmmechanik wurde deutlich verbessert und ging beim Anspielen gut von der Hand. Die Unterwasserhöhlen waren schon in der Demo um einiges länger als in den Vorgängerspielen, und zwingen euch, zwischendurch zum Luftholen in Wölbungen zu verweilen, damit ihr unterwegs nicht ertrinkt.

Solltet ihr mal die Orientierung verlieren, zeigt euch ein Druck auf den rechten Bumper das nächste Ziel an – und nebenbei auch interessante Gegenstände wie Heilkräuter oder Ressourcen. Ob es Veränderungen beim Crafting- oder dem Fertigkeitensystem geben wird, können wir noch nicht sagen. Erfahrungspunkte ernteten wir aber bereits fleißig für kleinere und größere Erfolge. Statt der Sprachkenntnisse verbesserten wir durch das Studium alter Artefakte diesmal unser Wissen über die Maya-Kultur, die eine zentrale Rolle in der Geschichte einnehmen wird. Von Quick-Time-Events blieben wir übrigens erfreulicherweise weitgehend verschont. Toi toi toi, dass das so bleibt.

Keine Zeit zum Ausdiskutieren

Feinde mussten wir natürlich auch aus dem Weg räumen. Die nehmt ihr nach wie vor entweder im Schleichmodus aus dem Spiel oder frontal in bester Deckungs-Shooter-Manier, wobei bestimmte Sequenzen Letzteres natürlich forcieren. An manchen Stellen hatten wir aber die Wahl. Beides funktionierte einwandfrei und ohne merkliche Neuheiten. Die Gegner verhielten sich nicht sonderlich schlau, waren aber äußert schießwütig. So bissen wir das eine oder andere Mal ins Gras, wenn wir uns in Schussgefechten zu leichtfertig dem Feuer aussetzten.

Anfängerfehler: Lara kommt mit dem Messer zur Schießerei. Ob das gutgeht?Anfängerfehler: Lara kommt mit dem Messer zur Schießerei. Ob das gutgeht?

Sind die Gegner einmal gefallen, lassen sie sich noch immer um ihre Munition erleichtern. Das Waffenarsenal beim Anspielen bestand aus Bogen, Pistole, Sturmgewehr und Schrotflinte. Möglicherweise waren wir aber nur zu Demonstrationszwecken bereits so früh im Spiel derart stark bewaffnet. Es wird sich zeigen, ob die Balance zwischen den Spielelementen diesmal eher zugunsten der Kämpfe oder – wie in Rise of the Tomb Raider – mehr in Richtung Erkundung ausfällt.

Neu ist im Feindkontakt, dass ihr euch von nun an gegen stark mit Kletterpflanzen bewachsene Wände pressen könnt, um euch zu verstecken und aus dem Hinterhalt zuzuschlagen. Der Aspekt, mit der Natur zu verschmelzen soll im weiteren Spiel ohnehin noch eine große Rolle einnehmen. Die Areale in der Anspiel-Session waren allesamt sehr linear, jedoch sei das Spiel laut Entwicklern zu einem großen Teil in einem Dschungelszenario angesiedelt, das aller Voraussicht nach – wie bereits im Vorgänger – weitläufigere Bereiche enthält.

Laut Entwicklern sollt ihr im Dschungel eins mit der Natur werden.Laut Entwicklern sollt ihr im Dschungel eins mit der Natur werden.

Dass Lara im Dschungel mit der Natur verschmilzt, um Feinde mit List zu überwältigen, weckt wohlige Erinnerungen an Metal Gear Solid 3 – Snake Eater. Es bleibt abzuwarten, ob das Spielgefühl ein ähnliches sein wird und wie umfangreich die Möglichkeiten im finalen Spiel tatsächlich sind - die Idee klingt aber erfrischend. Außerdem soll es auch weiterhin NPCs geben, mit denen ihr interagieren könnt. Es ist anzunehmen, dass diese euch wieder mit Nebenquests versorgen werden.

Ein bisschen Grips muss sein

Kleinere Rätselpassagen durften wir beim Anspielen auch schon meistern. Wir nutzten beispielsweise unsere Pfeilseile, um einen Transportwagen eine Rampe hinaufzuziehen. So wie wir die Verbindung kappten stieß der beschleunigte Wagen eine Glocke über die Klippe, die wiederum durch den Zug am Seil eine andere Glocke nach oben beförderte. Über diese ließ sich dann endlich eine höhergelegene Leiter erreichen. Eine simple Knobelaufgabe, die aber verlangt, dass ihr Laras Fähigkeiten kennt und kombinieren könnt.

In dieser Ruine kam erstmals richtiges "Tomb Raider"-Feeling auf. Inklusive kleiner Rätsel.In dieser Ruine kam erstmals richtiges "Tomb Raider"-Feeling auf. Inklusive kleiner Rätsel.

In wie vielen versteckten Grabkammern ihr diesmal eure Fähigkeiten unter Beweis stellen könnt, ist noch offen. Dass sie enthalten sein werden, wurde aber versprochen. Ebenso, dass es bereits Teil der Herausforderung sein soll, deren Eingänge zu finden. Die Entwickler sprachen davon, dass die Gruften diesmal äußert furchteinflößend ausfallen - nicht nur optisch, sondern auch wegen tödlicher Fallen, die die dort verborgenen Schätze beschützen. Dass Lara in solchen auch diesmal wieder auf bestialische Art ihr Leben lassen kann, sahen wir bereits, als wir auf der Suche nach dem B-Knopf des Xbox-Controllers von einer Stachelfalle erfasst wurden. Das tat schon beim Zusehen weh. Doch auch Frau Croft ist so wenig zimperlich wie eh und je. Ohne einen Wimpernschlag rammt sie ihre Kletteräxte in die Körper ihrer Widersache und zerfleddert alles, was sich mal Organ schimpfte.

Lara in der Anakin-Transformation?

Die wirklich großen Neuerungen von Rise of the Tomb Raider verspricht die Geschichte. Die ist im Reboot bisher nicht sonderlich tiefsinnig gewesen, was sie wohl auch nicht mehr werden wird. Die Zeichnung der Figuren verdient keinen Oscar. Dass die weitere Entwicklung von Lara glaubwürdig dargestellt ist, erwarten wir nach den Eindrücken der ersten zwei Spiele und der Demo nicht so recht. Aber zumindest haben sich die Entwickler hinsichtlich der Geschichte ein paar fette Überraschungen für den Schluss aufgehoben. Zwar ist Lara – wie es sich nach Rise of the Tomb Raider bereits andeutete – noch immer hinter der Organisation Trinity her, die mit dem Tod ihres Vaters in Verbindung steht. Jedoch verkörpert diese in den gesehenen Szenen nicht mehr das ultimative Böse.

Im Gegenteil, das Narrativ der Rahmenhandlung verschiebt sich deutlich. Die Entwickler sprachen im Vorfeld davon, dass Lara im Finale der Trilogie für die Konsequenzen ihrer Handlungen geradestehen muss. Was das bedeuten könnte, ahnen wir nach dem Spielen der Demo: Da scheint sie mit ihrem selbstsüchtigen Verhalten nicht weniger als die Apokalypse heraufzubeschwören, während Trinity sich als die letzte Hoffnung der Menschheit profiliert. Was ist denn da los?

"Uppsi, war ich das?" - Scheinbar löst Lara aus Versehen die Apokalypse aus."Uppsi, war ich das?" - Scheinbar löst Lara aus Versehen die Apokalypse aus.

Irgendwie zeigt sich hier ein Muster. Bereits in Tomb Raider von 2013 wurde eine Reihe von Ereignissen in Gang gesetzt, die vielen Menschen Unheil brachte, weil Lara egoistische Motive über das Gemeinwohl stellte. Am Ende ging sie als schimmernde Heldin aus dem Abenteuer hervor. Es bleibt spannend zu sehen, wie ihr Verhalten im weiteren Verlauf der Geschichte von Shadow oft he Tomb Raider reflektiert wird, vor allem von Lara selbst.

Der Trailer deutet zumindest an, dass sie an einem bestimmten Punkt in einen inneren Konflikt über ihr eigenes Handeln gerät. Und auch Busenfreund Jonah bricht zum Ende der Demo einen Streit mit Lara vom Zaun, weil er ihr Verhalten befremdlich findet. Sie hört nicht auf seine Warnungen und entwendet einen sakralen Dolch aus einer Grabungsstätte von Trinity. Über Details lässt sich nur spekulieren, aber jenes Artefakt, das zum Auslöser des Untergangsszenarios zu führen scheint, wird wohl eine wichtige Rolle bei Laras angedeutetem Wandel spielen.

Am Ende des Trailers wankt sie erschrocken über sich selbst aus dem Inneren der Spitze eines Maya-Tempels. Dunkle Seite der Macht oder doch nur eine kleine, erzählerische Spielerei? Wir werden sehen, wenn das Spiel wie angekündigt am 14. September diesen Jahres für Xbox One, PlayStation 4 und PC erscheint.

Meinung von René Wiesenthal

Shadow of the Tomb Raider scheint eine konsequente Fortsetzung der etablierten und bewährten Elemente der beiden Vorgängerepisoden zu sein. Es sieht unglaublich gut aus, spielt sich reibungslos und bietet neben spielerischer Abwechslung wieder eine tolle Inszenierung inklusive der gewohnten Bombast-Action. Wer die Reboot-Reihe bisher mochte, hat Grund zur Vorfreude.

Schade ist es trotzdem, dass sich insgesamt so wenig getan hat. Da wir laut Hersteller die Essenz der Spielmechaniken gesehen haben, erwarten wir keine großen Sprünge mehr im finalen Spiel. Das bedeutet aber auch, dass alles was bisher gut funktionierte beibehalten und um Feinheiten ergänzt wurde. Eine solide Ausgangsposition.

Gespannt warten wir ab, was das angekündigte Dschungelszenario zu bieten haben wird und was genau damit gemeint ist, uns die Natur zu Nutze zu machen, um gegen Feinde anzugehen. Hier sehen wir viel Spielspaßpotenzial. Außerdem wird es interessant zu sehen, wo uns die Entwickler mit der angedeutet düstereren Geschichte noch hinführen werden.

So oder so weckt Shadow of the Tomb Raider den Eindruck eines unterhaltsamen und runden Abschlusses der Origin-Trilogie von Lara Croft, bei der Fans genau das bekommen, was ihnen zuvor schon viel Spaß bereitet hat.

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Tags: Singleplayer  

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