Alles nur geklaut? Wie Uncharted und Tomb Raider voneinander abgeguckt haben

(Special)

von René Wiesenthal (02. Mai 2018)

Die "Tomb Raider"-Reihe hinterließ in der Videospielwelt bereits riesige Spuren. Spuren, die gewittert wurden. Mit Uncharted machte sich Entwickler Naughty Dog das Werk von Lara Croft zu eigen und schuf daraus eine der beliebtesten "Action Adventure"-Serien der jüngeren Videospielgeschichte. Und plötzlich schielt eine um ihre Schätze erleichterte Frau Croft zum Nachwuchs rüber.

Uncharted und Tomb Raider - zwei unterschiedliche Spielereihen, die sich niemals so ganz losgelöst voneinander betrachten lassen. Erstere hat mit Uncharted – The Lost Legacy im letzten Jahr ihre Ruhe gefunden. Tomb Raider, seit 2013 in einer weiteren Neuauflage unterwegs, kommt in diesem Jahr zu einem (weiteren) spektakulären Ende. Sind Nathan Drakes Abenteuern noch deutlich die Gene von Tomb Raider anzumerken, hat sich die aktuelle Origin-Trilogie um Lara Croft heftig von Uncharted inspirieren lassen. Wir gehen heute einmal den Fragen nach: Wurde hier einfach voneinander geklaut? Und wenn ja, wer hat was von wem gemopst?

Zur Erinnerung - so nahm Uncharted seinen Anfang:

Nathan Drake: Die moderne Lara Croft

Im Jahr 2007, ein Jahr nachdem mit Tomb Raider - Legend der siebte und bis dahin aktuellste Teil der "Tomb Raider"-Spiele erschien - betrat ein neuer Player die "Action Adventure"-Bühne: Nathan Drake. In Uncharted – Drakes Schicksal lernten wir den Schatzsucher kennen, der sich in seinem sehr actionorientierten Debut auf die Suche nach dem legendären El Dorado machte. Die offensichtlichen Gemeinsamkeiten zum Vorbild Tomb Raider brachten dem Spiel in manchen Medien den neckischen Kosenamen "Dude Raider" ein – eine Anspielung darauf, dass es sich um ein Quasi-"Tomb Raider" mit männlicher Hauptbesetzung handelt.

Nur ein "Tomb Raider"-Klon mit männlicher Hauptfigur? Uncharted - Drakes Schicksal.Nur ein "Tomb Raider"-Klon mit männlicher Hauptfigur? Uncharted - Drakes Schicksal.

Woher kam’s? Nun, das Spiel dreht sich um einen abenteuerlustigen Entdecker, der in altertümlichen Ruinen umherstromert, um vergessene Schätze zu bergen. Dabei spielt ihr eine Mischung aus Sprung- und Kletterpassagen, die sich mit regelmäßigen Ballereinlagen abwechseln. Um in den alten Gemäuern voranzukommen, muss Nathan Drake das eine oder andere Puzzle lösen – die Parallelen zu Tomb Raider sind in all diesen Punkten unübersehbar. Im Jahr 2008 legte Lara Croft mit Tomb Raider Underworld nach, Konkurrenz war entstanden. Zu dieser Zeit setzten die Entwickler noch eher auf markeneigene Stärken.

Nathan Drake: Die bessere Lara Croft?

Uncharted war schon zu Anfang kein schlichter "Tomb Raider"-Klon: Für die Klettereinlagen hat auch ein gewisser persischer Prinz in seiner modernen Form als starkes Vorbild hergehalten. Also in dem Zusammenhang was vor allem die Levelgestaltung und die Spielmechanik angeht, die an Prince of Persia - The Sands of Time und seine Nachfolger erinnern. Hier wich Uncharted deutlich vom klassischen Tomb Raider ab, ebenso bei den überpräsenten und anders gearteten Schießereien.

Drakes Kletterkünste hatte schon der persische Prinz drauf.Drakes Kletterkünste hatte schon der persische Prinz drauf.

Die Übernahme der Prämisse von Tomb Raider, der Schauplätze, des übergeordneten Motivs, lässt sich nicht von der Hand weisen. Dazu gehört auch, dass sowohl Lara Croft, als auch Nathan Drake irgendwann als Figuren gezeichnet werden, die das Erbe großer Entdecker antreten, einen Familiennamen tragen, der mit einem Ruf besetzt ist. Fairerweise hat für all diese Grundideen in beiden Fälle vermutlich ursprünglich ein ganz anderer Pate gestanden: Filmentdecker Indiana Jones. Vor diesem hat sich Lara Croft in der Vergangenheit schon mehr als einmal verbeugt.

Ein Stück vom Uncharted-Kuchen

Als Lara Croft im Jahr 2013 in Form eines Reboots ein Makeover erfuhr, gab es teilweise Spott: Das Spiel, das zuvor Uncharted inspiriert hatte, stand in der Kritik, sich nun mit vollen Händen beim erfolgreichen Abenteuer-Bruder zu bedienen. Hatte Naughty Dog die "Tomb Raider"-Formel perfektioniert, das bessere moderne Tomb Raider kreiert und nun Crystal Dynamics zum Ideenklau animiert? Ganz deutlich zeigt sich das Abgucken beim Banknachbarn an dem vollständig überarbeiteten Bewegungssystem der neuen, jungen Lara inklusive der generalüberholten Shooter-Mechaniken. Auch bei der Inszenierung und Emotionalisierung der Geschichte scheinen Crystal Dynamics eine Schippe Uncharted draufgeworfen zu haben.

Schußwechsel à la Uncharted waren in Tomb Raider von 2013 neu.Schußwechsel à la Uncharted waren in Tomb Raider von 2013 neu.

Das erkennt ihr beispielweise bei der interaktiven Erzählweise, in der Handlungssequenzen durch kleinere Skripte in das laufende Spiel eingearbeitet sind und somit fließend in Spielsequenzen übergehen. Da Naughty Dog scheinbar das bessere Autoren-Team hat, fiel der Versuch, Lara in der Erzählung nahbarer und menschlicher zu machen, stellenweise etwas holprig aus. In Sachen Inszenierung ließ sich Crystal Dynamics aber nicht lumpen: Das angekündigte Shadow of the Tomb Raider eingeschlossen, setzt die Reboot-Reihe auf kinoreifen Bombast der ersten Klasse. Außerdem verliehen die Entwickler den Spielen dadurch einen eigenständigen Anstrich, dass sie beispielsweise Survival- und Rollenspielelemente implementierten. Im Serienfinale werden zusätzlich wohl bereits angewandte Stealth-Elemente erweitert und stärker in den Mittelpunkt gerückt.

Kein Grund zur Aufregung

Dass sich Entwickler von bestehenden Ideen inspirieren lassen, ist indes weder unüblich noch problematisch. Ganz trocken betrachtet ließe sich sagen, dass alles irgendwann in irgendeiner Form schon einmal da war und jede neue Kreation ein Remix aus bestehenden Werken oder Versatzstücken vergangener Kreationen ist. Dabei unterscheiden sich lediglich die Dimensionen: Manche Spiele sind einfach dreiste Klone, aber nicht jedes Abgucken ist gleich eine "1 zu 1"-Kopie.

Uncharted hat sich im Laufe der Jahre stark weiterentwickelt. Der vermeintliche Dude Raider Nathan Drake bekam mit jedem weiteren Serienteil mehr Profil. Mit Uncharted 3 – Drake’s Deception war aus dem coolen Charmbolzen ein vollwertiger und ausgereifter Protagonist mit einer bewegten Vergangenheit geworden. Uncharted hatte sich nach dem Aufgreifen und Weiterentwickeln der "Tomb Raider"-Formel also zu einem eigenständigen Spiel entwickelt. Lediglich Uncharted – The Lost Legacy erinnerte dank des weiblichen Cast wieder an die "Tomb Raider"-Spiele. Vielleicht ist das Spin-Off gar als letzte Verbeugung vor dem alten "Action Adventure"-Eisen zu verstehen. Tomb Raider wurde währenddessen merklich von dem gereiften Uncharted inspiriert, reicherte das Konzept mit einigen Alleinstellungsmerkmalen an und kann im kommenden Serienfinale noch einmal unter Beweis stellen, was es draufhat.

Meinung von René Wiesenthal

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass gerade zu Beginn der Reboot-Reihe Tomb Raider das größere Stück Kuchen von der Konkurrenz abzwacken wollte als es Uncharted anfangs mit Blick auf das Vorbild Tomb Raider getan hat. Die Prämisse für Nathan Drakes ersten Auftritt muss sich den Vergleich mit Lara Croft gefallen lassen. Uncharted hat sich aber auf eigene Faust in großen Schritten zu einer eigenständigen Spielereihe entwickelt, bei der Deckungs-Shooter-Elemente sowie eine Riege starker Figuren in ansprechend aufbereiteten Sequenzen im Fokus stehen.

Ob es als dreist oder folgerichtig zu betrachten ist, dass Crystal Dynamics für Tomb Raider von 2013 den Erfolg von Uncharted im Blick hatte und deswegen serieneigene Merkmale gegen die von Naughty Dog etablierten austauschte, ist wohl Geschmackssache. Durch das Ergänzen von neuen Komponenten und dem sehr viel düstereren Erzählton samt beinharter Brutalität, versuchten sie sich zumindest von Beginn an ein stückweit abzugrenzen und ein eigenes Publikum für die generalüberholte Lara Croft zu gewinnen. Zudem: Dass ein Entwickler eine alte, etwas angestaubte Marke irgendwann in ein zeitgemäßes Gewand kleidet, sollte niemanden verwundern.

Beide Reihen lassen sich in jedem Fall unabhängig voneinander für ihre Besonderheiten mögen. So sieht das auch das Team von Crystal Dynamics, wie aus einem Interview von International Business Times hervorgeht, in dem Community Managerin Meagan Marie die Konkurrenz der beiden Serien adressierte. Da die Uncharted-Reihe zumindest für den Moment keine Fortsetzungen in Aussicht stellt, kann Lara Croft mit Shadow of the Tomb Raider im Alleingang durch die Zielgerade und wird hier wohl besonders in erzählersicher Hinsicht noch einmal völlig neue Dimensionen annehmen.

Tags: Singleplayer  

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