Dieser eine Moment: Verschwörungsalarm in Assassin's Creed 2

(Kolumne)

von Marvin Heiden (04. Mai 2018)

Als Assassin’s Creed noch ein neues Franchise war, habe ich es gefeiert wie kein anderes Spiel. Jahre später muss ich mir jedoch eingestehen, dass einige Elemente heutzutage eher verstören als begeistern. Ein kritischer Blick genügt und aus Unterhaltung wird Verschwörungstheorie.

Oft ist es nicht bloß die tolle Grafik, die spannende Geschichte oder der sympathische Hauptcharakter, der Spielern noch Jahre nach dem Genuss eines Abenteuers im Gedächtnis bleibt. Solche Erinnerungen drehen sich häufig um einen kurzen Moment. Einen besonderen Moment. >>Diesen einen Moment!<< Dem widmen wir diese Artikel-Serie und beschreiben aus unserer persönlichen Sicht, was diesen Moment so besonders und unvergesslich macht.

Hier findet ihr alle bisher in der Reihe erschienenen Artikel.

Als ich Assassin’s Creed 2 zum ersten Mal spielte, war es für mich eines der besten Spiele, die ich je zu Gesicht bekommen hatte. Die Grafik war seinerzeit bombastisch und die Handlung hat mich mit all ihren Drehungen, Wendungen und Enthüllungen bedingungslos begeistert. Mit am beeindruckendsten fand ich allerdings den Anspruch der Entwickler, das Abenteuer von Ezio so akkurat wie möglich mit realen historischen Ereignissen zu verzahnen. Sogar im Vorspann heißt es schließlich stets: „Inspiriert durch historische Ereignisse und Charaktere“. Und tatsächlich hat mich das Spiel daraufhin dazu animiert, mich für die Epoche der Renaissance zu interessieren und viel über Geschichte, Kunst und Architektur zu lernen. Damals war ich 16.

Trotz "Entdeckermodus" ist auch das neueste Assassin's Creed nach wie vor historisch fragwürdig:

Viele Jahre später überkam mich ein Anfall von Nostalgie und ich kramte mein Lieblingsspiel von damals noch einmal hervor. Ich war neugierig: Konnte Assassin’s Creed 2 immer noch über jeden Zweifel erhaben sein? Mit einer kleinen Prise Skepsis bewaffnet, schnappte ich mir den Controller und machte mich ans Werk. Was dann folgte, ließ mir die Kinnlade bis zum Boden herunterklappen.

Mir war klar, dass die Serie schon immer einen gewissen Hang zum Mystery-Genre hatte. Doch die hanebüchenen Verschwörungstheorien, die schon ab der ersten Sekunde des Spiels auf mich herniederprasselten, entsetzten mich maßlos. Wie konnte ich das früher nur übersehen oder gar ignoriert haben?

Eines der Hauptprobleme mit Assassin’s Creed 2 ergibt sich daraus, dass Realität und Fiktion so dicht miteinander verwirbelt sind, dass es schwierig wird, einige der Elemente noch auseinanderzuhalten. Hat sich eine bestimmte historische Person beispielsweise wirklich zu dieser Zeit in Venedig aufgehalten? Hatten bestimmte Figuren tatsächlich miteinander Kontakt? Wurden einige Details möglicherweise zugunsten der Geschichte verändert? All diese Fragen werden im Spiel so unkritisch und nonchalant beiseite gefegt, dass man zwangsläufig zum Zweifler werden muss. Die vermeintliche „historische Akkuratesse“ gerät damit ins Wanken.

Hier könnt ihr die Einblicke von Subjekt 16 in voller Länge mitverfolgen: (Quelle: YouTube, TemplerAssassin689)

Doch was mich am meisten erstaunte, war die Nebenhandlung um Subjekt 16, den Vorgänger von Serienprotagonist Desmond Miles. Dessen wahnsinniges Gestammel wird als Audiolog immer dann eingespielt, wenn der Spieler eines der insgesamt 20 versteckten Glyphen-Rätsel entdeckt. Dort ist die Rede von einer global angelegten „Lüge“, davon, dass die Menschheit zu einem bestimmten Glauben erzogen worden sei, und natürlich von der einen und einzigen „Wahrheit“.

Beängstigend daran ist, dass die Abschnitte inhaltlich zum Teil große Ähnlichkeit mit den Absonderungen von Verschwörungstheoretikern haben, die heutzutage nur allzu häufig in den Kommentarspalten von Facebook ihr Unwesen treiben. Allein die Sprache und die Begriffe, die dort verwendet werden, sind auf gewisse Weise alarmierend. Mit möglichst vagen Andeutungen und visuellen Assoziationen wird versucht, die Illusion einer schlüssigen Geschichte zu erzeugen. Bei genauerem Hinsehen ist diese aber voller Logik-Lücken. Anstelle euch Antworten zu liefern wird die Handlung lediglich komplexer und verworrener – typisch für die unscharfe Rhetorik von Verschwörungstheoretikern.

Als aufgeschlossener Konsument, der die Unterschiede zwischen historisch glaubwürdigen und frei erfundenen Bestandteilen mit Leichtigkeit erkennt, kann man sich natürlich trotzdem auf die Geschichte einlassen. Vielleicht kann man sie dann sogar noch genießen, egal wie hanebüchen sie auch klingen mag. Ich persönlich kann das jedoch leider nicht mehr. So sehr ich es auch versucht habe, konnte ich das Spiel daraufhin einfach nicht mehr ernst nehmen. In unserer heutigen Zeit, in der von allen Seiten bewusst Desinformation über das Internet verbreitet wird, kommt mir die Fiktion allzu real vor. Als das Spiel 2009 veröffentlicht wurde, sah die Welt wohl noch anders aus.

Tags: Dieser eine Moment  

Endlich reif für den Champion-Titel?

WWE 2K19: Endlich reif für den Champion-Titel?

Der neue King of the Ring steht fest! WWE 2K19 schleppt zwar noch viele Altlasten mit sich herum, besticht aber durch (...) mehr

Weitere Artikel

Rockstar benachteiligt kleinere Händler

Red Dead Redemption 2: Rockstar benachteiligt kleinere Händler

Wie sich zeigt, werdet ihr nicht überall Erfolg haben, wenn ihr Red Dead Redemption 2 in kleinern Geschäften (...) mehr

Weitere News

Newsletter

Mit diesem Formular kannst du den Spieletipps.de Newsletter kostenlos abonnieren.

zurück zur Kolumne-Übersicht

* gesponsorter Link