Nintendo Labo

Nintendo Labo: Es könnte ein großer Flop sein (Special)

von Micky Auer (Samstag, 05.05.2018 - 08:00 Uhr)

Oft sind es die ersten Tage nach der Veröffentlichung, die für ein Spiel zukunftsweisend sind. In der ersten Phase werden Rekorde gebrochen und Charts angeführt. Nintendo Labo ist dies nicht gelungen.

Verschiedene Konstrukte aus Pappe ausstanzen, falten und zusammenbauen. Dann diese Konstrukte mithilfe spezieller Software für Nintendo Switch zum spielerischen Leben erwecken. Das ist in Kurzform das Konzept hinter Nintendo Labo, das seit dem 27. April 2018 im Handel erhältlich ist.

Das ist jetzt zwar gerade mal knapp eine Woche her, eine Woche nach Verkaufsstart ist aber ein klarer Trendmesser in der Videospiel-Branche. In diesem Zeitraum zeigt sich deutlich, wie groß das Interesse der Konsumenten an einem Produkt ist. Haben sie schon sehnlichst darauf gewartet? Gibt es viele Vorbestellungen? Wie schnell wandert das Produkt von den Verkaufsregalen in die Hände der neuen Besitzer? Attraktive Spiele verkaufen sich schnell und zahlreich. Nintendo Labo gehört - gemessen nach diesen Kriterien - nicht dazu.

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Zugegeben, es handelt sich um ein höchst gewagtes und riskantes Konzept. In einer Zeit, in der Kinder mit 4K-Auflösung und leistungsstarken Videospielsystemen aufwachsen, ist es im besten Fall mutig, simple Software mit Spielzeug aus Pappe zu kombinieren. Nintendo ist durchaus bekannt dafür, solche Schritte zu wagen, und oft genug funktionieren solche auf den ersten Blick abstrus wirkenden Ideen sogar.

Bestes Beispiel dafür ist Nintendo Switch selbst. Ein Hybrid aus stationärer und portabler Konsole, der rein technisch nicht mit der Konkurrenz von Sony und Microsoft mithalten kann? Rein oberflächlich betrachtet ein Rezept für Desaster. Dennoch hat sich gezeigt, dass die Switch ein großer Erfolg ist, auch wenn Nintendo nun mal langsam was dafür tun muss, die Zukunft der Konsole zu sichern. Labo ist dahingehend bisher nicht hilfreich.

Zahlen sprechen eine eindeutige und grausame Sprache

In seiner Heimat Japan kam Nintendo Labo bereits eine Woche früher als in Europa auf den Markt, nämlich am 20. April 2018. Nach einer Woche hat das japanische Marktforschungsunternehmen Media Create bereits einen interessanten, wenn auch nur auf den ersten Blick erfreulichen Bericht über die Verkäufe veröffentlicht.

Speziell das Robo-Set verkauft sich eher schleppend.
Speziell das Robo-Set verkauft sich eher schleppend.

Zum Verkaufsstart belegen die beiden erhältlichen Labo-Sets jeweils Platz 1 und 3 der Verkaufs-Charts. Das Toy-Con 01 Multi-Set schlägt mit über 90.000 verkauften Einheiten zu Buche, das Toy-Con 02 Robo-Set immerhin noch mit über 28.000 Einheiten. Wie gesagt: Auf den ersten Blick wirkt das nicht verkehrt. Jedoch fehlt hier ein wichtiger Einblick, den Media Create später hinzufügte: Nur etwa 30 Prozent der Erstauslieferungsmenge kombiniert für beide Sets konnte durchverkauft werden. Und das ist für einen "First Party"-Verkaufsstart schlicht und ergreifend zu wenig.

Das wiederum legt zwei Annahmen nahe: Entweder hat Nintendo mehr Abverkäufe erwartet, oder aber absichtlich zu große Mengen ausgeliefert, um die etwaig auftretende Nachfrage der kommenden Wochen abzudecken, ohne weitere Lieferungen durchführen zu müssen. Grund dafür könnte die ab dem 29. April gestartete sogenannte Golden Week sein - eine Reihe von Feiertagen, die am 5. Mai endet, oder aber die bevorstehenden Sommerferien.

Media Create führt ergänzend auch an, dass es keine spürbaren positiven Veränderungen in Bezug auf Hardware-Verkäufe zu verzeichnen gab. Das bedeutet, dass Nintendo Labo bislang nicht als zugkräftiges Spielekonzept bezeichnet werden kann, das Konsumenten dazu veranlasst, sich deswegen eine Nintendo Switch zuzulegen.

Und wie sieht es in Europa aus? Werfen wir einen Blick auf den wichtigen UK-Markt: Laut der Marktforschungsseite GfK Chart-Track hat God of War zum Beispiel wesentlich mehr Erfolg eingeheimst als Nintendo Labo. Das Multi-Set konnt zumindest noch auf Platz 3 einsteigen, das Robo-Set liegt jedoch weit abgeschlagen auf dem 20. Platz.

Diese Zahlen weisen eine Besonderheit auf: Sie reflektieren nur den Verkauf von physischen Exemplaren. Das heißt, die meisten Einträge in dieser Liste schneiden insgesamt im Verkauf besser ab, da sie auch digital vertrieben werden. Auf Nintendo Labo kann dies allerdings niemals zutreffen. Denn Spielzeug aus Pappe kann nun mal nicht heruntergeladen werden.

Haben sich die Befürchtungen bewahrheitet?

Die Presse war weltweit eher vorsichtig, als es um die Berichterstattung über Nintendo Labo ging. Einerseits wurde das innovative Konzept gelobt, andererseits kamen aber schon von Anfang an Fragen auf, ob denn so etwas überhaupt auf dem heutigen Videospielmarkt funktionieren kann. Gewürzt wurde die Diskussion natürlich mit dem Umstand, dass Nintendo immer gut für eine Überraschung sei.

Die Labo-Bastelanleitungen seht ihr direkt per Nintendo Switch.
Die Labo-Bastelanleitungen seht ihr direkt per Nintendo Switch.

Rückblickend gab es Annahmen, dass zum Beispiel die Bauteile zu wenig stabil ausfallen würden. Oder dass das Zusammenbauen mit zu viel Frust aufgrund schnell kaputt gehender Einzelteile oder mangelhafter Anleitungen behaftet sei. Auch kam die Vermutung auf, dass die Software für die Labo-Konstrukte mehr experimentellen als spielerischen Charakter haben würde und dementsprechend zu simpel und nicht befriedigend genug sei. Bewegungssteuerung und ihre Ungenauigkeit ist auch immer noch ein Thema. Die Steuerung echter, physischer Elemente stand im Verdacht, noch ungenauer auszufallen als so manche Spiele-Software.

Nun, in Sachen Stabilität und Verwendung hat Nintendo ganze Arbeit geleistet. Gut, kleine Kinder solltet ihr nicht allein mit dem Spielzeug lassen, aber Verarbeitung und Anleitung lassen kaum Wünsche offen. Es fehlt jedoch an dem zündenden Funken, dem "Appeal", diesem kleinen Twist, der ein Produkt massentauglich und damit zum Erfolg macht. Rein technisch gesehen ist Nintendo Labo ja auch massentauglich, es spricht auch einige Menschen an, vielleicht aber bloß nicht die, die Nintendo ins Visier genommen hat.

In einem wichtigen Punkt ist Labo absolut typisch für Nintendo: Es ist etwas komplett anderes als das was ihr an herkömmlichen Produkten auf dem Spielemarkt finden könnt. Und allein das hat bei vielen treuen Nintendo-Fans eine Erwartunghaltung geschürt, die bei einigen auch erfüllt wurde. Wir wir bereits berichtet haben, fühlen sich vor allem kreative Köpfe von Labo angezogen und verwirklichen mit den simplen Bausätzen ganz eigene Ideen.

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Eltern, die zusammen mit ihren Kindern Spaß mit Nintendo Labo haben sollen, scheinen aber nicht ganz so überzeugt von dem Produkt zu sein. Das mag vielleicht am vergleichsweise hohen Preis liegen, vielleicht auch an anderen Dingen. Ohne jemandem was unterstellen zu wollen, aber es könnte natürlich auch sein, dass eine gewisse Bequemlichkeit mit ins Spiel kommt. Denn mit einem klassischen Videospiel kann sich jedes Kind befassen. Elterliche Aufsicht und das miteinander Spielen ist oft auch eine Zeitfrage, die nicht jeder lösen kann. Und Teenager? Es ist fraglich, ob sich diese Altersgruppe wirklich für simple Basteleien aus Pappe begeistern kann.

Aktuell führt Labo ein Nischendasein, das vor allem beinharte und unerschütterliche Nintendo-Fans anspricht, als kurzweilige Spielerei für überbordende Kreativität dient und vielleicht beim einen oder anderen aufgrund süßer Nostalgie zu einer Kaufentscheidung führt. Wenn jedoch kein neues Set auf den Markt kommt, das hammerhart und gnadenlos aufsehenerregend und sexy ist, wird Labo wohl schon bald wieder als "gute Idee mit mangelndem Erfolg" in die Versenkung abgleiten.

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