Test Trailblazers: Wenn Splatoon ein Rennspiel wäre

von René Wiesenthal (08. Mai 2018)

Trailblazers gibt dem Funracer-Konzept einen frischen Anstrich. Im wahrsten Sinne, denn hier müsst ihr die Rennstrecke mit Farbe bedecken, um zu gewinnen. Wie dieses einfallsreiche Konzept in der Praxis funktioniert, sagt euch unser Testbericht für die "PlayStation 4"-Version des Rennspiels.

To blaze a trail - einen Weg markieren, sagt das Wörterbuch dazu. Das trifft ziemlich gut, was ihr in Trailblazers macht. In der bunten Mixtur aus Science-Fiction-Funracer vom Kaliber F-Zero oder Wipeout und Elementen, die Splatoon entliehen wurden, streicht ihr die Rennstrecke farbig an. Wozu? Um die Farbe anschließend als Beschleunigungsstreifen zu verwenden, die euch den Sieg bringen sollen. Damit möchte der Entwickler Supergonk taktische Tiefe in die sonst eher auf Geschick und Reaktionsfähigkeit ausgelegten Hypergeschwindigkeitsflitzereien bringen.

Der Trailblazers-Trailer in Farbe und bunt: So sieht die Regenbogenraserei in Bewegung aus.

Und das funktioniert so: Ihr habt je nach Fahrzeug eine bestimmte Menge an Farbe zur Verfügung, der Füllstand wird euch am oberen Bildschirmrand angezeigt. Mit dem X-Knopf versprüht ihr eure Farbe unter euch und zieht damit Linien auf der Fahrbahn. Ist sie verbraucht, füllt sie sich nach kurzer Zeit von allein wieder auf. Fahrt ihr nun in der nächsten Runde über eure Bahnen, beschleunigt ihr. Je länger die Beschleunigungsstreifen sind, desto stärker wird euer Turbo-Boost. Somit seid ihr dazu angehalten, möglichst lückenlose Bahnen eurer Farbe herzustellen.

Kunterbunt statt Grau in Grau

Auf die Strecke geht es entweder allein oder im Team. Teilt ihr euch mit anderen Spielern oder KI-Kameraden eine Farbe, ist Zusammenarbeit gefragt, um möglichst effektiv Farbbahnen zu legen und die gegnerischen Klekse zu überpinseln. Denn Team-Mitglieder teilen auch den Beschleunigungsvorteil der gemeinsamen Farbe. Ein Druck auf Dreieck lässt euch eure komplette Füllung geradewegs nach vorn verschießen, womit ihr auch Gegner treffen und kurzzeitig ausbremsen könnt. Zusätzliche Farbportale werfen ebenso kürzere Farbstreifen nach vorne ab, wenn ihr sie passiert.

Mit menschlichen Mitspielern könnt ihr sowohl online antreten, als auch im lokalen Multiplayer. Ein Story-Modus bildet für Einzelspieler das Herzstück: Hier tretet ihr in zahlreichen Kapiteln mit wechselnden Charakteren in abwechslungsreichen Herausforderungen an. In jedem Rennen könnt ihr bis zu drei Tokens erlangen, von denen ihr mindestens eines braucht, um das Rennen zu bestehen. Jedes Token ist an eine Bedingung geknüpft: Mal müsst ihr ganz klassisch einen bestimmten Rang erfahren, ein anderes Mal reicht es, eine Rundenzeit zu unterbieten, Farbpunkte zu sammeln oder eine bestimmte Anzahl an Gegnern abzuschießen. Das ist schon von Beginn an ziemlich fordernd. Sich einfach treiben lassen, ist nicht drin.

Spaß aus einer anderen Zeit

Die Geschichte erzählt sich nebenbei über Dialoge, die die starren Comic-Figuren zwischen den Rennen führen. Ihr verpasst nichts, wenn ihr sie konsequent überspringt – außer die kurzen, grenzdebilen Laute, die die eher unsympathischen Figuren ab und an von sich geben. Trailblazers gibt sich betont cool und – verzeiht mir das Wort – flippig, wirkt dabei aber etwas aus der Zeit gefallen. Das Figurendesign erinnert an Spiele wie Jet Set Radio, bestätigende Tasteneingaben werden von Scratch-Sounds begleitet, die ebenso aus Extremsportspielen der frühen 2000ern stammen könnten. Der Humor ist bestenfalls als kindlich zu bezeichnen.

Einige mögen hier nostalgische Gefühle entwickeln, wir mussten dabei des Öfteren an das "Steve Buscemi"-Meme aus der Serie 30 Rock denken, in dem der gealterte Schauspieler mit Rucksack und umgedrehten Basecap durch den Schulflur läuft und zum Gruß "How do you do, fellow kids?" fragt. Im Gegensatz zu diesen gestalterisch strittigen Punkten, sieht das Spiel aber recht schick aus. Der dezente "Cel Shading"-Look erinnert zuweilen an Borderlands, ebenso das Design der Fahrzeuge. Die Strecken sind allesamt farbenintensiv, detail- und abwechslungsreich. Hin und wieder poppen Objekte ins Bild, was während der Rennen aber kaum auffällt.

Den Letzten beißen die Team-Mitglieder

Denn da seid ihr mit vielen anderen Dingen beschäftigt, was zum einen der Anspruch des Spiels ist, zum anderen aber auch die Krux. Denn so richtig geht das Konzept hinter Trailbalzers leider selten auf. Ihr seid permanent damit beschäftigt, möglichst effektiv eure Farbe zu verteilen, wobei der Fokus sehr vom eigentlichen Rennen abgelenkt wird. Vielleicht ein bewusstes Manöver, denn weder die Streckenführung noch die Fahrphysik könnten euch isoliert betrachtet langfristig bei Laune halten.

Werdet ihr einmal auf einen hinteren Platz verwiesen, seid ihr rasch vom Fahrerfeld abgeschlagen und hechelt eigentlich nur noch hinterher. Ihr übermalt die Bahnen der anderen Fahrer, in der Hoffnung, dass diese sie nicht in der nächsten Runde gleich wieder neu bestreichen, versucht die Klekse mitzunehmen, die von der eigenen Farbe noch da sind und gleichzeitig immer eine Ladung parat zu haben, wenn sich doch mal ein Fahrer zeigt, den ihr abschießen könntet.

Auf einem hinteren Platz zu landen, geht schnell, was unter anderem mit der KI der anderen Fahrer zusammenhängt. Gegner rammen euch rigoros, wenn sie euch zu fassen kriegen. Die Unfallphysik ist nicht nachvollziehbar, schon bei kleineren Remplern kann es passieren, dass ihr plötzlich quer auf der Piste steht. Zu allem Überfluss sind auch eure Kollegen so rücksichtslos, dass sie euch immer wieder in die Leitplanke stoßen, an der ihr in Trailblazers förmlich festklebt, wenn ihr sie einmal berührt. Beim Test kam es auch schon mal vor, dass sich ein Team-Mitglied nach Rennbeginn vor unser Fahrzeug gestellt und den Weg blockiert hat.

Der schmale Grat zwischen Herausforderung und Frust

Doch auch ohne störende Mitfahrer: Trailbazers artet viel zu oft in Multitasking aus und zu selten in Rennspaß. Vor allem deswegen, weil die Rennen ziemlich lahm daherkommen, wenn ihr die Bahnen nicht weitläufig mit eigener Farbe bestrichen habt. Abgesehen von der KI mag das alles als anspruchsvoll durchgehen, uns kam es aber wenig belohnend vor. Auch deshalb, weil euch das Spiel wohlwissend schon frühzeitig durchwinkt, ohne, dass ihr Rennen wirklich gewinnt. Werdet ihr beispielsweise nicht Sieger nach Platzierung, habt aber den Token für das Durchfahren von 20 Farbtoren erhalten, könnt ihr zum nächsten Rennen fortschreiten. Befriedigende Erfolgserlebnisse gehen anders.

Schafft ihr es, euch eine Linie zu zaubern, die eurem individuellen Fahrstil entspricht, kommt Freude auf. Im Optimalfall rauscht ihr dann nämlich rundenweise im vielfachen der gewöhnlichen Geschwindigkeit über die Strecke. In diesen Momenten blitzt das Spielspaßpotenzial durch, das die grundlegende Idee durchaus hätte. Leider wird auch ein geglückter Geschwindigkeitsrausch von fiesen Rucklern gestört, die sich durch das gesamte Spiel ziehen. Ein Bug in einer Streckenkurve sorgte beim Testen sogar dafür, dass wir immer wieder einige Meter zurückgesetzt wurden. Hoffentlich wird bei den technischen Fehlern noch mittels Updates nachgebessert.

Update: Nach Veröffentlichung unseres Tests versicherte uns ein verantwortlicher Pressesprecher, dass die Ruckler durch ein Update zum Release behoben wurden. Da wir dies zur Zeit der Wertungsvergabe nicht prüfen konnten, bleibt dieser Aspekt in der Wertung vorerst unbeachtet.

Meinung von René Wiesenthal

Trailblazers vereint Rennspiel- und Taktikelemente zu einem in der Theorie spannenden, neuen Konzept. Wenn das geschickte Legen von Farbbahnen aufgeht und ihr nur so über die Strecken rauscht, kommt auch tatsächlich eine Menge Freude auf. Wirklich ausgereift ist die Umsetzung aber leider nicht.

In der Praxis fehlt es Trailblazers am Feinschliff. Der Akt zwischen Rennfahren, Farbe sprühen und Gegner ausschalten ist nicht gut genug austariert, so dass ihr immer zu sehr mit genau einem dieser Aspekte beschäftigt seid, während ihr zwangsläufig die anderen vernachlässigt, was euch am Ende den Sieg kosten kann. Eine frustrierende Kameraden- und Gegner-KI sowie einige gröbere Technikmacken schmälern das Vergnügen zusätzlich. Bei der gewollt coolen Aufmachung des Spiels musste ich schon mal schamvoll die Augen schließen.

Wenn euch diese aber schöne Erinnerungen an die "crazy" Extremsportspiele der späten 90er und frühen 2000er beschert, ihr die prinzipielle Spielidee interessant genug findet und Multitasking eher als knackige Herausforderung denn als nervige Pflicht anseht, könnt ihr einen Blick riskieren.

Wer sich einen rasanten, leichtfüßig-launigen Funracer erhofft, wird sicher enttäuscht werden.

Hat euch dieser Artikel gefallen? Oder habt ihr Anregungen, Kritik, Verbesserungsvorschläge? Lasst es uns gerne wissen! Schreibt uns eine Mail an redaktion@spieletipps.de und verratet unserer Redaktion eure Meinung.

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meint: Taktischer Funracer mit interessantem, aber unausgereiftem Farbsprüh-System und zahlreichen technischen Macken.

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Tags: Fun   Koop-Modus   Retro  

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