Test Forgotton Anne: Im Land der zweiten Socken

von Marvin Heiden (11. Mai 2018)

Das 2D-Abenteuer des dänischen Studios Thoroughline Games orientiert sich visuell an Animationsfilmen der Marke Ghibli und steckt damit die Messlatte enorm hoch. Kann das Spiel mit den selbstgewählten Ambitionen mithalten?

Wolltet ihr immer schon wissen, was mit all euren zweiten Socken passiert ist, die plötzlich wie vom Erdboden verschluckt sind? Oder mit eurem Lieblingsspielzeug aus Kindertagen, das sich partout nicht auffinden lässt? Das Spiel Forgotton Anne hält für euch die Antwort bereit: Allesamt sind diese Dinge in das Land der „Vergessenen“ entfleucht, wo sie nun mit neuem Leben erfüllt ihr trostloses Dasein als Arbeitskraft fristen.

Im Bewegtbild sieht Forgotton Anne einfach traumhaft schön aus:

Ihr schlüpft in die Rolle von Anne, die neben ihrem Ziehvater Bonku die einzige menschliche Bewohnerin dieser Welt der belebten Objekte ist. Um wieder in die Menschenwelt zurückkehren zu können, ist Bonku im Begriff, eine wundersame Maschine fertigzustellen, die genau das ermöglicht. Dazu ist er auf eine Energiequelle namens Anima angewiesen, welche die sogenannten Vergessenen mit harter Arbeit mühsam für ihn produzieren.

Allerdings sind nicht alle Vergessenen mit ihrer Ausgangssituation zufrieden. Eine Gruppe gerissener Rebellen um den mysteriösen Mr. Fig versucht nämlich, die Vorhaben Bonkus zu stören. Daher durchstreift ihr im Auftrag eures Meisters als „Hüterin“ die dunklen Gassen nach Störenfrieden, die sich den strengen Regeln des Regimes widersetzen. Zur Vollstreckung steht euch das Arca zur Verfügung, ein Werkzeug, mit dem ihr den Vergessenen ihre Lebensenergie entziehen („destillieren“) könnt. Als ihr jedoch persönlich in Kontakt mit den Rebellen kommt, stellt ihr fest, dass möglicherweise nicht alles so ist, wie es auf den ersten Blick scheint ...

Ihnen steht der Schrecken ins Gesicht geschrieben: Anne und FigIhnen steht der Schrecken ins Gesicht geschrieben: Anne und Fig

Um den offensichtlichsten Punkt gleich zu Beginn aus dem Weg zu räumen: Forgotton Anne sprüht mit seinem Ghibli-artigen Steampunk-Grafikstil nur so vor Charme! Ähnlich wie das ebenfalls für seine Visuals hochgelobte Cuphead setzt das Spiel auf einen Mix aus handgezeichneten Illustrationen und geschickt platzierten 3D-Elementen. Der phänomenale Look, der dadurch erzeugt wird, steht mit seiner Pastell-Optik den japanischen Zeichentrickfilmen in nichts nach. In manchen Fällen gehen Ingame-Szenen und Zwischensequenzen sogar so fließend ineinander über, dass ihr einen Moment lang zögert, bis ihr merkt, dass ihr euch schon längst wieder frei bewegen könnt.

Hinter der bunten Fassade verbirgt sich ein Plattformer-Adventure, das gelegentlich durch mal mehr, mal weniger anspruchsvolle Puzzles unterbrochen wird. Ausgestattet mit einem Satz mechanischer Flügel hüpft ihr schnell und elegant über Dächer, Balkone, Schluchten und Ruinen. Das gestaltet sich gerade dank der ansehnlichen Umgebungsgrafik zwar durchaus unterhaltsam, fühlt sich wegen des manchmal etwas unausgegorenen Level-Designs mit viel Backtracking jedoch hin und wieder etwas überflüssig an. Trefft ihr währenddessen auf ein Hindernis, müsst ihr meistens Schalter- oder Schieberätsel lösen, mittels eures Arcas die Stromleitungen manipulieren oder mit bestimmten Charakteren interagieren.

Die Rätsel erfordern meistens nicht besonders viel Hirnschmalz.Die Rätsel erfordern meistens nicht besonders viel Hirnschmalz.

Bemerkenswert ist hierbei, dass ihr an verschiedenen Stellen Entscheidungen treffen könnt, die den Spielverlauf daraufhin maßgeblich beeinflussen. Glücklicherweise ist es dabei nur in seltenen Fällen so offensichtlich wie „wähle zwischen Option A oder Option B“. Vielmehr sind eure Entscheidungen organisch in den Spielfluss eingeflochten. Oft hängt der Ausgang einer Situation beispielsweise von eurem Tonfall in einem Dialog ab oder davon, ob ihr bestimmte Charaktere verschont oder destilliert habt.

Hierin liegt eine der größten Stärken des Spiels: Ihr werdet ständig mit den Konsequenzen eures Handelns konfrontiert. Die Erfüllung eures Auftrags beißt sich nämlich oft mit dem Verständnis dafür, welche Aktion an dieser Stelle moralisch die richtige wäre. Letztendlich sind die Argumente für beide Seiten nachvollziehbar gestaltet, sodass es euch stets schwer gemacht wird, eine Entscheidung zu treffen. Bei unserem Test saßen wir bei einigen Szenen sogar mehrere Minuten lang gedankenverloren vor dem Bildschirm, weil wir hin und hergerissen waren, was wir denn nun tun sollten.

Nichtsdestotrotz bleibt die Haupthandlung in Sachen Feinschliff leider etwas hinter ihren Möglichkeiten und dem großen Vorbild Studio Ghibli zurück. Einige der zugegebenermaßen sehr abwechslungsreichen Charaktere wirken zum Beispiel nicht, als ob sie wirklich in die Spielwelt gehören. Das mag an einigen unpassenden Dialogzeilen liegen oder daran, dass die grundsätzlich recht guten englischen Synchronsprecher ihren Text etwas überbetont vortragen. Im Großen und Ganzen ist Forgotton Anne jedoch ein stimmungsvolles Adventure, dem ihr die kleinen Schönheitsfehler mit Leichtigkeit nachsehen könnt.

Meinung von Marvin Heiden

Forgotton Anne ist visuell einfach umwerfend und sollte schon allein deshalb gebührend gewürdigt werden. Fernab seiner Schauwerte hat es jedoch auch eine interessante Geschichte zu erzählen. Das Setting ist faszinierend und unverbraucht und regt euch mit seinen im besten Sinne hinterhältigen Wendungen zum Nachdenken an. Zudem wird die dichte Atmosphäre mit zahlreichen Anspielungen an Werke der fantastischen Literatur unterfüttert.

Thematisch schneidet das Spiel komplexe Sachverhalte wie Identität, Freiheit, Lebenssinn, Konsumkritik und Modernisierung an und kann diese in der relativ kurzen Spieldauer von zirka acht Stunden auch ansatzweise darstellen. Besonders in Hinblick auf die verschiedenen Enden lädt das Spiel ein, bei einem weiteren Durchlauf vom bekannten Weg abzuweichen und zu experimentieren.

Das Plattformer-Gameplay ist zwar nicht wirklich originell, kann sich aber durchaus sehen lassen. Gleiches gilt für die Rätsel, die zwar immer liebevoll gestaltet sind, aber für keinen Spieler wirklich eine Schwierigkeit darstellen sollten. Vielmehr geht es aber ohnehin darum, dass ihr euch emotional auf die verschrobene Welt und ihre Bewohner einstimmt. Da es zurzeit wenig vergleichbare Spiele gibt, ist Forgotton Anne definitiv einen Blick wert.

81

meint: Zum dahinschmelzen schönes Anime-Abenteuer mit außergewöhnlicher Story und solidem Gameplay.

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Tags: Fantasy   Film  

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