Mal unter uns: Multiplayer ist echt bescheuert

(Kolumne)

von Micky Auer (16. Mai 2018)

Boah, wie geil! 40 Leute auf der Map und alle schießen auf alles! Und dann der Raid mit dem Clan! Aber der Support im Koop war schwach. Dennoch: Multiplayer ist halt doch geil, oder? - Nein.

Es gab mal eine Zeit, da saß ich mit meinen Geschwistern und/oder Freunden vor dem Super Nintendo und haben uns in Super Mario Kart die roten Panzer um die Ohren gefeuert. Oder uns mit Street Fighter 2 abreagiert. Oder gemeinsam Secret of Mana im Dreier-Team erforscht. Leute, die Zeiten sind endgültig vorbei. Denn Multiplayer geht mir mittlerweile in seiner Gesamtheit so sehr auf die Nerven, dass die reine Erwähnung des Begriffs bei mir schon Abneigung gegen das jeweilige Spiel erzeugt. Das hat jedoch ganz bestimmte Gründe.

In dieser Reihe geht es manchmal etwas kontrovers, dafür aber immer hochgradig subjektiv zur Sache: Wir präsentieren euch unbequeme und unpopuläre Meinungen, die einfach echt mal raus mussten. Denn: Super Mario ist gar nicht so genial wie alle tun, Flappy Bird macht irgendwie echt Laune und wer nur FIFA spielt, ist kein echter Zocker. Also mal unter uns: "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!"

Viel Spaß damit und bitte nicht vergessen: Über Geschmack lässt sich nicht streiten.

Hier findet ihr alle bisher in der Reihe erschienenen Artikel.

Ich habe keinen Bock auf Online-Geschrei und Terminabsprachen

Die Multiplayer-Landschaft hat sich seit Super Probotector und anderen Couch-Koop-Spielen drastisch verändert. Damals war das Geschehen noch untermalt von unmittelbarem und hysterischem Geschrei aus der vordersten Reihe. Neben höchst kreativen Schimpfnamen, die wir uns gegeben haben (DU ARSCHWARME SEMMEL!), entstanden auch kleine Minispiele, wer zum Beispiel in Street Fighter 2 bei der Auswahl von Ken schneller die alternative Farbe seines Outfits anwählen konnte. Der Langsamere wurde dann mit "Ha-Ha! Du hast den roten Pyjama an!" verhöhnt.

Spaß für Zwei aus der Vergangenheit: Super Mario Kart für SNES.Spaß für Zwei aus der Vergangenheit: Super Mario Kart für SNES.

Unbestritten: Diese Art von Spielen gibt es auch noch heute, aber der Fokus liegt nun mal eher auf groß angelegten Online-Spielfeldern mit ebenso großer Teilnehmerzahl. Und da liegt mein Problem: Über das Verhalten von Personen, die in der Anonymität einer Online-Umgebung agieren, gibt es sicher schon ganze wissenschaftliche Abhandlungen. Manche Spieler empfinden es vielleicht sogar als Spaß, während einer Online-Partie von Minderjährigen als sonstwas bezeichnet zu werden. Wiederum andere sagen trocken: Man müsse halt bei sowas drüberstehen.

Ich sage: Nein, muss man nicht. Ich habe keine Lust, mich in meiner Freizeit mit dem verbalen Unflat von Personen egal welcher Altersgruppe auseinanderzusetzen, deren Sozialverhalten problematisch zu sein scheint und deren Eltern nun mal schlicht und ergreifend auf ganzer Linie versagt haben. Anders wäre es wohl, wenn das Leute sind, die ich persönlich kenne. Aber wie oft ist das denn schon der Fall? In solchen Fällen wird mir oft geraten: "Haja, gründe halt einen Clan!" - Genau das bringt mich zum nächsten Problem.

Sollte familienfreundlich sein, hat jedoch schnell eine recht toxische Community entwickelt: Overwatch von Blizzard

Wer in einem Videospiel einer Gruppe von Spielern beitritt, die darauf ausgerichtet ist, gemeinsam große Aufgaben zu meistern, unterliegt auch irgendwie einem Gruppen- und einem Anwesenheitszwang. Je nach Gruppe wird dies mal stärker, mal besonders stark gefordert. Frage: Will ich mir meine Freizeit, in der ich mich beim Zocken entspannen will, auch noch mit Terminen zuballern? Will ich mir den Zorn der Gruppe zuziehen, wenn ich dann halt mal nicht kann? Nein, brauche ich nicht.

Geht mir fort mit aufgesetzten Multiplayer-Modi!

Mass Effect 3 hat einen Multiplayer-Modus, den kein Mensch braucht, den kein Mensch wollte, von dem EA aber behauptete, er sei unglaublich wichtig für den Fortschritt im Hauptspiel. Vollkommener Blödsinn. Der Modus existierte nur aus einem Grund: Er sollte ein Online-Verkaufsladen für Mikrotransaktionen sein. Ähnlich auch in einem guten Teil der "Assassin's Creed"-Reihe, bevor Ubisoft endlich mal beschlossen hat, dass "Assassin's Creed schon immer ein Singleplayer-Spiel gewesen sei". Danke.

In den Uncharted-Spielen gibt es ausladende Multiplayer-Optionen, ebenso in The Last of Us. Wozu, Leute, wozu? Gerade diese Spiele sind in so vielen Aspekten klassische Singleplayer-Erfahrungen. Warum muss da ums Verrecken noch ein Mehrspieler-Anteil rein? Klar, die Antwort lautet: Weil es immer noch viele Spieler gibt, die das so wollen und weil man damit zusätzlichen Profit einfahren kann. Ich will auch niemandem seinen Spaß nehmen, aber mal unter uns: Wie wird eine in sich geschlossene Geschichte durch einen angenähten Mehrspieler-Modus besser? Ich sage: Gar nicht.

Sprechen wir kurz über Trophäen-Jäger. Spieler, die gerne alle oder zumindest so viele Trophäen wie möglich in einem Spiel gewinnen, aber keinen Bock auf Multiplayer haben, schauen oftmals auf der Jagd nach der begehrten Platin-Trophäe (zumindest in PlayStation-Spielen) in die Röhre. Denn manchmal ist es richtig zeitaufwändig und beinahe schon arbeitsintensiv, an all die Trophäen zu kommen, die nur bei ausgiebiger Nutzung der Mehrspieler-Modi zu ergattern sind.

Andreas Öjerfors von Machine Games: Wolfenstein braucht keinen Multiplayer.Andreas Öjerfors von Machine Games: Wolfenstein braucht keinen Multiplayer.

In einem Interview mit Andreas Öjerfors, Senior Gameplay Designer bei Machine Games im schwedischen Uppsala, habe ich im Zuge einer Präsentation von Wolfenstein 2 - The New Colossus festgestellt, dass ich die Abwesenheit eines Multiplayer-Modus sehr begrüße. Ich war darauf vorbereitet, dass er mir daraufhin eine Reihe von Gründen aufzählen würde, warum es nicht möglich war, das Spiel noch entsprechend zu erweitern, aber DLC, Erweiterung, Season-Pass et cetera würden das alles ausbügeln.

Seine tatsächliche Antwort war aber: "Danke, dass du das auch so siehst. Ich sehe die Wolfenstein-Spiele als Abenteuer, als nahezu filmische Erfahrung trotz all der Interaktivität. Jedes Segment im Spiel dient dazu, die Geschichte voranzutreiben. Ein Multiplayer hätte diese Erfahrung gestört.

Nein, Herr Öjerfors, ICH danke IHNEN!

Mir fehlt die Intensität der Geschichte

Spiele, die hauptsächlich auf Multiplayer ausgelegt sind, sind mir erzählerisch schlicht und ergreifend zu schwach. Ja, es ist mir klar, dass es dabei oft um ganz andere Aspekte geht als das geschichtliche Szenario. Nur ziehe ich halt persönlich Spiele vor, die mir auch eine stimmige Geschichte erzählen. Und ganz egal, wie oft man mir versichert: "Aber MMO XY hat eine wirklich tolle Story!" - Es trifft einfach niemals zu. Zumindest nicht in meinem Empfinden.

The Last of Us 2: Bitte ohne Multiplayer. Lieber eine längere Kampagne stattdessen.The Last of Us 2: Bitte ohne Multiplayer. Lieber eine längere Kampagne stattdessen.

MMOs zum Beispiel sind oft so aufgemacht, dass jedem Kapitel ein weitläufiger Handlungsbogen zugrunde liegt. MMO-Veteranen können sicherlich bestätigen, dass sich darin mitunter Geschichten verbergen, die es wert sind, erlebt und erzählt zu werden. Dennoch: Es erschließt sich mir nicht intensiv genug. Zu sehr versteift sich der Spielablauf auf zahllose Einzel-Quests, die alle ihre eigene Geschichte verfolgen, manchmal sogar einen zusätzlichen Handlungsbogen einführen, jedoch stets viel zu sehr vom großen Gesamtgeschehen ablenken.

Setze ich mich dann dennoch dran, versuche ich immer, als Einzelspieler zum Ende zu kommen. Der Versuch, mit einem Charakter ausschließlich die Haupt-Quest am Stück durchzuspielen, offenbart dann meistens, dass genau dieser tragende Haupthandlungsstrang erstaunlich dünn ausfällt. Um mehr rauszuholen, müsste ich mich dann wiederum in die Mehrspielerkomponenten einbringen, die mich aber aus vielerlei Gründen (wie bereits weiter oben erläutert) nicht ansprechen.

Mir ist vollkommen klar, dass diese Situationen mit einer entgegenkommenden Community ganz anders aussehen würden. Aber wenn ich erstmal Zeit darin investieren muss, eine solche Community zu finden, die meine zeitlichen Einschränkungen akzeptiert, die miteinander einen respektvollen Umgang pflegt und die sich zueinander verhält wie vernunftbegabte Menschen es tun sollten, komme ich schon wieder zum gleichen Schluss: ich hab keinen Bock darauf. Das ich nicht allein mit dieser Meinung stehe, reflektiert zum Beispiel auch das Versprechen von Sony, Singleplayer-Spielen nicht den Rücken zu kehren.

Der Griff zum Spiel für den Einzelspieler ist naheliegend, bietet er mir doch all das, was ich will: Ich habe meine Ruhe, ich kann mich auf eine hoffentlich gute Erzählung konzentrieren, ich bin von niemandem abhängig, niemand hängt von mir ab. Und so wird es auch bleiben, denn letzten Endes ist und bleibt es eine Frage des Geschmacks und der Vorlieben.

Tags: Multiplayer  

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