Harry Potter Hogwarts Mystery: Das Spiel mit der Geduld

(Kolumne)

von Marvin Heiden (17. Mai 2018)

Das „Harry Potter“-Mobilegame erhielt im Google Play Store überwiegend positive Bewertungen. Nichtsdestotrotz beklagten sich in der jüngsten Vergangenheit viele über das vermeintlich unfaire und ausbeuterische Spiel-Design. Aber ist das nun wirklich so schlimm? Ein Selbstversuch.

In der Geschichte der Videospiele hatten Lizenzspiele schon immer schlechte Karten. Die Hoffnung, unter ihnen eines zu ergattern, das sich als bestenfalls durchschnittlich genießbar herausstellt, ist dementsprechend äußerst gering. Gepaart mit „Free to Play“-Mechaniken und vermarktet für Mobilgeräte ergibt sich eine explosive Mischung, deren Zerstörungskraft ahnungslosen Gamern zu Recht Sorgen bereitet. Ein aktuelles Beispiel solcher spielerischen Komplettentgleisungen ist angeblich das von Kritikern vielfach geächtete Harry Potter - Hogwarts Mystery. Doch ist die Häme gegenüber der App berechtigt?

An dieser Stelle möchte ich gern betonen, dass ich kein eingefleischter „Harry Potter“-Fan bin. Ja, ich habe die Filme gesehen und sie teilweise auch sehr genossen, aber die Bücher habe ich beispielsweise nicht gelesen – eine Tatsache, für die mir „echte“ Fans bereits mehrfach das Diskussionsrecht entzogen haben. Trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) behaupte ich in der Lage zu sein, das sich auf dem Prüfstand befindliche Spiel halbwegs unvoreingenommen unter die Lupe nehmen zu können, um es als das zu wahrzunehmen, was es ist.

Gestatten: Der legendäre Neuzugang in Hogwarts.Gestatten: Der legendäre Neuzugang in Hogwarts.

Also, was genau ist Hogwarts Mystery eigentlich? Das Spiel erzählt eure ganz persönliche Geschichte als Zauberlehrling an der berühmten Zaubererakademie. Einige Jahre bevor Harry Potter selbst seine Ausbildung dort beginnt, lauft ihr mit eurem selbsterstellten Charakter durch die heiligen Hallen und müsst euren Schulalltag meistern. In der fortlaufenden Handlung begegnet ihr neuen Freunden, Feinden und den wichtigsten Figuren aus dem Potter-Universum.

Die diabolisch grinsende Merula will euch ans Leder.Die diabolisch grinsende Merula will euch ans Leder.

Für ein Handyspiel klingt das auf den ersten Blick ziemlich ambitioniert. Vielleicht sogar zu ambitioniert, denn der Plot stellt sich schnell als plattes Abziehbild der bekannten Geschichten heraus. Es wirkt, als hätten die Entwickler eine „Harry Potter“-Checkliste zur Hand gehabt, mit Dingen, die auf keinen Fall fehlen dürfen. Neuer bester Freund in den ersten zehn Sekunden? Check. Abgrundtief böse Rivalin, die aus keinem ersichtlichen Grund handelt? Check. Von der Winkelgasse zum Hogwarts-Express zum Zauberschloss? Check. Wer nach originellen Einfällen oder Charakterentwicklungen sucht, ist hier fehl am Platz.

Harry Potter Hogwarts Mystery ist bei weitem nicht so aufregend, wie es in diesem Trailer dargestellt wird:

Die gleiche Problematik zeigt sich auch in Sachen Gameplay. In der ersten halben Stunde gibt es so gut wie nichts zu tun. Ihr tippt lediglich durch Unmengen schmalziger Dialoge, danach von Ort zu Ort und schließlich in aufpoppenden Schaltflächen herum. Herausforderungen sucht ihr hier vergebens, denn so gut wie alle Handlungsoptionen werden euch aus der Hand genommen. Objekte und Figuren, mit denen ihr interagieren könnt (beziehungsweise müsst) heben sich stets durch einen blau leuchtenden Schimmer gut sichtbar vom Hintergrund ab.

Abenteuer des Alltags: Auch Zauberer müssen lernen.Abenteuer des Alltags: Auch Zauberer müssen lernen.

In sogenannten Abenteuer-Sequenzen müsst ihr eure Energiepunkte, von denen ihr anfangs 24 habt, für bestimmte Aktionen investieren. Sind eure Punkte futsch müsst ihr warten (4 Minuten = 1 Energie) – oder mit Echtgeld zahlen (3,99 Euro = 130 Edelsteine = 71 Energie). Besonders perfide: Manche Aktionen konsumieren mehr Energie als andere, haben aber genau die gleichen Auswirkungen. Wenn ihr nicht aufpasst, braucht ihr also deutlich länger und verschwendet mehr Energie auf ein Abenteuer als nötig.

Besonders absurd ist, dass euch das Spiel selbst dann nicht gehen lassen möchte, wenn es ganz offensichtlich nichts mehr zu tun gibt. Steckt ihr in einem Abenteuer fest, habt keine Energie mehr übrig, um Aktionen auszuführen, und wollt dann das Spiel verlassen, erscheint folgende Meldung:

Nun. Und jetzt? Um der sehr dreisten Masche, euch die Ingame-Käufe schmackhaft zu machen, doch noch zu entgehen, bleibt euch also nichts anderes übrig als die App aus dem Taskmanager eures Telefons heraus zu beenden.

Fairerweise muss ich festhalten, dass das nicht die einzigen interaktiven Elemente des Spiels sind. Darüber hinaus gibt es nämlich hin und wieder „Quicktime“-artige Reaktionstests, (sehr) leichte Trivia-Fragen zur „Harry Potter“-Welt oder Dialogoptionen, mit denen ihr eure Charakterwerte verbessert. Mit entsprechend hohen Charakterwerten könnt ihr wiederum neue Abenteuermissionen freischalten. Insgesamt fehlt es hier jedoch an Variation und Kreativität, sodass beim Spielen nicht wirklich das Gefühl von Abwechslung entsteht.

Die Grafik ist ... Geschmackssache. Vor allem die Hintergrundgrafiken haben trotz ihres comichaften Stils durchaus Wiedererkennungswert. Aber die höchst unheimliche Gesichtsakrobatik der Charaktere jagte mir beim Spielen tatsächlich den einen oder anderen Schauer über den Rücken. Als hätten sämtliche Charaktere ihr Frühstücksmüsli mit Ecstasy bestreut, werden hier ununterbrochen Augen gerollt, Mundwinkel gedehnt und Arme rotiert. Einige Figuren zeigen sogar so abgrundtief hässliche Fratzen, dass nicht mal mehr ihre eigene Mutter noch ungerührt hinsehen könnte. In Kombination mit den an Aufgesetztheit kaum zu übertreffenden Dialogen ergibt sich eine Grundstimmung, die so unangenehm ist, dass ich permanent mit gerunzelter Stirn dasaß.

Mimik, die selbst Theaterschauspielern zu ausdrucksstark wäre.Mimik, die selbst Theaterschauspielern zu ausdrucksstark wäre.

Am Ende ist Harry Potter – Hogwarts Mystery jedoch ein „Free to Play“-Mobilegame wie viele andere auch. Wenn ihr genug Geduld oder eine dicke Brieftasche mitbringt, sind die Unterbrechungen nur halb so schlimm wie oft behauptet wurde. Auch die Methoden, euch kostenpflichtige Inhalte anzudrehen, sind offensichtlich genug, um nicht darauf hereinzufallen. Insofern hinterließ das Spiel nach meiner dreistündigen Anspiel-Session lediglich gähnende Gleichgültigkeit. Es ist definitiv nicht das Spiel auf das Hardcore-Potter-Fans ihr Leben lang gewartet haben, sondern nur eine weitere lieblose und zeitfressende Geldmaschine, deren Beachtung ihr euch ohne weiteres auch schenken könnt.

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Tags: Fantasy   Free 2 play  

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