Virtuelle Gewalt an Tieren: Wann sie zu weit geht - und was sie mit dem Spieler tut

(Special)

von Chiara Bruno (02. Juni 2018)

Kurz nach der Veröffentlichung von Far Cry 5 geriet der Shooter in das Visier der Tierschutzorganisation PETA. Die Kritik: Die Möglichkeiten, im Spiel virtuell zu angeln, seien "unethisch und gewaltverherrlichend", so PETA in einer Pressemitteilung. An zahlreichen Kommentaren in sozialen Medien war schnell zu sehen, dass die Aussagen nicht auf Zustimmung stoßen. Für einige waren sie sogar belustigend. Doch ist die Kritik an der Gewaltdarstellung von Tieren in Videospielen so lächerlich? Oder gibt es vielleicht doch einen Grund, die Form der Darstellung zu hinterfragen?

Far Cry 5 hat eine Vielzahl an Lebewesen:

Um das Thema näher zu beleuchten, haben wir mit PETA gesprochen und einige der Aussagen mit der Hilfe zweier Entwickler und eines Medienpädagogen kritisch hinterfragt.

Mit wem haben wir gesprochen?

  • PETA ist laut eigenen Angaben mit mehr als fünf Millionen Unterstützern weltweit die größte Tierrechtsorganisation. PETA ist - wie sie in unserem Interview selbst bestätigten - bekannt für ihre "provokanten Aktionen". Ihr Ziel ist es "Aufmerksamkeit zu gewinnen und diese darauf zu lenken, dass alle Tiere das Recht auf ein Leben in Freiheit und Unversehrtheit haben." Sie sorgen laut eigenen Angaben dafür, "dass über Tierrechte debattiert wird und dass so manches was zunächst auf Unverständnis stößt, im Laufe der Zeit alltäglich wird (...)". Unsere Fragen beantwortete uns Dr. Tanja Breining, Fachreferentin für Fische und Meerestiere, die zuvor Far Cry 5 kritisierte.

  • Prof. Dr. phil. Martin Geisler leitet seit 2007 das medienpädagogische Institut für Computerspiel "Spawnpoint" in Erfurt und ist seit 2014 Landessprecher der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur in Thüringen.

  • Torben Ratzlaff ist als Interactive Media Designer tätig und unterrichtet Game Art an der Hamburger Technischen Kunstschule. Zudem organisiert er in Hamburg regelmäßige Treffen der lokalen Indie-Szene.

  • Alexander Ziska ist seit langer Zeit Gamer. Als ursprünglicher Autoverkäufer fand er über Umwege die Berufung zum Indie-Entwickler. Er arbeitet derzeit am Action-Spiel 'Gun-Crazy', der irgendwann "in den nächsten zehn Jahren" auf Konsole erscheinen wird. Außerdem organisiert er ein monatliches Treffen für die NRW Game Developer und alle, die sich für Spieleentwicklung interessieren.

Die Auswirkungen virtueller Gewalt an Tieren auf den Menschen

Ein Grund für PETA, die Angelmethoden in Far Cry 5 zu kritisieren, sei die Befürchtung, dass "es für Angler neue Anreize setzt, die zum Nachmachen anregen. Zudem wird das Angeln durch solche Spiele verharmlost und dem Angeln wird ein heldenhaftes Image verpasst, das es absolut nicht verdient." Die Banalisierung der Gewalt in Videospielen führe laut PETA außerdem dazu, dass "bei einzelnen Menschen die Hemmschwelle zur Gewaltbereitschaft in der Realität" gesenkt werde. Zwar werde "bei weitem nicht jeder durch Computerspiele gewalttätig", dennoch sei "mindestens ein junger deutscher Attentäter zuvor am Computer aktiv [gewesen] und hat in der virtuellen Welt Menschen erschossen."

Seit jeher gibt es eine ähnliche Diskussion, die "Killerspieldebatte", die meist zum Vorschein kommt, wenn es im realen Leben Attentate gibt. Anfang dieses Jahres reagierte der US-amerikanische Präsident Donald Trump auf einen Amoklauf eines 19-Jährigen an einer Schule in Florida mit der Verurteilung von Videospielen. Dabei ist das Thema zu komplex, um pauschal eine Brücke zwischen realer und virtueller Gewalt zu bilden. Gewaltspiele stellen einen von vielen verschiedenen Faktoren dar, die ihren Teil zur Aggression eines Menschen beitragen können. Dabei spielen auch äußerliche Einflüsse eine große Rolle und die individuelle Wahrnehmung des Spielers. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass sie eine bestimmte Form der Aggression fördern können, ohne Weiteres aber niemanden zum Gewaltverbrecher machen.

Mehr zur Killerspieldebatte könnt ihr in diesem Artikel von meinem Kollegen René lesen.

In Videospielen ist es keine Seltenheit, dass Spieler auf ein Tier oder einen Menschen zielen. "Wenn ich auf Pixel ziele, wird niemand geschädigt, ähnlich wie in Filmen", so Martin Geisler. "Das heißt nicht, dass es unproblematisch ist. Wie es der Spieler wertet, ist wichtig." Das heißt, dass es auch wichtig sei, wer dieses Videospiel gerade spielt.

"Ein Spielender, der reflektiert an das Spiel geht, kann einen Rahmen setzen und weiß, dass ein Pixeltier zu töten, keine reale Gewalt ist. Ein unreflektierter oder gar eh schon gewaltbereiter Spieler, der eventuell im echten Leben sogar Katzen tritt, könnte das missverstehen."

Problematisch sei außerdem, so Geisler, wenn Tiere lediglich als "Produkt" oder Gegenstand dargestellt werden. Das Gegenteil dazu bietet der Hund in Far Cry 5, der auf den Namen Boomer hört.

Boomer ist einer der ersten Begleiter, auf den die Spieler treffen können. Er unterstützt im Kampf und in der Wildnis, kann allerdings nicht sterben - höchstens außer Gefecht gesetzt werden. Mithilfe von ein paar kurzen Streicheleinheiten erholt er sich wieder.

Das Besondere: Der Hund hat sogar eine eigene Geschichte. Der Australian Cattle Dog lebte bis zur Ermordung seiner Besitzer auf Rae-Rae's Kürbisfarm. Euch anschließen kann sich Boomer in seiner eigenen Story-Mission Der Beste Freund des Menschen.

Doch Boomer ist nicht das einzige Tier, dem die Spieler begegnen. In Far Cry 5 gibt es eine Mission, die vielen ein Dorn im Auge sein könnte.

Die Darstellung in Far Cry 5

(Quelle: YouTube, Draegast)

In der Nebenmission Eierfeier ist das Ziel, Bullen-Testikel für ein Hoden-Festival zu sammeln. Dabei werden drei verschiedene Varianten von Hoden benötigt: geschredderte, gebratene und blaue. Dafür müssen die Stiere also mit einem Molotow-Cocktail attackiert, mit einem Traktor samt Schredder überfahren, und Hoden inmitten des Geschlechtsakts mit einer Kuh entfernt werden. In einem Interview mit dem englischsprachigen Magazin Gamesradar, sagt der Entwickler des Spiels, Dan Hay, dass die Mission zu dem Konzept von Far Cry 5 gehöre, "in einem Moment etwas Ergreifendes" zu haben und "in der nächsten Minute etwas, das verrückt ist". Ironie und schwarzer Humor gehört nicht erst seit Far Cry 5 zur Serie. Geht das alles zu weit? Wenn es nach dem Indie-Entwickler Alex Ziska geht, ist das Teil der künstlerischen Freiheit:

"Fangen wir bei den Hoden an: Ich persönlich sehe das als künstlerische Auseinandersetzung mit der Lebenswirklichkeit von Rinderfarmern. Das Kastrieren von Bullen ist da an der Tagesordnung und wird zum Beispiel in den USA bereits Kindern beim Abenteuerurlaub vermittelt."

Es sei seiner Meinung nach sogar gut, diese Mission zu hinterfragen und sich mit dem eigenen Verhalten auseinanderzusetzen. Immerhin könne es auch ein kritischer Kommentar, bezüglich der Rinderhaltung in den USA, der "Far Cry 5"-Entwickler sein.

"Leider passiert es nach wie vor viel zu oft, dass sich Leute ohne Bezug zum Medium Videospiel nur sehr oberflächlich mit dessen Möglichkeiten des Perspektivewechsels auseinandersetzen und einfach nur das Abgebildete sehen, in diesem Fall die Gewaltdarstellung."

Auch für Torben Ratzlaff ist es wichtig, mit welcher Perspektive ein Spieler auf Missionen dieser Art blickt:

"Tiere oder Menschen in Videospielen oder auch Filmen zu töten ist für sich erstmal völlig wertfrei. Problematisch wäre nur, wenn der Konsum dieser Inhalte die Meinung, Wahrnehmung oder Hemmschwelle der Konsumenten negativ beeinflusst."

Weiter mit: PETAs Strategie

Inhalt

  • 1. Die Auswirkungen virtueller Gewalt an Tieren auf den Menschen
  • 2. PETAs Strategie
Die Hingabe der Fans - aus Sicht eines Nichtspielers

World of Warcraft: Die Hingabe der Fans - aus Sicht eines Nichtspielers

Battle for Azeroth ist da und eingeschworene Fans sitzen ganz hibbelig vor den Rechnern, um die neueste Erweiterung von (...) mehr

Weitere Artikel

Diese Spiele könnt ihr ab Kalenderwoche 34 spielen

Neuerscheinungen: Diese Spiele könnt ihr ab Kalenderwoche 34 spielen

Die kommende Woche bietet mal wieder eine bunte Auswahl an Spielen. Zwischen Multiplayer-Action, romantischen Retro-Gef (...) mehr

Weitere News

Newsletter

Mit diesem Formular kannst du den Spieletipps.de Newsletter kostenlos abonnieren.

Far Cry 5 (Übersicht)
* gesponsorter Link