Test Detroit - Become Human: Haut euch um, ob ihr es mögt oder nicht

von René Wiesenthal (24. Mai 2018)

Was waren wir begeistert nach dem ersten Anspielen von Detroit – Become Human. Eine überwältigende Optik und die großen Versprechen der Entwickler machten uns die Münder wässrig. Nachdem wir das Androiden-Epos auf Herz und Nieren prüfen konnten, sind wir bereit euch zu sagen, ob es hält was es versprochen hat.

Natürlich ist aus Erfahrung ein gesundes Maß an Vorsicht geboten, wenn Quantic Dream mit ihrem neuesten Adventure Detroit – Become Human alles versprechen, was sie bisher geleistet haben, nur in größer, schöner, komplexer – besser eben. Das Team hat bereits tolle Adventures geschaffen, die aber immer auch eine Menge heiße Luft ausströmten. Trotzdem kamen wir nicht umhin, den Anspieltermin im April voller Vorfreude und Begeisterung zu verlassen.

Jetzt, da wir über die ersten drei Stunden der Demo hinaus gespielt und unser eigenes vollständiges Detroit-Abenteuer erlebt haben, können wir die Ersteindrücke besser einordnen. Das Ergebnis: In vielerlei Hinsicht wurden bisherige Erwartungen tatsächlich noch übertroffen. Vollkommen rund ist das Erlebnis aber dennoch nicht.

Blaues Blut ist nicht immer ein Vorteil

Das Jahr 2038: Der in Detroit ansässige Technikkonzern Cyberlife hat vor einigen Jahren einen Durchbruch in der Entwicklung Künstlicher Intelligenz geschafft – menschenähnliche Maschinen, die den Turing-Test bestehen (damit stellt man fest, ob eine Maschine ein gleichwertiges Denkvermögen wie ein Mensch aufweist). Seither haben die Androiden Einzug in alle Lebensbereiche gehalten; sie helfen beim Hausputz, hüten die Kinder, verkaufen aber auch im Einzelhandel, bauen Straßen und befriedigen sexuelle Gelüste. Kurzum: Sie tun Dinge, die auch Menschen tun, besetzen teils deren vormalige Positionen, besitzen aber weder Menschenrechte noch einen freien Willen. Herzartige Pumpen fördern blaue Transportflüssigkeit durch ihre Körper, ihr Denkvermögen überschreitet das jedes Menschen. Mehr als gehorsame Güter sind sie aber nicht.

Ihr werdet schnell merken, dass Androiden bei vielen Menschen eher unbeliebt sind.Ihr werdet schnell merken, dass Androiden bei vielen Menschen eher unbeliebt sind.

Wenn Leute heutzutage darüber schimpfen, dass Roboter ihre Arbeit erledigen, wird das den hydraulischen Apparaten in Automobilwerkshallen nicht wehtun. Die mechanischen Wesen in Detroit aber nehmen mehr und mehr Kenntnis von den Anfeindungen und der Ungleichbehandlung durch die Menschen. Wie ein Virus breitet sich das Phänomen so genannter Abweichler im Land aus - Androiden, die sich ihrer Programmierung widersetzen. Ausgelöst wird es durch jemanden oder etwas, das sich hinter der rätselhaften Bezeichnung "ra9" verbirgt. Morde von Androiden an ihren Besitzern häufen sich und so werden Ermittler aktiv, den Geschehnissen auf den Grund zu gehen.

Ich glaub, ich bin ein Robo-Mensch

Der Haushaltsroboter Kara ist ein solcher Abweichler, ihr begleitet sie auf der Reise nach der Flucht vor ihrem Peiniger. Markus ist der zweite Android im Bunde der zentralen Figuren, sein Widerstand wird auf besonders grausige Art in Gang gesetzt. Die dritte Figur, die ihr spielt, ist der Polizeiandroid Connor, der das Abweichler-Problem an der Seite des menschlichen Polizisten Anderson ermittelt.

Im Wechsel spielt ihr die drei Androiden episodenweise, ihre Geschichten werden immer wieder miteinander verbunden. Und sie können an mehreren Punkten im Spiel ein abruptes Ende nehmen: Wenn ihr die falschen Entscheidungen trefft, können alle drei sterben. Belastet euch dieser Druck zu sehr, könnt ihr einen einfacheren Modus wählen, der etwas barmherziger ist und eure Figuren nicht so rasch über die Klinge springen lässt.

Seht euch hier den Trailer zu den Charakteren an:

Da Detroit schon im Selbstverständnis ein interaktiver Film ist, lässt sich der spielerische Anteil, den ihr habt, recht kurz fassen: Wie in vorherigen "Quantic Dreams"-Spielen laufen die meisten Situationen mittels Quick Time Events oder Dialogoptionen ab, zwischen denen ihr in aller Regel ebenfalls unter Zeitdruck wählt. Umgebungen können nach Interessantem untersucht werden, das ihr euch mittels Scan-Option anzeigen lasst. Die Androiden-Fähigkeiten erlauben ebenso kleinere Einlagen, in denen ihr vergangene Ereignisse rekonstruiert oder verschiedene Handlungskonsequenzen vorausberechnet, unter denen ihr die Sinnvollste finden müsst. Das passt zum Szenario und sorgt für nette Abwechslung im Adventure-Alltag, ist aber spielerisch betrachtet kaum der Rede wert.

Keine neuen Fragen, keine neuen Antworten

Wie wir bereits vermutet haben, ruht sich Detroit – Become Human bei der Behandlung des Themas KI und der Frage nach dem Wesen des Menschen eher an der Oberfläche aus. Taucht es doch mal ein wenig ab, dann nur wenige Zentimeter unter den Wasserspiegel. Kann eine KI fühlen? Was macht uns eigentlich zu Menschen? Werden wir eines Tages von Robotern ersetzt? Keine neuen Fragen, keine neuen Antworten.

Viele Androiden entwickeln einen freien Willen. Die Menschen können das nicht so recht glauben.Viele Androiden entwickeln einen freien Willen. Die Menschen können das nicht so recht glauben.

Die philosophische Komfortzone bietet eine ausreichend elaborierte Ausgangsposition für die dramatischen Wendungen und persönlichen Schicksale von Detroit, die tatsächlich im Mittelpunkt der Erzählung stehen - viel Potenzial, das die Thematik bietet, wird aber leider recht früh im Spiel zu Gunsten dieser aufgegeben. Detroit ist in erster Linie unterhaltsam und nicht tiefsinnig. Das muss euch nicht ärgern, denn unterhalten kann es sehr gut. Wenn das pseudo-philosophische Palaver die Logik zerstört, wird es allerdings störend.

Wenn der Koloss seine wunden Punkte zeigt

Womit wir bei einem der wunden Punkte von Detroit wären: Um das Spiel genießen zu können, müsst ihr öfter mal ein Auge zudrücken, was Logiklücken und Plausibilität angeht. Angesichts der kolossalen Ausmaße und vielen Verstrickungen des Spiels ist das aber kaum verwunderlich. Schön ist, dass die Zukunftsvision des Spiels nicht bloß reine Fassade bleibt und ihr immer wieder auf Zeitungsberichte, Nachrichtenübertragungen und andere Hintergrundinfos stoßen könnt, die politisches und gesellschaftliches Zeitgeschehen beleuchten. Das ist mal mehr und mal weniger glaubwürdig, macht die Spielwelt aber lebendig und bettet die Geschehnisse in ein größeres Ganzes ein.

Hübsch, aber oberflächlich: Die Beziehung zwischen Kara und Alice kann nicht überzeugen.Hübsch, aber oberflächlich: Die Beziehung zwischen Kara und Alice kann nicht überzeugen.

Ein anderes Problem der Erzählung sind die Figuren. Markus' Entwicklung zum Mittelpunkt einer Revolution der Androiden kommt etwas holprig daher, zumal er doch sehr blass bleibt, sobald dessen Vorstellung als Ziehsohn vom gealterten Künstler Carl vorüber ist. Ebenso ist die innige Beziehung von Kara zur Adoptivtochter Alice eher ein Gerücht, als dass sie wirklich glaubhaft erzählt wird. Das Verhältnis der beiden, aus dem sich deren Motivation nährt, ist oftmals nur zweckmäßig, sie werden nicht selten von Nebenfiguren in den Schatten gestellt. Die wohl interessanteste Dynamik bietet das Verhältnis zwischen Connor und seinem androidenhassenden Partner wider Willen. Deren Beziehung entwickelt sich an zahlreichen spannenden Punkten der Geschichte glaubwürdig weiter und ist das emotionale Zugpferd der gesamten Handlung.

Kinnladen werden fallen

Trotz allem schafft es Detroit zu fesseln und zu unterhalten. Es ist schwierig, den Genuss für die Sinne beim Spielen zu beschreiben, ohne in Superlative zu verfallen. Glaubt uns, wenn wir euch sagen: Detroit sieht unfassbar gut aus und zieht euch auf einzigartige Weise in die Spielwelt. Was Quantic Dream hier aus der PlayStation 4 rausholt, ist einfach der Hammer, selbst auf der Standard-Version der Konsole, auf der unser Test basiert. Der Detailgrad von Charaktermodellen und Umgebungen ist immens, durch die traumhaft schönen und toll eingefangenen Kulissen mit ihren überragenden Umgebungseffekten gewinnt das Erlebte noch mehr an Brillanz. Die durch Motion Capturing eingefangenen Animationen sind über alle Zweifel erhaben.

Unmöglich, dass euch Detroit nicht immer wieder zum Staunen bringt.Unmöglich, dass euch Detroit nicht immer wieder zum Staunen bringt.

Eine äußerst verstörende Sequenz im ersten Drittel des Spiels, in der Markus im weitesten Sinne zu sich selbst findet (mehr wollen wir nicht verraten), gehört zu dem audiovisuell Beeindruckendsten was Videospiele derzeit zu bieten haben. Wem hier nicht die Kinnlade herunterplumpst, den juckt gar nichts mehr. Detroit ist keine stumpfe Grafikprotzerei, sondern in nahezu jeder Einstellung ein überragend inszenierter Augen- und Ohrenschmauß.

Mehr als genug zu tun

Worüber wir uns ebenfalls nicht beschweren können ist der Umfang des Spiels. Je nachdem wie sorgfältig ihr jedes Kapitel erkundet und wie die Geschichte euren Entscheidungen folgend verläuft, könnt ihr für einen einzigen ersten Durchlauf zwischen 20 und 30 Stunden in die Geschichte investieren. Die Entscheidungsbäume, die sich anfänglich als Stimmungsdrücker zwischen die Spielabschnitte schieben, werden mit zunehmender Komplexität und wachsenden Alternativmöglichkeiten eine interessante Beschäftigung zum Ende jeder Episode.

Zudem ergibt sich aus den zahlreichen Verzweigungen ein gefühlt unendlicher Wiederspielwert. Erneute Versuche lassen euch neue Erkenntnisse gewinnen und Handlungsoptionen freischalten, die in kritischen Momenten über Leben und Tod entscheiden können. Jeden möglichen Handlungsverlauf einmal gespielt zu haben, ist schlicht und ergreifend unmöglich. Und tatsächlich nehmen Situationen teils gravierend andere Ausgänge, wenn ihr sie ein zweites oder drittes Mal spielt – die Entscheidungsfreiheit ist meistens kein bloßes Alibi.

Euer Partner Anderson hat ein dezentes Alkoholproblem. Wie werdet ihr damit umgehen?Euer Partner Anderson hat ein dezentes Alkoholproblem. Wie werdet ihr damit umgehen?

Hinzu kommt, dass ihr am Ende jedes Kapitels Punkte sammelt, die ihr in wirklich coole Extras investieren könnt: Schaltet den imposanten Soundtrack frei, schaut euch die detaillierten Figurenmodelle des Spiels an oder erfreut euch an Artwork und Videomaterial zur Entstehung des Spiels. Alle Extras, selbst die einzelnen Musikstücke, enthalten interessante Informationen, die es sich zu lesen lohnt. So wurde beispielsweise ein Instrument für das Spiel erfunden, dass sich Connor-Gitarre schimpft.

Im Hauptmenü begrüßt euch bei jedem Besuch Service-Prototyp Chloe, die immer wieder mir euch interagiert und mal erfreut, mal furchtsam oder auch traurig auf eure Antworten reagiert. Bevor wir das Spiel zuletzt ausschalteten, teilten wir ihr mit, dass sie frei ist und entließen sie damit aus ihrem Job als Menü-Hostess. Detroit – Become Human ist ein Gesamtkunstwerk. Kein wirklich rundes und längst nicht so tiefgreifend wie es gern wäre, aber allemal einzigartig.

Meinung von René Wiesenthal

Ich war stinksauer, nachdem ich Detroit – Become Human durchgespielt hatte. Aber nicht etwa auf das Spiel oder die Entwickler, sondern wegen des für mich sehr unangenehmen Ausgangs der Handlung. Ich werde wohl noch einmal spielen, um ein anderes der vielen möglichen Enden der Geschichte zu bekommen. Dass ich so sauer war, zeigte mir, dass mich das Spiel trotz der teils seichten, hier und da unlogischen Handlung und vieler stereotyper Figuren gepackt hatte.

Der Kitt, der das Spiel zusammenhält, sind eine Handvoll sympathischer Figuren, eine geniale Inszenierung der überragend schönen Schauplätze, überraschend viel Umfang und das Wissen, tatsächlich wirkungsvoll in die Geschichte eingreifen zu können. Somit werde ich mich noch lange an diese einzigartige Erfahrung erinnern. Aber auch der Nervenkitzel in brenzligen Situationen, bei denen manchmal alles auf dem Spiel stand, hat mich immer wieder aus der Reserve gelockt.

Für eine vollkommen gelungene Erfahrung hätten neben mehr erzählerischer Konsistenz und weniger Pathos gegen Ende des Spiels unter anderem die spielerischen Elemente ausgefeilter sein müssen. In den Momenten, in denen die Androiden ihre Fähigkeiten einsetzen, um die Umgebung zu scannen, Vorberechnungen anzustellen und Situationen zu rekonstruieren, greifen sie zwar sinnvoll in die Erzählung, aber sie bereichern das Gefühl, tatsächlich zu spielen, nur mäßig. Quick Time Events finde ich außerdem immer noch lausig.

Die Ambitionen der Entwickler sind eben spürbar in andere Aspekte von Detroit - Become Human geflossen und schaffen es auch - ungeachtet aller Macken - zu unterhalten und mitunter zu überwältigen. Könnt ihr zulassen, was Detroit nicht so gut kann, werdet ihr eure helle Freude daran haben.

Ich kann euch übrigens nur ans Herz legen, das Spiel auf Englisch zu spielen. Die Originalsynchronisation überragt die deutsche um Längen und ist meist klar und deutlich zu verstehen. Deutsche Untertitel lassen sich zuschalten.

87 Spieletipps-Award

meint: Logiklücken und teils blasse Figuren zum Trotz: Detroit ist ein packendes und überragend inszeniertes "Science Fiction"-Adventure.

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Tags: Science-Fiction   Singleplayer  

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