Zwischen Handy und High-End: Sind wir nicht alle ein bisschen casualcore?

(Special)

von Emily Schuhmann (27. Mai 2018)

Was macht eigentlich einen richtigen "Gamer" aus? Spielerisches Können, eine bestimmte Anzahl von Spielstunden oder gigantisches Hintergrundwissen? Die Demografie der Spieler verändert sich immer mehr und das stellt die Industrie vor Herausforderungen.

In der breiten Öffentlichkeit gelten wir Gamer oft noch immer als introvertierte Faulenzer, die nicht gern vor die Tür gehen. Tatsache ist, dass der Begriff Gamer enorm verwaschen ist. Ein Fan von Death Metal kann eine genauso große Liebe zur Musik haben wie jemand, der auf Pop oder Schlager steht. In der Videospielwelt verhält es sich ganz ähnlich. Ganz egal welches Genre ihr bevorzugt, ihr seid ein Gamer, aber seit einer Weile tut sich eine Kluft auf, die nichts mit Shooter-Liebhaber gegen begeisterter Rollenspieler zu tun hat. Auf der einen Seite stehen die Hardcore-Zocker und auf der anderen die Casuals.

Spiele wie Pokémon Go locken sogar bekennende Nicht-Zocker vor die Bildschirme.

Unten im Tal amüsieren sich derweil diejenigen, die zu keinem der beiden Lager gehören. Auch wenn es manchmal nicht so scheint, da sie nicht die lauteste Gruppe sind, machen diese Normalos den größten Teil der Spielerschaft aus. Sie sind oft große Fans einer bestimmten Reihe, scheuen aber auch nicht davor zurück neuen Spielen eine Chance zu geben. Nachmittags oder nach Feierabend zocken sie gern ein oder zwei auf Rechner oder Konsole. Videospiele sind für sie einfach nur Spaß und Entspannung. Das schließt freundschaftlichen Wettkampf nicht aus, aber diese Spieler interessieren sich nicht für Online-Shitstorms oder übertriebene Analysen. Sie genießen einfach.

Zwischen Candy Crusher und "Platin Trophäen"-Sammler

Smartphones finden sich mittlerweile in so gut wie jeder Hand- oder Hosentasche. Das macht sie zu einer hervorragenden Plattform für alle Spiele, die eine möglichst große Zielgruppe erreichen sollen. Sogenannte Casuals interessieren sich nicht unbedingt für die neuesten Entwicklungen in der Spiellandschaft, besitzen meistens keine Konsolen und der PC ist für sie hauptsächlich ein Arbeitsgerät. Ihre Lieblingsspiele sind zugänglich und zeichnen sich nicht durch extremen Tiefgang oder eine Vielzahl von Mechaniken aus.

Ziel der Apps ist es, häufig aber meistens nur für begrenzte Zeit vor die kleinen Bildschirme zu locken. Die Kaufkraft der Gelegenheitsspieler ist groß und so ist es kein Wunder, dass die Gruppe in der Videospielindustrie richtungsgebend ist.

Extremismus ist nie gesund, so auch beim Thema Videospiele. Sogenannte Hardcore-Spieler zocken viel, analysieren jedes kleinste Detail und kennen die Hintergrundgeschichte ihrer Lieblingsspiele auswendig.

So weit - so unproblematisch, aber einige Mitglieder dieser Gruppe übertreiben es leider, was Hardcore-Spielern allgemein einen eher schlechten Ruf einbringt. Großes Interesse ist keineswegs falsch, aber oft verhält sich diese selbsternannte Elite abwertend gegenüber allen anderen Spielern und sogar den Entwicklern. In empörten Forenbeiträg wird alles auseinandergenommen, was ihrer Meinung nach falsch läuft.

Dabei fällt oft unter den Tisch, dass eben nicht alle Hardcore-Spieler so sind. Viele sind einfach investierter und interessierter. Videospiele sind ihnen wichtig und manchmal wirken sie dadurch arroganter und schroffer, als sie es eigentlich sind.

Entwickler müssen sich entscheiden

Natürlich sind diese drei Gruppen überspitzte Darstellungen der gesamten Spielerschaft. Was diese Aufteilung allerdings deutlich macht: nicht jedes Videospiel ist für jeden Spieler gedacht. Das sollte eigentlich kein Problem darstellen, nicht wahr? Es gibt ja schließlich massig Auswahl und so sollte jeder etwas finden, das ihm gefällt. Entwicklerstudios müssen und wollen jedoch Geld verdienen, und um möglich hohe Umsätze zu machen, haben sie drei Optionen: ihre Spiele einfacher und damit massentauglicher machen, mehrere Schwierigkeitsgrade einbauen oder ihre Idee durchziehen und sich wie beispielsweise die "Dark Souls"- oder Cuphead-Macher durch die Gnadenlosigkeit ihrer Spiele auszeichnen.

Bei solchen Gegnern ist es kein Wunder, dass Spieler von Dark Souls 3 recht häufig das Zeitliche segnen.Bei solchen Gegnern ist es kein Wunder, dass Spieler von Dark Souls 3 recht häufig das Zeitliche segnen.

Diese drei Möglichkeiten überschneiden sich mit den drei Spielergruppen und Studios müssen sich entscheiden, wen sie am meisten ansprechen wollen. Die Option, die Herausforderung nach den eigenen Wünschen anzupassen, resultiert in der größten möglichen Zielgruppe, aber ist auch am aufwändigsten in der Entwicklung. Viele Gamer beschweren sich seit Jahren darüber, dass Spiele insgesamt immer einfacher werden und an Mechaniken verlieren. Es ist schwer diese Behauptung zu belegen, aber da die Casual-Gruppe mit der wachsenden gesellschaftlichen Akzeptanz von Videospielen immer größer wird, ist die Idee nicht zu weit hergeholt.

Wir haben uns übrigens kürzlich bereits ausführlich mit Schwierigkeit in Spielen beschäftigt, wenn ihr also eher an dieser Seite des Themas interessiert seid, stattet dem Artikel Scheitern: Schande oder Spielprinzip? einen Besuch ab.

PC, PlayStation oder doch Xbox?

Die Planung der Zielgruppe beginnt allerdings schon vor der Entwicklung und zwar mit der Entscheidung, für welche Plattform entwickelt werden soll. Der PC ist aufgrund seiner Vielseitigkeit fast in jedem Haushalt mindestens einmal zu finden. Aber um aktuelle Spiele mit guter Grafik und ohne Bildrateneinbrüche zu zocken, müssen potenzielle Spieler einiges an Geld in die Hand nehmen. Smartphones sind mittlerweile sogar noch verbreiteter, ihr Anschaffungspreis ist vergleichsweise gering und PlayerUnknown's Battlegrounds oder der "Battle Royale"-Modus von Fortnite machen vor, dass sogar richtige Spiele auf den Hosentaschencomputern eine Zukunft haben.

Bald sollt ihr in Ark - Survival Evolved auch unterwegs auf dem Handy einen T-Rex zähmen können.

Alle Konsolen über einen Kamm zu scheren ist eigentlich ein Unding, aber sie fallen dennoch in eine Kategorie. Zwar sind sie erschwinglicher als so manches Smartphone und leistungsfähiger als ein PC derselben Preisklasse, aber sie sind eben keine Allzweckwaffen. Mal davon abgesehen, dass die Xbox One in Japan gern als Blue-ray-Player vermarktet wird. Für gewöhnlich kauft sich aber niemand eine Konsole, um damit dann nicht zu zocken.

Ein Fremdling in der Herde

Eine besondere Rolle nimmt im Konsolenkrieg seit Jahren Nintendo ein. Mit dem Fokus auf Spielspaß und gut alternder Grafik unterscheiden sich die Exklusivspiele von Nintendo 3DS oder Nintendo Switch massiv von der Konkurrenz. Das japanische Unternehmen ist einfach anders als Microsoft und Sony, die mit Bombast, immer realistischerer Optik und Action bei den Gamern und Harcore-Gamern punkten wollen. Bei Gelegenheitsspielern findet sich eines der leistungsstarken Geräte allerdings eher selten.

Gestatten, ich bin eine Nintendo Switch und bin der Fremdling in der Herde.Gestatten, ich bin eine Nintendo Switch und bin der Fremdling in der Herde.

Nintendo-Konsolen findet ihr sogar in Haushalten, die eher nichts mit Zocken am Hut haben. Der unangefochtene Spitzenreiter? Die 2007 erschienene Wii. Durch den Bewegungssensor konnten sogar Mama und Papa oder sogar die Großeltern mitspielen und dann war das Wunderding auch noch ziemlich günstig. Nach dem Wii-Boom folgte allerdings die große Flaute. Casual Gamer haben schlichtweg einen langsameren Videospiel-Stoffwechsel und viele "richtige" Spieler waren von der so gar nicht traditionellen Wii eher irritiert. Die Folge: Der Nachfolger Wii U war ein ziemlicher Reinfall und Nintendo musste sich etwas einfallen lassen. Die Lösung: Nintendo Switch.

Leicht oder schwer, das ist hier die Frage

Als Videospiele vor vielen Jahren im übertragenen Sinne laufen lernten, waren sie eigentlich durch die Bank weg anspruchsvoll. Programmierer und IT-Studenten beschäftigten sich mit Textabenteuern wie Zork 1, in denen Spieler und Spiel nur über Text kommunizierten. Nicht gerade massentauglich.

Über Jahrzehnte hinweg versuchte die Videospielindustrie ihr Produkt aus dem Schatten treten und wie andere große Medienformen mehr als nur eine kleine Nische bedienen zu lassen. Diese Mission war definitiv erfolgreich, aber die neue Situation, in der Games immer gesellschaftstauglicher werden, hat auch ihre Nachteile.

Der Widerstand: Sogenannte Rage Games, wie beispielsweise I am Bread, brillieren mit dem genauen Gegenteil von Zugänglichkeit.Der Widerstand: Sogenannte Rage Games, wie beispielsweise I am Bread, brillieren mit dem genauen Gegenteil von Zugänglichkeit.

Es lassen sich Parallelen zur Filmbranche ziehen, denn das Problem Hardcore gegen Casual kennt ncht nur die Welt der Videospiele. Superhelden-Action oder Weltraumschlachten locken Millionen an die Kinokassen, aber diese leicht zu konsumierenden Blockbuster sind für viele Cineasten ein Graus.

In Spielen können die Entwickler immerhin verschiedene Schwierigkeitsgrade einbauen und Optionen wie der Permadeath in den "Fire Emblem"- oder Diablo-Spielen ändern tatsächlich das gesamte Erlebnis. Wenn ein Studio allerdings nicht bereit ist diese Mehrkosten zu investieren, resultiert das meistens in leichteren Spielen, die euch an der Hand nehmen.

Das Ding mit den Taschenmonstern

Ein sehr gutes Beispiel für die Problematik der Kluft zwischen den drei Spielergruppen stammt ebenfalls aus Japan und dürfte jedem von euch bekannt sein. Die Rede ist von Pokémon. Das Franchise überspannt nicht nur mehrere Generationen, sondern auch mehrere Geräte und alle drei Spielergruppen. Die Hardcore-Fans wissen alles über die über 800 Taschenmonster und messen sich in Turnieren, viele gehen einfach nur zum Spaß alle paar Jahre auf Reisen durch die Pokémon-Welt, und dann gibt es noch diejenigen, die einfach nur dem "Pokémon Go"-Hype folgten und kaum Ahnung haben was sie da genau tun.

Der Rotomdex in den neusten Pokémon-Spielen unterstützt euch auf eurem Abenteuer mit Informationen. Abschalten könnt ihr das Hilfsmittel nicht.Der Rotomdex in den neusten Pokémon-Spielen unterstützt euch auf eurem Abenteuer mit Informationen. Abschalten könnt ihr das Hilfsmittel nicht.

Wer den enormen Erfolg der App nicht mitbekommen hat, lebt vermutlich auf dem Mars und so ist es nachvollziehbar, dass daran angeknüpft werden soll. Schenkt ihr den aktuellen Leaks zum heißersehnten Pokémon-Spiel für Nintendo Switch Glauben, dann soll Pokémon Go in irgendeiner Form eine Rolle spielen. Viele Veteranen sehen darin das Ende der Serie. Für sie, die schon seit Jahren oder Jahrzehnten Typen und Attacken pauken, ist der Schwierigkeitsgrad der Hauptspiele schon jetzt lachhaft.

Nach einem Hoffnungsschimmer in Pokémon - Schwarze Edition 2 und Pokémon - Weiße Edition 2 in Form des Schlüsselsystems, dass die Spiele entweder leichter oder schwerer machte, ließ Entwickler Game Freak das Thema wieder vollständig fallen. Um für etwas mehr Herausforderung zu sorgen, stellen sich viele Spieler mittlerweile den selbstauferlegten Regeln eines Nuzlockes.

So viele verschiedene Spielertypen und Wunschvorstellungen unter einen Hut zu bringen ist keine leichte Aufgabe, aber der Spagat ist nicht unmöglich. Bis es soweit ist: Stur lächeln und winken. Ob Casual oder Hardcore, im Endeffekt sind wir alle Gamer.

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