Test Agony: Alles wird aus Hack gemacht

von Marvin Heiden (30. Mai 2018)

Agony verspricht euch einen Horrortrip, den ihr so schnell nicht wieder vergessen sollt. Die explizite Darstellung von brutaler Gewalt und Sex soll laut den Entwicklern das ganze Videospielgenre nach vorne bringen. Aber ist das Ausnahmespiel nun teuflisch gut oder höllisch schlecht? Wir haben das Grauen am eigenen Leib über uns ergehen lassen.

Höchstwahrscheinlich gehört der Höllenritt Agony zu den sehnsüchtigst erwarteten Horrorspielen dieses Jahres. Und das aus gutem Grund, denn die Entwickler bei den neu gegründeten Madmind Studios haben den Mund mehr als voll genommen: Nichts Geringeres als eine Revolution des „eingerosteten Horrorgenres“ stünde bevor. Dazu sollten die Grenzen des guten Geschmacks endgültig fallen und ein Spiel entstehen, das an Grausamkeit, Ekel und unverfrorenem Sex alles bisher digital Dagewesene übertreffen werde. So lautete zumindest die Botschaft der aggressiven Werbekampagne für Agony. Doch konnten die Entwickler ihre Versprechen halten?

Diese "Sehenswürdigkeiten" erwarten euch in Madminds Höllenvision:

In Agony schlüpft ihr in die Rolle einer kürzlich verendeten, sündigen Seele, die ihr ewiges Dasein in den Tiefen der Hölle fristen soll. Doch schon gleich nach der spektakulären Introsequenz wird euch klar: Ihr müsst entkommen, koste es, was es wolle! Glücklicherweise hat eure körperlose Existenz einen großen Vorteil. Und zwar könnt ihr von anderen Gequälten, deren fleischliche Hülle im Gegensatz zu eurer eigenen noch intakt ist, Besitz ergreifen. Von nun an begebt ihr euch auf die Suche nach der sogenannten Roten Göttin, die gerüchteweise als einziger Dämon die Autorität besitzt, euch von den Qualen zu erlösen.

Schon im Voraus konntet ihr anhand der zahlreichen Trailer zum Spiel erkennen, dass bei der Gestaltung der Höllenvision durchaus talentierte Grafikdesigner am Werk waren. Fast alle Gebäudestrukturen bestehen hier aus Fleisch, Knochen oder Zähnen und hinterlassen einen entsprechend abstoßenden Eindruck. Im Kontext der Spielwelt ergibt diese Design-Entscheidung auch vollkommen Sinn, denn in der Hölle gibt es wohl kein häufigeres Baumaterial als menschliche Körper. Auch die Dämonen mit ihren vertikal aufklappbaren, augenlosen Gesichtern hat man so noch nirgendwo gesehen, daher besteht hoher Wiedererkennungswert.

So prächtig sieht Agony auf den Promo-Bildern aus.So prächtig sieht Agony auf den Promo-Bildern aus.

Doch so weh es uns tut, enden hiermit auch schon die positiven Aspekte. Sobald ihr euch im Spiel befindet, bricht Agony wie ein Kartenhaus in sich zusammen, denn der Unterschied zwischen Trailer- und Ingame-Grafik könnte größer kaum sein. Selbst Spiele aus dem Jahr 2009 könnten nämlich optisch mit den unförmigen 3D-Meshes und den schwammigen Texturen konkurrieren, die euch hier vorgesetzt werden. Die NPC-Modelle wurden lieblos hundertfach kopiert, wodurch fast jeder Nebencharakter, dem ihr begegnet, gleich aussieht. Dank klobiger Animationen und nicht lippensynchroner Dialoge werdet ihr zudem regelmäßig aus der Atmosphäre gerissen.

Hier zeigt die Hölle ihre hässliche Fratze.Hier zeigt die Hölle ihre hässliche Fratze.

All das versuchen die Entwickler hinter einer äußerst unvorteilhaften Belichtung zu verstecken. Viele Nischen, Räume und Gänge sind so unfassbar dunkel, dass ihr so gut wie nichts auf dem Bildschirm erkennen könnt. Ihr seid also gezwungen, den Gammawert eigenhändig in die Höhe zu treiben, um überhaupt sehen zu können, in welche Richtung ihr euch gerade bewegt. Dadurch kommen jedoch hässliche Details zum Vorschein und das Bild wird stark entsättigt, sodass ihr ständig das Gefühl habt, durch eine verschmierte Windschutzscheibe zu schauen.

Was genau haben diese leuchtenden Orbs zu bedeuten? Oder handelt es sich nur um Grafik-Artefakte?Was genau haben diese leuchtenden Orbs zu bedeuten? Oder handelt es sich nur um Grafik-Artefakte?

Auch akustisch macht Agony nur eine eher mittelmäßige Figur. Die Synchronsprecher des Protagonisten und der Roten Göttin sind zwar durchaus passabel, allerdings fallen vor allem die Nebenfiguren durch unterdurchschnittliche Betonung und sich an jeder zweiten Ecke wiederholenden Phrasen auf. Natürlich läuft im Hintergrund zur Begleitung stets das aus diversen Horrorspielen oder -filmen bekannte dissonante Brummen. Hier klingt es jedoch oft eher danach, als wäre jemand mit dem Fuß auf die Tastatur einer herumliegenden Harmonika getreten.

Trotz der eher bescheidenen Grafik begebt ihr euch mit Agony auf eine Ruckelpartie sondergleichen. Immer wieder bleibt das Spiel für einige Millisekunden hängen (manchmal sogar länger) und das ging uns nach einer Weile gehörig auf die Nerven. Dazu kommt das stark ausgeprägte Screen-Tearing, wodurch trotz aktivierter V-Sync-Option die oberen und unteren Bildschirmhälften unterschiedlich schnell reagieren.

So viel Sexyness erwartet euch im Totenreich.So viel Sexyness erwartet euch im Totenreich.

Hier enden jedoch die technischen Probleme längst noch nicht, denn auch der Spielablauf wurde stark in Mitleidenschaft gezogen. Während ihr euch durch den Level bewegt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ihr euch irgendwo hoffnungslos verkantet und den letzten Checkpoint laden müsst. Diese liegen oft viel weiter zurück als nötig und machen das Vorankommen in dem gewaltigen Labyrinth zu einer wortwörtlichen Qual.

Die hakelige Steuerung, die euch zwingt, euch größtenteils im Schneckentempo fortzubewegen, verschlimmert diese gefühlte Sisyphusarbeit nur. Besonders deutlich wird das bei den gelegentlichen Sprungpassagen. Bei einem Spiel mit einer so unpräzisen Steuerung wie dieser, können derartige Geschicklichkeitstests nur als kriminell bezeichnet werden.

Da wir uns bei unserem Test so sehr über den augenscheinlich unfertigen Zustand dieses Stückes Software ärgern mussten, wollte uns auch das im Artikel weiter oben gewürdigte visuelle Design nicht so recht packen. Ja, die Umgebungen erwecken (aus unterschiedlichen Gründen ...) starken Brechreiz, aber zu keinem einzigen Zeitpunkt haben wir uns gegruselt oder gar gefürchtet. Und selbst gegenüber dem immerwährenden Ekel entwickelt ihr schnell eine Resistenz und seht statt Knochen, Haut und Blut irgendwann nur noch einen undefinierbaren rotbraunen Farbklecks.

Als ich dann irgendwann abermals unverschuldet in ein tiefes Loch gefallen bin und den Tod fand, wurde ich plötzlich an einem Checkpoint wiederbelebt, den ich schon circa eine halbe Stunde zuvor passiert hatte. Das Spiel hat meinen Fortschritt einfach gelöscht. An diesem Punkt verließ ich die virtuelle Hölle guten Gewissens und deinstallierte sie auf der Stelle. Und so fand ich letzten Endes doch noch meine Erlösung.

Meinung von Marvin Heiden

Agony versucht auf Teufel komm raus ein provokantes und möglichst geschmackloses Spiel zu sein. Dieser pubertäre Wunsch zur Rebellion führt allerdings dazu, dass der Dauerekel zum Selbstzweck wird. Über die Tatsache hinaus, dass das radikale Grafik-Design ein paar kurze Momente lang verstörend wirkt, hat Agony nämlich nichts zu sagen. Die Entwickler verstrickten sich schließlich in ihrer allzu kühnen Werbekampagne und konnten den immensen Erwartungen einfach nicht entsprechen.

Viel schlimmer ist jedoch der Fakt, dass die zahlreichen technischen Mängel das Spiel derzeit geradezu unspielbar machen. Bei der Veröffentlichung ein fehlerhaftes Produkt auszuliefern ist eine Peinlichkeit, die mit Leichtigkeit hätte umgangen werden können. Ein paar weitere Wochen mit Bugfixing und Qualitätssicherung zuzubringen, hätte hier sicherlich wahre Wunder bewirkt. Dass zudem die stark veraltete Grafik in keinster Weise mit dem Trailer-Material übereinstimmt, ist dagegen sogar das geringere Übel.

In Bezug auf kreative Spielideen zeigt Agony zwar Potenzial, kann es jedoch letztendlich leider nicht verwandeln. Viele Konzepte und Mechaniken sind zu unausgegoren, um sie als gelungen bezeichnen zu können. Und wenn es ein Horrorspiel zudem nicht schafft gruselig zu sein, obwohl die Hölle selbst als Schauplatz dient, läuft irgendetwas gewaltig schief. Denn wie ältere Spiele mit der gleichen Prämisse – etwa Dante’s Inferno oder Outlast 2 – beweisen, geht das auch anders.

45

meint: Technisch fehlerhafter Höllentrip, der die selbstauferlegten hohen Ansprüche leider nicht einhalten kann.

Jetzt eigene Meinung abgeben

Tags: Horror   Bug  

In kleinen Schritten zum besten Teil der Serie

Battlefield 5: In kleinen Schritten zum besten Teil der Serie

Die Presse hat im Vorfeld einen Napalmteppich über EA ausgerollt und kaum positive Worte über den Ego-Shooter (...) mehr

Weitere Artikel

Die nächste PlayStation soll 2019 angekündigt werden

PS5-Gerüchte: Die nächste PlayStation soll 2019 angekündigt werden

Dass eine PS5 in Entwicklung ist, dürfte feststehen. Seit Monaten wird das Rätselraten darüber, wann sie (...) mehr

Weitere News

Newsletter

Mit diesem Formular kannst du den Spieletipps.de Newsletter kostenlos abonnieren.

Agony (Übersicht)
* gesponsorter Link