Bless Online: Der Albtraum-Launch der großen Hoffnung

(Kolumne)

von Emily Schuhmann (04. Juni 2018)

Kennt ihr das? Da wartet man monatelang auf ein Spiel, fiebert ihm entgegen und dann ist der Tag endlich da und die Enttäuschung ist groß. Manchmal ist sie sogar so groß, dass es schon wieder lustig ist.

Massively Multiplayer Online Role-Playing Games (MMORPGs) sind riesige Zeitfresser, aber auch eine aussterbende Art. Ich selbst liebe das Genre und will gar nicht wissen, wie viele Stunden ich mittlerweile in den gigantischen Welten von World of Warcraft und Co. verbracht habe. Alles begann 2006 mit Archlord und seitdem habe ich so gut wie jedes MMO ausprobiert, dass den Weg in den Westen fand.

Mittlerweile kommt kaum noch Nachschub und dementsprechend aufgeregt war ich, dass ein koreanisches MMORPG, das ich 2009 zum ersten Mal gesehen habe, endlich auch bei uns erscheinen sollte. Der Name des Spiels? Bless Online. Am 28. Mai war es soweit und gemeinsam mit tausenden anderen Spielern nahm ich am Frühstart des MMOs teil. Seitdem sind einige Tage vergangen und rückblickend betrachtet sorgt der vollkommen vergeigte Launch bei mir für einiges an Heiterkeit.

Unerwartete Flut von Spielern

Eins vorweg: Bless Online ist kein von Grund auf schlechtes Spiel. Die Grafik ist schick, das kombolastige Kampfsystem interessant, fast jede Kreatur lässt sich zähmen und die Musik ist stellenweise wirklich grandios. Letzteres ist eigentlich kein Wunder, denn hinter dem Soundtrack steckt Hans Zimmer, der sich seit der Komposition des Soundtracks zum Disney-Film "Der König der Löwen" als Oscar-Preisträger bezeichnen darf.

Der Trailer zu Bless Online machte vielen MMORPG-Fans Lust auf mehr:

Klingt doch alles gar nicht so schlecht, oder? Nun, die Probleme beginnen bereits damit, dass Spieler sich Pakete für 40, 75 oder 150 Euro kaufen konnten, die neben virtuellen Boni auch zwei Tage Frühstart enthielten. Leider hatten viele Käufer kaum etwas davon, denn die Server waren vollkommen überlastet. Statt einem Server pro Region mit mehreren Kanälen, eröffneten die Entwickler im Laufe der ersten Stunden sechs weitere Server und trennten so Gilden und Gruppen von Freunden.

Bless Online wirbt vor allem mit riesigen "Open World"-Schlachten zwischen den beiden Fraktionen, Union und Hieron. Um die Parteien im Gleichgewicht zu halten, blockierten die Server automatisch die Wahl der aktuell Überlegenen. Da ich unbedingt einen Panthera spielen wollte, hieß es für mich abwarten und Tee trinken. Geduld zu beweisen reichte jedoch nicht, nur nach erneutem Einloggen sah man als Spieler, ob die Charaktererstellung nun möglich war.

Vollständig sieht anders aus

Nach einer gefühlten Ewigkeit schaffte ich es dann endlich zum Charakter-Editor. Dort stellte mich das Spiel vor die Wahl zwischen vier Rassen und acht Klassen. Zwei davon sind allerdings mit noch keinem Volk spielbar. Amüsanterweise gibt es jedoch im Spiel selbst bereits zum Beispiel die Aufgabe "Führe das Shy-Emote an einem Assassinen aus". Und es geht noch besser: Mein erster Dungeon-Boss belohnte mich mit völlig nutzloser Ausrüstung für den ebenfalls unspielbaren Mystiker.

Bis zu den aktuell zwei Verliesen von Bless Online kamen die meisten allerdings nicht mal, denn wenn sie es tatsächlich ins Spiel schafften, folgte direkt die Ernüchterung. Sogar auf Hochleistungsrechnern ist die Performance ziemlich miserabel.

Wer dennoch durchhält und es bis zum Maximallevel 45 schafft, auf den wartet aktuell nicht viel. Die Haupt-PvP-Karte ist leer und Arenen sowie Schlachtfelder sollen erst nachgeliefert werden. Und hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass sich die englischen Texte des Spiels auf "Google Übersetzer"-Niveau befinden? Bereits im Tutorial heißt es Rätselraten, was die Questgeber von euch wollen oder was eure Attacken eigentlich bewirken.

Ich bin hier Don Chico, aber wo bist du? Aktuell ist das Spiel noch so verbuggt, das ein unsichtbarer NPC noch das geringste Problem ist.Ich bin hier Don Chico, aber wo bist du? Aktuell ist das Spiel noch so verbuggt, das ein unsichtbarer NPC noch das geringste Problem ist.

Bless Online hat bereits einige Jahre auf dem Buckel und läuft in Japan, Russland und Südkorea mit mäßigem Erfolg als "Free 2 Play"-Spiel. Im Westen vermarktete es Neowiz Games als faires "Buy 2 Play"-MMO im Early Access, aber der Ingame-Shop und das optionale Premium-Abo bereiten vielen Spielern Bauchschmerzen. Diejenigen, die ihr Geld noch nicht zurückgefordert haben, müssen jetzt auch noch damit klarkommen, dass sie 70 Prozent weniger Schaden verursachen. Zuvor starben die Gegner zu schnell, aber jetzt lassen sich Quests mit Zeitlimit plötzlich nicht mehr abschließen.

Des einen Leid, des anderen Freud

Andere MMORPGs konnten durch das Fiasko steigende Spielerzahlen verbuchen und besonders Guild Wars 2 profitierte massiv. Der bekannte Genre-YouTuber TheLazyPeon lobte das amerikanische MMO kurz vor der Veröffentlichung von Bless Online in einem seiner Videos und Entwicklerstudio Arenanet zog mit einem Willkommensrabatt nach.

Ausgerechnet die offizielle Bless-Webseite setzte sogar noch einen drauf: Ein unglücklich automatisierter Feed listet relevante Artikel zum Spiel auf und ganz oben stand lange Zeit "Guild Wars 2 begrüßt Bless-Flüchtlinge mit offenen Armen". Neowiz Games gelobt Besserung, aber wenn sie dieses Spiel wirklich retten wollen, haben sie noch einiges zu tun. Ich persönlich bin definitiv bereit ihnen noch eine Chance zu geben, aber bis es soweit ist, findet ihr mich in Tyria.

Tags: Fantasy  

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