Test Onrush: Der Taktik-Shooter unter den Rennspielen

von René Wiesenthal (05. Juni 2018)

Wäre Temposucht eine anerkannte Krankheit, der Verkauf von Onrush müsste stärker reglementiert werden. In unserem Test verraten wir euch, warum das ungewöhnliche Rennspiel mehr Taktik ist als pure Raserei und euch nach einer gewissen Eingewöhnungsphase wortwörtlich mitzieht.

Onrush ist kein klassisches Rennspiel. Es gibt keinen einzigen Modus, in dem ihr als erster von mehreren Fahrern eine Zielgerade überqueren müsst. Zeitrennen gibt es ebenso nicht. Von Beginn an ist Onrush ein bisschen anders als die Anderen und weiß das meist sehr gut zu nutzen.

Fahren, Schrotten ... und nochmal von vorne. So brachial ist Onrush:

Es ist unschwer zu erkennen, dass es sich bei dem neuesten Werk der Rennspiellegenden Codemasters eher um einen Fun-Racer handelt als um eine Simulation. Ihr brettert in Offroad-Autos oder -Motorrädern über ausladende Pisten voller Rampen und Steilhänge, während euch Fahrzeugteile und -fahrer um die Ohren fliegen. Das Fahrgefühl ist sehr arcadelastig, da ihr vom Spiel merklich in der Bahn gehalten werdet. Onrush lebt vom sinnbefreiten Spaß und dem Temporausch.

Kanonenfutter voraus!

Anhand von Sprüngen, Tricks und anderen Manövern sowie dem Zerstören so genannter "Kanonenfutter"-Fahrer, die im Grunde nur Pick-Ups mit Zerstörungsanimation sind, sammelt ihr während der Rennen Boost-Punkte. In den meisten Fällen ist es ratsam, immer so viele wie möglich davon parat zu haben, Kombos aneinanderzureihen und den schubauslösenden Boost-Knopf gar nicht mehr loslassen zu müssen.

Ist der Boost-Meter bei 100 Prozent, könnt ihr einen Rush auslösen, beschleunigt nochmals über den normalen Boost hinaus und könnt Gegner effektiver von der Piste rammen. Das ist, sobald ihr einmal euren Rhythmus gefunden habt, derart befriedigend, dass sich eine regelrechte Temposucht entwickelt. Die Geschwindigkeit ohne jeglichen Boost wollt ihr nie wieder wahrnehmen.

In jedem Spielmodus seid ihr immer nahe an den anderen Fahrern und müsst verschiedene Siegbedingungen erfüllen. Tore durchfahren, um einen Countdown zu verlangsamen zum Beispiel. Oder durch Turbos eine Punktevorgabe erreichen. Gegner auszuschalten ist im Spielmodus Switch das Kernelement. Hier hat jeder Fahrer eine feste Anzahl an Quasi-Leben. Verliert ihr eines durch Rammmanöver oder einen Unfall, findet ein Fahrzeugwechsel statt.

Den Letzten beißen die Stoßfänger

Ihr fangt Switch-Rennen mit dem Bike an und landet nach mehreren kassierten Takedowns bei der schwersten Fahrzeugklasse. Mit dem letzten "Leben" könnt ihr zwar immer noch weiterfahren, allerdings ist das Rennen verloren, wenn jedes Team-Mitglied alle Wechsel einmal vollzogen hat. Verteidigung bei gleichzeitigem, gezieltenm Angriff ist also die Devise.

Ihr fahrt grundsätzlich in Teams. Eure Kameraden sammeln genau wie ihr Punkte, schalten Gegner aus oder unterstützen euch mit fahrzeugspezifischen Boni. Das funktioniert im Singleplayer, in dem sie KI-gesteuert sind, meistens sehr gut. Nur im Lockdown-Modus, der ähnlich funktioniert wie Domination-Matches in Shootern, ist der Sieg etwas zu sehr von ihnen abhängig und damit eher Glückssache als eurem Können geschuldet. Ihr müsst hier für eine bestimmte Zeit lang Zonen besetzen, die sich über die Strecke bewegen.

Auch, wenn in Onrush vom Menü über den wüsten Soundtrack bis hin zum Renngeschehen alles vollkommen bescheuert ist, habt ihr es – wie ihr vielleicht schon erkennt - mit ausgetüftelten Mechaniken zu tun. Die funktionieren meist sehr gut, wenn ihr euch einmal damit vertraut gemacht habt.

Dazu trägt auch bei, dass ihr erstaunlicherweise bei all dem Chaos auf dem Bildschirm, das vor allem durch ständig crashende Fahrzeuge und Lichteffekte erzeugt wird, immer den Überblick behaltet. Eine Minikarte zur exakten Bestimmung der Fahrerpositionen wäre zwar schön gewesen. Alles was ihr im Sichtfeld habt, lässt sich aber dank des gelungenen Einsatzes von Kennungsfarben und Markierungen immer genau zuordnen.

Auf der Strecke bleiben kann Spaß machen

Gewöhnungsbedürftig ist, dass ihr nach vorne gesetzt werdet, sobald ihr euch zu weit vom restlichen Fahrerfeld entfernt. Dadurch, dass ihr immer in einem geringen Abstand zu allen anderen bleibt, zieht euch das Spiel mit. Es gibt euch keine Runden vor, sondern eine Mindestgeschwindigkeit. Alles ist permanent in Aufruhr, Verschnaufpausen oder gemütliche Streckenabschnitte gibt es nicht. Kollisionen, Funkenregen, Lichtkugeln – alles geschieht jederzeit auf engstem Raum und zwingt euch permanent in das Geschehen.

Anfangs könntet ihr euch schwer damit tun, euch auf das Onrush-Konzept einzulassen. Nicht etwa, weil es schlecht umgesetzt ist, sondern weil ihr gewohnte Rennspielkonventionen fast vollständig ausblenden müsst, um in Onrush siegreich oder überhaupt erst unterhalten zu sein. Es spielt sich fast wie ein taktischer Shooter mit einem Rennspiel-Skin.

Bitte bleiben Sie dran

Im kompletten Gegensatz zu dem rasanten Renngeschehen verhalten sich die Wartezeiten im Spiel, die sich überall einschleichen. Angefangen bei den Ladepausen vor dem Rennen, über die als Strafe auferlegte Respawn-Zeit nach einem Unfall oder Takedown bis zu den nicht überspringbaren und zähen Auswertungsanimationen am Ende jedes Rennens, werdet ihr viel zu oft ungeduldig in die Auszeit gezwungen.

Bei der Technik könnten wir auch Punkte abziehen: Die Fahrzeuge und Strecken sehen eher zweckmäßig aus. Selbst, wenn ihr im Menü Auflösung über Bildrate priorisiert, ist die Grafik alles andere als zeitgemäß. Irgendwie sieht das Spiel in jedem Tutorial-Video und auf jedem Vorab-Screenshot besser aus als im tatsächlichen Rennen.

Allerdings nehmen Crash-Animationen und Geschwindigkeitsfilter ohnehin eure Aufmerksamkeit in Beschlag und können gut über die mittelprächtige Optik hinwegtäuschen. Außerdem hatten wir während des Tests keinen einzigen Moment, in dem das Spiel ansatzweise unrund lief oder gar abgeschmiert ist. Und das ganz ohne 40 Gigabyte Patch. So muss das sein!

Eine Sache, die richtig schlimm nervt ist der Rauswurf aus dem Singleplayer bei Wegfall der Internetverbindung. Wir wurden häufig mitten im Rennen ins Hauptmenü zurückgesetzt, wenn wir vom Netzwerk getrennt wurden und nochmals, sobald sie wiederhergestellt war. Dass Spiele auch im Einzelspielermodus eine Netzwerkverbindung erzwingen, ist schon übel genug, solche Tücken sind dann aber geradezu Schikane für Einzelspieler. Ein ganz klares Pfui an dieser Stelle.

Meinung von René Wiesenthal

Mir sind ungewöhnliche Rennspielkonzepte immer willkommen, kann ich mit Fun-Racern doch meist sehr viel mehr anfangen als mit Rennspielsimulationen. Wenn ein frisches Konzept es dann schafft, nicht nur kreativ, sondern auch gut spielbar und vor allem spaßig zu sein, bleib ich gerne auf der Strecke.

Zugegebenermaßen war ich mit Onrush zu Beginn leicht überfordert – es hat mich ins kalte Wasser geschubst, um mich mit Eindrücken und Regeln zu überhäufen, die nicht immer ganz klar erklärt wurden. Doch einmal den Durchblick bekommen, halten die strategischen Team-Matches für die meiste Zeit die Spur. Abwechslungsreich sind sie ebenso wie die großen und weitläufigen Strecken, die mit dynamischen Wetter- und Tageszeiteffekten punkten.

Die nervigen Wartezeiten und das etwas unausgegorene Zonen-System im Singleplayer trüben mir den Spaß etwas. Ich verzeihe das Codemasters und wünsche mir, dass diese Probleme in einer hoffentlich erscheinenden Fortsetzung ausgebügelt werden. Vielleicht verzichtet der Entwickler dann auch auf die aufgesetzte Coolness mit Fremdschämfaktor 1.000.

Was gar nicht geht: Bestrafungen im Singleplayer-Modus für Netzwerkprobleme. Es kann nicht angehen, dass ich aus einem Turnier geworfen werde, weil meine Internetverbindung instabil ist. Das ist frustig, weil ich dann im schlimmsten Fall gleich mehrere schwierige Rennen wiederholen muss.

82

meint: Sinnbefreiter und außergewöhnlicher Rennspaß mit hohem Suchtpotenzial.

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Tags: Singleplayer   Multiplayer   Fun   Arcade  

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