Test Vampyr: Endlich mal kein müder Vampir-Einheitsbrei

von Micky Auer (05. Juni 2018)

Lang hat's gedauert, endlich ist Vampyr von Entwickler Dontnod erschienen. Wird das düstere Versprechen einer moralisch verzwickten Geschichte gehalten oder verkommt das Geschehen zum Twilight-Abklatsch?

Viel zu oft, wenn man sich wirklich auf ein Spiel freut und die Entwicklung einfach kein Ende finden will, ist man am Ende bitter über das Ergebnis enttäuscht und fragt sich, ob man jemals wieder Vorfreude für etwas haben soll. So ähnlich ging es mir mit Vampyr, bevor ich es gespielt habe. Es sollte bereits im November 2017 erscheinen, wurde aber auf Juni 2018 verschoben. Das ist eine lange Zeit und meine Befürchtungen wuchsen, es könnte sich zu einem bestenfalls durchschnittlichen Erlebnis entwickeln.

Jetzt habe ich es gespielt und darf reinen Gewissens behaupten: Meine Befürchtungen waren größtenteils unbegründet. Vampyr ist ein endlos düsteres, hinterhältiges und tiefgründiges Stück Software, das zwar in vielerlei Hinsicht seine Schwächen hat, in der Gesamtheit aber genau die Form von Unterhaltung bietet, die es von Anfang an versprochen hat. Getestet haben wir die Version für PlayStation 4.

Weit, weit weg von schmachtenden Lippen und glitzernden, blutleeren Jünglingen

Jonathan Reid, seines Zeichens gefeierter Chirurg und Mann der Wissenschaft, hat seine Zeit auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs abgedient und kehrt in seine Heimatstadt London zurück, um sich dort der nächsten Schlacht zu stellen: Die Spanische Grippe hält die Metropole fest in ihrem tödlichen Griff.

In den Straßen der Stadt liegen die Opfer der Spanischen Grippe.In den Straßen der Stadt liegen die Opfer der Spanischen Grippe.

Die Opfer der Seuche sterben auf offener Straße, Massengräber sind kein allzu seltener Anblick. In einem solchen Grab wacht Dr. Reid auf und muss feststellen, dass er gar nicht mal so tot ist wie er eigentlich sein sollte. Warum er hier zu widernatürlichem Leben erwacht und was mit ihm gleich vorgeht, bleibt ihm vorerst ein Rätsel. Jedoch demonstriert das Spiel gleich in der Einstiegssequenz auf eindrucksvolle Weise, wie sehr ein Vampir von Sinnen ist, wenn ihn der Blutdurst überkommt.

Und so bewegt sich der gute Doktor schleppend auf die erste lebende Gestalt zu, die er nur als ein pulsierendes Leuchtfeuer aus lebendigem Blut wahrnimmt. Der Rest der Welt ist in Schatten und Nebel gehüllt, es zählt nur noch das Blut, das er braucht und sich nimmt. Erst nach dem gewaltsamen Tod seines Opfers stellt er fest, dass es seine eigene Schwester war, die er gerade ermordet hat.

Das Schicksal einer ganze Stadt liegt in eurer Hand:

Und damit ist der Grundtenor der Geschichte gesetzt: Zerrissenheit. Alles, was Jonathan Reid erlebt, zerreißt ihn. Blutdurst stillen oder unschuldiges Leben verschonen? Der Berufung als Arzt nachkommen oder Patienten nur als Nahrung betrachten? Sich der Natur des Vampirs ergeben oder ein Mann der modernen Wissenschaften sein? Mit einem Bein im Mythos, mit dem anderen im Fortschritt stehend, sucht Jonathan Reid nach Antworten. Allen voran: Wer hat ihn zum Vampir gemacht und warum?

Noch ist der Arzt mit seinem neuen Dasein und den damit verbundenen Fähigkeiten und Schwächen nicht vertraut, doch das soll sich schnell ändern. Das Action-RPG führt euch als Spieler Schritt für Schritt in die Welt der Vampire ein und zieht euch mit jeder erledigten Aufgabe weiter in seinen Bann.

Blasse Kämpfe, stabile Skills

Vampyr präsentiert sich als Action-RPG mit einem flachen aber funktionierenden Kampfkonzept, einer stabilen Charakterentwicklung und einem überraschend eindringlichen Beziehungssystem mit NPCs. Schauen wir uns die einzelnen Punkte mal im Detail an.

Blut und Schatten: Jonathans Vampir-Fähigkeiten werden mit eurem eigenen Blut gespeist.Blut und Schatten: Jonathans Vampir-Fähigkeiten werden mit eurem eigenen Blut gespeist.

Eure Widersacher im Spiel rekrutieren sich hauptsächlich aus einer Geheimgesellschaft von Vampirjägern sowie diversen mythischen Kreaturen. Den neben der Spanischen Grippe ist es auch eine Vampirplage, die die britische Metropole heimsucht. Das Kampfsystem orientiert sich lose an dem von Dark Souls: Gegner werden per Lock-On erfasst, so dass ihr sie umkreisen könnt, ohne sie aus dem Blick zu verlieren. Nahkampf mit diversen Hiebwaffen und Ausweichbewegungen verbrauchen Ausdauer, die sich automatisch wieder auflädt. Auch Lebensenergie regeneriert sich automatisch. Vorsicht ist jedoch vor allem vor Feuer geboten, denn das schädigt eure Energie nachhaltig und Brandwunden erfordern eine spezielle Behandlung. Eine weitere Leiste zeigt euren Blutvorrat an. Das ist das Pendant zu Magie, denn Blut ist der Treibstoff für eure Vampirfähigkeiten.

Eine Nebenwaffe kann dazu verwendet werden, Gegner kurzzeitig zu betäuben, um sie dann zu beißen und so eure Blutreserven zu steigern. Zweihandwaffen können mit dem richtigen Timing gegnerische Angriffe parieren. Die Kämpfe sind nicht besonders schwer und können auch mit moderaten Reaktionsfähigkeiten gemeistert werden. Ein einfaches Stärke- und Schwäche-System verschafft euch Vorteile. Vor dem Kampf könnt ihr dank Vampir-Sicht (ähnlich dem Adlerauge in Assassin's Creed) eure Gegner scannen und auf den so erhaltenen Infos basierend eure Kampftaktik planen.

Nicht alle Gegner sind gleich anfällig gegenüber Schusswaffen.Nicht alle Gegner sind gleich anfällig gegenüber Schusswaffen.

Der Lohn für bestandene Kämpfe und Quests sind klassische Erfahrungspunkte, die direkt in neue Fähigkeiten investiert werden können. Allerdings dürft ihr das nur in der Abgeschiedenheit einer Vampir-Zuflucht erledigen, von denen ihr über die ganze Stadt verteilt welche findet.

Die Skill-Trees sind nicht besonders komplex, dafür aber klar strukturiert und übersichtlich mit gerade genug Variatonen, um einen Vampir zu erschaffen, der eurem Spielstil gerecht wird. Mir persönlich war das gesamte Kampfgeschehen im Endeffekt etwas zu einfach, und ich hätte es bevorzugt, wenn die Entwickler hier mehr Aggressivität eingesetzt hätten. Ein simples Crafting-System lässt euch eure Wafffen verstärken. Das führt schon recht früh im Spiel zu ziemlich guten Schneid- und Hackwerkzeugen, die euch das Vorankommen noch weiter erleichtern.

So sehen die Kämpfe in Vampyr in Aktion aus:

So weit - so solide, wenn auch nicht Aufsehen erregend. Es gibt jedoch noch eine weitere, integrale Spielmechanik in Vampyr, die hervorragend umgesetzt ist und dem Abenteuer ein richtiges und durchaus positives Alleinstellungsmerkmal verleiht.

Erzähl mir alles über dich

NPCs in Vampyr sind so viel mehr als reine Questgeber. Es handelt sich um Personen mit ganz eigenen Geschichten, Sorgen und Nöten. Sie haben ihre Geheimnisse, sie verlieben sich, sie sind lebendig und greifbar. Das zeigt sich in den Gesprächen, in denen ihr die Möglichkeit habt, ein soziales Geflecht zu erforschen, in dem alle Personen, mit denen ihr Kontakt habt, involviert sind. Das verleiht nicht nur der Geschichte mehr Tiefgang, es könnte für diese NPCs auch zur tödlichen Gefahr werden.

Je besser ihr eine Person kennt, desto mehr Erfahrung beschert sie euch bei ihrem gewaltsamen Ableben.Je besser ihr eine Person kennt, desto mehr Erfahrung beschert sie euch bei ihrem gewaltsamen Ableben.

Nicht vergessen: Ihr spielt einen Vampir! So habt ihr die Möglichkeit, den Willen wichtiger und weniger wichtiger Spielfiguren zu brechen, sie an einen abgelegenen Ort zu dirigieren, sie zu töten und ihr Blut zu trinken. Das bewirkt einen gewaltigen EXP-Boost, den ihr sogar verstärken könnt, wenn ihr körperliche Gebrechen dieser Personen heilt und ihr Vertrauen gewinnt. Je besser ihr eine Person kennenlernt, desto "nahrhafter" wird sie.

Und das ist der Punkt, an dem Vampyr wirklich über sich hinauswächst. Dr. Reid ist ein Vampir, getrieben von dem Verlangen nach Blut. Aber er ist auch ein Arzt, dessen Überzeugung es ist, Menschen zu helfen. Das ruft einen steten Konflikt in ihm hervor, der spielerisch hervorragend umgesetzt ist. In einem Ladebildschirm vermitteln euch die Entwickler, dass "das Spiel leichter wird, je mehr Opfer ihr tötet." Damit ist nicht der Kampf gegen generische Vampirjäger gemeint, sondern das Töten der Personen, die euch Vertrauen. Ob sie aber das bleiben, nämlich Personen, oder ihr sie nur als euer Schlachtvieh betrachtet, bleibt euch überlassen.

Das ist die mit Abstand interessanteste Mechanik im Spiel, denn wenn ihr einen NPC tötet, kann er euch natürlich keine Quests mehr geben. Auch kann ein solcher Mord einen Distrikt der Stadt ins Chaos stürzen, weil ihr eine moralische Stütze der Gesellschaft aus der Gleichung nehmt. In dem Fall werden die Straßen von mehr und mehr finsteren Kreaturen heimgesucht.

Zerbrechliche Schönheit unter der harten Fassade

Vampyr ist keine romantische Verzerrung des Mythos rund um mächtige Monster. Die Romantik hängt in Fetzen von den Wänden, blasse Blumenmuster auf den Tapeten in den heruntergekommenen Häusern zeugen vom einstigen Glanz der Stadt, bevor der Tod die Grippe in die Straßen hauchte. Das London des Jahres 1918 ist kein schöner Ort. Zumindest nicht für die Arbeiterklasse und die Soldaten, die aus dem großen Krieg heimkehren.

Dieses baufällige Konstrukt ist ein Krankenhaus und eine der letzten Bastionen gegen die Seuche.Dieses baufällige Konstrukt ist ein Krankenhaus und eine der letzten Bastionen gegen die Seuche.

Das Spiel repräsentiert diese Stimmung auf gekonnte Weise mit stets düsteren und gedeckten Farben. Als Vampir seid ihr nachts im Freien unterwegs, wenn die Straßen nur schwach vom Schein der Gaslaternen erleuchtet werden. Oder aber ihr seid in Lagerhäusern, Pubs und verborgenen Orten zugange, die euch stets den Eindruck vermitteln, dass ihr hier nicht sein wollt.

Die Grafik wirkt tatsächlich etwas detailarm, schafft es aber dennoch mühelos, eine besonders dichte Atmosphäre aufzubauen. Vom technischen Standpunkt fielen anfangs mitunter recht üble Pop-Ups ganzer Gebäude auf. So traf ich öfter auf am Nachthimmel schwebende Schornsteine, während das dazugehörige Haus noch nicht dargestellt wurde. Ein 7 GB großer Patch soll dieses Problem mittlerweile beseitigt haben. Kollegen berichten auch von gelegentlichen Framerate-Einbrüchen, die ich jedoch zu keinem Zeitpunkt feststellen konnte. Tatsächlich hatte ich den Eindruck, dass die Bildwiederholrate in geschlossenen Umgebungen, wie zum Beispiel kleinen Gebäuden, sogar erhöht wurde.

Sparsam sind teilweise jedoch die Animationen geraten. Während Dr. Reid und andere wichtige Figuren moderat aufwändig dargestellt werden, sind NPCs in der Regel deutlich zurückhaltender animiert. Das fällt vor allem an den Gesichtern während der zahlreichen Dialoge auf. Etwas mehr Liebe zum Detail hätte auch den Gesichtsanimationen gut getan. Lippensynchronität vermisse ich ebenfalls schmerzlich. Das ist insofern schade, weil die Dialoge in der englischen Version wiederum hervorragend eingesprochen sind.

Dafür gibt es auch wirklich ein großes Lob: Die Arbeit der Sprecher unterstreicht die Schwere und Düsternis der Geschichte. Die Schreibarbeit ist nicht perfekt, doch gerade an Stellen, an denen das Geschehen viel zu leicht ins Lächerliche abdriften könnte, schaffen es die Sprecher, die Situation zu retten und die nötige Atmosphäre wieder aufzubauen und zu verstärken.

Begleitet wird das Geschehen von jeder Menge bedrohlich wirkender Streicherklänge und industriellen Geräuschen, die den gekonnten Atmosphären-Mix aus Jack the Ripper, Dracula und Gothic-Anleihen wunderbar unterstreichen und noch mehr zur ganz speziellen Persönlichkeit von Vampyr beitragen.

Meinung von Micky Auer

Erstmal muss ich was loswerden: Ich kenne eine Person, die aussieht wie Dr. Jonathan Reid. Ja, du bist gemeint, Sebo! Und ja, ich wusste schon immer, dass du ein dunkles Geheimnis hast! So.

Aber zurück zu Vampyr: Wie schon eingangs erwähnt, sind meine Sorgen bezüglich der Qualität weitestgehend zerstreut. Vampyr ist bei weitem nicht perfekt, jedoch hat es mich sehr schnell in seinen Bann gezogen. Schuld daran sind vor allem die gelungene Atmosphäre, die hervorragend eingesprochenen Dialoge und das spannende Dialogsystem und die daraus resultierenden Optionen und Konsequenzen für meine Gesprächspartner.

So richtig erwischt hat mich aber die Szene, in der ich zum ersten Mal ein nichts ahnendes Opfer zur Schlachtbank geführt habe. Der Bildschirm wurde von rotem Nebel umhüllt, ein dumpfer Herzschlag war zu vernehmen, der Mensch vor mir verwandelte sich zur Nahrungsquelle. Der Moment, in dem ich seinen Willen gebrochen und ihn in die Abgeschiedenheit einer Lagerhalle dirigiert habe, um ihn zu töten, hat mir sehr eindringlich demonstriert, wie überlegen ein Vampir uns jämmerlichen Menschen ist.

Tatsächlich fand ich schon seit jeher Geschichten, Filme und Spiele über Vampire eher öde. Vampyr hat mich aber eines Besseren belehrt, weil es mich eine Rolle spielen lässt, die auf alberne Capes und blöde Teeny-Glitzer-Models verzichtet. Ein Vampir ist ein mächtiges Wesen, dessen dunkles Inneres ihn stets dazu treibt, seine Macht auszüben, Menschen zu dominieren und zu seinem eigenen Wohl zu nutzen. Doch die menschliche Seite gleich stark zu gestalten und daraus eine so dermaßen spannende Dynamik zu destillieren - das ist wirklich neu!

Ja, rein technisch ist in Vampyr definitiv noch Luft nach oben, und ich befürchte, daran wird sich auch so mancher Spieler stören. Auch wenn die Atmosphäre davon unangetastet bleibt, muss dieser Schwachpunkt der Fairness halber erwähnt werden. Außerdem finde ich es faszinierend, durch das London des Jahres 1918 zu streifen, während die Spanische Grippe die Gegend rund um Canary Wharf in einen morbiden Ausschnitt aus einem Kammerstück verwandelt, in dem sich Jack the Ripper und Mister Hyde in einer Seitengasse auf eine Tasse Tee treffen.

Was ich mir gewünscht hätte, wäre jedoch eine Veröffentlichung im Herbst oder Winter gewesen. Ich hätte nie gedacht, dass eine Jahreszeit einen so starken Einfluss auf den Eindruck ausüben würde, den ein Spiel hinterlassen kann. Und Vampyr passt nun mal perfekt in einen kalten Herbstabend, während der Wind ums Haus heult und an dem es ab 18 Uhr schon zappenduster ist. Nun denn, jetzt im Juni bei geschlossenen Fenstern und in Finsternis zu spielen, wird etwas schwierig sein, aber Vampyr ist es mir wert.

81

meint: Atmosphärisch dichtes Action-RPG. Die spannende Geschichte und interessante Spielmechanik trösten über kleine Technikpatzer hinweg.

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Tags: Singleplayer   Horror  

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