Indie-Games: Ich kann sie wirklich nicht mehr sehen

(Kolumne)

von Micky Auer (10. Juni 2018)

Dafür krieg ich ganz sicher mächtig Hass ab. Dennoch kann ich es nun mal nicht ändern: Wenn ich schon den Begriff "Indie" höre, habe ich schon keinen Bock mehr auf das dazugehörige Spiel. Dafür gibt es Gründe.

Wenn ich in egal welcher Runde erwähne, dass ich keine Indie-Games mag, krieg ich im besten Fall verständnislose bis böse Blicke ab, öfter mal werde ich dafür angegriffen und als "Teil des Problems" bezeichnet. Wenn ich hinterfrage, welches Problem denn gemeint sei, krieg ich im allgemeinen nur noch mehr Hass ab, aber keine brauchbare Antwort.

Indie Games scheinen eine heilige Kuh zu sein, die man wohl sanft kritisieren darf, gleichzeitig aber auch mögen muss. Weil es sind ja Indie-Games, die letzte Bastion gegen geldgierige Mega-Konzerne, die mit ihren auf Hochglanz polierten Triple-A-Spielen den Markt beherrschen wollen. Indie-Games geben doch all diesen hochkreativen und unterschätzten Künstlern eine Plattform. Indie-Games sind die niemals versiegende kreative Quelle, ohne die die gesamte Industrie unweigerlich in Stagnation versinkt und sie sind sowieso der einzige Ursprung für innovative Ideen.

Darf ich sie bitte trotzdem nicht mögen? Es ist doch letzten Endes einfach eine Frage des Geschmacks. Und über den lässt sich bekanntermaßen nur schwer objektiv streiten. Ich greife ja auch niemanden an, der mit RPGs nichts anfangen kann, oder mit Fantasy, Science Fiction oder Horror (oder Buffy, the Vampire Slayer - ich liebe Buffy). Und tatsächlich finde ich es vollkommen in Ordnung, wenn jemand Indie-Spiele liebt und sie unterstützt. Ich finde es sogar wichtig, dass es diesen Zweig gibt. Aber nochmal zum Mitschreiben: Ich will Indie-Games nicht mögen müssen! Und kein böser Blick der Welt wird daran was ändern.

Wo ist denn nun die hochgelobte Innovation?

Irgendwo sitzt ein armer Designer/Programmierer und hat eine hervorragende Idee für ein Videospiel. Jedoch fehlt ihm das Geld, um diese Idee umzusetzen. Also startet er eine Kickstarter-Kampagne. Die Idee findet großen Anklang, es kommen viele Spenden zusammen, das Spiel wird produziert. Natürlich fällt die Gestaltung eher minimalistisch aus. Denn trotz Unterstützung ist das Budget nach wie vor knapp. Aber die tolle Idee ist innovativ genug und erweist sich als großer Erfolg, der Designer/Programmierer kann zukünftig von seinem Traum leben, alle sind glücklich, alle sind zufrieden.

Äußerst beliebt: Hotline Miami 2 - Wrong Number.Äußerst beliebt: Hotline Miami 2 - Wrong Number.

Gar keine Frage: Innovative und vor allem gute Ideen verdienen eine Plattform, um von vielen Menschen wahrgenommen zu werden. Doch habe ich den Eindruck, dass Innovation mittlerweile mit Klischees verwechselt wird. Denn nach dem gefühlt hunderdsten Retro-Top Down-Shooter mit Synth-Wave-Soundtrack im 80er-Look ist für meine Begriffe nicht mehr viel von Innovation zu merken. Das gilt auch für die aus Traumsequenzen generierte Umgebung, die von einer KI beherrscht wird und in der der Spieler nicht weiß, wer, was und warum er eigentlich ist. - Ja, ich drücke das bewusst überspitzt aus, um so viele Klischees wie möglich einzubringen. Warum? Weil es sie gibt.

Und so leid es mir tut: Ich kann sie nicht mehr sehen, die ewig gleiche, billig produzierte 8-Bit-Grafik, die mit knarzendem und krachendem Gefiepe "authentische" und "nostalgische" Retro-Stimmung erzeugen will. Während ich mit Synth-Wave-Klängen noch was anfangen kann, sehe ich absolut keinen Grund, mir stundenlang blechernes Gescheppere anzuhören, das nach einem NES mit schwerer Erkältung klingt. All das sind Dinge, die ich seit bald 30 Jahren hinter mir gelassen habe. Und ich betone es nochmal: Ich gönne jedem seinen Spaß, aber langsam werde ich sauer, wenn mir die ewig gleiche Schablone von eifrigen Verfechtern als Innovation verkauft werden will. Ich glaub es einfach nicht mehr.

Braid: Sicher nicht schlecht, aber gab es solche Spiele nicht schon zu SNES-Zeiten?Braid: Sicher nicht schlecht, aber gab es solche Spiele nicht schon zu SNES-Zeiten?

Die Indie-Szene sollte doch was Neues bereitstellen, und sich nicht ständig selbst kopieren. Das kann nämlich die ach, so böse Triple-A-Branche selbst ganz gut. Die darf das aber nicht, weil ... halt, oder? Bevor ein Irrtum aufkommt, lasst mich noch eines klarstellen: Ich spreche hier nicht mal von zwielichtigen "Entwicklern", die vorgefertigte Assets mehr schlecht als recht zusammenschustern und auf Steam verticken. Die wiederum verdienen es nicht, als "Indie" bezeichnet zu werden. Denn auch wenn ich nichts damit anfangen kann: Echte Indie-Entwickler sollten nicht durch so etwas runtergezogen werden.

Aber da steckt eine Botschaft dahinter ...

Ein gern genommenes Argument, wenn ich erwähne, dass ich lieber Spiele erlebe, die mir eine ausladende und gut inszenierte Geschichte präsentieren, lautet: Indie-Games haben stets eine hochkomplexe und meisterlich subtil erzählte Geschichte zu vermitteln. Nur habe ich den Eindruck, es ist entweder stilisierte Action (in pastellfarbenem 3D oder zurückhaltender 8-Bit-Optik) oder aber eine endlos langweilige, von philosophischen Versatzstücken durchsetzte Textwand, mit der der Künstler seine Kindheit/ein Trauma/einen Verlust aufarbeitet.

Oder aber es wird Gesellschaftskritik geübt. Oha, ich ahne, wie sehr gerade so mancher Zornestopf überbrodelt. Nochmal zur Erinnerung: Dagegen habe ich nichts. Ich will bloß nicht dazu gezwungen werden es zu mögen, nur weil es Indie ist.

Gone Home: Hoch gelobt. Vermutlich auch zu Recht. Es interessiert mich bloß nicht.Gone Home: Hoch gelobt. Vermutlich auch zu Recht. Es interessiert mich bloß nicht.

Ganz besonders nervig wird es, wenn ich milde und regelrecht mitleidig belächelt werde, weil ich "den tieferen Sinn" in einem Spiel nicht erkannt habe. Ich habe das "deepe Meaning" nicht erfasst und die "fragmentierte Message" nicht verstanden. Ich arme Wurst. Hätte ich bloß, so wie die meisten der Leute, die mich dann belächeln, auch mal auf Wikipedia nachgelesen, wie sich dieses "deepe Meaning" denn nun eigentlich darstellt. Dann könnte ich wenigstens mitreden, während ich gelangweilt meinen perfekt gekühlten Weißwein im Glas schwenke.

Aber hey, ich lasse mir sowas durchaus gerne erklären. Tatsächlich finde ich es nämlich spannend, was da oft an Interpretationen rüberkommt. Mitreden kann ich zwar nicht, weil ich diese Spiele ja nicht konsumiere, aber ich bin dann sehr gerne Zuhörer und verfolge, wie sich Gedanken rund um ein Ideenkonstrukt formieren und eine manchmal durchaus kongruente Botschaft daraus destillieren.

Öfter ist aber das, was ich da höre, einfach nur Schwachsinn.

The Binding of Isaac: Ein Kronjuwel der Indie-Szene. Entscheidet selbst, warum das so ist.

Ein viel größerer Mann als ich (Hans Christian Andersen) hat vor langer Zeit mal eine Geschichte geschrieben. Darin geht es um einen nackten Kaiser. Angeblich kann man seine Kleider nur sehen, wenn man klug ist. Aber der Mann war nackt, nur hat sich niemand getraut, das zuzugeben, weil er ja sonst als dumm dastehen würde. Ich gebe es zu: Ich sehe nur nackte Spielkonzepte ohne hübsche Klamotten. Tja, dann ist das halt so.

Gerne würde ich Indie-Games mögen, doch jedes Mal, wenn ich es versuche, stören mich die gleichen Punkte daran. Ich werde damit leben müssen, dass diese Sparte nicht für mich gemacht ist. Das wird aber die Indie-Szene nicht weiter stören, denn die ist höchst lebendig. Und das ist gut so. Denn trotz aller Abneigung: Ich finde es dennoch gut, dass es sie gibt. Ich mag auch keine Hunde, wünsche ihnen aber nichts Schlechtes (und ziehe Katzen vor).

Tags: Indie  

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