Ausgeglitzert: Videospiele haben den Vampir-Mythos gerettet

(Kolumne)

von Micky Auer (21. Juni 2018)

"Ein Blick in seine nachtfarbenen Augen ließ sie für einen Moment in der Ewigkeit des Universums versinken. Überwältigt von der unfassbaren Schönheit der Schöpfung, die ihn ihm ruhte, sank sie in seine Arme. Seine Haut fühlte sich so kalt an und doch pulsierte in seinen Adern das Leben von so vielen. Ihre bebenden Lippen lösten sich von seinem kalten Kuss und flüsterten: "Beiß mich!" Er glitzerte wie Sonnenlicht, das auf der Oberfläche eines Sees tanzt und versank in ihrem milchweißen Hals." - Oh, bitte. Geht mir fort mit dem Schmarrn!

Danke, Stephenie Meyer, danke dafür, dass Sie den Mythos "Vampir" beinahe ausgelöscht, ihm zumindest aber nachhaltig großen Schaden zugefügt haben. Und meine Danksagung ist natürlich sarkastisch gemeint. Denn Ihre Twilight-Romane, Frau Meyer, sind es, die aus den unheiligen und verfluchten Kreaturen der Nacht ein paar bleiche Dauer-Teenager gemacht haben, die vordergründig auf ihre eigene Existenz angefressen sind. (Falls ihr nun nach dem Werk sucht, aus dem der Einstieg dieser Kolumne entlehnt ist: Ihr sucht vergebens. Der Text ist frei erfunden.)

Früher waren Vampire Halbgötter, deren Macht die Sterblichen in jeder Nacht mit Furcht und Schrecken erfüllt hat. Vlad, der Pfähler, Murnaus Nosferatu und selbst Filme aus den 80ern wie The Lost Boys und Fright Night haben diesen dunklen Mythos untermauert.

Blütfürst Kain aus der "The Legacy of Kain"-Reihe ist bereits eine Legende.Blütfürst Kain aus der "The Legacy of Kain"-Reihe ist bereits eine Legende.

Vampire waren bald keine Seltenheit mehr in Videospielen. Meist waren sie - ihrer Widernatur gemäß - die Antagonisten, die Bösewichte, wie zum Beispiel in der gesamten Castlevania-Reihe. Manchmal wuchsen sie aber über diese eindimensionale Sichtweise hinaus, wie am Beispiel von Alucard (ebenfalls Castlevania) oder Joachim Valentine aus Shadow Hearts - From the New World gezeigt wird.

Selbst in dem oft am Kitsch entlangschrammenden Drama "Interview mit einem Vampir" hat sich der Untote Louis sein Gewissen über den Tod hinaus bewahrt und verleiht dem Thema eine neue Facette. Und von Buffy und ihren Liebschaften mit Vampiren mit/ohne/dann wieder mit Seele will ich hier gar nicht berichten. Auch das war ein wichtiger popkultureller Beitrag zum Thema "Vampir". Vampire entwickelten sich nicht nur in Filmen und Literatur, sondern auch in Videospielen.

Doch dann kamen Sie, Frau Meyer, und haben all den düsteren Spaß aus den untoten Blutfürsten rausgenommen, indem sie ihre Vampire im Sonnenlicht glitzern ließen wie ein mit Stroboskopen behängter Weihnachtsbaum. Glücklicherweise haben sich findige Spieleentwickler und talentierte Autoren nicht davon abschrecken lassen, den Mythos erneut aufzugreifen und ihn wieder mit Angst, Schrecken und vor allem mit Blut zu füllen. Ganz viel Blut. Ohne Glitzerkram. Ohne Lametta. Ohne Kajal ...

Wampürrrrrrrrr!

Ganz aktuell ist ein ganz besonders düsterer Blutsauger in der Spielebranche unterwegs. Dr. Jonathan Reid, seines Zeichens Arzt in London kurz nach dem Ersten Weltkrieg, während sich die Stadt fest in den Klauen der Spanischen Grippe befindet. Als wäre das noch nicht finster genug, wird Dr. Reid in Vampyr auch noch selbst zum Blutsauger.

Szene aus Vampyr: Schlaf gut, mein Prinz. Träume süß und wache nie wieder auf.Szene aus Vampyr: Schlaf gut, mein Prinz. Träume süß und wache nie wieder auf.

Nicht nur ist Jonathan Reid eine höchst zerrissene Figur, die ein unsterbliches Dasein zwischen dem Wunsch zu helfen und der unstillbaren Gier nach Blut fristet, jede einzelne Szene im Spiel ist das komplette Gegenteil zu überromantisierten Kitschromanen, die Vampire als unverstandene Poeten der Nacht darstellen.

In Vampyr sind die Hauptakteure tief im Mythos des seelenlosen Mörders mit übernatürlichen Kräften verankert. Und doch gibt es einen Antrieb, eine Motivation, vielleicht sogar sowas wie einen Plan, der das Dasein als Vampir in einen Rahmen packt. London im Griff einer tödlichen Seuche bildet die perfekte Kulisse für eine Geschichte, in der der Tod allgegenwärtig ist.

Erstaunlicherweise haben die Entwickler von Dontnod, die zuvor vor allem durch das filigrane Abenteuer Life is Strange auf sich aufmerksam gemacht haben, eine Welt entstehen lassen, die eher untypisch für ihr bisheriges Schaffen ist. Vampire werden hier gejagt, sie sind eine tödliche Gefahr, der selbst eine Gruppe ausgebildeter Jäger zum Opfer fallen könnten. Die Kräfte eines Vampirs manifestieren sich in übermenschlicher Kraft, Geschwindigkeit, Gedankenkontrolle und der Herrschaft über die Schatten.

Ein Vulkan aus Blut und Finsternis: Dr. Reid wird zum Monster.

Wenn eine der Kreaturen in Vampyr der Blutdurst überkommt, stellt sich das für den Spieler wie eine Episode reinsten Wahnsinns dar. Nichts zählt mehr, Namen, Gesichter und Personen verlieren jegliche Bedeutung. Es geht nur noch um das Stillen eines unheiligen Verlangens. Selten zuvor wurde die Welt aus den Augen eines Vampirs so dargestellt. Und mal ganz ehrlich: So stellen wir uns das auch vor! Ein Ungeheuer, das mal ein Mensch war, wandelt auf dem schmalen Grad zwischen blutrünstiger Bestie und mitfühlender Seele. Das ist der Stoff, aus dem coole Geschichten entstehen. Und glücklicherweise gibt es davon noch mehr in spielbarer Form.

Dunkelheit, Blut und Anime

Lasst euch nicht täuschen: Der Begriff Anime wird allzu schnell mit quietschbunten Szenarien in Verbindung gebracht. Es gibt zahlreiche Werke, die sich auch besonders tief in richtig düstere Themenbereiche vorwagen. Genau diesen Stil verfolgt der nächste Schritt, der hoffentlich dazu führen wird, dass wir Spieler wieder Respekt vor Vampiren haben werden. Er kommt voraussichtlich im September dieses Jahres und heißt Code Vein von Bandai Namco.

Code Vein: Kein ewiges Leben ohne Blut.Code Vein: Kein ewiges Leben ohne Blut.

Nach einer mysteriösen Katastrophe liegt die Welt in Trümmern. Im Herzen der Zerstörung exisitert eine Geheimgesellschaft von Wiedergängern, genannt "Vein". Die wenigen Überlebenden haben ihre Menschlichkeit gegen übernatürliche Kräfte getauscht, die sie mit dem Blut ihrer Opfer nähren. In dieser modernen Darstellung des Vampir-Mythos geht es unter anderem um den Verlust der Menschlichkeit. Keinerlei Romantik, keinerlei Hoffnung, keinerlei Kitsch - ihr seid auf einer Reise bis ans Ende der Hölle, und auf dem Weg dorthin wollt ihr euren Durst stillen.

Die Darstellung der Vampire in Code Vein ist gleich doppelt wirksam, sie aus dem Sumpf der Verniedlichung herauszuziehen. Der Grafikstil ist ebenso farbenfroh wie düster und vermittelt in mitunter recht schonungslosen Bildern, womit ihr es zu tun habt, wenn ihr einem Vampir gegenübersteht. Hinweis: Das hat nichts mit zarter Liebe und nackten, wohlgeformten Oberkörpern zu tun. Große Anime-Augen und melodramatische Posen täuschen nicht darüber hinweg, dass ihr eine richtig dunkle Geschichte erlebt.

So gnadenlos geht es in Code Vein zur Sache:

Und auch Code Vein macht keinen Hehl daraus, die Kraft des menschlichen Blutes zu zelebrieren, es als Heiligtum für etwas so durch und durch Unheiliges darzustellen. Ihr seht: Die Menschen, die an Videospielen arbeiten, lassen sich nicht davon beirren, welcher Trend an welchem Mythos nagt. Daher ein großes Dankeschön an all jene, die sich solcher Geschichten annehmen, ihren Kern erfassen und versuchen, sie atmosphärisch dicht und stimmig auf eure Bildschirme zu bringen, damit ihr selbst Teil des Geschehens werdet ... und lieber düster blickend als verträumt schmachtend vor dem Fernseher sitzt. Und auch großer Dank an all die Vampire in Videospielen, von Kain und Raziel aus der "Legacy of Kain"-Reihe bis hin zu Jeanette und Therese Voerman aus Vampire - The Masquerade: Bloodlines. Ihr alle habt den Mythos bereichert!

Hoffentlich wird auch irgendwann nach außen hin klar, dass es die Videospielindustrie war, die den dunklen Kern des Vampir-Mythos bewahrt, behütet und beschützt hat. Beschützt vor weichgespülten Geschichten, die ein verzerrtes Bild zeichnen. Vampire sind cool, ja, aber Vampire sind nicht kitschig. Haltet euch das immer vor Augen!

Tags: Horror  

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