Nintendo 3DS: Alles ziemlich cool - bis auf 3D

(Kolumne)

von Micky Auer (24. Juni 2018)

Mit dem Nintendo 3DS hat der Mario-Konzern einen würdigen Nachfolger für Game Boy und Nintendo DS erschaffen. Erstaunlicherweise hat mich das Hauptverkaufsargument an dem Handheld nie interessiert.

3D ist das Zauberwort in der Film- und Videospielindustrie. Es kommt ein neuer Superheldenfilm ins Kino - natürlich in 3D! Konzern XY bringt seinen neuen, gigantischen Curved-LED-TV auf den Markt? Klarerweise mit 3D-Feature! Ihr kauft euch die neuen Frühstücksflocken? Selbstverständlich in 3D!

Was ich damit sagen will: Ohne 3D geht nichts mehr. Zumindest will das die Unterhaltungsindustrie so. Aber mal ehrlich: Habt ihr schon mal im Kino einen Film gesehen, der durch die 3D-Technik so richtig an Mehrwert gewonnen hat? Oder - sofern ihr einen 3D-Fernseher habt - habt ihr schon mal 40 Stunden lang ein Spiel in 3D gespielt? Mit einer klobigen und störenden 3D-Brille auf der Nase?

3D ist dann vielleicht doch nicht so sehr das Zauberwort, sondern eher ein wenig Bühnenzauber, ein wenig Verzauberung und eine kleine Portion fauler Zauber. Das war Nintendo aber egal, denn die Firma hatte die Idee, die Technik und das richtige Timing. Und so begründete das nutzloseste Feature den Erfolg einer Hardware, der bis heute anhält. Mittlerweile sogar ohne dieses Feature.

Ach, damals ...

Vor Jahren habe ich für Nintendo of Europe gearbeitet. Eines schönen Tages, nachdem ich einen haushohen Stapel von Verschwiegenheitsabkommen unterzeichnet habe, wurden mir mehrere Prototypen des Nintendo 3DS übergeben, die ich meinen Teams zeigen durfte. Das waren damals nur Platinen, mit darauf verlöteten Screens und bereits fertiger Software.

Nintendos Handhelds und Pokémon: Zwei Begriffe, die einfach zusammengehören:

Unser Staunen war groß! Wir haben diesen echten 3D-Effekt bewundert, uns vorgestellt, wie unglaublich tiefgründig die Spiele dafür wohl werden würden und welche neuen Möglichkeiten die sauber umgesetzte Technik mit sich bringen wird! Einen Kollegen musste ich sogar nötigen, den Protoypen endlich weiterzugeben, er wollte ihn nicht mehr aus der Hand legen.

Als das Gerät dann auf den Markt kam, hatten wir alle sehr viel Arbeit in den Release gesteckt. Die gesamten IPL-Texte der Hardware mussten in mehrere Sprachen übersetzt werden, Software natürlich auch, dazu die umfangreichen Handbücher und Verpackungen. Für unsere Mühen hat uns Nintendo dann eine große Party in einem schönen Lokal spendiert. Das Motto lautete natürlich: Mit dem 3DS bricht ein neues Zeitalter der Videospiele an! Zu diesem Zeitpunkt konnte niemand mehr von uns den 3D-Effekt nutzen, ohne ihn zu hassen.

Aber ... aber ... 3D!

Schon nach kurzer Zeit hat sich gezeigt, dass es nicht so einfach ist, den zugegebenermaßen guten 3D-Effekt des Handhelds als Spieler sinnvoll zu nutzen. Denn der Toleranzbereich des Blickfeldes, in dem sich die Konsole befinden muss, damit der Effekt wirkt, ist sehr gering. Das heißt, ihr sitzt bald recht verkrampft da, um das Geschehen im Blickfeld nicht zu einem unspielbaren Optikfehler werden zu lassen.

Hübsch anzusehen, aber auf Dauer echt anstrengend: Kid Icarus - Uprising in 3D.Hübsch anzusehen, aber auf Dauer echt anstrengend: Kid Icarus - Uprising in 3D.

Und das geht nicht nur auf die Schultern und den Nacken, sondern auch auf die Augen. Den 3D-Effekt über längere Zeit zu nutzen, kann in vielerlei Hinsicht ganz schön anstrengend sein. Da sich 3DS-Software damals nur eben auf dem 3DS, nicht jedoch auf Entwicklerstationen mit angeschlossenen großen Bildschirmen spielen ließ, wurde der Effekt schon am ersten Tag der Bearbeitung von allen Kollegen abgeschaltet. Denn dankenswerterweise gibt es diese Option schon von Anfang an!

Gleichzeitig hatten wir immer das Gefühl, wir würden etwas verpassen, wenn wir ständig nur in 2D spielen. Irgendeinen Geniestreich, der nur in 3D funktionieren würde. Ein einzigartiges Erlebenis, das unseren spielerischen Horizont so dermaßen erweitern würde, dass es schon beinahe einer digitalen Erleuchtung nahe kommen würde. Aber wir hatten viel zu tun, es blieb uns keine Zeit, das genau zu ergründen.

Umfangreiche Rollenspiele wie Bravely Default solltet ihr besser in 2D genießen.Umfangreiche Rollenspiele wie Bravely Default solltet ihr besser in 2D genießen.

Die Zeit wollte ich mir nehmen, wenn der Kasten endlich auf dem Markt sein würde. In Ruhe, zu Hause, ohne Hektik und Zwang, umgeben von privatem Komfort in der sanften Umarmung meiner Couch. Das habe ich dann auch gemacht. Und dabei hatte ich tatsächlich eine Erleuchtung. Wenngleich auch eine eher ernüchternde.

3D braucht echt niemand

Es vergingen gerade mal 20 Minuten, da hatte ich schon absolut keine Lust mehr auf den 3D-Effekt! Denn auf der Couch liegend wurden mir schnell die Arme müde, weil ich den 3DS starr vor meinen Augen halten musste. Und je schneller und actionreicher das Spielgeschehen wurde, desto anstrengeder wurde es, den 3D-Effekt zu erfassen. Aber ich wollte doch nichts verpassen!

Es geht auch ohne: Super Mario Maker verzichtet komplett auf den 3D-Effekt.

Und dann musste ich feststellen: Ich verpasse auch nichs. Rein gar nichts. Alle Spiele für den 3DS spielen sich in 2D genau so gut wenn nicht um Längen besser als in 3D. Und da saß ich nun mit meinem brandneuen Handheld, das ich mir zugelegt habe, weil ich mir einen optischen Quantensprung erwartet habe und dachte mir: "Meine Güte, bin ich blöd!" 3D ist tatsächlich und im wahrsten Sinne des Wortes reine Augenwischerei.

Und damit war das Thema für mich gegessen. Trotzdem habe ich es nie bereut, einen 3DS zu besitzen. Denn es gibt so viele gute Spiele für den kleinen Kasten, die ich nicht missen will. Im Vergleich zur PS Vita, die quasi als Konkurrenzprodukt positioniert wurde, kann der 3DS mit einer ungleich größeren Auswahl an Spielen Punkten. Auf dem Preissektor gewinnt er auch und selbst heute, nach über sieben Jahren, ist der 3DS noch immer stark im Rennen. Und das zu Recht!

Auch wenn das Thema 3D für mich recht früh durch war, für Nintendo war es das erst später. Denn es stellte sich bald heraus, dass vor allem für Kinder der 3D-Effekt schädlich für die Entwicklung der Augen sein kann. Und die Existenz des Nintendo 2DS belegt eindeutig, dass nicht ein 3DS-Spiel existiert, das ohne 3D-Effekt nicht leben kann.

Aber Hut ab vor Nintendo: Es gelingt nicht vielen Firmen, ein absolut nutzloses Feature, das auch noch anstrengend und mitunter gesundheitsschädigend ist, so geschickt anzupreisen, dass der Name des Features selbst zur Marke wird und dafür sorgt, dass sich der Kram verkauft als wäre es das beste Ereignis seit der Erfindung des Rades. Respekt!

Tags: Hardware  

Fans befürchten, Season 5 mache das Spiel kaputt

Fortnite: Fans befürchten, Season 5 mache das Spiel kaputt

Wie mit dem Start jeder neuen Fortnite-Season gehen auch mit Season 5 eine Menge Updates einher. In Foren sammelt sich (...) mehr

Weitere Artikel

Neuer Spielmodus mit Perma-Death angekündigt

Ghost Recon - Wildlands: Neuer Spielmodus mit Perma-Death angekündigt

Euch ist Ghost Recon - Wildlands bislang zu wenig Nervenkitzel gewesen? Dann dürft ihr euch auf die zweite Saison (...) mehr

Weitere News

Newsletter

Mit diesem Formular kannst du den Spieletipps.de Newsletter kostenlos abonnieren.

zurück zur Kolumne-Übersicht

* gesponsorter Link