Angst vor Games: Warum glauben viele Eltern, Videospiele wären nicht gut für Kinder?

(Special)

von Micky Auer (27. Juni 2018)

Immer wieder wird der Begriff "Videospiele" als Schreckgespenst missbraucht, weil sie vor allem Kinder in seelenlose Zombies verwandeln würden. Woher kommt eigentlich diese Angst vieler Eltern und was ist da wirklich dran?

Bei uns im Haus wohnen mehrere junge Familien mit Kindern im Alter von sechs bis zehn Jahren. Wenn die Eltern mal ausgehen wollen, werden Nachbarn, die man gut kennt, gerne mal gefragt, ob sie wohl einen Abend lang auf die Kinder aufpassen könnten. So auch ich. Tatsächlich bitten die Kinder gezielt darum, dass ihre Eltern ausgerechnet mich fragen. Der Grund ist einfach: Bei mir gibt es einen wahren Schatz an Videospielen zu erforschen.

Klarer Fall also, dass ich für Kinder den interessantesten "Hausrat" habe. Oft genug werde ich aber von den Eltern auch gebeten: "Bitte keine Videospiele." Den Wunsch muss ich natürlich respektieren, aber wenn ich die Frage stelle: "Wieso eigentlich?", erhalte ich lückenhafte, uninformierte oder gar keine Antworten. Woran liegt das?

Faszination versus vermeintliche Vernunft

Noch immer kommt es oft zur psychologischen Reibung, wenn zwischen Eltern und Kindern das Thema Videospiele auftaucht. Das hat mehrere Gründe. Für Kinder handelt es sich um ein beliebtes Spielzeug, das heute stark in unsere Alltags- und Pop-Kultur eingebunden ist. Selbst wenn in einem Haushalt nicht digital gespielt wird, so ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass zumindest die Kinder dennoch Kontakt mit dem Medium haben werden. Dann sind es halt die Freunde, bei denen eine Spielkonsole, ein Gaming-PC oder wenigstens ein Smartphone zur Verfügung stehen.

Die Angst vieler Eltern: Wenn in Spielen geprügelt wird, könnten die Kinder sich daran auch in der Realität orientieren.Die Angst vieler Eltern: Wenn in Spielen geprügelt wird, könnten die Kinder sich daran auch in der Realität orientieren.

Oft geschieht das im Geheimen, ohne das Wissen der Eltern. Das ist schade, denn auf diese Weise erhalten Videospiele den Anstrich des Verbotenen. Etwas, das quasi "im Untergrund" existiert und dessen offene Nutzung nicht gerne gesehen wird. Verzichten will jedoch kaum ein Kind auf diesen Zeitvertreib.

Für Eltern - vor allem für jene, die mit der Materie nicht allzu sehr vertraut sind - zählen andere Punkte. Da wäre schon mal der Kostenfaktor. Vor allem neue Spiele sind nicht gerade billig. Hinzu kommt natürlich die Anschaffung einer entsprechenden Hardware, die vordergründig von den Kindern genutzt werden soll und durch die für die Familie zumindest auf den ersten Blick kein Mehrwert entsteht.

Außerdem bleiben bei vielen Menschen Parolen im Gedächtnis hängen, die dem Ansehen von Videospielen schaden. Allen voran natürlich der Begriff "Killerspiele". Ob das Spiele sind, in denen man einen Killer darstellt oder durch die man selbst zum Killer werden kann, sei dahingestellt, denn darum geht es mittlerweile gar nicht mehr so sehr. Das Schlagwort ist griffig, verursacht Angst und bleibt in der Erinnerung haften. Für gute Eltern ist das natürlich Besorgnis erregend und sie wollen ihre Kinder nicht etwas Derartigem aussetzen.

Die Faszination, die vom Medium Videospiel ausgeht, muss man kaum einem Kind erklären. Viele vor allem junge Erwachsene mit Familie sind ebenfalls mit dem Konzept vertraut und gehen damit wesentlich offener um. Menschen im Alter ab Mitte 40 haben aber mitunter nicht mehr den nötigen Bezug zu modernen Spielen und können sich weder in die Faszination hineinversetzen, noch potenzielle Vor- oder Nachteile von Spielen einschätzen. Das ist kein Vorwurf, denn es besteht keinerlei Verpflichtung für irgendjemanden, in dem Thema firm zu sein. Auch bleibt vielen Menschen schlicht und ergreifend nicht die Zeit für Videospiele.

Aber sollte man seinen Kindern etwas vorenthalten, nur weil man es selber nicht kennt oder versteht? Vorsicht ist natürlich immer gut. Eltern würden ihre minderjährigen Kinder sicherlich auch nicht ins Kino schicken, damit sie sich dort einen Slasher-Film ansehen können. Heißt das aber, dass Kinder gar nicht ins Kino gehen sollten? Wohl kaum. Und das wird auch nicht geschehen. Denn Eltern wissen normalerweise, welche filmischen Inhalte für ihre Kinder geeignet sind. Bei Spielen sieht die Sache jedoch anders aus.

Was sagen eigentlich die Experten dazu?

Eltern wollen hoffentlich vordergründig eines, nämlich das Wohlergehen ihrer Kinder sicherstellen. Vieles wird dabei kritisch beäugt, so nun auch mal Videospiele. Vielleicht sogar besonders Videospiele, da dieser Bereich - wie oben erwähnt - für viele Menschen unbekannte Gewässer darstellt.

Im Gespräch wird häufig zuallererst das Thema Gewalt angeschnitten. In Videospielen wird viel gekämpft, Eltern fürchten, dass ihre Kinder sich daran ein Beispiel nehmen, das Verhalten kopieren und in den Alltag übertragen. Sprich: Es besteht die Angst, dass Kinder durch Spiele gewaltätig werden.

Für viele Eltern unverständlich: Zurzeit ist nichts so angesagt wie Fortnite.

Auch steht die gar nicht mal so neue Befürchtung im Raum, dass Kinder eher dazu neigen, ein Videospiel zu konsumieren als zum Beispiel draußen zu spielen. Warum diese Befürchtung nicht neu ist? Früher war es halt das Fernsehen. Erstaunlicherweise hätten aber viele Eltern kein Problem damit, wenn Zeit im Freien dafür geopfert wird, stattdessen ein Buch zu lesen. Den Lesen ist ja etwas Gutes. Die Kinder verbessern ihre Lesefähigkeiten, Lernen etwas und "beschäftigen sich sinnvoll". Allein durch diese positive Konnotation wird der Vorgang oft nicht weiter hinterfragt.

Tatsächlich berichtet zum Beispiel die American Psychological Association über die durchaus positiven Effekte, die Videospiele bei vernünftiger Nutzung auf Kinder haben können. Die Rede ist dabei vor allem von verbesserter Lernfähigkeit und stärker auf logischer Herangehensweise basierender Problemösungstaktiken.

Vor allem dieser Punkt wird auch in einem Artikel der University of Southern California unterstützt. Kinder, die sich mit Videospielen befassen, sollen demnach besser auf den Gebieten Mathematik, Sprachen und Naturwissenschaften abschneiden.

Neben dem Unterhaltungswert und dem schieren Spielspaß, der mit guten Videospielen einher geht, können laut dieser Studien Eltern ihre Kinder spielerisch fördern und auch Spiele gemeinsam erleben. Für viele Kinder gibt es nichts Schöneres als wenn ihre Eltern sich gemeinsam mit ihnen auf ein digitales Abenteuer begeben, und so damit auch signalisieren, dass sie sich für etwas interessieren, was ihnen - den Kindern - sehr wichtig ist.

Leider zeigen persönliche Erfahrungswerte, dass Eltern Videospiele eher dazu einsetzen, um ihre Kinder zu disziplinieren anstatt zu belohnen. Soll heißen: "Du darfst nicht spielen, weil ..." kommt gefühlt öfter vor als: "Du hast dir verdient zu spielen, weil ..." Die Nutzung eines Videospiels (oder irgendeines Spiels) ist kein Recht, sondern ein Privileg. Einem Kind zu vermitteln, was Dankbarkeit bedeutet, ist sicher nicht falsch. Jedoch mit dem Entzug von etwas zu drohen, erzeugt Angst, jedoch selten Respekt.

Nichts geht über Gemeinsamkeit

Videospiele sind mittlerweile zu einem so großen und komplexen Thema geworden, dass man als Außenstehender - und nicht sonderlich Interessierter - gerne mal abgeschreckt reagiert. Das ist schade, denn im Endeffekt geht es um eine moderne Unterhaltungsform. Eltern, die diesen Bereich mit ihren Kindern gemeinsam erkunden, haben die Möglichkeit, unglaublich viele Vorteile daraus zu ziehen.

Ni no Kuni 2: Gemeinsam mit den Eltern ein so großes Spiel meistern kann zu einer wunderschönen Erinnerung werden.Ni no Kuni 2: Gemeinsam mit den Eltern ein so großes Spiel meistern kann zu einer wunderschönen Erinnerung werden.

Wer wegen des Gewaltgrades in Spielen besorgt ist, hat die Möglichkeit, hochwertige Produktionen zu wählen, die kindgerecht aufbereitet sind und ein jüngeres Publikum auch ansprechen. Es muss auch nicht immer Action sein. Klar, wenn viel auf dem Bildschirm los ist, sieht das toll aus und die Optik bereitet Freude. Kinder aber auch an eher kontemplative Inhalte heranzuführen, ist eine Aufgabe, die sich Eltern setzen könnten und die auch mit Spaß verbunden sein kann.

Eine völlige Abwendung von dem Thema kann sich aber heutzutage kaum noch ein Elternteil erlauben. Ebensowenig wie die Überlassung der völligen Freiheit bei Auswahl und Nutzung von Videospielen durch die Kinder. Gemeinsame Zeit mit einem Spiel hat zwischen Eltern und Kindern im Umfeld schon ganz neue Perspektiven eröffnet. Gemeinsam mit Mama oder Papa den Boss zu bezwingen kann ein genau so unvergessliches und schönes Erlebnis sein wie der Sommertag am Meer.

Im Endeffekt geht es - wie so oft - um die Zeit, die eine Familie miteinander verbringt und wie sie diese Zeit nutzt. Auch hier gilt: Zu viel des Guten ist auch nicht sinnvoll. Weder Eltern noch Kinder sollten zu viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen. Häusliche und schulische Pflichten dürfen niemals unter zu starkem Spielkonsum leiden. Und letzten Endes ist ein wachsames Auge seitens der Eltern stets erforderlich. Denn ob sich etwas gut oder schlecht auf die Entwicklung eines Kindes auswirkt, sollten vor allem die Eltern erkennen. Sie müssen sich nur die Zeit nehmen und wissen, wovon sie reden.

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