Videospielsucht: Bin ich betroffen? - Ein Selbstversuch

(Kolumne)

von Micky Auer (28. Juni 2018)

Die Weltgesundheitsorganisation sagt: Ja, es gibt ein Suchtverhalten in Bezug auf Videospiele. Was bedeutet das für jemanden, der sich beruflich UND privat mit der Materie auseinandersetzt? Und würde man es überhaupt merken, wenn man süchtig geworden ist?

Ich war vom ersten bewegten Pixel an mit dabei. An vorderster Front habe ich gegen Alien-Invasoren, Drachen und allerlei sonstige Kreaturen gekämpft, habe fantastische Welten besucht und Abenteuer erlebt, die man sich kaum vorstellen kann. Videospiele begleiten mich seit den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. So groß ist die Faszination, dass ich meinen Weg in die Branche gefunden habe und täglich über dieses Medium schreibe.

Das heißt, jeder Arbeitstag dreht sich bei mir stets in irgendeiner Form um Games. Doch das reicht für redaktionelle Arbeit beiweitem nicht. Ich setze mich auch aus privatem und beruflichem Interesse in meiner Freizeit mit dem Thema auseinander. Ich spiele viel, ich tue es auch gern. Doch seit das Thema "Videospielsucht" ein Schlagwort ist, werde ich nachdenklich.

Kollege René hat bereits sorgfältig recherchiert und darüber berichtet, was ihr über Videospielsucht wissen solltet. Und Kollegin Franziska hat sich in der Community umgehört, wo schon seit langer Zeit vielen Menschen klar ist, dass es so etwas wie Suchtverhalten gibt, die sich auch damit auseinandersetzen und auf Stellen verweisen, wo man Hilfe bekommt.

Mein Gedankengang dabei: Bin ich vielleicht schon betroffen, ohne es zu merken? Und wenn ja, wie merke ich das dann eigentlich? Ich bin kein Arzt, auch kein Psychologe. Daher kann ich keine haltbare Selbstdiagnose stellen, aber ich kann zumindest versuchen, mich auf bekannte Symptome zu überprüfen und dabei mir selbst gegenüber so ehrlich wie möglich zu sein.

Meine Checkliste und 14 Tage Selbstbeobachtung

Zwei Wochen lang habe ich mein Verhalten protokolliert und mich dabei beobachtet, wie oft ich Spiele konsumiere, in welchen Situationen, aufgrund welcher Motivation. Basis für meine Selbstbeobachtung ist eine Liste von Symptomen, die im ICD aufgeführt sind. Das ist eine Art Verzeichnis aller bekannten und anerkannten Krankheiten und gesundheitlicher Folgebeschwerden. In Deutschland ist das ICD ein Standard für zugelassene Ärzte bei der Erstellung einer Diagnose. Nachfolgend die einzelnen Punkte und das jeweilige Ergebnis meiner Betrachtung.

WICHTIG! Ich betone erneut: Ich bin kein Arzt, ich verfüge über keinerlei medizinische Ausbildung. Die Art und Weise, wie ich die Beobachtungskriterien und das Ergebnis interpretiere, entsprechen meiner persönlichen Sicht.

World of Warcraft - Legion: Dem erfolgreichsten MMO wurde vor allem in seiner Blütezeit hohes Suchtpotenzial zugeordnet.

1.: Der Verlust über die Kontrolle des Spielverhaltens. Dabei bezieht sich das ICD unter anderem auf die Häufigkeit, die Intensität und Dauer sowie die Situationen, in denen gespielt wird.

Ich spiele sehr konzentriert, versinke gerne total in der Spielwelt. Immersion ist für mich nicht nur ein Schlagwort, ich versuche stets, diese auch wirklich auszuleben. Fixe Pausen beim Spielen mache ich nicht, vielmehr unterbreche ich das Spiel, wenn ich es für nötig befinde.

Wenn ich also Hunger oder Durst verspüre, höre ich auf zu spielen, bereite mir was zu und bleibe beim Essen auch weg vom Spielgeschehen. Das mache ich unbewusst, vermutlich aus reiner Gewohnnheit, vermutlich sogar aufgrund meiner Erziehung. Wenn ich auf die Toilette gehen muss, mich aber gerade in einer nicht pausierbaren Situation befinde (Online, zum Beispiel), ärgert mich das zwar, aber ich lass den Gedanken erst gar nicht zu, noch weiter durchzuhalten. Natürliche Bedürfnisse gehen stets vor.

Ein natürliches Bedürfnis sollte eine fixe Grenze für den Spielekonsum sein.Ein natürliches Bedürfnis sollte eine fixe Grenze für den Spielekonsum sein.

Sobald ich Müdigkeit verspüre, höre ich ebenfalls auf zu spielen. Denn dann macht es mir auch keinen Spaß mehr. Für actionlastige Spiele fehlt mir dann das Reaktionsvermögen, storylastigen Spielen kann ich nicht mehr folgen. Wenn ich am nächsten Tag arbeiten muss oder einen Termin habe, achte ich darauf, die nötige Nachtruhe zu bekommen. Egal, wie spannend es gerade im Spiel zugeht.

Anders jedoch, wenn ich am nächsten Tag keine Verpflichtungen habe und allein bin. Dann kann die Nacht vor der Konsole sehr lang werden. Aber auch hier gilt: Sobald ich Müdigkeit verspüre, ist Schluss. Ich stelle fest, dass ich da niemals in Konflikt zwischen Verlangen und Bedürfnissen gerate, obwohl ich höchstwahrscheinlich wesentlich mehr Zeit mit Spielen verbringe, als der Durchschnitts-Zocker.

Würde ich zu Zeiten spielen, in denen draußen tolles Wetter herrscht, hätte ich ein schlechtes Gewissen. Vor allem im Frühjahr und Sommer. Bin ich im Freien, denke ich kaum an Videospiele, habe auch kein Handheld dabei, das Handy wird auch nicht zum Spielen genutzt. Anders im Herbst und Winter, wo ich lieber zu Hause bleibe, es früher dunkel wird und der Abend länger dauert.

2.: Die Verlagerung der Prioritäten im Leben hin zu Videospielen. Diese Bedingung wird nach vorläufigem ICD-11 erfüllt, wenn andere Interessen im Leben und tägliche Aktivitäten zunehmend hinter dem Spielen zurückgestellt werden.

Fernsehen habe ich vor knapp zwei Jahren aufgegeben. Streaming-Dienste sind mir lieber, ich bin an keine Ausstrahlungszeiten gebunden und kann mein Programm selbst wählen. Doch nutze ich das Angebot längst nicht so häufig wie die Berieselung durchs Fernsehen.

Bei der Entscheidung, ob ich weiterhin TV-Programme konsumieren will, spielte tatsächlich der Gedanke mit, mehr Zeit für Spiele freizuschaufeln. Ich habe festgestellt, dass ich klassische Fernsehprogramme nicht mehr nutzen will, weil mir darin zu viel Werbung vorkommt, selten was ausgestrahlt wird, was mich interessiert und ich die meisten Inhalte auch zielgerichteter im Netz finden kann. Die Zeit mit Spielen zu verbringen erscheint mir sinnvoller, zumal ich durch Fernsehen oft eingelullt werde und nur auf der Couch liege, ohne irgendwelche Aktivitäten zu vollführen. In diesem Punkt habe ich eindeutig zugunsten von Videospielen entschieden.

Das war es aber auch schon. Familie, Beziehung, Freunde: Alles, was mit den wichtigsten Menschen in meinem Leben zu tun hat, geht immer vor. Das gilt auch für Arbeit und soziale Aktivitäten. Niemals lasse ich etwas hinten anstehen, nur um mehr Zeit zum Spielen für mich rauszuschlagen.

The Elder Scrolls Online: Zeitfresser und Marktplatz für Mikrotransaktionen. Diese Aspekte treffen auf viele MMOs zu und können mitunter zum Problem werden.The Elder Scrolls Online: Zeitfresser und Marktplatz für Mikrotransaktionen. Diese Aspekte treffen auf viele MMOs zu und können mitunter zum Problem werden.

Häusliche Pflichten, wie Putzen, Waschen, Aufräumen ... Tja, nur zu gerne würde ich die bleiben lassen und stattdessen Spielen. Manchmal hadere ich da auch, mache es aber dann trotzdem. Nur, damit es erledigt ist und ich kein schlechtes Gewissen habe. Sonst wird mir nämlich auch der Spielspaß vergällt.

Was die Finanzen betrifft: Nötige Anschaffungen, Urlaube und Deckung laufender Kosten haben Priorität über Spielkäufe. Zusatzinhalte gönne ich mir vielleicht alle zwei oder drei Jahre mal (unregelmäßig), Mikrotransaktionen tätige ich nie. Ich habe ein festes Budget, das ich für Spiele nutze. Niemals lasse ich es zu, dieses Budget zu überschreiten.

Es gibt auch Tage, da habe ich absolut keinen Bock auf Games, lege mich lieber mit einem Buch unter einen Baum oder an den See, gehe abends mit Freunden aus oder ziehe mich in die Natur zurück. Das will ich auf keinen Fall missen. Und so sehr ich Spiele liebe, mit diesen Erlebnissen können sie nicht konkurrieren.

Oder aber ich will wirklich gezielt einen faulen Abend verbringen, gebe mich ganz dem Binge-Watching hin und bleibe beim Streamen. Einen Gedanken an Spiele verliere ich dabei zumeist nicht.

3.: Das Weiterspielen oder Steigern des Videospielkonsums trotz des Eintretens negativer Konsequenzen. Damit verbunden sind starke Beeinträchtigungen des sozialen Lebens sowie des Berufs- und Bildungsweges durch den Videospielkonsum.

Zocken bis spät in die Nacht darf schon mal sein. Doch das sollte nicht zur Gewohnheit werden.Zocken bis spät in die Nacht darf schon mal sein. Doch das sollte nicht zur Gewohnheit werden.

Und das wäre dann die Zusammenfassung der oben beschriebenen Abläufe. Videospiele nehmen in meinem Leben eine wichtige Rolle ein, aber auf keinen Fall die wichtigste von allen. Zurzeit befinde ich mich in einer Fernbeziehung. Wir sehen uns alle zwei Wochen, meist für jeweils vier bis fünf Tage. Die Zeit ist mir kostbar und wichtig, keinen Moment denke ich dabei an Videospiele.

ES SEI DENN ... man hat eine Partnerin wie ich, die selbst gerne mal zum Controller greift. Wenn es draußen kalt ist, wir keine Lust haben, abends was zu unternehmen oder einfach tierisch Bock auf ein gutes Spiel haben, dann spielen wir zusammen. Und meist wird das ein Riesenspaß (ich erschrecke mich vor allem und jedem, meine Partnerin beschützt mich vor all den schrecklichen Monstern - es ist wundervoll!).

Es scheint also alles in Ordnung zu sein. Oder etwa doch nicht?

Es regt sich gesunder Zweifel in mir

Jetzt, da ich meine Notizen gesichtet und verschriftlicht habe, Gedanken und Gefühle in Worte fasse und ihnen damit Klarheit und Struktur verleihe, sehe ich aus dem Abstand des Lesers doch den einen oder anderen Punkt, der Zweifel in mir auslöst. War ich wirklich ehrlich zu mir selbst? Ist das wirklich alles so, wie ich es sehe? Kann ich denn meiner eigenen Wahrnehmung überhaupt trauen, wenn ich vielleicht schon selbst in ein Suchtverhalten gerutscht bin?

Da wäre der Punkt mit dem Fernsehen: Spiele ich das vielleicht nur runter, um erhöhten Spielekonsum zu rechtfertigen? Oder habe ich mir nicht vielleicht schon mal gedacht: "Wie gerne wäre ich jetzt zu Hause und würde zocken", wenn ich irgendwo unterwegs bin? Ist es wirklich Vorfreude, die ich für ein neues Spiel empfinde, oder ist das vielleicht ein Entzugssymptom?

Auf keinen Fall will ich hier Panikmache betreiben, andererseits möchte ich das Thema auch nicht auf die leichte Schulter nehmen. Vielmehr sehe ich den Zweifel, die Unsicherheit als eine Möglichkeit, Aspekte meines Lebens genauer unter die Lupe zu nehmen und gegebenenfalls zu verbessern. Und das ist es, was ich auch euch rate: Geratet nicht wegen der aufkommenden Diskussion in Panik, tut das Thema aber auch nicht einfach ab.

Fortnite: Zurzeit richtig angesagt und auch im Fokus wegen angeblicher Suchtgefahr.Fortnite: Zurzeit richtig angesagt und auch im Fokus wegen angeblicher Suchtgefahr.

Nehmt euch vielmehr die Zeit, euch selbst kritisch zu hinterfragen, euch zu informieren und zögert bitte nicht, euch Hilfe zu holen, wenn ihr der Meinung seid, dass ihr sie braucht. Zum Beispiel hier:

  • Eine erste Anlaufstelle bietet euch die deutsche Telefonseelsorge, die ihr unter den Nummern 0800/1110111 und 0800/1110222 kostenfrei erreicht.

  • Schön Klinik Bad Bramstedt: Diese Klinik hat sich auf Internet- und Videospielsucht spezialisiert.

  • Auf spielsucht-therapie.de findet ihr Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen und Kliniken, falls ihr jemanden kennt dem ihr helfen möchtet oder das Gefühl habt, dass auch euer Leben zu sehr durchs Spielen bestimmt wird.

Hört auf eure Liebsten, auf eure Freunde und Familien, wenn sie vielleicht den Eindruck haben, dass ihr zu viel Zeit und Energie in euren Spielkonsum steckt. Bedenkt aber gleichzeitig, dass Menschen, die keinen Zugang zu Videospielen haben, auch andere Prioritäten setzen, weil sie ihre eigenen Hobbies verfolgen.

Es gibt keine festen Regeln zum Umgang mit Videospielen. So lassen sich auch die Gamer und ihr Verhalten nicht so einfach kategorisieren, wie es aufgrund der oben erläuterten Kriterien vielleicht erscheinen mag. Aber bitte achtet auch darauf, dass ihr selbst und euer Umfeld nicht durch euer Spielverhalten leiden. Der Schaden, der dabei entstehen kann, ist nur schwer zu beheben.

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