Keine neuen Helden: Gibt es überhaupt moderne Videospielikonen?

(Kolumne)

von René Wiesenthal (08. Juli 2018)

Viele Spielehelden aus den 80er- und 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts sind heute bekannter und beliebter als je zuvor. Irgendwann – so der Eindruck unseres Redakteurs René – hat die Spieleindustrie aufgehört, neue ikonische Charaktere hervorzubringen. Tatsache oder Fehleinschätzung? Chefredakteur Markus klinkt sich ein und eine Diskussion beginnt.

Auch bei uns in der Redaktion sind wir nicht immer einer Meinung - schockierend, nicht wahr? Wir präsentieren euch in dieser Reihe zwei Perspektiven zu einem Thema. Zwei Redakteure streiten sich, damit ihr euch eure eigene Meinung bilden könnt.

Hier findet ihr alle bisher in der Reihe erschienen Artikel.

Keine neuen Helden

Jeder Mensch – egal ob spieleaffin oder nicht – kennt Super Mario. Der Klempner hält sich seit fast vier Jahrzehnten hartnäckig in der Pop-Kultur und hat nichts an Popularität eingebüßt. Wer sind die großen Ikonen der letzten zehn Jahre Spieleentwicklung? Wo sind die neuen Helden, die die Gezeiten überdauern? René wirft Fragen bei der Redaktionskonferenz in den Raum und bekommt postwendend Widerspruch von El Jefe Markus höchspersönlich. Allerdings bleibt der Austausch überraschend gesittet.

René:

Ist dir mal aufgefallen, dass mit voranschreitender Zeit immer weniger ganz neue Spiele-Ikonen entstehen, die so allumfassend erkannt und geliebt werden wie ein Super Mario? Der ist zwar irgendwie das Extrembeispiel, da ich ihn meiner Oma zeigen könnte und selbst die zumindest ein vages "Nintendo!" hervorbringen würde.

"Das ist doch dieser Nintendo!" - meine Oma, sinngemäß."Das ist doch dieser Nintendo!" - meine Oma, sinngemäß.

Dennoch habe ich den Eindruck, dass auch andere Figuren aus den 80ern und 90ern auch heute noch geradezu symbolisch für Videospielen stehen, während selbst die Recken der beliebtesten Franchises der letzten zehn Jahre eher austauschbar und kurzlebig sind. Ich meine: wer interessiert sich in ein paar Jahren für den Hansel, den man in Far Cry 5 steuert? Und wie einzigartig ist eine Figur wie Bayek aus Assassin’s Creed – Origins? Um nur mal zwei besonders aktuelle Vertreter zu nennen.

Markus:

Hm, auf den ersten Blick ist da durchaus was dran. Das könnte zum einen tatsächlich daran liegen, dass heutzutage viele Helden wenig charakteristisch ausfallen - auch bedingt durch die immer realistischere Grafik. Dadurch ähneln sich gerade menschliche Charaktere sehr. Selbst ein Kratos ist am Ende nur ein Muskelmann mit Tattoos und Bart. Insider erkennen ihn natürlich sofort, aber ich könnte mir vorstellen, dass ihn die breite Öffentlichkeit jetzt nicht zwingend sofort von, sagen wir mal einem Conan unterscheiden kann.

Ikone oder nur 'Mann mit Tattoos und Muskeln'? Kratos, der Held aus God of War:

Ich habe da aber noch eine andere Theorie: Heutzutage werden wir einfach überschwemmt mit Games. Da wird es zunehmend schwieriger, sich als gestandene Videospielikone durchzusetzen und wenn man noch so aus der Masse heraussticht. Schau dir nur mal GLaDOS oder die Splatoon-Inklinge an: Viel außergewöhnlicher wird es nicht und beide haben es ja auch geschafft, sich eine begeisterte Fan-Schaar aufzubauen. Trotzdem kommen die nicht aus ihrer Nische raus, denn heutzutage konkurrieren sie eben mit einer ganzen Armee an weiteren Spielfiguren. Damals hatten wir ja nix. Da hat es sogar ein gelber Punkt mit Mund und ohne Vorgeschichte zur Kultfigur geschafft!

René:

Deinen letzten Punkt finde ich interessant. Ich würde nämlich sagen, dass genau, weil die Darstellungsmöglichkeiten – und das hast du ja auch schon angedeutet – damals sehr viel eingeschränkter waren, überhaupt erst Ikonen entstehen konnten. Ich bin kein Grafik-Designer, aber immer, wenn ich mich mit welchen unterhalte, höre ich folgenden Grundtenor heraus: Ein Logo, das sich festsetzt, muss einfach sein. Und so ist es auch bei Videospielhelden.

Simpel aber eingängig: Es gibt niemanden, der Pacman nicht kennt.Simpel aber eingängig: Es gibt niemanden, der Pacman nicht kennt.

Ist es möglich, dass grafische Designer von berühmten Spielestudios mittlerweile in ihrer Kreativität eingeschränkt werden – eben wegen des Anspruchs auf Realismus? Oder aber, dass die "Großen" es gar nicht mehr hinbekommen, simple Formen auf kreative Art eingängig und damit einprägsam zu machen? Auf jeden Fall fehlen dadurch heutzutage Symbole, mit denen sich Spieler in aller Welt in ihrer Gesamtheit identifizieren können. Das finde ich schade, weil ich das doch etwas gestrige Recyclen von ollen Marken genauso langweilig finde wie die muskulösen Männer mit Bärten, die wahlweise als Aushängeschild für Videospiele herhalten müssen.

Markus:

Da kann ich jetzt nur so halb mitgehen: Ja, einige der größten Ikonen der Videospielgeschichte sind sicherlich aus der Not heraus geboren. Jeder hat wahrscheinlich schon mal die Geschichte gehört, dass Mario seinen Schnörres nur trägt, weil es damals einfacher war, der 18 mal 12 Pixel großen Figur einen Bart statt eines Mundes zu verpassen. Aber nur weil Designer heutzutage nicht mehr zur Reduzierung gezwungen sind, muss das ja nicht heißen, dass sie nicht mehr mit simplen Formen umgehen können oder ihnen der Sinn für besonders charakteristische Figuren abhandenkommen muss.

Hinten rechts: der Creeper aus Minecraft. Ein undefinierbarer Pixelhaufen - von allen erkannt.Hinten rechts: der Creeper aus Minecraft. Ein undefinierbarer Pixelhaufen - von allen erkannt.

Mir fällt sogar gerade ein besonders gutes Beispiel ein, das dazu noch meine These von vorhin unterstreicht: der Creeper aus Minecraft! Ein paar hässliche, grüne Pixelblöcke, mit denen mittlerweile sogar Videospiel-unbeleckte Eltern etwas anzufangen wissen und die man sicherlich auch 2038 noch kennt. Nicht nur, weil das Erscheinungsbild besonders einprägsam ist, sondern vor allem auch, weil Minecraft eines der meistgespielten Games der letzten Jahre ist. Wenn ein Spiel genug Beachtung findet, ist es auch heute noch möglich, dass daraus eine Ikone hervorgeht. Es ist eben nur viel, viel schwerer geworden, in der nicht abreißenden Flut an Spielen dauerhaft auf sich aufmerksam zu machen.

René:

Okay, der Creeper. Der ist tatsächlich ein gutes Gegenbeispiel meiner These. Aber ich würde schon sagen, dass wegen der von dir erwähnten Flut heutzutage diese Masse an Figuren größtenteils erfolglos um die Gunst der Spieler buhlt. Zumindest, wenn man Videospieler mal ganz abstrakt als eine Einheit betrachtet. Während es damals einfach nur diese Handvoll beliebter Helden gab, hinter denen geschlossen ausnahmslos alle Gamer standen. Stimmst du mir da zu?

Markus:

Klares Jein: Ja, die gute alte Zeit hat einige Gaming-Galionsfiguren hervorgebracht - mehr als die letzten Jahre. Nein, schon damals standen nicht ALLE Gamer auf diese. Das mag dir heute so vorkommen, weil sich Mario, Sonic, Mega Man und die Street Fighter in der Zwischenzeit zu wahren Kultfiguren entwickelt haben, mit denen sich heute wahrscheinlich sogar Leute schmücken, die noch nie ein Spiel mit ihnen gezockt haben.

Kennt ihr Toejam & Earl? Nein? Das waren die Helden der coolen Kids.Kennt ihr Toejam & Earl? Nein? Das waren die Helden der coolen Kids.

Aber schon damals gab es diverse unterschiedliche Strömungen und so manch angesagte Helden, denen die ganz große Bühne verwehrt blieb. Ich kann mich noch erinnern, dass ich zum Beispiel bei ganz vielen meiner Kumpels mit Mario und Link so gar nicht landen konnte. Die spielten lieber die "coolen" Action-Games, die tendenziell eher auf dem Mega Drive zuhause wahren. Streets of Rage, Toejam & Earl, Comix Zone ... alles beliebte Spiele, nach deren Hauptfiguren heute kein Hahn mehr kräht. Vielleicht liegt es tatsächlich nur am Lauf der Zeit und wir werden in zwanzig Jahren darüber diskutieren, warum es keine so krassen Ikonen wie den Master Chief oder Nathan Drake mehr gibt?

René:

Auf keinen Fall. Das würde ja bedeuten, dass sich meine Wahrnehmung verändert hat, weil ich alt bin. Und DAS kann ja wohl nicht sein.

Nun wollen wir es von euch wissen: Habt ihr ebenso das Gefühl, dass die letzten Jahre keine richtigen Ikonen mehr hervorgebracht haben oder haltet ihr moderne Helden für genauso einprägsam wie Super Mario? Schreibt uns eure Meinungen in die Kommentare, wir freuen uns darauf, sie zu lesen.

Tags: Retro   Streitgespraech  

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