Test Octopath Traveler: Rollenspielgenuss hoch acht

von Thomas Nickel (12. Juli 2018)

Acht Helden ziehen ins Abenteuer, jeder verfolgt dabei seine eigenen Träume und Ziele. So bekommt die Switch ihren ersten großen Rollenspiel-Hit.

Kommen ein Krieger, eine Händlerin, ein Dieb, ein Gelehrter, eine Tänzerin, eine Jägerin, eine Klerikerin und ein Apotheker in eine Bar ... klingt wie der Anfang eines leidlich lustigen Witzes, ist es aber nicht. Octopath Traveler wurde Anfang 2017 im Rahmen von Nintendos großer Switch-Enthüllung erstmals gezeigt, gute 18 Monate später ist das Rollenspiel nun fertig und es ist sicherlich keine Unterbreibung zu behaupten: Das Warten hat sich gelohnt.

Das Beste aus den 90ern und von heute

Verantwortlich für Octopath Traveler sind ein paar der Macher der beiden Episoden von Bravely Default - die beiden 3DS-Rollenspiele gehören zu den besten ihres Genres auf dem Handheld. Doch anstatt die dort so erfolgreiche und beliebte Formel einfach schnell auf die Switch zu übertragen, das wäre doch zu einfach gewesen. Und so lässt sich Octopath Traveler in mancherlei Hinsicht zwar von seinen beiden 3DS-Cousins inspirieren, geht aber weitgehend eigene, ziemlich interessante Wege - spielerisch, inhaltlich und auch in Sachen Präsentation.

Der Name deutet es zart an: Acht Helden geben sich die Klinke in die Hand, acht Geschichten verfolgt ihr über mehrere Kapitel. Zu Beginn wählt ihr eine der acht Figuren aus. Diese ist dann stets ein fester Bestandteil der Gruppe, bei ihr beginnt auch die Geschichte. Doch keine Sorge - ihr werdet auch die Schicksale der anderen sieben Heldinnen und Helden erleben. Sobald ihr einen neuen Hauptcharakter trefft, bietet euch das Spiel an, dessen Prolog zu spielen und dessen Geschichte dann auch mit eurer stetig wachsenden Truppe zu folgen.

Figuren mit Charakter ... und Talent

Jeder der acht Helden hat einen eigenen Grund, auf Reisen zu gehen. Sei es Rache an einer Mörderbande, die Suche nach einem wichtigen Menschen, der Durst nach Wissen oder die reine Abenteuerlust. Die acht Helden sind allesamt interessant und sehr sympathisch geschrieben. Vertraute Motive sind natürlich vorhanden, aber auf allzu breite Klischees verzichtet Octopath Traveler. Die Geschichten der acht Helden entwickeln sich in interessante Richtungen und die Figuren entwickeln sich im Verlauf des Spiels, bleiben aber ihrem Charakter und ihren Motiven treu.

Die Szenarien sind angenehm abwechslungsreich. Hier ist die Truppe in winterlicher Kulisse unterwegs. Die leckeren Lichteffekte geben dem Szenario die nötige Wärme.Die Szenarien sind angenehm abwechslungsreich. Hier ist die Truppe in winterlicher Kulisse unterwegs. Die leckeren Lichteffekte geben dem Szenario die nötige Wärme.

Aber die acht Helden unterscheiden sich nicht nur in Name, Aussehen, Motivation und Bewaffnung, jede Figur bringt auch eigene Talente mit ins Spiel. Ritter Olberic fordert andere Figuren zum ehrenhaften Duell heraus. Die Jägerin H'aanit fängt tierische Gegner im Kampf, um diese dann später zu Hilfe zu rufen. Händlerin Tressa kauft Figuren deren Besitz ab - gerne mal mit einem guten Rabatt. Ist das Geld knapp, dann kann vielleicht der Dieb Therion weiterhelfen und wer mehr über die zahlreichen Figuren in Dörfern und Städten wissen möchte, der freut sich über die Konversations- und Investigationstalente von Cyrus und Alfyn. So hat jeder Charakter seine eigene Funktion und es will wohl überlegt sein, wen ihr gerade mitnehmt - denn in eurer Gruppe haben nur vier Figuren Platz, wechseln könnt ihr aber jederzeit, wenn ihr ein Wirtshaus aufsucht.

Altmodisch aber gut!

Kämpfe finden rundenbasiert und nach dem Zufallsprinzip statt. Letzteres stellt für manchen modernen Spieler fast schon ein K.O.-Kriterium da, aber Octopath Traveler setzt dieses durchaus etwas archaische Spielemenent mit Bedacht und der nötigen Zurückhaltung ein. Die Frequenz der Auseinandersetzungen ist sehr angenehm, und das Spiel raubt euch niemals mit austauschbaren Nieswurz-Gegnern die Zeit. Kämpfe sind fordernd und verlangen taktisches Vorgehen. Jeder Gegner ist gegen bestimmte Elemente und Waffengattungen empfindlich, ein kleines Symbol zeigt an, wieviele Treffer nötig sind, um seine Deckung zu brechen und dann richtig Schaden anzurichten.

Boosten mit Bedacht

Wichtigstes Element des Kampfsystems sind die Boost-Punkte. Jede Figur verdient einen pro Runde und kann ganz nach belieben vier davon einsetzen um Spezialangriffe zu verstärken, mächtigere Heilzauber auszusprechen oder mehrere Angriffe pro Runde auszuführen. Gerade so prügelt ihr schnell und effektiv die Deckung der Gegner nieder - passt aber auf, dass die anderen Teammitglieder dann auch ihrerseits ein paar BP übrig haben, um dem wehrlosen Feind ein paar saftige Angriffe reinzuzünden, der "Bruch"-Zustand hält nur eine Runde lang an und sobald er verflogen ist, startet der Feind einen Gegenangriff.

Tressa hat den Schwachpunkt des Riesenschafs entdeckt und ihm den "Bruch"-Status verpasst. Jetzt darf draufgehauen werden!Tressa hat den Schwachpunkt des Riesenschafs entdeckt und ihm den "Bruch"-Status verpasst. Jetzt darf draufgehauen werden!

Spielerisch setzt Octopath Traveler vor allem auf vertraute Elemente und mischt gelegentlich ein paar neue Ideen ein, in Sachen Inszenierung geht das Rollenspiel aber ganz eigene Wege. Stellt euch ein richtig schönes, klassisches 16Bit-Rollenspiel mit pixeligen, aber detaillierten Hintergründen und hübsch gezeichneten Sprites vor. Jetzt behaltet ihr diesen Look bei, versetzt ihn in die dritte Dimension und hübscht das Ganze mit topmodernen Wasser- und Lichteffekten auf - so lässt sich Octopath Traveler wohl am besten beschreiben.

Pixelpracht und Ohrenschmeichler

Ergänzt wird dieser ebenso eigenwillige wie gelungene Stil durch einen der besten Rollenspielsoundtracks der letzten Jahre: Der bislang eher unbekannte Komponist Yasunori Nishiki untermalt das Spiel mit mal heroischen, mal treibenden, mal melancholischen Klängen - beinahe jedes Stück ist ein Volltreffer und bleibt im Ohr. Da ist es nur passend, dass die englischen und japanischen Synchronsprecher ebenfalls charismatisch und enthusiastisch rüberkommen sowie die deutschen Untertitel stimmig und flott geschrieben sind.

Diese acht Helden und ihre Abenteuer erwarten euch:

Meinung von Thomas Nickel

Octopath Traveler orientiert sich einerseits deutlich an den Klassikern der 90er Jahre, geht aber gleichzeitig neue, eigene Wege und vereint modernes Spieldesign mit den Qualitäten der damals so prägenden Werte. Der Fokus liegt klar auf den acht Helden und ihren eigenen, persönlichen Geschichten - weltumspannende Dramen, nihilistische Bösewichte mit apokalyptischen Ambitionen und der dem Genre heute so gerne anhaftende Anime-Kitsch sind hier eher nicht zu finden.

Das mag für manche Spieler ein Negativpunkt sein, für mich stellt es eine klare Stärke dar. Die Figuren sind allesamt charmant und spannend - ihre Schicksale interessieren mich weit mehr als das, was viele andere RPGs so gemeinhin als Geschichte präsentieren. Natürlich hilft es auch, dass Octopath Traveler grafisch eine ziemlich einzigartige Präsentation bietet, die sich vielleicht nicht sofort jedem Spieler erschließt - aber nach einer Weile wird auch der größte Pixel-Verächter zugestehen, dass Square Enix und Entwickler Acquire hier wirklich etwas tolles gelungen ist.

Und dann sind da noch die spielerischen Qualitäten. Die Zufallskämpfe sind mit minimalem Nervfaktor integriert und belohnen kluges Vorgehen, die gelungene Charakterentwicklung motiviert langfristig und es ist immer wieder ein großer Spaß, nach einem erfolgreichen Bosskamp die Truppe mal neu aufzustellen und mit ein paar bisher vernachlässigten Charakteren weiter zu ziehen - wer an Rollenspielen vor allem gut geschriebene Figuren und anspruchsvolle Kämpfe schätzt, der ist hier genau richtig. Und wer weiß, vielleicht überzeugen Primrose, Cyrus, Olberic, Tressa und Co. mit der Zeit auch die Freunde des gepflegten Anime-Melodramas!

90 Spieletipps-Award

meint: Unverschämt charmantes Rollenspiel, das klassische Elemente mit modernem Spieldesign verbindet und mit enorm stilsicherer Präsentation punktet.

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