Startet die Motoren! Wie ich vom Ignoranten plötzlich wieder zum Rennfahrer wurde

(Kolumne)

von René Wiesenthal (09. Juli 2018)

Als Kind bin ich gerast wie ein Blöder. Nur über den Bildschirm natürlich. Alle möglichen Rennspiele fanden sich in meiner Sammlung, irgendwann verlor ich aber fast vollständig das Interesse am Genre. Bis irgendwann eine Kette von Ereignissen meine Rennspiellust erneut ins Rollen brachte. Bin ich noch zu bremsen?

Dass ich ein unbeschriebenes Blatt in Sachen Rennspiele bin, wäre wohl eine Übertreibung. Zu meinen Lieblingsgenres zählen sie aber definitiv nicht. Zu Zeiten dieses ominösen "früher" habe ich tatsächlich noch gezielt im Laden Rennspiele aus dem Regal gefischt. Verrückt, ich weiß. Vor allem im Laufe der letzten Jahre ist meine Begeisterung fürs virtuelle Rasen aber gen Null gegangen.

Zurzeit beherrscht The Crew 2 die Genre-Charts. So könnt ihr darin effektiv Geld farmen:

Die Forza Horizons, Need for Speeds und alle anderen kleinen und großen Rasereien der jüngeren Vergangenheit strafte ich mit Ignoranz. Sie wirkten austauschbar auf mich, mit ihren realistischen Grafiken gerazu öde. Autos bestaunen ist nicht so meins. Ich bin eher ein Rollenspiel- und Action-Adventure-Fan und komme schon in diesen Sektoren nicht hinterher, alles zu spielen, was mich anspricht. Was ich von einer der Rennspielmarken der Gegenwart - Need for Speed – so mitbekam, war für mich auch eher abturnend:

Die Action und aufgezwungene Handlung der Reihe artete ins immer Bescheuertere aus, während Spieler wahlweise mit Online- oder Grinding-Zwang gegängelt wurden. Also verließ ich die Piste ohne reuevoll zurückzuschauen.

Leg' dich nicht an mit dem Regenbogenmann!

So ganz entsagt hatte ich dem Genre zugegebenermaßen nicht: Bei der Stange hielt mich zuletzt lange Zeit Mario Kart 8 auf Wii U. Ich habe unzählbar viele Stunden in das Spiel gesteckt, Cups auf Gold gefahren, jeweils alle drei Sterne pro Meisterschaft erkämpft, Special-Cups freigeschaltet. Ja sogar die dazugehörigen DLCs habe ich gekauft und bin online gegen andere Leute angetreten. Beides Verhaltensweisen, die eher untypisch für mich sind.

Ich möchte nicht prahlen, aber in einem Wettkampf an der Hochschule meiner Heimatstadt habe ich mich im Finale gegen einen äußerst patenten 13-Jährigen durchgesetzt und den Sieg erkämpft. Alle drei Regenbogenstrecken auf 150 cc mit einer Wii-Fernbedienung. Legt euch nicht mit mir an!

Wer will mir das Wasser in Mario Kart 8 reichen? WER?Wer will mir das Wasser in Mario Kart 8 reichen? WER?

Betrachtete ich mich deshalb weiterhin als Rennspiel-Fan? So gar nicht. Ich stufte Mario Kart als Ausnahmeerscheinung ein, hatte mich damit abgefunden, dass ich eben ein "Fun Racer"-Dude bin und mir gewünscht, dass ich in dieser Sparte noch mehr geile Neuerscheinungen als nur Mario Kart bekomme. Eher zufällig wurde ich nun wieder daran erinnert, was mich früher auch an realistischeren Rennspielen begeistert hatte und siehe da: Ich möchte mehr. Die Initialzündung kam durch Driveclub.

Ich geb Gas im Mittelmaß

Meine Freundin kaufte sich eine PlayStation 4 im Bundle mit ein paar Download-Spielen, zu denen auch Driveclub von 2014 gehörte. Einfach aus Prinzip spielten wir es (war ja schließlich mit bezahlt) und stellten nach kurzer Zeit fest, dass wir irgendwie festhingen.

Klar, Driveclub ist weit entfernt davon, ein erstklassiges Rennspiel zu sein, befindet sich eher im Mittelmaß. Doch dieses Gefühl, Gas und Bremse perfekt zu dosieren, genau im richtigen Moment in eine Kurve einzulenken, um innen am Gegner vorbei zu huschen, die Vibrationen des unebenen Terrains unter den Reifen zu spüren, während ich mich im Windschatten anpirschte - das bereitete mir einen unvorhergesehenen Spaß, vom dem ich ganz vergessen hatte, dass ich ihn haben konnte.

Ich erkannte wieder, wie viele Erfolgserlebnisse unter der öden Haube so mancher Rennspiele schlummern. Jede Bewegung des Lenkrads, jeder Beschleunigungs- und Bremsvorgang ist mit einem Risiko verbunden und erfordert schnelles und richtiges Abwägen, um nicht in der Planke zu landen oder abgehängt zu werden. Jedes gelungene Manöver ist dann mit einem herrlich befriedigenden Gefühl verbunden und motivierende Lerneffekte stellen sich schnell ein.

Bekommt ihr auch Gänsehaut, wenn ihr das Intro zu Gran Turismo seht und hört? (Quelle: YouTube, GTro_stradivar)

Ich erinnerte mich, warum ich als Kind so gerne Rennspiele gespielt hatte. Ob es Automobili Lamborhini auf N64 war oder die "Gran Turismo"-Reihe, später Need for Speed Underground. Alle hatten sie mich langfristig begeistert. Und wenn ich das erforderliche Maß an taktischem Können nicht aufbrachte, dann nur deswegen, weil ich meinem Bruder gern dabei zuschaute, der die Spiele sehr viel besser beherrschte als ich. Vielleicht wurde meine Begeisterung wieder geweckt, weil ich heute etwas geschickter an die Spiele herangehe und darin tatsächlich so etwas wie Skill entwickeln kann.

Außen gäähn, innen wrumm, wrummmm!

Schaue ich mir Trailer zu angekündigten Rennspielen an – besonders derer mit einem gewissen Realismus-Anspruch, also fast alles außer Fun Racer - fallen mir noch immer meist die Augen zu. Ich kann mich dem Reiz des Genres aber offenbar nicht erwehren, sobald ich einmal am Steuer sitze. Ist es nur eine Phase? Keine Ahnung. Ich weiß nur: Wrumm, wrummmm!

Während meines Tests zum außergewöhnlichen Onrush habe ich dann Schotter, Dreck und Geröll geschluckt und Gefallen daran gefunden. Ich informierte mich, was ich in letzter Zeit so an guten Rallye-Spielen verpasst hatte und stieß auf Dirt 4, einem der bestbewerteten Spiele 2017. Nun ist es so, dass ich nach getaner Arbeit – heimlich, wenn keiner guckt – Wertungsprüfungen im Gelände ablege.

Ohne meine Dosis Dreck geht zurzeit nichts mehr am Feierabend.Ohne meine Dosis Dreck geht zurzeit nichts mehr am Feierabend.

Das erfüllt nicht nur mein Bedürfnis nach Geschwindigkeit und geschicktem Austarieren von Gas, Bremse und Lenkmanövern. Es bietet auch fordernde Unterhaltung in genau den richtigen Dosen für den Feierabend. Und weil es gerade so schön passt, werde ich mich demnächst The Crew 2 widmen, das zuhause schon auf mich wartet. Ich bin gespannt, wie lange ich dieses Leben auf der Überholspur führen kann, bevor mir schwindelig wird.

Gibt es unter euch Spieler, denen es ähnlich ergangen ist? Hattet ihr euch diese "gute alte Zeit" der Rennspiele und dann irgendwann keine Lust mehr? Mein Tipp in diesem Fall: Probiert es doch einfach nochmal, vielleicht seid ihr überrascht, wie spaßig Rennspiele immer noch sein können. Erzählt uns in den Kommentaren, wie ihr zu dem Genre steht, wir freuen uns, davon zu lesen!

Tags: Arcade   Singleplayer   Multiplayer  

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