Ahnungslos angespielt: Auf Stützrädern zur Tour de France 2018

(Kolumne)

von René Wiesenthal (10. Juli 2018)

Splitscreen-Modi sind leider eine absolute Rarität geworden. Wenn dann ein Radsportspiel mit einem um die Ecke kommt, greife ich auch als Radl-Noob nach diesem Strohhalm. Ich habe von Tour de France 2018 keine überbordende Action erwartet, aber dass das Spiel mich letztendlich auf so ganz andere Art zufriedenstellte, war doch etwas überraschend: Es ist für mich die perfekte Einschlafhilfe!

Dinge, die ich über den Radsport weiß: Jan Ullrich war früher Drummer bei Metallica und Lance Armstrong ist vor seiner Karriere im Sattel über den Mond gewandert. Mit diesem unerschütterlichen Repertoire an Know-How ausgerüstet, startete ich am Wochenende meinen ersten Ausflug in die Welt der virtuellen Fahrradrennen. Tour de France 2018 beinhaltet einen Zweispielermodus mit geteiltem Bildschirm. Und ich wollte endlich mal wieder mit der Liebsten im Splitscreen zocken.

Warum gibt es in modernen Rennspielen wie The Crew 2 keinen Splitscreen-Modus?

Tutorials und Infografiken schenkte ich mir. Ich suchte mir auf schnellstem Wege einen Modus, in dem wir zu zweit spielen konnten, erstellte mir eine Figur, taufte den guten Mann auf den Namen Pongo und dann ging’s im Magenta-Dress ab auf die Piste. Was sofort auffiel: einige uns nicht erklärliche Anzeigen am Bildschirmrand, mit denen wir uns wohl besser hätten beschäftigen sollen.

Die Traube an Radlern, die zu Rennbeginn durch die Straßen mäanderte, verwandelte sich schnell in eine homogene Masse, als Fahrer kreuz und quer in- und durcheinander fuhren. Der Rand der Strecken ist streng begrenzt – zu den Seiten ausreißen ist nicht drin. Es war ein heilloses Durcheinander, das uns erst einmal etwas überforderte.

Das Chaos entwirrt sich

Doch wie es im Sport so ist, trennt sich die Spreu irgendwann vom Weizen. Ein paar Hundert Meter auf dem Asphalt, lockerte sich das Fahrerfeld ein wenig auf und wir konnten uns damit befassen, was zur Spandexhose hier eigentlich abgeht. Die Erkenntnis: In Tour de France 2018 müsst ihr über extrem lange Strecken mit eurer Ausdauer haushalten, um zu gewinnen. Keine rasanten Kopf- an Kopf-Rennen, keine Verfolgungsjagden in Hochgeschwindigkeit – es geht darum, die körperlichen Ressourcen so zu verwenden, dass sie bis zum Ende der Strecke ausreichen.

Bei Rennbeginn bildet sich ein Wust aus Fahrern auf der Strecke.Bei Rennbeginn bildet sich ein Wust aus Fahrern auf der Strecke.

Zu Beginn ließen wir noch die Oberschenkel unserer Fahrer glühen, weil wir dachten, die Gegner überlistet zu haben, indem wir volle Pulle in die Pedale traten. Als unsere tapferen Sportler vor Erschöpfung fast vom Sattel purzelten, kamen wir stückweise dahinter, wie sich unsere Vitalwerte zusammensetzten, wodurch wir sie aufbrauchten und wie wir sie regenerieren konnten. Zu spät. Die Knaben waren dermaßen geschunden, dass es ein Gefallen gewesen wäre, sie einfach an den Streckenrand zu legen. Aber ach, die unsichtbare Wand wieder. Also weiter im Programm. Nach langer Zeit kamen wir im Ziel an, die jubelnden Zuschauer meinten es sicher gut, ihre Begeisterung über unsere Einfahrt kaufte ich denen aber nicht ab.

Aller Guten Dinge ...

Zweiter Versuch, ein neues Rennen: Alles fing an wie gewohnt, nur die Skalen hatten wir schon durchschaut und konnten uns weiter vorn im Fahrerfeld etablieren. Das Spielprinzip erschlossen wir uns dann immer mehr, ohne von schönen Kulissen abgelenkt zu werden, oder fordernde Geschicklichkeitseinlagen meistern zu müssen. In Tour de France gibt’s nicht viel zu lenken und zu schauen. Während der gesamten Renndauer könnt ihr euch voll und ganz darauf konzentrieren, die Ausdauer des Fahrers im Blick zu behalten, sie effizient einzusetzen.

Im Sprint holt ihr zwar auf, verpulvert aber auch ordentlich Ausdauer.Im Sprint holt ihr zwar auf, verpulvert aber auch ordentlich Ausdauer.

Neben der Dosierung der Trittkraft, hat das Spiel noch einen besonderen Kniff: Ihr könnt euch in den Windschatten eines anderen Fahrers hängen, was dazu führt, dass ihr ihm automatisch folgt. Dazu müsst ihr nur Viereck gedrückt halten. Als sich abzeichnete, dass wir auch im zweiten Rennen keinen Stich landen und vielleicht doch nicht alles so tiefgehend durchblickt hatten, entschied ich mich dazu, mit einem gewagten Sprint, den nächstbesten Fahrer einzuholen und mich an ihn ranzuklemmen.

Im Windschatten eingepennt

Meine Freundin war weit abgeschlagen, schleppte sich in der vom Erschöpfungszustand schwarz-weiß eingefärbten rechten Bildschirmhälfte Hänge hoch und fluchte vor sich hin. Ich hing tiefenentspannt im Windschatten meines Vordermannes und ließ ihn – den Finger auf dem Viereck – die ganze Arbeit machen. Ihm zuzusehen, wie er sich abstrampelte während ich als Nutznießer an ihm dranhing, war erstaunlicherweise richtiggehend erholsam für mich. Wie eine Folge von The Joy of Painting zu schauen, nur ohne die schönen Landschaften. Und so wie Bob Ross mir manchmal beim Einschlafen hilft, trat ich beim Radeln einfach weg.

Als ich wach wurde, hatte ich einige Kilometer geschrubbt, war kurz vorm Ziel und immer noch vor meiner Freundin, die ihre Radsportkarriere mental wahrscheinlich schon an den Nagel gehangen hatte. Ihr Bildschirm war bedrohlich schwarz-weiß gefärbt. Ich rollte irgendwann gemütlich als Vorletzter über die Ziellinie und war ausgeruht und zufrieden. Sowas schafft auch nicht jedes Spiel!

Ich bin mir sicher, dass Radsportenthusiasten, die genau verstehen, auf was es dabei ankommt, mehr Spannung und eine andere Art von Zufriedenheit aus Tour de France 2018 ziehen. Ich bekam ein paar spaßige Momente beim Herumprobieren und eine ordentliche Portion Entspannung. Vielleicht sollte ich häufiger solche Experimente wagen und herausfinden, wie ich Spiele, mit denen ich eigentlich nichts anzufangen weiß, zweckentfremden kann. Kennt ihr Spiele, die euch auf ganz andere Art erfreuen, als sie eigentlich gedacht sind? Schreibt sie uns in die Kommentare!

Tags: Fun   Splitscreen   Multiplayer  

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