Meinung: Anime-Versoftungen könnten so viel mehr sein

(Kolumne)

von Franziska Schulz (17. Juli 2018)

Obwohl ich sowohl Videospiel-Liebhaberin als auch Anime-Fan bin, finde ich kaum Anime-Videospiele, die mich so richtig fesseln. Ich finde, dass sich viele Anime-Versoftungen das Leben viel zu einfach machen und sich auf dem Erfolg ihrer Vorlagen ausruhen. Im Folgenden habe ich mir ein paar Kriterien vorgeknöpft, die meiner Meinung nach die Ursache dafür sind, das viele Animeversoftungen flach und generisch wirken.

One Piece - World Seeker: Lässt Herzen von Anime-Fans höher schlagen, wird aber vielleicht auch interessant für Anime-Banausen.

Während Animes in Japan schon lange Teil alltäglichen Kultur sind, hat es eine Weile gedauert, bis sie auch auf dem westlichen Markt im Fernsehprogramm angekommen sind. Insbesondere in Deutschland wurden lange Zeit nur Animes, die an ein junges Publikum gerichtet sind, auf Kinderkanälen ausgestrahlt. Inzwischen genießen die größten Anime-Ikonen, wie Dragon Ball, One Piece und Naruto, aber sogar auch eher in Japan legendäre Namen wie Berserk, weltweite Bekanntheit in einem breiten Publikum.

Was so viele Menschen an diese großen Werke fesselt, können ganz unterschiedliche Dinge sein: Charaktertiefe und -entwicklung, wie in One Piece oder Dragon Ball, düstere Themen, wie existenzielle Grundfragen und -ängste, wie in Ghost in the Shell oder Neon Genesis Evangelion. Die Geschichten können in fantastischen Welten und Zeitaltern spielen, wobei jeder Zeichenstil der Geschichte nochmal eine ganz andere Atmosphäre gibt und anderes Publikum anzieht.

Berserk and the Band of the Hawk: Ein "Hack and Slash"-Gemetzel vom Feinsten, wäre es nicht so redundant.Berserk and the Band of the Hawk: Ein "Hack and Slash"-Gemetzel vom Feinsten, wäre es nicht so redundant.

Ziemlich genau so ist das auch bei Videospielen. Die Elemente, die uns an ein gutes Spiel fesseln, sind die gleichen, die unsere Lieblings-Animes ausmachen (plus Gameplay natürlich). Somit könnten Animes eigentlich die perfekte Grundlage für Videospiele sein, welche Fan-Herzen höher schlagen lassen, aber auch Menschen in den Bann ziehen könnten, die sonst nichts mit der Anime-Kultur zu tun haben.

Es mangelt an Genres

Leider ist die traurige Wahrheit aber, dass die Spiele neben ihren ikonischen Vorlagen überhaupt nicht beeindruckend oder einzigartig wirken, sondern viel mehr generisch und flach. So wie die meisten Animeversoftungen jetzt sind, befriedigen sie weder Anime-Fans, noch "Nicht-Anime-Fans".

Wie bereits eingangs erwähnt: Ich bin sowohl eine Videospiel-Liebhaberin als auch Anime-Fan, bisher gibt es aber keine Anime-Versoftung, die mich wirklich gefesselt hätte. Einer der Hauptgründe ist wahrscheinlich, dass die Spiele hauptsächlich nur in drei Genres erscheinen: Beat 'em Up, Graphic Novel oder "Hack and Slash"-Abenteuer.

Das ist auch nicht verwunderlich, denn grundlegend für den Erfolg einer Anime-Versoftung sind zwei Dinge: Die Umsetzung dessen, was den Anime so beliebt gemacht hat und ein dazu passendes Gameplay zu schaffen.

Naruto Shippuden - Ultimate Ninja Storm 3: Trotz "Beat 'em Up"-Genre gibt es einige RPG-ElementeNaruto Shippuden - Ultimate Ninja Storm 3: Trotz "Beat 'em Up"-Genre gibt es einige RPG-Elemente

Wenn ihr "Shonen Jump"-Spiele wie Naruto oder Fairy Tale betrachtet, liegt das hervorstechenste Element klar auf der Hand: die Kämpfe. Es ist also naheliegend für eine Versoftung das "Beat 'em Up"-Genre zu wählen.

In einem Genre, in dem es nur ums Kämpfen geht, kann logischerweise die Story nicht tiefgründig erzählt werden. Das ist schade, denn gerade Animes wie Naruto haben auch andere Qualitäten und würden sich als "Open World"-Spiel extrem gut eignen.

Einen Schritt in diese Richtung machte Naruto Shippuden - Ultimate Ninja Storm 3 von Entwickler CyberConnect2, in dem die mitreißende Geschichte vom bevorstehenden vierten Ninja-Weltkrieg erzählt wird. Die Charaktere laufen durch tunnelartige Areale, in denen Nebenmissionen erledigt und Gegenstände für die nächste Mission mitgenommen und ausgerüstet werden können. Teilweise kann der Spielverlauf sogar durch Entschiedungen beeinflusst werden. Dieses Spiel gilt unter Fans als der größte Erfolg der Reihe. "Nicht-Anime-Fans" konnte es aber nicht wirklich anlocken und von einem wirklichen Open World/Action-RPG ist es noch weit entfernt.

Es fehlt an Gameplay

Ein weiterer Kritikpunkt ist das häufig viel zu einfache Gameplay. Das beste Beispiel dafür ist die Versoftung des Anime "Berserk" von den Entwicklerstudios Tecmo-Koei und Omega Force. Es scheint nur logisch, dass die Geschichte des Berserker-Schwertkämpfers zu einem Teil von Tecmo-Koeis Warrior-Reihe wurde. Ein JRPG im "Hack and Slash"-Stil, in dem ihr euch durch die Dämonen der Berserk-Welt metzelt. Das spiel hat nur einen großen Haken: Das Gameplay ist zu einfach. Im Prinzip könnt ihr jeden Gegner ohne viel Aufwand mit der gleichen Tasten-Kombinationen besiegen. Das ist jammerschade, denn stellt euch mal ein Berserk and the Band of the Hawk im "Dark Souls"-Stil vor.

Attack on Titan 2: Die Titanen wirken zwar unheimlich, die Kämpfe fallen taktisch leider zu ähnlich aus.Attack on Titan 2: Die Titanen wirken zwar unheimlich, die Kämpfe fallen taktisch leider zu ähnlich aus.

Die Gleiche Kritik wurde auch bei Attack on Titan 2 laut. Hier hat Tecmo-Koei einiges richtig gemacht. Man muss nicht unbedingt den Anime kennen, um gut ins Spiel reinzukommen. Für Fans könnte es sogar ein bisschen langweilig sein, dass die Story am Anfang sogar den Anime eins zu eins wiedergibt. Größte Spaßbremse für Videospiel-Fans: Die Titanen sind, im Gegensatz zu denen im Anime, viel zu berechenbar und müssen immer wieder durch die gleiche Mechanik getötet werden. Das war auch schon Kritikpunkt am ersten Teil.

Hisashi Koinuma, Produzent von Berserk und AoT 2, erklärte in einem Interview mit Well Played, dass die Anime-Spiele auch von Anime-Fans spielbar sein sollen, die vorher vielleicht noch nie ein Spiel gespielt hätten und darum nicht so schwer zu bewältigen seien dürften. Dieses Argument finde ich ein bisschen schwach, denn die Lösung liegt auf der Hand: Ein einstellbarer Schwierigkeitsgrad.

Der falsche Ansatz

Sword Art Online - Fatal Bullet: Ist anders als die Teile davor kein Fantasy-Abenteuer, sondern ein Sci-Fi Shooter. Leider ist es trotzdem nicht besonders originell.Sword Art Online - Fatal Bullet: Ist anders als die Teile davor kein Fantasy-Abenteuer, sondern ein Sci-Fi Shooter. Leider ist es trotzdem nicht besonders originell.

Es gibt auch noch ein Beispiel, bei dem die Entwickler einfach völlig an dem Potenzial des Animes vorbeigeschossen sind: Die Anime-Versoftung von Sword Art Online. Im Anime geht es darum, dass Spieler per Virtual Reality in die Welt eines MMORPGs abtauchen, wobei sie ihre physische Existenz in der echten Welten gar nicht mehr wahrnehmen. Dass unsere VR-Technologie noch nicht auf diesem Stand ist, ist klar, doch Hersteller Bandai Namco hätte wenigstens ein richtiges MMORPG erschaffen können, in dem die Spieler selbst einen "Sword Art Online"-Charakter kreieren und die Welt erkunden können.

Im neuesten Teil der Reihe, Sword Art Online - Fatal Bullet, spielt ihr aber nur einen Freund des Anime-Protagonisten, den ihr auf seiner Reise begleitet. Die Charaktererschaffung ist sehr begrenzt. Entscheidungen, die ihr selten treffen dürft, spielen für den Spielverlauf keine Rolle und die Steuerung während der Kämpfe gestaltet sich unkomfortabel. Die Spielreihe erinnert eher an ein geradliniges JRPG, was enttäuschend für Fans ist, die sich schon immer selbst in der "Sword Art Online"-Welt austoben wollten und auch noch total langweilig für Spieler, die den Anime nicht gesehen haben.

Dass die Entwickler das Potenzial aus einem Anime, der von einem MMORPG handelt, ein MMORPG zu machen, nicht gesehen haben, kann ich mir nur schwer vorstellen. Vielmehr war ihnen wohl der Arbeitsaufwand einfach zu groß und es ist einfacher, zehn Spiele auf verschiedenen Plattformen zu verteilen, um ordentlich die Franchise-Kuh zu melken.

Irgendeinen großen Haken hat bis jetzt jedes Anime-Spiel: das Gameplay, die Story oder das Genre. Zur Verteidigung der Videospiele lässt sich einwerfen, dass bereits durch die Leidenschaft der Anime-Fans eine enorm hohe Erwartungshaltung an die Spiele gestellt wird und sie in ihrer Tiefe und Einzigartigkeit dem Vorbild nur schwer gerecht werden können. Daran allein kann es aber nicht liegen, zumal die Entwicklerstudios, die Anime-Versoftungen entwickeln - wie Bandai Namco, Tecmo-Koei oder CyberConnect2 - nicht gerade klein oder unerfahren sind. Viel mehr wird der Anschein erweckt, dass sich auf dem Erfolg der Animes ausgeruht wird.

Sicher gibt es noch viel mehr Beispiele für gute oder schlechte Anime-Versoftungen. Was macht für euch eine gute Umsetzung aus und auf welche Anime-Spiele freut ihr euch dieses Jahr?

Tags: Anime  

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