Mana Khemia: Das Spiel aus der Tonne

(Kolumne)

von Micky Auer (17. Juli 2018)

Bitte glaubt mir: In meiner Freizeit verkleide ich mich nicht als Waschbär und mache mich auch nicht über die Müll-Container in der Nachbarschaft her. Der Eindruck könnte jedoch entstehen, wenn ihr erfahrt, wie ich zu meinem Exemplar von Mana Khemia - Alchemists of Al-Revis gekommen bin. Die Geschichte beginnt im Sommer 2011 und endete am 16. Juli 2018. Zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Beitrages also gestern.

Ganz in meiner Nähe, tatsächlich nur die Straße runter und an der nächsten U-Bahn-Station ein paar Meter nach rechts, gibt es es seit Jahren einen dieser letzten, winzig kleinen Videospielläden, in denen mitunter der eine oder andere Software-Schatz zu finden ist. Es ist wohl schon sieben Jahre her, seit ich diesem einen Laden einen kurzen Besuch abgestattet habe.

Es war ein sehr kurzer Besuch. Der Laden ist wirklich äußerst klein und der Besitzer, ein sehr voluminöser Mensch, erfüllt leider ein typisches Gamer-Klischee: Er riecht unsagbar übel. So übel, dass ich mich genötigt sah, den Laden so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Ich bin rein, hab den üblen Gestank schon an der Tür wahrgenommen, einen superschnellen Blick über die wenigen Regale geworfen und bin so schnell wie möglich wieder verschwunden. Es war für mich leider wirklich unerträglich.

Meine Schnell-Analyse des Bestands ergab nur Standard-Kram, eine Seite konnte ich aber auf die Schnelle nicht einsehen. Plan: einfach mal abends einen Blick ins einzige Schaufenster werfen. Vielleicht kann ich mir da in Ruhe ein Bild machen. Diesen Plan habe ich kurze Zeit später umgesetzt und kam zum gleichen Ergebnis wie zuvor: Das Angebot ist nicht so prall. Als ich mich abgewendet und wieder auf den Heimweg gemacht habe, fiel mir jedoch was auf. In der schmalen Seitengasse rechts vom Gebäude, wo zwei große Müllcontainer stehen, lag vor einem dieser Container etwas, das verdächtig nach Spieleverpackung aussah. So war es auch. Eine fast neuwertige Verpackung eines PS2-Spiels, von dem ich noch nie was gehört habe: Mana Khemia - Alchemists of Al-Revis.

Hierzulande recht unbekannt, aber sicher kein Fall für den Müll: Der US-Trailer zu Mana Khemia

Wie ich mittlerweile weiß, handelt es sich um ein klassisches JRPG aus der Atelier-Serie, das hierzulande im März 2009 auf den Markt kam. Die Schachtel war etwas dicker als die speziellen Hüllen, die es hin und wieder für PS2-Spiele gab. Tatsächlich war sie von einer US-Fassung und bot Platz für eine Standard-Hülle und eine CD. Beides war aber nicht mehr vorhanden. Aus irgendeinem Grund nahm ich die leere Schachtel mit und machte mich aus dem Staub. Und ich betone nochmal: Ich bin kein Waschbär!

Fünf glückliche Zufälle

Die Schachtel fand einen Platz in meinem "Archiv" und ich verschwendete schon bald keinen Gedanken mehr daran. Etwa ein Jahr später kaufte ich auf Ebay ein anderes Spiel. Die Anbieterin meinte, sie kenne sich mit dem Kram nicht aus, würde nur Kisten vom Dachboden leeren. Da sei noch eine Disc dabei, sie wüsste aber nicht, ob die dazugehört. Sie würde sie mir schenken. O.K., gerne doch! Es stellte sich heraus, dass es sich um die Soundtrack-CD von Mana Khemia handelte! Plötzlich war die leere Schachtel nicht mehr ganz so leer und ich beschloss, mich nun auch nach dem Spiel umzusehen.

Die ehemals leere Schachtel. Damit hat alles angefangen.Die ehemals leere Schachtel. Damit hat alles angefangen.

Das war nicht ganz so einfach. Es verging wiederum ein weiteres Jahr (ich gebe zu, so intensiv habe ich nun auch nicht gesucht), bis ich jemanden gefunden habe, der mir die US-Version verkaufen würde. Allerdings, so betonte der Verkäufer, hätte er nur den Datenträger, keine Verpackung, kein Manual, kein sonstwas. Daher wäre er bereit, mir das Spiel für nur fünf Euro zu überlassen. Ich stimmte zu.

Von Anfang an war ich nie darauf bedacht, die so gut erhaltene Schachtel aus dem Müll vollständig zu befüllen, dennoch sah es mit fortschreitender Zeit so aus, als würde mir das doch gelingen! Ich entwickelte einen gewissen Eifer, und der Gedanke, mir für die Abendstunden doch ein Waschbärkostüm zuzulegen, um durch anderer Leute Müll zu wühlen, war nun auch nicht mehr ganz so abwegig. Ich lies es aber bleiben. Ehrlich!

Aber wer verkauft schon eine leere PS2-Hülle? Noch dazu ausgerechnet diese? Mein Eifer ließ schon bald wieder nach und ich legte das Projekt "Schachtelbefüllung" wieder still und leise ad acta. Vor zwei Jahren verschlug es mich dann aus purer Langeweile auf einen dörflichen Flohmarkt in Nordhessen. Und was da zwischen pseudoromantischen Bilderrahmen und viktorianisch angestaubten Lampenschirmen lag, ließ mein Herz schneller schlagen: Mehrere DVD-Hüllen, darunter eine PS2-Verpackung von Mana Khemia - Alchemists of Al-Revis. Der Hammer: Sie war leer!!!

Die Dame, die all den Kram auf dem Tisch vor mir angeboten hat, war aber nur bereit, sich von den insgesamt sieben verschiedenen, leeren Hüllen zu trennen, wenn ich alle auf einmal abnehmen würde. Die 20 Euro, die sie dafür haben wollte, habe ich allerdings auf fünf Euro runterhandeln müssen. Immer noch ein stolzer Preis für nutzloses Plastik, aber hey: Sie hatte keine Ahnung, was mir diese eine leere Hülle bedeutete! Ich war glücklich und zufrieden.

Das große Glück für knapp zehn Euro

Gestern, am Abend des 16. Juli 2018 war es dann soweit. Die Geschichte endete dort, wo sie begann: Im Müll anderer Leute. Noch immer sehe ich mich nicht als Freizeit-Waschbär, dennoch hatte ich meine Tatzen schon wieder im Unrat. Aber ich kann es erklären! Es ist nicht so wie ihr denkt!

Alles komplett, alles meins! Seit gestern ist Mana Khemia komplett.Alles komplett, alles meins! Seit gestern ist Mana Khemia komplett.

Tatsächlich habe ich nur ganz unschuldig meinen Müll nach unten gebracht und musste feststellen, dass alle Mülltonnen im Haus gnadenlos überfüllt waren. Der Grund: Ein Pärchen im Haus hat sich getrennt. Und die Trennung war wohl eher hässlich. Er hat die Wohnung verlassen, sie wollte alle Erinnerungen an ihn tilgen. (Warum ich das weiß? Die Trennung war sehr, nun ja, lautstark und verbal ...). Also landete kurzerhand alles, was meinem ehemaligen Nachbarn gehörte und von ihm nicht schnell genug in Sicherheit gebracht wurde, im Müll.

So auch das Manual zu - ihr ahnt es - Mana Khemia. Die dritte Tonne, die ich auf der Suche nach Platz öffnete, sah so aus, als könnte sie nach etwas Unrat-Tetris noch meinen Abfall aufnehmen. Eine geplättete Schachtel zur Seite geschoben, eine Tüte voller Prospekte oder ähnlichem Kram rübergezerrt und mein Blick fällt auf das Manual. Ich halte es in der Hand, fange an wie blöd zu grinsen und kann mir einen erfreuten, recht lauten Lacher nicht verkneifen. O.K., es klang vielleicht wie ein abgeschmierter Jodler nach einem Glühwein zu viel. Und mein Gesichtsausdruck mag eher manisch gewirkt haben, wenn man den Zusammenhang nicht kennt.

Das jüngste Spiel der Atelier-Reihe heißt Atelier Lydie & Suelle - The Alchemists and the Mysterious Paintings und ist bereits das 19. Hauptspiel in der Serie! Mana Khemia nimmt Platz 9 ein.Das jüngste Spiel der Atelier-Reihe heißt Atelier Lydie & Suelle - The Alchemists and the Mysterious Paintings und ist bereits das 19. Hauptspiel in der Serie! Mana Khemia nimmt Platz 9 ein.

Zumindest dachte sich das Wohl die Nachbarin, die an mir kopfschüttelnd vorbeiging. (Das nächste Mal dann doch im Waschbär-Kostüm, damit sie wirklich was hat, worüber sie sich das Maul zerreißen kann.) Aber egal! Nach sieben Jahren ist aufgrund mehrere Zufälle, unglaublicher Glücksfälle und nur wenig Eigeninitiative eine wunderschön erhaltene Ausgabe von Mana Khemia - Alchemists of Al-Revis in meiner Sammlung. Komplett mit der hübschen Schachtel, dem Manual und sogar der Soundtrack-CD (die ich übrigens noch nie angehört habe). Alles in allem habe ich über die Jahre hinweg nicht mehr als zehn Euro - wenn überhaupt - darin investiert.

Es mag nicht das superseltene Sammlerstück sein, für das sich Kenner in den dunkelsten Ecken des Internets rumtreiben würden, aber es ist auf seine Art in meiner Sammlung etwas Einzigartiges. Etwas, womit ich nicht gerechnet hätte. Etwas, was nun in seiner Gänze und komplett vor mir steht und eigentlich - hätte ich damals vor sieben Jahren nur kurz den Blick abgewandt - jetzt nicht mehr existieren würde.

Mein bester Freund sagt immer: "Schau in Spielen immer wieder mal nach oben." Auf diese Weise habe ich schon detaillierte und liebevoll gestaltete Grafikelemente gefunden, die ich niemals gesehen hätte, wenn ich mich nur auf das Geschehen vor mir konzentriert hätte. Irgendwie trifft das auch auf diesen Zufallsfund zu. Im echten Leben wie in Spielen schaue ich mir immer wieder gerne die Nischen und Ecken an, die auf den ersten Blick nur Kulisse sind, die so offensichtlich nichts Interessantes zu bieten haben. Und dann finde ich ein kleines Schmuckstück darin. In diesem Fall eines, dass sich über die Jahre hinweg wie von selbst dafür bedankt hat, dass ich es aus dem Müll geborgen und ihm ein neues Zuhause gegeben habe.

Und jede Wette: Setzt euch doch mal mit Freunden zusammen und durchforstet längst vergessenen Unrat auf Speichern und in Kellern. Wer weiß, welche Schätze ihr dabei zu Tage fördern könnt!

Tags: Retro  

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