Gefühlschaos: Verliebt in eine virtuelle Person - So schnell kann es geschehen

(Special)

von Micky Auer (28. Juli 2018)

Sich in einen virtuellen Charakter verlieben: Das kommt vor. Wenn aber ein echter Mensch diesen Charakter steuert und durch ihn spricht, wird die Sache kompliziert. Unser Redakteur hat auf diese Weise ein Herz gebrochen - ohne es zu wissen.

Anfang des Jahres hat Kollegin Chiara zwei Artikel veröffentlicht, die sich mit der Liebe zu virtuellen Charakteren befassen und hat diesen Umstand auch mithilfe eines Psychologen beleuchtet.

Beim Lesen der Beiträge macht man sich natürlich als Gamer Gedanken, ob man sich selbst vielleicht schon mal in einer solchen Situation befunden hat, oder ob so etwas für einen selbst denn möglich wäre. So auch ich. Doch kam ich beim "In mich Gehen" zu dem Schluss, dass sich meine Gefühle für virtuelle Charaktere maximal bis in den Bereich "sympathisch" steigern konnten.

Dennoch fand ich die Vorstellung gleichzeitig faszinierend und beängstigend, dass es durchaus möglich wäre, dass man sich plötzlich in einen fiktiven Charakter verlieben kann. Beängstigend vor allem deshalb, weil eine solche Liebe zu nichts führen würde. Die Faszination bliebe stets einseitig, denn eine Figur auf der anderen Seite des Bildschirms, die mich nicht wahrnimmt oder auf mich individuell reagiert, wird mir niemals Liebe entgegenbringen können. Abgesehen von der Unmöglichkeit körperlicher Nähe.

Wie gesagt: Das Thema hat mich fasziniert, doch trat es auch relativ schnell wieder in den Hintergrund, da ich in weiterer Folge keine Berührungspunkte erkannte. Was ich nicht wusste: Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der beiden oben genannten Artikel hat sich bereits jemand nahezu unsterblich in mich verliebt. Oder besser gesagt: Verliebt in einen meiner Charaktere aus The Elder Scrolls Online.

Hinweis: Ich habe mir von der Person, um die es hier geht, die Erlaubnis eingeholt, den Hergang der Geschichte zu verschriftlichen und zu veröffentlichen. Allerdings werden echte Namen und Gamertags aus verständlichen Gründen nicht erwähnt.

Rettung aus höchster Not: Der Zündfunke

Ich spiele grundsätzlich lieber im Alleingang. Multiplayer ist nicht so mein Ding, selbst in einem MMO wie The Elder Scrolls Online. Die Interaktionen mit anderen Spielern beschränke ich auf ein Minimum, ich gehöre keiner Gilde an, habe auch keine wiederkehrenden Kontakte. Bis auf einen: Eine Magierin namens Morgana (Name von der Redaktion geändert).

An dieser Stelle in Glenumbra sind wir uns zum ersten Mal begegnet.An dieser Stelle in Glenumbra sind wir uns zum ersten Mal begegnet.

Unverdrossen zog ich einst mit meinem Drachenritter durch die Lande, als ich am Wegesrand sah, wie besagte Magierin gerade von mehreren Monstern angegriffen wurde. Im Normalfall ziehe ich weiter, da die meisten Spieler selbst ganz gut klarkommen und selbst ein Tod im Spiel keine besonders üblen Konsequenzen nach sich zieht. Aber irgendwas hat mich dann doch dazu veranlasst, der armen Frau zu helfen.

Ihre Energieleiste war schon fast geleert, sie hat tapfer noch das letzte Bisschen Magie fokussiert, um ihr Leben zu retten, aber sie stand ungünstig und gegen die noch lebenden vier Angreifer hatte sie keine Chance. Mitleid überkam mich. Und da ich nichts Besseres zu tun hatte, lief ich hin und hab ihr geholfen. Es war knapp, ging aber noch gut aus! Danach bin ich wieder meiner Wege gezogen, kurz darauf erreicht mich im Chat folgende Nachricht:

"Vielen Dank für die Hilfe! Du bist der Erste, der mir geholfen hat. Alle anderen laufen nur vorbei."

Dass sich jemand in einem MMO bedankt, kommt selten genug vor. Also habe ich höflich geantwortet, wir haben noch ein wenig gechattet. Es stellte sich heraus, dass die Person hinter der Magierin eine junge Frau namens Nicole (Name von der Redaktion geändert) ist. Sie war noch neu im Spiel, ich hab ihr dann einige der grundlegenden Mechaniken erklärt. So blieben wir für den Rest des Abends zusammen, haben uns im Spiel über die nächsten Tage hinweg immer wieder mal getroffen und sind dann auch bald mal zum Voice-Chat übergegangen.

Ich fand es zur Abwechslung mal ganz nett, jemandem im Spiel weiterhelfen zu können und mich mit jemandem zu unterhalten, zumal die Unterhaltung auch sehr gut war. Als sich Nicole dann irgendwann mal mit den Worten: "Träum' süß, mein Beschützer!" verabschiedete, war mir noch nicht klar, was sich da anbahnt. Ein kleiner, virtueller und vor allem harmloser Flirt, mehr nicht, so dachte ich.

Ich hatte ja keine Ahnung.

Es wird kompliziert

Morgana/Nicole und ich in Gestalt meines Drachenritters wurden bald ein gutes Team. Ich habe die Front als Tank verteidigt, sie hat aus sicherer Entfernung magischen Tod und arkane Vernichtung auf die Gegner niederregnen lassen. Außerdem haben wir uns immer köstlich im Chat amüsiert, haben rumgealbert, hin und wieder auch eine kleine persönliche Anekdote eingeworfen. Dennoch blieben wichtige Infos, wie unser Alter, unser Beruf und sogar unsere echten Namen lange Zeit ungenannt. Diese Daten waren auch nicht wichtig. Unsere Online-Freundschaft funktionierte so wie sie war.

Ganz klar ein Mann zum Verlieben: Mein Drachenritter.Ganz klar ein Mann zum Verlieben: Mein Drachenritter.

Doch nach einiger Zeit ist mir aufgefallen, dass sich die Anzahl und Intensität der Komplimente von Seiten Nicoles und das verspielte Rumalbern erhöhten. Ich fand das noch amüsant, fragte aber irgendwann mal: "Du gehst voll in der Rolle auf, oder? Ich hab fast den Eindruck, deine Magierin ist in meinen Kerl verknallt."

Darauf folgte Schweigen. Mehrere Minuten lang, gefolgt von einem knappen: "Bin für heute raus. Bis dann." Und weg war sie. Ich war etwas verblüfft aufgrund der Plötzlichkeit ihres Abgangs, zumal sie bis zu diesem Zeitpunkt eher immer wie ein Teenager reagierte ("Nein, du logst dich zuerst aus! Tihi!"). Aber vielleicht hatte sie ja was Dringendes vor. Wie ich heute weiß, war das der Moment, an dem sie sich von mir ertappt gefühlt hat.

Der Vorfall wurde also nicht weiter besprochen, es kehrte schnell so etwas wie Normalität ein, jedoch fiel mir schon auf, dass sie mir gegenüber reservierter auftrat. Etwas später kam es zu einer bedenklichen Szene. Wir haben besprochen, wann wir wieder gemeinsam losziehen. Ich erwähnte, dass ich am folgenden Abend keine Zeit hätte. Jedoch kam es dann zu einer Terminverschiebung und ich war doch online. Morgana/Nicole hat das gesehen und mich knallhart zur Rede gestellt. Unter anderem mit dem Vorwurf: "Störe ich? Wolltest du heute mit einer anderen spielen? Du hast gesagt, du hättest keine Zeit!"

The Elder Scrolls Online: Die romantische Umgebung der Insel Summerset kann durchaus dazu beitragen, zarte Gefühle zu wecken:

Ich hätte darüber lachen können, aber ihrer Stimme im Chat konnte ich entnehmen, dass sie es ernst meinte. Erst da ging mir ein Licht auf. Viele kleine Begebenheiten, viele Aussagen, viele dankbare Lacher und das hin und wieder leicht hysterische Verhalten von Nicole fielen wie Mosaiksteinchen an ihren Platz, ergaben ein vollständiges Bild und ließen nur einen Schluss zu: sie war verliebt. Aber in wen? Ich musste für Klarheit sorgen. Und zwar schnell.

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