Gefühlschaos: Verliebt in eine virtuelle Person - So schnell kann es geschehen - Seite 2 (Special)

Ein Stück Leere im Leben wurde gefüllt

Jetzt lag es an mir, die Konfrontation zu führen. Meine Frage lautete: "Nicole, du hast dich verliebt, das ist mir klar. Aber in wen jetzt genau? In die Figur auf dem Bildschirm? Oder den Menschen, der den Chat führt?" Es vergingen einige äußerst angespannte Sekunden, bis die ruhige und besonnene Antwort kam:

"Ich weiß es nicht."

Somit war klar: Es tut sich was bei ihr auf emotionaler Ebene. Jetzt müssen wir einen Weg finden, der Sache auf den Grund zu gehen und das Dilemma aufzulösen. Überraschenderweise war sie es, die dann gleich sagte: "Lass uns bitte morgen darüber reden, wenn möglich nur schriftlich. Da kann ich mich besser sammeln." Alles gut. Wir verabschiedeten uns, ich war verwirrt, angespannt und durchaus besorgt von der Aussicht, jemanden verletzen zu müssen.

Catherine: "Die Liebe ist vorbei" - Ein Spiel, das sich um Lust, Liebe und Triebe dreht.
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Der Chat am nächsten Tag begann mit Nicoles Worten: "Es tut mir so leid. Ich wollte das alles nicht. Aber ich kann es auch nicht abschalten." Das darauf folgende Gespräch musste ich sehr behutsam führen, ich möchte es auch nicht in jedem Detail wiedergeben, da viele sehr persönliche Aspekte darin vorkamen und Dinge erwähnt wurden, die mir im Vertrauen mitgeteilt worden sind.

Tatsächlich war Nicole verwirrt. Ein Teil von ihr war Morgana, die Magierin. Ein Teil von ihr war in meinen Drachenritter verliebt, in seine attraktive Erscheinung, in seine Rolle als Retter, der sie damals, ganz am Anfang vor dem Tod bewahrt hat. Ein Teil von ihr war aber dem Menschen verbunden, der dieser virtuellen Figur auf dem Bildschirm eine Seele verliehen hat. Aber sie konnte keine Grenzen mehr wahrnehmen, zu verwirrend, zu stark und vor allem zu chaotisch waren die Gefühle mittlerweile geworden.

Sie sagte mir, sie hätte Angst, ich könnte sie als pervers sehen, weil sie so empfindet wie sie nun mal empfindet. Als wäre sie nicht normal, aussätzig, nicht gesellschaftsfähig. Und es sei ihr bewusst, dass eine Liebe zu einer Videospielfigur nicht gut enden könne, aber da seien noch die Stimme und die Worte, die wiederum einem echten Menschen gehören, von dem sie nicht mal weiß, wie er aussieht.

Ich habe ihr versichert, dass ich keinerlei Absicht hätte, sie als abartig zu sehen, nur weil sie sich in etwas verliebt hat, das angeblich nicht real ist. Eine Idee, ein Gedanke, ein Traum - sind diese Konzepte denn nicht real, nur weil sie in jemandes Kopf existieren? Und Emotionen sind nun mal ein Spielfeld, auf dem es nur wenige greifbare Regeln gibt. Da kam mir ein Gedanke.

Ein Schritt in die Realität

"Nicole, würde es dir helfen, wenn du siehst, wer hinter dieser Figur steht?" - Ein kurzer Moment des Schweigens, dann die Zustimmung. Zum ersten Mal in unserer monatelangen Bekanntschaft wollten wir wissen, wie wir aussehen. Denn wer wir sind, das war uns spätestens jetzt klar. Und siehe da: Der Anblick meiner tatsächlichen Erscheinung hat den Knoten gelöst. Ich sehe meinem Charakter im Spiel absolut nicht ähnlich. Der ist jung, hat rote Haare, grüne Augen und ist von athletischer Gestalt. Ich bin alt, habe dunkle Haare, einen arg grauen Bart und braune Augen. Eine athletische Figur ... hatte ich nie.

Das Gespräch, das daraus folgte, dauerte sehr lange an, wir gingen dann auch bald wieder zum Sprach-Chat über. Die Essenz daraus: Zu sehen, dass ich ein ganz anderer bin, hat das Bild in Nicoles Kopf disrumpiert. So, als würde man den Synchronsprecher einer Zeichentrickfigur sehen und feststellen, dass das Aussehen des Menschen überhaupt nicht zur gezeichneten Person passt. Es war ein Schritt in die Realität, der die Grenzen der Wahrnehmung wieder klar gezeichnet hat. (Oder aber sie fand mich so abgrundtief hässlich, dass sie einfach nur schockiert war, aber zu charmant, um das zuzugeben.)

Unser Chat hat dem Bild Leben verliehen, aber Nicoles Gefühle funktionierten nur in Kombination von Figur, Chat und Beschützerrolle. In den Tagen darauf folgte eine Erkenntnis, die sie nach und nach in immer klarere Worte fassen konnte. Es gab da eine Leere in ihrem Leben, die durch unser Spiel halb durch Fiktion, halb durch echten Kontakt scheinbar gefüllt wurde. Diese Leere, so meinte sie, hat sie vorher selbst nicht erkannt oder wahrgenommen. Und sie hat daraus etwas gelernt und ins echte Leben mitgenommen:

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Die Zeit der Abkapselung vom Leben ist vorbei. Sie will unter Menschen sein, lachen, tanzen, reden, leben und vor allem lieben. Es gab einen Moment in ihrem jungen Leben, der sie sehr verletzt hat und der dieses Loch in ihr Dasein gerissen hat, das im Spiel nun zu dieser Situation geführt hat. Nicole ist erst 24 Jahre alt. Für sie sollte ein normales Leben, nun ja: normal sein. Ich habe ihr das Versprechen abgerungen, mir gegenüber ehrlich zu sein, wie ihre Gefühlswelt aussieht. Zu jedem Zeitpunkt. Denn wir bleiben das, was wir von Anfang an waren, nämlich virtuelle Freunde. Und Freunde helfen einander.

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