Test 1979 Revolution - Black Friday: Telltale-artige Straßenschlachten in einem zweischneidigen Spielerlebnis

von René Wiesenthal (31. Juli 2018)

Historische Momente, die den Westen maßgeblich beeinflussten, sind seit jeher beliebter Stoff in Videospielen. Umso interessanter, dass sich 1979 Revolution - Black Friday einem besonderen Tag in der Geschichte des Iran widmet, der in hiesigen Geschichtsbüchern eher eine Randnotiz darstellt. Wie gelungen die interaktive Geschichtsstunde ausfällt, verrät euch der Test.

Am Freitag, den 8. September 1978, endeten Proteste gegen die damalige Regierung im Iran in blutigen Auseinandersetzungen zwischen der Zivilbevölkerung und Soldaten der Armee. Zahlreiche Tote waren die Folge. Die Unruhen im Land, die zu diesem als Schwarzer Freitag in die Geschichte eingegangenen Ereignis geführt haben, zeigt 1979 Revolution - Black Friday in kleinen Auszügen.

Ihr begleitet den Fotografen Reza Shirazi in den Tagen vor seiner Verhaftung im Zuge der Proteste. Dabei stellen die Geschehnisse in mehrerlei Hinsicht Rückblenden dar. Zum einen, weil die Geschichte des Spiels sich aus Tatsachenberichten wahrer historischer Ereignisse zusammensetzt. Zum anderen, weil Reza sie dem gefürchteten Gefängniswärter Asadollah Lajevardi während einer strapaziösen Vernehmung im berüchtigten Gefängnis von Evin erzählt.

Telltale trifft auf Revolution

Entwickler iNK Stories strickt aus dieser Geschichte ein Adventure, das sich die Arbeiten der Telltale Studios zum Vorbild nimmt. Entscheidungen unter Zeitdruck beeinflussen, wie Figuren euch gegenüber eingestellt sind. Quick Time Events kommen zum Einsatz, wenn es um euch herum brenzlig wird.

Die Armee hat ein wachsames Auge auf die Proteste im Land.Die Armee hat ein wachsames Auge auf die Proteste im Land.

Das Spiel ist nicht nur wegen seiner formelhaften und sehr reduzierten Umsetzung arm an spielerischen Überraschungen, es erscheint auch bereits zum zweiten Mal. Im Jahr 2016 wurde es für PC veröffentlicht, ab 31.07.2018 ist hierzulande der Port für PlayStation 4 verfügbar, auf dem dieser Test basiert. Die Switch-Version soll am 2. August folgen, die für Xbox One am 3.

Ein interaktives Geschichtsbuch

1979 Revolution - Black Friday ist als Spielerfahrung enorm minimalistisch und wenig ausgereift. Die Dialogoptionen, die die Kernmechanik ausmachen, werden euch in den meisten Fällen unter so großem Zeitdruck gegeben, dass es schwerfällt, sie zu erfassen, die Quick Time Events sind vollkommen überflüssig. Generell ergibt sich der größte Mehrwert von 1979 Revolution aus dem, was euch jenseits des Spielens erwartet.

Während ihr die Straßen von Teheran durchlauft, könnt ihr bestimmte Hot-Spots untersuchen oder fotografieren. Oft folgen dann umfassende Erklärungen zum Zeitgeschehen vor und während der Iranischen Revolution, angereichert mit Zeitzeugenberichten und beeindruckenden zeitgenössischen Foto- oder Sprachaufnahmen.

Macht ihr Fotos, eröffnen sich Hintergrundwissen und zeitgenössische Dokumente.Macht ihr Fotos, eröffnen sich Hintergrundwissen und zeitgenössische Dokumente.

Allerdings verliert sich das Spiel in solchen Erkundungspassagen, folgt einem sehr gleichartigen Muster, bei dem das Lesen der aufwendig recherchierten Hintergrundinformationen den Großteil der Zeit in Anspruch nimmt. Es ist faszinierend, sich mit den aufbereiteten geschichtlichen Informationen zu befassen, das Spiel drum herum hätte es an diesen Stellen nicht gebraucht. Am interessantesten ist 1979 Revolution als interaktives Geschichtsbuch.

Revoluzzer wie du und ich

Die wohl größte Leistung des Spiels ist es, das Geschehen um den Schwarzen Freitag herum auf eine menschliche Ebene zu bringen. Tatsächlich wird hier ein wichtiger Teil der jüngeren Menschheitsgeschichte - die wir sonst gern in trockenen Schulbüchern kennenlernen - etwas stärker spürbar. Wenn sich Protestaktionen, die ihr fotografiert, im Menü zu echten Fotoaufnahmen aus der behandelten Zeit verwandeln, bringt das zum Staunen.

Im Gefängnis von Evin sitzt Reza im Verhör. Das schlägt - wie in der Realität - oft in Folter um.Im Gefängnis von Evin sitzt Reza im Verhör. Das schlägt - wie in der Realität - oft in Folter um.

Dass die Beteiligten nicht wie sture politische Akteure wirken, sondern wie ganz normale Menschen, trägt ebenfalls zur Nahbarkeit der Geschichte bei. Natürlich stehen die Unruhen im Land und das Drängen zum Umbruch im Mittelpunkt, aber Reza und Co. hegen Freundschaften, unterhalten sich über alltägliche Belange und tarieren die Beziehungen zu Familienmitgliedern aus, während sie dem Spannungsfeld verschiedener politischer Interessengruppen ausgesetzt sind.

Wenn Komik wehtut

Gerade, wenn das spannend wird, torpediert sich das Spiel wieder selbst und rutscht mehr als einmal in unfreiwillige Komik ab, die bei einem solchen Thema unbedingt hätte vermieden werden sollen. Gerade, da es sich um Szenen handelt, bei denen Personen körperlicher Schaden zugefügt wird und ihr den Betroffenen zur Hilfe eilt.

Wenig beklemmend, dafür umso befremdlicher: Hier zieht ihr Splitter aus einem Freund.Wenig beklemmend, dafür umso befremdlicher: Hier zieht ihr Splitter aus einem Freund.

Es ist beispielsweise keine gute Idee, in der Darstellung solcher Ereignisse auf wenige kurze Stimmaufnahmen zurückzugreifen, die leidvolles Stöhnen beinhalten und sich in hohem Tempo wiederholen. Währenddessen presst ihr mittels ultrasimplem Minispiel einen Druckverband auf eine Wunde, aus der wie in einem Cartoon Blut spritzt. Hier und in weiteren Momenten driftet 1979 Revolution Richtung Trash und erweist seinen Figuren einen Bärendienst beim Versuch, den Spieler wieder zu fesseln.

Mit einfachsten Mitteln

Das Offensichtliche: Technisch ist 1979 Revolution kein Meisterstück. Das Spiel sieht mit seinen großflächigen, detailarmen und kantigen Texturen aus, als sei es vor Jahrzehnten entstanden. Technische Macken stören zusätzlich die Atmosphäre. So laufen die grobschlächtig gestalteten Passanten in den Straßen Teherans unbekümmert durch alle Objekte, mit denen die Straßen zugestellt sind. Teilweise fallen Untertitel aus oder ihr werdet an einen Checkpoint gesetzt, bei dem ihr einen QTE-Befehl eingeben müsst, während gerade noch die Schwarzblende aktiv ist. 1979 Revolution kommt absolut unpoliert daher.

Babak ist Rezas bester Freund. Er strebt eine friedliche Revolution an.Babak ist Rezas bester Freund. Er strebt eine friedliche Revolution an.

Die Entwickler rund um den iranischen Regisseur Navid Khonsari tun ihrem Anliegen auch keinen Gefallen damit, von Anfang an die Dramatik der Geschehnisse durch eine sehr unpassende Klangkulisse künstlich aufzubauschen. Der aufbrausend-orchestrale Soundtrack soll alarmieren, schadet aber der Authentizität des Spiels. Im Gegensatz dazu sind die Dialoge allesamt sehr angenehm zu hören. Die englische Vertonung ist gut gelungen und geht an einigen Stellen sogar in Farsi über. Die Sprecher waren spürbar mit großer Hingabe bei der Sache.

Meinung von René Wiesenthal

Müsste ich gute Absichten bewerten - 1979 Revolution bekäme eine weit höhere Wertung. Eine solche Geschichte im Rahmen eines Videospiels respektvoll umzusetzen, finde ich nämlich keineswegs unpassend. Im Gegenteil: Ich wünsche mir, dass Menschen, Kulturen und Geschichten, die in Videospielen unterrepräsentiert sind, viel häufiger behandelt werden. Aber bei einem Spiel geht es eben vor allem um das Spielerlebnis. Und das ist in Black Friday über die gesamte Dauer unterdurchschnittlich.

Das ist schade. Denn es ist offensichtlich, wie viel Arbeit an dem Spiel in die Recherche und Aufbereitung persönlicher Schicksale und geschichtlicher Ereignisse rund um den Schwarzen Freitag geflossen ist. Die Figuren und ihre Zerissenheit angesichts der nahenden Revolution haben mich daran erinnert, dass jedes historische Ereignis letztendlich von Menschen getragen wird. Diese sind in in 1979 Revolution - anders als trockener Geschichtsunterricht oder Nachrichtenmeldungen - leicht zugänglich. Ihre Absichten und Beweggründe leichter nachvollziehbar, als das große politische Treiben um sie herum.

Dennoch: Viel zu kurz geratene Entscheidungszeiten, ärgerliche QTEs, generell Alibi-Spielmechanik, unzeitgemäße und fehlerhafte Technik sowie ein extrem abruptes Ende nach sehr kurzer Spielzeit verhindern, dass die vielen interessanten Einblicke in die iranische Kultur und Geschichte in einem wertigen Spielerlebnis vermittelt werden.

Und so bleibt 1979 Revolution – Black Friday "nur" eine gute Idee, die unbedingt weiterverfolgt werden sollte. Wenn so viel Aufwand und Ehrgeiz in die spielerische Form von 1979 Revolution geflossen wäre, wie in die Recherche und Aufbereitung von historischen und teils sehr persönlichen Dokumenten - es wäre ein großer Schritt im Bereich der bildenden Unterhaltung gewesen.

Wer bereits Vorwissen über die Iranische Revolution mitbringt und spielerisch nicht viel erwartet, sondern schon mit den faszinierenden Einblicken in die Vergangenheit zufrieden ist, sollte mit 1979 Revolution einen Versuch wagen. Wer ein wirklich gutes Spiel mit Bildungscharakter erwartet, ist an der falschen Adresse.

Hat euch dieser Artikel gefallen? Oder habt ihr Anregungen, Kritik, Verbesserungsvorschläge? Lasst es uns gerne wissen! Schreibt uns eine Mail an redaktion@spieletipps.de und verratet unserer Redaktion eure Meinung.

65

meint: Aufwendig aufbereitete historische Dokumente, Alibi-Spielmechaniken: 1979 Revolution ist interessant als Geschichtsexkurs, aber kein wirklich gutes Spiel.

Jetzt eigene Meinung abgeben

Tags: Singleplayer   Politik  

Der Name ist Programm

Super Smash Bros. Ultimate: Der Name ist Programm

In den letzten Monaten hat Nintendo seine prominente Maskottchenprügelei ausgiebig zelebriert. Nicht nur deswegen (...) mehr

Weitere Artikel

Letzte Inhalte zum Spiel

Schöpfer zeigt, wie Yuna und Tidus heute aussehen würden

Final Fantasy 10: Schöpfer zeigt, wie Yuna und Tidus heute aussehen würden

Square Enix hielt gestern einen NT-Community-Broadcast ab. Im Rahmen des Formats bekamen die "Final Fantasy"-Fans (...) mehr

Weitere News

Newsletter

Mit diesem Formular kannst du den Spieletipps.de Newsletter kostenlos abonnieren.

1979 Revolution - Black Friday (Übersicht)
* gesponsorter Link