Dieser eine Moment: Michael Myers in Dead by Daylight

(Kolumne)

von Victoria Scholz (08. August 2018)

Für Horrofilme bin ich zu schreckhaft - für Horrorspiele eigentlich auch. Trotzdem hat mich Dead by Daylight ab der ersten Minute gefesselt und auch nach über 400 Stunden noch nicht losgelassen. Warum? Weil ich in Michael Myers' kalte Augen gestarrt und (ab und zu) überlebt habe.

Oft ist es nicht bloß die tolle Grafik, die spannende Geschichte oder der sympathische Hauptcharakter, der Spielern noch Jahre nach dem Genuss eines Abenteuers im Gedächtnis bleibt. Solche Erinnerungen drehen sich häufig um einen kurzen Moment. Einen besonderen Moment. >>Diesen einen Moment!<< Dem widmen wir diese Artikel-Serie und beschreiben aus unserer persönlichen Sicht, was diesen Moment so besonders und unvergesslich macht.

Hier findet ihr alle bisher in der Reihe erschienenen Artikel.

Kurz vor dem Release von Dead by Daylight auf Steam im Juni 2016 habe ich überhaupt erst zum ersten Mal von diesem Spiel erfahren. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wieso ich mich so sehr darauf gefreut habe. Ich hatte mich vorher noch nie an ein Horrorspiel getraut. Einmal habe ich Until Dawn gestartet und nach etwa einer Stunde (und wochenlangen Albträumen) wieder ausgemacht. Aber die Idee, mit anderen Leuten gemeinsam zu überleben, gefiel mir. Ich hatte auch zwei Freunde gefunden, die das Unterfangen mit mir in die Tat umsetzen wollten. Also haben wir uns das Spiel direkt zum Release gekauft.

Meine erste Runde Dead by Daylight endete damit, dass einer meiner beiden Freunde seine Kopfhörer stummschalten musste. Wie gesagt, ich bin schreckhaft. Und wenn ein unsichtbarer Killer über die Map schwebt und dann urplötzlich neben mir erscheint, unterdrücke ich den Reflex zu schreien gar nicht mehr. Ich lasse es raus - bis mich Teamspeak automatisch runterpegelt.

Mit Freddie schnetzelt sich ein weiterer Killer aus einer Filmreihe durch Dead by Daylight. Wie er sich spielt, seht ihr in folgendem Video:

So verbrachte ich meine ersten Runden auch eher nichts tuend hinter einem Baum, einem Stein oder im hohen Gras und war damit ein ziemlich sinnloser Überlebender, wie ich jetzt rückblickend feststellen kann.

“I will survive!”

Eigentlich sollten die vier Überlebenden fünf Generatoren anschmeißen, damit die beiden Ausgänge mit Energie versorgt und anschließend geöffnet werden können. Rennt ein Überlebender aus dem Ausgang, hat er seinem Namen alle Ehre gemacht und gesiegt. Der Killer, der auch von einer realen Person gespielt wird, muss das verhindern und kann Überlebende mit Fallen, Unsichtbarkeit oder schnellen Kettensägen-Runs bearbeiten, um sie anschließend an den Haken zu hängen. Rettet euch ein Team-Mitglied nicht vom Haken, stirbt eure Figur nach kurzer Zeit.

Die Überlebenden: Ob sie ihr Ziel erreichen, wird sich noch zeigen!Die Überlebenden: Ob sie ihr Ziel erreichen, wird sich noch zeigen!

Auf mehreren, zufällig generierten Karten mit verschiedenen Überlebenden und Killern sowie einzelnen Hintergrundgeschichten wird gejagt und geflüchtet. Es gab Zeiten, an denen ich jedes Versteck auf jeder Map kannte. Und nach etwa 20 Stunden gewöhnte ich mich an den Gedanken, aus meinem Versteck hervorzukommen und dem Herzklopfen, das ein Killer in der Nähe verursacht, zu trotzen. Um der Anspannung Herr zu werden, habe ich einfach Lieder gesungen ...

... was meine Freunde wieder dazu veranlasste, mich bei Teamspeak stummzuschalten.

Mein Date mit Michael Myers

Irgendwann hatte ich aber den Dreh raus. Ich konnte oft aus dem Spiel entkommen, habe auch andere Überlebende gerettet und wurde zu einem mutigen Survivor. Nach einiger Zeit führten die Entwickler die Krankenschwester ein, die sich in feinster Dishonored-Manier über die Map teleportieren kann. Da das an Horror noch nicht ausreicht, bekam sie noch einen gruseligen Schrei spendiert, den sie immer dann den Überlebenden präsentiert, wenn sie sich teleportiert. Doch auch diesem Horrorszenario trotzte ich relativ schnell.

Es kommen immer wieder mal neue Mörder hinzu. So auch Horror-Ikone Leatherface.Es kommen immer wieder mal neue Mörder hinzu. So auch Horror-Ikone Leatherface.

Drei Monate nach Release - ich war bereits mutig und besser geworden - führten Behaviour Interactive, die kanadischen Entwickler hinter Dead by Daylight, den Wandler ein. Aufgrund fehlender Rechte an der Halloween-Reihe durfte die Figur des Mörders Michael Myers zwar ins Spiel, allerdings ohne seinen richtigen Namen. Aus diesem Grund heißt er in Dead by Daylight “Der Wandler”. Und siehe da: er wandelte meinen, nach 100 Stunden hart erkämpften Mut wieder in die blanke Angst um.

Anders als der laute Kettensägenmassaker-Killer ist Michael lautlos. Er beobachtet dich und lädt seine Kraft auf. Hat er sich an Überlebenden sattgesehen, ertönt die typische Halloween-Melodie und er wird schneller und stärker.

Michael, Messer, Maske ...

In der ersten Runde nach Release des Myers-DLCs geschah es also. Ich reparierte den Generator und ahnte nichts. Ich war immerhin mutiger geworden. Mir konnte kein Killer mehr etwas anhaben. Aber dann drehte ich die Kamera - und da stand er, halb hinter einem Baum, schwer atmend. Michael Myers schaute mich durch seine weiße Maske an, die Melodie ertönte und er hob sein Küchenmesser. Ab diesem Zeitpunkt gab es die mutige Vicky nicht mehr. Mein Charakter bewegte sich nicht, ich hatte meine Hände längst von der Tastatur wegbewegt und bin vom Schreibtisch aufgesprungen.

Mehr Horror geht kaum: Michael Myers beobachtet mich in aller Seelenruhe, während ich den Generator repariere.Mehr Horror geht kaum: Michael Myers beobachtet mich in aller Seelenruhe, während ich den Generator repariere.

Mir wurde langsam bewusst, dass er schon eine Weile dagestanden und mich beobachtet haben musste - immerhin war seine Superkraft aufgeladen und das dauert für gewöhnlich etwas. Der Gedanke, dass eine reale Person halb im Dunkeln stand und mich für eine gefühlte Ewigkeit anstarrte, war auch nicht gerade hilfreich. Ich wollte nur schreien, bekam stattdessen aber nur zusammenhangslose Worte heraus: Michael, Messer, Maske.

Jede Strategie, die ich mir bisher als Konter für einen Killer zurechtgelegt hatte, funktionierte nicht bei ihm. Wie sollte ich hier überleben? Zu einer Antwort kam ich nicht mehr. Michael hatte mich bereits mit seinem Küchenmesser zu Boden gestochen. Ich konnte nur zusehen, wie meine Spielfigur abgeschlachtet wurde und ich hoffte, dass mich keiner aus meinem Team rettete. Diese Begegnung reichte mir für den Tag.

Es vergingen einige Tage, an denen ich nicht mehr spielen wollte. Aber der Wille, Michael Myers zu trotzen und erfolgreich aus der Todesarena zu entkommen, war stärker. Und ich schaffte es eines Tages. Das Gefühl zu entkommen war einzigartig. Blöderweise kam fast jeden zweiten Monat ein neuer schrecklicher Killer hinzu. Und auch jetzt verspricht der Entwickler hinter Dead by Daylight noch mehr Inhalte für das asymmetrische Horrorspiel. Ich muss mich also immer davor fürchten, einem neuen schrecklichen Killer gegenüberzustehen. Aber dann erinnere ich mich einfach an diesen einen Moment, als ich mich umdrehte und Michael Myers hinter diesem Baum stand. Das habe ich auch überlebt - anders als mein Charakter im Spiel.

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Tags: Horror   Dieser eine Moment  

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