Neue, alte Kunst: Vom Liebesleben des Pixels im Jahre 2018

(Special)

von Thomas Nickel (12. August 2018)

Die Älteren unter euch werden sich vielleicht noch erinnern: Vor vielen, vielen Jahren, da war Pixelgrafik das Maß aller Dinge. Die großen Sprites der Neo-Geo-Prügler. Die fantastischen Szenarien der großen SNES-Rollenspiele. Die furiosen Shooter auf Mega Drive ...

Diese goldene Phase der Bitmap-Grafik begann etwa in der Mitte der 80er Jahre - als Automaten mit Vektorgrafik aus der Mode kamen - und dauerte grob gesagt bis in die Mitte der 90er, als 3D-Beschleuniger dem PC Beine machten, die PlayStation den Markt umkrempelte und Segas Virtua Fighter erstmals (für damalige Verhältnisse) überzeugende, menschliche Figuren aus Polygonen bastelte.

Auf einmal war alles anders. Handgezeichnete Pixelgrafik galt als Schnee von gestern – Polygone mussten her. Auch wenn die damaligen Speerspitzen der Technik heute oft nur schwer goutierbar anmuten, gaben Presse wie Spieler ungelenken Polygonhampeleien Marke Battle Arena Toshinden klar den Vorzug vor 2D-Zeitgenossen wie Street Fighter Alpha 2.

Links: Der 3D-Prügler Criticom, damals für Playstation und Saturn erschienen. Rechts: Das 2D-Kampfspiel Street Fighter Alpha 2. Wer hat sich da besser gehalten?Links: Der 3D-Prügler Criticom, damals für Playstation und Saturn erschienen. Rechts: Das 2D-Kampfspiel Street Fighter Alpha 2. Wer hat sich da besser gehalten?

Pixelgrafik, die akzeptiert man vielleicht noch auf einem Handheld wie dem Game Boy Advance, aber auf den „großen“ Konsolen möchte man damit doch bitte weitgehend verschont bleiben. Diese Denkweise ist bis heute fest in vielen Köpfen etabliert. Polygone – die sind modern, zeitgemäß und cool. Pixelgrafik? Altbackener Schnee von gestern, braucht keiner mehr.

Nicht mehr Zeitgemäß

Am deutlichsten zeigt sich das dann in manch einem Kommentar zu modernen Spielen wie dem weltweit gefeierten Switch-Rollenspiel Octopath Traveler: Da gibt man dann dem Unverständnis Ausdruck, wie ein Hersteller es im Jahr 2018 WAGEN kann, für so ein Spiel 60 Euro zu verlangen. Und wie man als es als Journalist WAGEN könne, das auch noch gut zu finden! Ein Spiel mit so pixeliger Grafik, die doch selbst der alte Heimcomputer aus Kindheitstagen noch auf den Bildschirm brächte. „Pixel sind altbacken“ lautet also das Vorurteil, an dem freilich nichts, aber auch garnichts dran ist.

Spätestens mit dem Aufkommen der Download-Portale und ein paar wegweisenden Spielen haben sich die Pixel jetzt wieder den Platz zurückerkämpft, der ihnen tatsächlich gebührt. Heute setzt ein Spiel nicht auf Pixelgrafik weil es sich keine guten Grafiker leisten kann oder weil die Ziel-Hardware für Polygone zu schwach ist; Pixel sind eine künstlerisch-ästhetische Entscheidung, ein legitimes Stilmittel.

Capcom kämpft mit 3D

Trendsetter war in diesem Fall Capcom: Vor nunmehr zehn Jahren sorgte der Traditionsentwickler aus Osaka für großes Aufsehen, als Mega Man 9 angekündigt wurde. Mega Man 9 war das erste bewusste „Abrüsten“ von Seiten eines großen Entwicklers und stellte damit eine absolute Trendwende nicht nur in der Seriengeschichte, sondern im Medium generell dar.

Mega Man X8 kam komplett polygonal daher. Die Spieler fanden daran keinen großen Gefallen.Mega Man X8 kam komplett polygonal daher. Die Spieler fanden daran keinen großen Gefallen.

Mit Mega Man 7 verabschiedete man sich ein paar Jahre zuvor vom 8Bit-Look, mit Mega Man 8 auf der PlayStation setzte man auf Comic-Grafik und die beiden letzte Episoden von Mega Man X auf PS2 kamen – ganz im damaligen Zeitgeist – polygonal daher. Das Problem dabei war nur: Keines dieser Spiele konnte mit den besten Teilen der Reihe mithalten. Die besten Episoden der klassischen Reihe sind Mega Man 2 und Mega Man 3 auf dem NES, die besten Inkarnationen der X-Serie erschienen auf dem SNES.

Historische Lösung

Detaillierte Grafiken und Polygone vermochten es nicht, an die Qualitäten von früher anzuschließen, also tat Capcom das 2008 Undenkbare: Man heuerte die Pixel-Experten von Inti Creates an, um ein Abenteuer im klassischen NES-Stil zu entwickeln. Für aktuelle HD-Hardware (und die Wii). Bild im 4:3-Format, eine in Zeiten von Xbox 360 und PS3 extrem niedrige Auflösung und Chiptune-Musik ließen manch einen Beobachter erst an einen Aprilscherz glauben.

Mega Man 9 sieht aus und klingt wie ein NES-Spiel, bietet aber viele moderne Spieldesign-Ansätze.Mega Man 9 sieht aus und klingt wie ein NES-Spiel, bietet aber viele moderne Spieldesign-Ansätze.

Doch Mega Man 9 erschien im 8Bit-Stil, erfreute sich laut Capcom guter Verkäufe und fuhr auch manch eine hohe Wertung ein. Vor allem aber war die Veröffentlichung von Mega Man 9 so etwas wie die offizielle Würdigung des alten Pixel-Looks. Nicht nur bei Indies und Handheld-Spielen wurden die großen Pixel nun akzeptiert, auch manch ein großer Entwickler traute sich wieder an den klassischen Look.

Das moderne 2D-Wunderland

Und heute? Heute ist ein Spiel mit pixeliger Grafik keine Seltenheit mehr. Egal ob als Projekt eines großen Entwicklers (Octopath Traveler), als cleverer Indie (Dead Cells), als Kickstarter-Projekt (Thimbleweed Park) ... kaum ein Monat zieht ins Land, in dem nicht zumindest ein interessantes, wenn nicht gar richtig gutes Spiel im Look von früher erscheint. Doch halt. Look von früher? Nein, denn auch wenn sich die ersten großen Spiele des Pixel-Comebacks an den Klassikern der 80er- und 90er-Jahre orientiert haben, so hat sich der Stil in den letzten Jahren doch enorm diversifiziert.

8Bit Olé!

Da gibt es zum einen den Pseudo-8Bit-Stil – hier steht Nintendos NES Pate. Spiele wie Shovel Knight oder Bloodstained - Curse of the Moon beziehen ihre Art der Darstellung eindeutig auf die goldenen Jahre von Nintendos 8Bit-Konsole. Doch der Kenner stellt schnell fest: Spiele wie diese bieten viel, viel mehr und machen Dinge, von denen echte NES-Hardware nicht einmal zu träumen gewagt hätte.

Shovel Knight orientiert sich am 8Bit-Stil, bietet technisch aber weitaus mehr.Shovel Knight orientiert sich am 8Bit-Stil, bietet technisch aber weitaus mehr.

Hintergründe scrollen in zahlreichen Parallax-Ebenen, oft sind weitaus mehr Sprites auf dem Bildschirm als die Originalhardware jemals hätte stemmen können - und vom 16:9-Format der Spiele fangen wir gar nicht erst an. Tatsächlich sind Spiele wie Shovel Knight in technischer Hinsicht viel näher am später 16Bit-Kost, als an den 8Bit-Vorbilder, trotzdem setzen sie auf deren Ästhetik… in den 90er Jahren eine kaum denkbare Mischung und Herangehensweise.

Goldene 16Bit-Zeiten?

Ähnlich sieht es bei Spielen aus, die sich am Look der 16Bit-Klassiker orientieren. Spiele wie Shantae and the Pirate's Curse könnte man grafisch irgendwo zwischen spätem 16Bit und dem klassischen Look früher 2D-Spiele auf PlayStation und Saturn einordnen – aber auch die tun oft mit der Hardware mehr als damals möglich gewesen wäre, und wenn es mal nur die Abwesenheit von Ruckeln, Flackern und langen Ladezeiten ist.

Shantae and the Pirate's Curse kommt rüber wie ein exzellentes 16Bit-Spiel.Shantae and the Pirate's Curse kommt rüber wie ein exzellentes 16Bit-Spiel.

Mal sind da mehr Farben, mal mehr Effekte oder Animationsphasen… das Ziel ist letzten Endes das gleiche wie bei den Quasi-8Bit-Kollegen: Anstatt den Look von damals exakt umzusetzen, wollen solche Spiele so aussehen wie die Spieler von heute ihre Lieblinge von früher in Erinnerung haben.

Aber Pixelgrafik ist heute nicht einfach nur ein rückwärts gewandter Grafikstil – viele der besten modernen Spiele denken konsequent weiter. Wie hätte sich der Stil entwickelt, wäre die 3D-Revolution in der Mitte der 90er Jahre ausgeblieben? Was kann man noch mit großen Pixeln anstellen? Wie arbeitet man die Stärken dieser Darstellungsform am effektivsten heraus?

Zeitgemäße Pixel?

Hier sind es Spiele wie Hyper Light Drifter, Enter the Gungeon oder Kamiko, die dieses Feld anführen. Diese Produktionen setzen auf einen gewissen Minimalismus. Sprites sind überraschend einfach gestaltet. Die Farbpaletten sind reduziert, auf die Outlines, also die typischen Umrisslinien vieler 16Bit-Klassiker wird bewusst verzichtet. Das ergibt eine ganz eigene Ästhetik, weit weg vom Stil der 90er Jahre. Leuchtende, flächig eingesetzte Farben, technisch feine Lichteffekte, Spritegewitter und moderne Partikeleffekte ergänzen sich gegenseitig zu einem ganz neuen Stil – eben pixelige Grafik im Stil des Jahres 2018.

Natürlich gibt es noch viel mehr Stile da draußen – gerade wenn man zwar bei 2D bleibt, aber nicht mehr unbedingt den klassischen Pixelstil möchte. Da sind die 2D-Kunstwerke von Vanillaware – Spiele wie Odin Sphere oder Dragon's Crown. Das wundervolle Remake Wonder Boy - The Dragon's Trap. Oder das kommende Monster Boy. Guacamelee und sein Nachfolger ... die Bandbreite ist weit. Aber es ist bezeichnend, dass gerade der aus damaligen technischen Gegebenheiten entstandene Pixel-Look auch heute noch so populär ist.

Langsamer Lernprozess

Langsam spricht sich diese Popularität dann auch herum – und wer es von alleine nicht begreift, der muss gegebenenfalls Lehrgeld zahlen. Bestes Beispiel dafür ist Square Enix; lange Jahre war gerade der japanische Rollenspielgigant als schlimmer Pixelschänder berüchtigt, die Steam-Versionen von Final Fantasy 5 und Final Fantasy 6 sind mit ihren schrecklichen Mobile-Menüs und den hässlich übermalten Grafiken das Schlimmste, was man den 16Bit-Klassikern antun konnte: Die Neuauflagen wirken wie billige Massenware aus dem RPG-Maker.

So etwas wollen wir nie wieder sehen: Die schreckliche PC-Konvertierung von Final Fantasy 5.So etwas wollen wir nie wieder sehen: Die schreckliche PC-Konvertierung von Final Fantasy 5.

2018 kippte die Lage dann: Square Enix veröffentlichte überraschend Chrono Trigger, eines der besten Rollenspiele aller Zeiten auf Steam – erneut mit schrecklichen Menüs, einem hässlichen Schriftsatz und matschigen, gefilterten Grafiken. Das war den Spielern dann zu viel: Ein veritabler Shitstorm ergoss sich über die lieblose Konvertierung und schließlich lenkte der Anbieter ein: Nach mittlerweile drei Patches kann Chrono Trigger jetzt endlich so gespielt werden wie es immer gedacht war: In herrlich pixeliger Pracht. Und spätestens der Erfolg von Octopath Traveller hat jetzt auch Square Enix unmissverständlich klar gemacht: Der Mut zum Pixel lohnt sich auch mehr als 20 Jahre nach der großen 3D-Revolution.

Ach ja, und Capcom? Capcom würdigt die alten Pixel-Hits heute mit liebevoll gemachten Spielesammlungen wie der Disney Afternoon Collection, der Mega Man X Legacy Collection oder der exzellenten Street Fighter 30th Anniversary Collection.

Mega Man, der Vorreiter der neuen Pixelwelle probiert es dafür in ein paar Wochen nochmal mit den Polygonen: Mega Man 11 setzt auf einen überraschend geschmackvollen 2,5D-Look – mal schauen, wie sich das dann so in der Praxis macht!

Tags: Retro  

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