World of Warcraft: Die Hingabe der Fans - aus Sicht eines Nichtspielers

(Kolumne)

von René Wiesenthal (14. August 2018)

Battle for Azeroth ist da und eingeschworene Fans sitzen ganz hibbelig vor den Rechnern, um die neueste Erweiterung von World of Warcraft zu erforschen. Ich sitze hier und frage mich, wie viele Menschen das Spiel in der Zeit seiner Existenz wohl schon zeitweise unsichtbar gemacht hat. So zumindest habe ich es nach seinem Release empfunden.

Als jemand, der nie langfristig World of Warcraft gespielt hat, verbinde ich mit dem Namen in meiner Beobachterrolle Dinge wie den Durchbruch von MMOs in den Mainstream. WoW ist eines dieser Spiele, die es schaffen, aus der Echokammer von Videospielmedien herauszudringen und plötzlich einer breiten Öffentlichkeit ein Begriff zu sein. Egal ob Feuilletons oder Klatschpresse – viele große Portale beschäftigten sich um die Zeit der Veröffentlichung von WoW im Jahr 2004 mit dem Spiel und phänomenisierten seine Beliebtheit noch weiter.

Das neue Add-On Battle for Azeroth ist heute erschienen:

Dabei ging es – wie das so üblich ist, wenn Videospiele im Mainstream-Medien ankommen – auch um die vermeintlichen Schattenseiten von Videospielen. World of Warcaft hatte den Ruf, enormes Suchtpotenzial zu besitzen und damit die Menschen in die digitale Isolation zu zerren.

In diese Debatte möchte ich hier nicht einsteigen, Videospielsucht ist ein ernstzunehmendes Thema und wir berichteten schon öfter im passenden Rahmen darüber. Ebenso möchte ich das Verhalten meiner WoW-spielenden Freunde nach dem Release des Spiels nicht pathologisieren. Was ich damals beobachtet habe – und viele andere Menschen wohl auch – lässt sich aber ohne Umschweife und reinen Gewissens als eine extreme Hingabe bezeichnen. Wirklich extrem. Anders ausgedrückt: World of Warcraft war für mich ein Schwarzes Loch, das Freunde verschluckt.

Wohngemeinschaft of Warcraft

Es fing alles harmlos an. In meinem Freundeskreis war Warcraft 3 - Reign of Chaos sehr beliebt gewesen und wir verbrachten viele Wochenenden mit verkabelten Rechnern in muffigen Jugendzimmern damit, gegeneinander zu spielen. Dass World of Warcraft da auf fruchtbaren Boden fallen würde, war abzusehen. Ich mag keinen Online-Multiplayer-Kram, also überließ ich meinen Freunden das Feld, schaute ab und an zu, wie sie spielten und kommentierte blöde aus dem Hintergrund.

So nahm sich South Park dem Phänomen WoW in einer Folge an. Quelle: Comedy Central.So nahm sich South Park dem Phänomen WoW in einer Folge an. Quelle: Comedy Central.

Zu dieser Zeit lebte ein großer Teil meiner Freunde gemeinsam in einer WG, die meisten davon als Scheinstudenten, hauptberuflich waren wir Partymäuse und – Anno WoW-Release – Schamanen oder Krieger. Wer nicht in der WG lebte, hielt sich zumindest die meiste Zeit dort auf. So waren da also tagein, taugaus immer zahlreiche Menschen in der Wohnung unterwegs, auf vier große Räume verteilt und in wechselnder Besetzung, da wir ein und ausgingen, wie wir lustig waren. Nur die Plätze an den Rechnern wurden zunehmend zu Stammplätzen, waren dauerhaft besetzt von einigen Leuten.

Das Reallife muss warten

Sie hatten sich in WoW festgebissen. Hatten eine Gilde gegründet und Leute angeheuert, die sie im Spiel angetroffen hatten. Sie hatten sich anhand ihrer Klassen Rollen für die Kämpfe zugewiesen und Strategien zurechtgelegt, die erforderlich machten, dass alle bei schwierigen Gegnern parat standen. Sie hatten zur Koordination einen Häuptling bestimmt – einen Mann Mitte 40 aus irgendwo, der eine Frau und Kinder hatte und ab und an über Eheprobleme klagte.

Warum ich das alles weiß? Weil meine Freunde World of Warcraft ebenso irgendwann in ihren Terminkalendern priorisierten und ich und andere Nicht-WoWler im Freundeskreis zunehmend hintenangestellt wurden.

Dieses Lied war damals ein Dauerbrenner im Freundeskreis und beschrieb die Hingabe für WoW auf lustige Art:

(Quelle: YouTube, xd)

Irgendwann hatten sich regelrechte Parallelleben entwickelt. Es gab die Leute im sozialen Umfeld, die man fragen konnte, ob sie Lust haben, sich zu treffen. Und es gab die, die man fragen musste, wann sie keine Raids haben. Wenn man die knappen Zeitfenster außerhalb von WoW-Terminen abpasste, musste man sich allerdings auch darauf einstellen, dass man viele Warcraft-Gespräche zu hören bekam, wenn man gemeinsame Zeit verbrachte.

Wenn der Häuptling auf der Couch schlief, weil es Stress mit der Frau gab, wusste ich das. Wenn einer der Truppe im PvP nicht rechtzeitig geheilt und damit das Match versaut hat, wusste ich das auch. Viele – ich inklusive - hatten irgendwann aber keine Lust mehr das alles zu wissen und somit tat sich eine Kluft auf zwischen den WoW-Spielern und den Nichtspielern im Freundeskreis.

Und plötzlich so: Macht keinen Spaß mehr

Die Wende kam mit einem Update: Irgendwann sah ich die WoW-Freunde wieder öfter und hörte vermehrt Themen, die sich nicht um das Spiel drehten. Wenn doch, war der Kanon in etwa: World of Warcraft sei nun "casual" und den Noobs würde der Hof gemacht. Es mache keinen Spaß mehr wie am Anfang und somit dachten viele schon drüber nach, ihre Abos zu kündigen. Was sie auch nach und nach taten. Das Schwarze Loche öffnete sich erneut und meine Freunde kamen herausgeschlichen.

Sie hatten WoW fast obsessiv gespielt, aber sich ihm scheinbar nie völlig unkritisch hingegeben. Sobald es keinen Spaß mehr machte, wurde die Beschäftigung, die zuvor über viele, viele Wochen den Tagesablauf bestimmt hatte, recht schnell wieder aufgegeben. Ich konnte es kaum glauben.

Sie hatten ebenso keine Mangelerscheinungen was soziale Kontakte anging. Immerhin waren sie ein fester Kreis einer großen Gruppe von Menschen, deren Tagesstruktur ziemlich nah beieinanderlag und die jederzeit ein gemeinsames Gesprächsthema hatten. Nur von außen betrachtet, war das alles ein Problem.

Horde gegen Allianz für immer: Fans warteten lange auf die Erweiterung Battle for Azeroth.Horde gegen Allianz für immer: Fans warteten lange auf die Erweiterung Battle for Azeroth.

World of Warcraft findet in einer faszinierenden und umfangreichen Welt statt, die weit über das Spiel hinaus unter anderem durch Literatur ergänzt wird und leidenschaftliche Fans in sich vereint. Dass man sich darin verlieren kann, verstehe ich und ich gönne es jedem Spieler, der sich auch nach all der Zeit noch an dem Spiel und seinem Universum erfreuen kann. Ich hoffe aber auch, dass ihr alle darauf achtet, dass ihr nicht nur für die Horde oder die Allianz vollen Einsatz bringt, sondern auch für eure Freunde, die keinen Bezug zu dem Spiel haben. Sonst wird es irgendwann für alle problematisch.

Habt ihr den Release von World of Warcraft auch so erlebt wie ich? Oder wart ihr diese Spieler, die andere Termine verschoben haben, um an Raids teilzunehmen oder Gold zu farmen? Erzählt uns eure Erfahrungen in den Kommentaren!

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Tags: Multiplayer   Online-Zwang   Fantasy  

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