Test Dragon Quest 11: So muss ein klassisches Rollenspiel aussehen!

von Thomas Nickel (28. August 2018)

Auserwählte Helden haben es nicht immer leicht – das muss auch der Held von Dragon Quest 11 - Streiter des Schicksals erfahren. Aber für euch springt dafür ein erstklassiges Rollenspiel heraus!

Wir schreiben das Jahr 1986. Nintendo ist gerade dabei, den japanischen Markt zu erobern und setzt langsam zum Sprung in den Westen an. Dort herrscht der Heimcomputer und zu den beliebtesten Genres dort gehört das Rollenspiel. Wizardry, Ultima, The Bard’s Tale… knifflige, umfangreiche Abenteuer, denen man die Begeisterung ihrer Schöpfer für "Pen & Paper"-Systeme wie Dungeons & Dragons deutlich anmerkt. In Japan ist das Genre noch nahezu unbekannt.

Doch das ändert sich, als ein junger Mann namens Yuji Horii die Systeme der westlichen Hits nimmt, auf ihre essenziellen Bestandteile herunterbricht und die komplexe Steuerung von der Tastatur eines Heimcomputers auf die Knöpfe des Famicom/NES-Pads überträgt. Das Spiel, das dabei herauskommt, heißt Dragon Quest und war der Beginn einer innigen Beziehung zwischen dem Rollenspiel und Japans Spielern.

Klassische Qualitäten

Die hält bis heute an und ist nirgendwo ausgeprägter als bei Dragon Quest und seinen Nachfahren. Vor etwas mehr als einem Jahr erschien Dragon Quest 11 - Streiter des Schicksals in Japan und verkaufte sich auf PS4 und 3DS mehrere Millionen mal. Und das nicht obwohl, sondern gerade WEIL sich Dragon Quest kein Stück für die aktuellen Trends und Strömungen im Spiel und im Rollenspiel insbesondere schert: Wie im Erstling aus dem Jahre 1986 wird hier klassisch gelevelt, rundenbasiert gekämpft, in der Kirche gespeichert (auch wenn es inzwischen die obligatorische Autosave-Funktion gibt) und erbeutetes Geld in bessere Ausrüstung investiert.

Aber zieht das auch im Westen, wo Actionkämpfe, Entscheidungsfreiheit, offene Welten und ausgiebige Crafting-Elemente heute zum Standartrepertoire eines Rollenspiels gehören? Nun, an der Qualität wird Dragon Quest 11 nicht scheitern, und am Charme-Faktor ebenso wenig. Denn Dragon Quest 11 ist von der ersten Minute an gnadenlos sympathisch. Als euer Held gemeinsam mit seiner Jugendfreundin Sandra den großen Berg bei seinem Heimatort Kieslingen erklimmt und dabei bisher ungeahnte Kräfte in sich entdeckt, erfährt er, dass er die Wiedergeburt des Lichtbringers ist und das Schicksal große Pläne für ihn bereithält.

Und dann kommt alles doch ganz anders: Der König von Heliodor hat so gar nichts für Helden übrig, denn wo Helden sind, da ist meist das Böse auch nicht weit. Über diese Logik mag man streiten, aber Fakt ist: Ehe ihr es euch verseht findet ihr euch im tiefsten Kerker wieder, aus dem ihr direkt wieder mit der Hilfe des zwielichtigen Diebs Erik türmt. Und jetzt habt ihr den Salat. Im Lande Erdria braut sich Unheil zusammen und noch dazu seid ihr auf der Flucht vor den Häschern aus Heliodor. Zum Glück schließen sich euch bald ein paar ebenso treue wie kampfkräftige Kameraden an.

Kämpfe für Kenner

Das ist gut, denn bei Dragon Quest 11 werdet ihr oft die Waffen sprechen lassen – sowohl gegen Heliodors Truppen, als auch natürlich gegen die ebenso bunte wie abwechslungsreiche Monster-Menagerie. Hier verabschiedet sich Dragon Quest 11 auf sehr angenehme Art und Weise von der langjährigen Serientradition: Wo euch die Feinde in früheren Episoden nach dem Zufallsprinzip attackiert haben, da ist jeder Gegner nun bereits von weitem zu sehen. Wollt ihr nicht kämpfen, dann versucht ihr den Feind zu umgehen, seid ihr auf einen flotten Schlagabtausch aus, dann semmelt ihr dem Gegner direkt euer Schwert auf den Schädel und macht so bereits vor dem eigentlichen Kampfbeginn ein wenig Schaden.

Gekämpft wird ganz klassisch rundenbasiert.Gekämpft wird ganz klassisch rundenbasiert.

Der Kampf selbst läuft dann komplett rundenbasiert ab: Immer wenn eine eurer bis zu vier Figuren an der Reihe ist wählt ihr Angriffe, Zauber oder andere Aktionen aus eurem Menü. Nett: Ihr dürft auch im Kampf die gerade aktiven Streiter auswechseln oder schnell eine andere Waffe ausrüsten: Mit einem Bumerang ist Dieb Erik beispielsweise sehr effektiv im Kampf gegen größere Gegnergruppen. Habt ihr es aber mit einem besonders starken Brocken zu tun, wäre ein scharfer Dolch vielleicht die bessere Wahl.

Teamwork wird im Kampf groß geschrieben: Unter bestimmten Konditionen bekommen eure Helden einen gehörigen Stärkeboost und können dann gemeinsam mit ihren Kameraden besonders effektive Team-Manöver ausführen. Langfristige Heilung für alle, ein besonders durchschlagender Angriff oder eine flotte Diebesaktion inklusive Ablenkung können das Blatt in manch einen kniffligen Kampf wenden und mit stetig wachsender Heldentruppe wächst auch eure Aktionspalette mehr und mehr an.

Helden-Harmonie

Die Heldentruppe ist auch eine der großen Stärken von Dragon Quest 11 – selten war man in einem Rollenspiel mit einem so sympathischen Team unterwegs. Und das, obwohl sie alle auf den ersten Blick direkt aus der Klischee-Kiste geholt wurden. Da ist der Dieb Erik, der immer etwas mehr zu wissen scheint als er sagt. Der neunmalkluge Dreikäsehoch Veronika versengt die Feinde mit wuchtiger Kampfmagie und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund.

Heilerin Serena ist ruhig und entschlossen; wenn sie nicht verwundete Mitstreiter zusammenflickt, dann rückt sie dem Feind mit dem Speer zu Leibe. Dann sind da noch der herrlich glitzerige Zirkuskünstler Rionaldo, die starke Kämpferin Jade und der mysteriöse alte Bodo - allesamt ebenso sympathische wie interessante Gestalten, mit denen ihr nur zu gerne eure Zeit verbringt.

Die Heldentruppe ist enorm sympathisch geschrieben.Die Heldentruppe ist enorm sympathisch geschrieben.

Natürlich wird eure Truppe mit der Zeit auch stärker und stärker. Besiegte Gegner bescheren euch Geld und Erfahrungspunkte. Ersteres wird in bessere Ausrüstung investiert, und die Punkte lassen euch regelmäßig eine Stufe aufsteigen – dafür gibt es mehr Lebensenergie, mehr Magie und bessere Kampfwerte. Vor allem aber gibt es bei jedem Aufstieg auch ein paar Punkte für euer Talentmenü: Dort verschafft ihr euch Spezialangriffe, passive Fähigkeiten wie automatische Magie-Regeneration oder ganz klassische Werte-Boni.

Da jede eurer Figuren gleich mehrere Waffen und Talente nutzen kann, genießt ihr so auch viel Freiheit bei der Entwicklung eurer Figuren. Und habt ihr euch mal falsch entschieden, ist das halb so wild. Gegen ein geringes Entgelt dürft ihr in einer der zahlreichen Kirchen eure Punkte neu zuordnen und so eure Spezialisierung überarbeiten. So macht Charakterentwicklung einfach Spaß. Und wenn es noch etwas mehr Persönlichkeit sein soll: Immer mal wieder findet ihr Ausrüstungs-Sets, die euren Figuren auch direkt ein ganz neues Outfit verpassen, sollten euch die normalen Klamotten mal zu langweilig werden.

Tolle Technik

Da es bei Dragon Quest 11 eine ganze Menge zu tun gibt, ist es gut zu sehen, dass Square Enix in Sachen Technik kaum Kosten und Mühen gescheut hat. Als erster Teil der Serie läuft Dragon Quest 11 auf der Unreal Engine, orientiert sich aber optisch vor allem am bis heute enorm beliebten Dragon Quest 8 - Die Reise des verwunschenen Königs auf PS2 (und später auch auf 3DS). Die gezeichneten Charaktere von "Dragon Ball"-Künstler Akira Toriyama werden nahezu perfekt als 3D-Modelle dargestellt, die eine wunderschöne detailreiche und oft überraschend naturalistische Welt durchqueren.

Manchmal dürft ihr auch auf Monstern reiten.Manchmal dürft ihr auch auf Monstern reiten.

Ihr lauft an herrlichen Felsformationen vorbei, bewundert das fein dargestellte Wasser und die toll gesetzte Lichtstimmung, dabei freut ihr euch über die saubere Bildrate und die kurzen Ladezeiten. Zwischen einzelnen Arealen wird ebenso nachgeladen wie beim Beginn eines Kampfes, aber die Ladezeiten sind einerseits sehr kurz und andererseits gerade beim Übergang zum Kampf auch sehr gut kaschiert. Und dann ist da wieder die Freude über wuchtige Magieeffekte und herrlich animierte Monster: Serientypisch gehören auch die Gegner dieser Episode von Dragon Quest zu den witzigsten und charmantesten Kreaturen, die man je in einem Rollenspiel bekämpft hat.

Moderate Misstöne

Charmant sind auch die Texte – sowohl die auf englisch gesprochenen, als auch die deutschen Textkästen. Die Lokalisation hat Charme, Charakter und Humor, arbeitet gerne mit Akzenten und anderen Sprachmustern: So sprechen beispielsweise die Bewohner des japanisch angehauchten Badeortes Onzen allesamt in Haikus. Allerdings haben sich die Übersetzer teilweise auch ein paar zu viele Freiheiten genommen – insbesondere bei der Namensgebung der Figuren fällt das auf, denn die ist extrem uneinheitlich. Figuren, die bereits im japanischen Original absolut westkompatible Namen hatten wurden einfach mal umbenannt.

Serena ist ebenso freundlich wie gebildet.Serena ist ebenso freundlich wie gebildet.

Aber auch zwischen der englischen und der deutschen Fassung gibt es ein paar gravierende Unterschiede: So wird aus dem englischen Sylvando in Deutschland ein Rionaldo und aus dem alten Rab wird hier Bodo – und wenn dann in einem Dialog eindeutig Sylvando gesagt, im Textkasten aber Rionaldo zu lesen ist, dann irritiert das schon – zumal es innerhalb des Spiels nicht möglich ist, die geschriebene Sprache zu ändern, das lässt sich nur über die Systemeinstellung der Konsole festlegen.

Kritik muss auch an der Musik geübt werden: Ja, der typische Stil von Komponist Koichi Sugiyama hat die Serie seit den 80er Jahren genauso geprägt wie die Zeichnungen von Akira Toriyama, aber in der hier gebotenen Form funktioniert das einfach nicht. Zum einen mangelt es der Musik enorm an Abwechslung. Egal ob Großstadt, Dorf oder Slum, egal ob in der Wüste oder an der Küste ... fast jede Stadt hat die gleiche musikalische Untermalung, teilweise hört ihr auch mitten in einem verwunschenen Wald das Thema der normalen Weltkarte, und wird mal ein wenig Drama benötigt, dann muss auch einfach mal die Kampfmusik herhalten.

Vor allem aber erschreckt die schlechte Tonqualität: Anstelle von echten Instrumenten wie beim erst kürzlich getesteten, und gerade auch für die Musik überschwänglich gelobten Octopath Traveller, hört ihr hier blecherne, geradezu billig klingende Samples die so gar nicht mit der tollen Grafik und der gelungenen Sprachausgabe harmonieren wollen. Das ist vor allem unverständlich, weil in Japan seit ein paar Monaten auch eine orchestrale Aufnahme der Musik vorliegt – bei Dragon Quest 8 auf der PS2 konnte man die vor etlichen Jahren ja auch bereits in die westliche Fassung implementieren. In der jetzigen Form kostet die Musik auf jeden Fall einiges an Stimmung und Atmosphäre.

Fakten:

Meinung von Thomas Nickel

Als Rollenspieler der alten Schule, jemanden der Hirnriss-Plots Marke Kingdom Hearts, unnötig komplizierten Spielsystemen oder dem gefühlten Zwang zu Actionkämpfen sehr skeptisch gegenübersteht, ist Dragon Quest 11 ein Traum. Die spielerischen Grundlagen unterscheiden sich kaum von den Systemen aus den goldenen 16Bit-Jahren, aber all die Elemente sind makellos ausbalanciert und perfekt aufeinander abgestimmt. Der Schwierigkeitsgrad ist weder zu hoch, noch fühlt ihr euch unterfordert, Level-Grinding ist möglich, aber im Grunde nicht nötig und die Erfolgserlebnisse und Storywendungen finden stets zum richtigen Zeitpunkt statt – Dragon Quest 11 ist Rollenspiel-Wohlfühlkost durch und durch.

Aber gerade deswegen fallen die beiden im Text bereits genannten Mankos auch gefühlt so stark ins Gewicht. Mit Figuren, die drei Namen über drei Sprachfassungen haben, kann man noch leben, aber gerade die Musik ist eine herbe Enttäuschung. Und das bei einem Genre, das sich seit den 80er Jahren wie kaum ein anderes gerade in diesem Bereich so profiliert hat. Es wäre herrlich, würde Square Enix hier die neu eingespielten Tracks nachpatchen…

Abgesehen von den akustischen Ausrutschern ist Dragon Quest 11 ein nahezu makelloses Rollenspiel klassischer Machart und zeigt, dass rundenbasierte Kämpfe auch im Jahr 2018 noch fordernd, spannend und auch mal nervenaufreibend sein können. Die Stars sind aber wieder einmal die Helden und Schurken des Spiels: Es macht einfach riesigen Spaß, seine Zeit mit dieser unheimlich charmanten Heldentruppe und ihren fiesen Gegenspielern zu verbringen – da ist es gut, dass es an Nebenaufgaben nicht fehlt. Und auch wenn ihr denkt, das Abenteuer nach gut 80 Stunden bezwungen zu haben, dann habt ihr längst noch nicht alles gesehen und erlebt!

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90 Spieletipps-Award

meint: Dragon Quest 11 ist nicht nur technisch ein echter Hingucker, auch inhaltlich und spielerisch ist dieses Rollenspiel ganz vorne dabei.

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