Test PES 2019: Großes Spiel mit mittelschweren Fahrlässigkeiten

von Jens-Magnus Krause (28. August 2018)

Alte virtuelle Fußballerweisheit: Wem es um Realitätsnähe auf dem Platz geht, der greift jedes Jahr zur PES-Serie. Alle anderen kaufen den Konkurrenten FIFA. Bestätigt PES-Hersteller Konami endlich mit einer Ausnahme die Regel und rockt auch abseits des Platzes?

Spielerisch überzeugt PES 2019 in jeder Situation. Bei Dribbeleinlagen aber auch bei Schüssen, Flanken und Pässen.Spielerisch überzeugt PES 2019 in jeder Situation. Bei Dribbeleinlagen aber auch bei Schüssen, Flanken und Pässen.

PES 2019 geht mit einem vielversprechenden Zutaten-Mix in die neue Saison: Konami serviert euch die größte Lizenzerweiterung seit Jahren, packt als Hauptspeise zahlreiche spielerische Verbesserungen in jedem Bereich dazu und garniert alles mit einem Spielmodi-Ausbau, der besonders im Detail stattfindet. Dennoch bleibt nach dem einen oder anderen Gang ein fader Beigeschmack. Der Test zeigt wo und warum.

Das Beste kommt zum Schluss. Außer in diesem Test. Denn hier kommt es schon am Anfang. Ein Gefühl schafft PES 2019 nämlich immer zu erzeugen: das der selbstbestimmten Verantwortung. Das bedeutet, dass das Spiel so gut wie nie für eure Erfolge oder Misserfolge verantwortlich ist, sondern immer ihr selbst. Durch euer Können oder Versagen. Durch einen fehlerfrei vorgetragenen Konter oder durch einen hektischen Ballverlust in der eigenen Hälfte. Dieser Umstand motiviert und fühlt sich über die gesamte Spieldauer schlichtweg fair an.

Ein Faktor trägt beim neuesten Serienableger der Fußballsimulation dazu bei, dass ihr eine noch bessere Kontrolle über das Spielgeschehen erhaltet: das verlangsamte Spieltempo im direkten Vergleich zu PES 2018. Keine Sorge: Die Spiele verkommen so nicht etwa zu einer Schach-Partie. Aber ihr habt stets minimal mehr Zeit, damit ihr eure nächsten Ballaktionen planen könnt. Das macht viel aus im Spielaufbau. Bringt Ruhe rein. Und auf der anderen Seite ermöglicht dies gezielte Konterangriffe dank schnellem Umschaltspiel.

Auf die Ausdauer kommt es an

Wer es auf dem Platz mit kräftezehrenden Trick-Einlagen oder zahlreichen Sprints übertreibt, bekommt dies nicht mehr nur aufgrund von langsameren Fußballern zu spüren, sondern nun auch zu sehen: Stemmt euer virtueller Fußballer anfangs noch die Arme in die Hüften, stützt er sich später erschöpft mit seinen Händen auf den Knien ab und schaut auch noch gequält drein. Der Arme. Spätestens dann heißt es: auswechseln, bitte! Und das geht dank der im letzten Jahr bei FIFA 18 neu eingeführten und nun adaptierten Schnellwechsel-Funktion besonders - nun ja - schnell! Ihr könnt vor Abstößen oder vor Einwürfen per Tastendruck wechseln, ohne dafür ins Menü wechseln zu müssen. Das erhält den Spielfluss - super!

Die meisten Spieler sind bereits an ihrem Laufstil klar erkennbar. Aus Deutschland sind übrigens Schalke und Leverkusen voll lizenziert enthalten.Die meisten Spieler sind bereits an ihrem Laufstil klar erkennbar. Aus Deutschland sind übrigens Schalke und Leverkusen voll lizenziert enthalten.

Des Weiteren haben die detailversessenen Japaner für PES 2019 jeden spielerischen Aspekt verbessert. Wirklich nahezu jeden. Das fängt bereits bei nebensächlichen, aber im Detail doch schön anzusehenden unterschiedlichen Laufstilen der Spieler an. Während Messi über den Platz zu tippeln scheint, sprintet Cristiano Ronaldo mit seinen riesigen Schritten über das Feld. Ihr erkennt die Stars auch an ihren individuellen und personenbezogenen Tricks, wie Liverpools Roberto Firmino an seinem No-Look-Pass.

Zusätzlich neu: ausgebaute Schussmechaniken und ein verfeinertes Dribbling. Durch das Hinzufügen neuer Schussvarianten, wie Mo Salahs Bogenlampe, habt ihr deutlich mehr Möglichkeiten den Torwart zu überwinden. Und aufgrund der geringeren Distanz zwischen Spieler und Ball, habt ihr eine erhöhte Ballkontrolle und könnt Gegenspieler bereits durch intelligente Bewegungen mit dem linken Stick aussteigen lassen. Auch die Positionierung der Spieler zum Ball entscheidet nun noch mehr darüber, wie gut sie den Ball annehmen und weiterverarbeiten können.

Alles drin und alles dran?

Leider nein, leider gar nicht. Denn gerade beim doch seit Jahren wichtigen Lizenzthema ist PES 2019 dieses Jahr sehr gut und gleichzeitig nur ausreichend.

Sehr gut, weil ihr sieben neu lizensierte Ligen im Spiel vorfindet. So viele wie nie zuvor. Darunter auch die Premier League. Leider nur die aus Russland, die dafür aber exklusiv. Und es kommen neue Vereinspartnerschaften dazu. Diese beinhalten Original-3D-Aufnahmen eines jeden Spielers des Vereins und die originalgetreue Nachbildung des Stadions - inklusive einer 1:1-Abbildung des Spielertunnels und der Kabine. Aus deutscher Sicht erfreulich: der FC Schalke 04 ist teil dieser Kooperation. Celtic Glasgow ist auch neu mit dabei. Borussia Dortmund fehlt dagegen und ist zu FIFA 19 abgewandert.

Von Partnervereinen wie dem FC Schalke sind wunderschöne Stadion-Luftaufnahmen enthalten. Für die passende Vorlage hat das Entwicklerteam via Helikopter echte Bilder aus der Luft geschossen.Von Partnervereinen wie dem FC Schalke sind wunderschöne Stadion-Luftaufnahmen enthalten. Für die passende Vorlage hat das Entwicklerteam via Helikopter echte Bilder aus der Luft geschossen.

Schlecht dagegen: Konami hat dieses Jahr die Lizenen für die Champions-League- und Europa-League an den Konkurrenten FIFA 19 verloren. Aus der heimischen Bundesliga sind leider nur der bereits erwähnte FC Schalke 04 und Bayer Leverkusen vertreten. Ein drittes deutsches Team, wie in den Jahren zuvor, war zum Testzeitpunkt ebenfalls nicht enthalten. Schuld daran hat aber nicht der Hersteller selbst, sondern die Exklusiv-Rechte-Vergabe-Politik der Ligen in Deutschland und England. Und Italien. Und Spanien. Beim Thema Lizenzen hat PES 2019 einfach keine Schnitte gegen FIFA 19.

Und sonst so?

In Sachen Spielmodi verbessert der Hersteller ganz klar im Detail. Große Innovationen bleiben aus. Der MyClub-Modus (vergleichbar mit Ultimate Team aus FIFA) hat optisch überarbeitete Menüs. Endlich! Zusätzlich bekommen Spieler, die innerhalb einer Woche in der realen Fußballwelt beste Leistungen zeigen, auch virtuell eine zeitlich begrenzte Steigerung der Spielerwerte. Und es taucht, neben vielen anderen, die neu hinzugefügte Fußball-Legende David Beckham in MyClub auf.

Startet ihr im Meister-Liga-Modus eure Trainer-Karriere, ist euer erster Termin die Pressekonferenz zwecks eurer eigenen Vorstellung.Startet ihr im Meister-Liga-Modus eure Trainer-Karriere, ist euer erster Termin die Pressekonferenz zwecks eurer eigenen Vorstellung.

Die Meister-Liga peppen die Entwickler ebenfalls auf. Im Neuigkeiten-Bereich seht ihr Video-Einspieler, wie beispielsweise die Spieler einen Sieg feiern, individuelle Charaktereigenschaften eurer Spieler beeinflussen deren Rolle in der Mannschaft (böser Bube, Anführer) und die Spieler-Entwicklung verläuft realistischer, wozu die elf neuen Spielerfähigkeits-Rubriken beitragen.

Von optischen Höhepunkten und atmosphärischen Tiefpunkten

Grafisch basiert das Spiel auf der Basis des Vorgängers. Was aber nicht heißt, dass es optisch nicht deutlich stärker aussieht. Dank realitätsnah dargestellter Lichtstimmungen ist während einer Partie nun zum Beispiel ein Sonnenuntergang in all seinen Lichtfacetten zu beobachten. Und endlich gibt es sie: optisch ansprechende Rasten-Texturen zum Reingreifen. Und keine ausgelegten, flachen Rasentapeten mehr. Daumen hoch!

So sieht der neue Fußballreigen in Bewegung aus:

Und während des schön anzuschauenden Regens oder des wieder neu in die Serie eingeführten Schneetreibens, verändert sich neben der Optik (Schnee am Spielfeldrand) auch das Geschehen auf dem Platz: Bälle rollen und beschleunigen schneller, Spieler rutschen bei Schüssen auch mal leicht weg. Zum Abrunden der Optik: besonders die Zuschauer sind scharf dargestellte 3D-Modelle und die Spielerabbilder überzeugen mit Details wie Original-Frisuren und -Tattoos ihrer Vorbilder.

Wo Optik-Licht ist, ist zuweilen auch Atmosphäre-Schatten. Erneut kommen die Kommentatoren Marco Hagemann und Hansi Küpper zum Einsatz. Im Vergleich zu ihrem echten Können verbreiten sie in PES 2019 unfreiwilligen Humor durch urkomische Phrasen: "Wir warten nur noch darauf, dass alle Formalitäten erfolgt sind, damit alles seine Richtigkeit hat." Ähm ... wobei jetzt? Immerhin erzählen sie jetzt nette Details zu bestimmten Stadien, beispielsweise wann diese erbaut worden sind. Das ist gut bei FIFA abgeschaut. Das zu langsame Reagieren auf das Spielgeschehen ist dennoch ein Atmosphäre-Minus. Dazu gesellen sich eintönige und nicht originale Fan-Gesänge (einzige Ausnahme: die Partnervereine von PES wie Liverpool oder der FC Barcelona.)

Die Menüs sind optisch einfach nicht mehr zeitgemäß.Die Menüs sind optisch einfach nicht mehr zeitgemäß.

Leider auch eher schlecht als recht: die optisch altbackenen Menüs und die poppige Menü-Musikauswahl, die nach kurzer Zeit nervt. All das trägt nicht zur Atmosphäre bei. Und wenn Atmosphäre fehlt, fehlt Gefühl. Und darunter leidet auf Dauer leider auch der Spielspaß. Denn gerade im direkten Vergleich zu FIFA fehlt es an Fähigkeiten-Spielchen während des Ladebildschirms, einem Einzelspieler-Modus mit Zwischensequenzen und Geschichte oder schlichtweg einem „zwei-Spieler-gemeinsam-auf-einer-Couch-gegen-zwei-Spieler-auf-einer-anderen-Couch-Online-Modus.“ Abseits des Platzes gibt es einfach zu minimalistische Innovationen.

Meinung von Jens-Magnus Krause

In dem für ein Fußballspiel entscheidenden Bereich macht PES 2019 alles richtig. Denn die spielerischen Neuerungen erhöhen die Realitätsnähe, tragen zu noch mehr Angriffsvielfalt bei und gehen leicht von der Hand. Dazu gesellen sich viele neue Lizenzen und im Detail verbesserte Spielmodi. Kurzum: Dieses Spiel fühlt sich nach Fußball an. Oder: dieses Spiel ist Fußball!

Auf der anderen Seite fehlt es besonders abseits des Platzes an Innovationen. Wo sind neue Spielmodi? Und warum wehren sich die Japaner so sehr dagegen, endlich mal ein optisch ansprechendes Menü zu erstellen? Die Missachtung der Weisheit, dass der (Menü-)Ersteindruck zählt, ist schon fahrlässig. Ähnlich wie das Setzen auf wiederverwertete Kommentatorensprüche und müde bis unauthentische Fan-Gesänge.

PES 2019 ist wirklich das beste Fußballspiel der Konami-Reihe, jedoch wird es die Produktion auch dieses Jahr gegen FIFA 19 extrem schwer haben, da die Konkurrenz bereits auf dem Papier das umfassendere Gesamtpaket bietet.

86 Spieletipps-Award

spieletipps meint: Spielerisch die beste Fußball-Simulation der Reihe bisher, der es aber an Spielmodi-Innovationen und Atmosphäre mangelt.

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