Fortnite
Fortnite: Warum das Spiel für mich nur aus Stress besteht (Kolumne)

von Michael Sonntag (Sonntag, 02.09.2018 - 09:00 Uhr)

Ich bin erst spät zum "Battle Royale"-Hype dazugestoßen. Bei all der Berichterstattung und Dauerbeschallung bin ich irgendwann nicht mehr drum herum gekommen, das Mysterium selbst zu ergründen. Und nach dutzenden Runden merke ich, dass bei den ganzen Artikeln eines meist übersehen wird: Dass Fortnite - das Konzept, das Gameplay und das eigentliche Ziel - ausschließlich auf Stress ausgelegt ist. Sich zu entscheiden, Fortnite zu spielen, ist sich dazu zu entscheiden, die gemütlichen Zocker-Tage für beendet zu erklären.

"All you can drink" in der Espresso-Bar

Das Spiel ist schon stressig, bevor es eigentlich losgeht. Auf dem Busbahnhof habe ich gar keine Zeit, die lustige und friedliche Seite des Spiels zu genießen. Bevor ich mir die Outfits und Tänze der anderen ansehen kann, sitze ich schon im Bus und springe kurze Zeit später in den erbarmungslosen Überlebenskampf.

"Dabei sein ist alles" trifft bei Fortnite eindeutig zu"Dabei sein ist alles" trifft bei Fortnite eindeutig zu

Und jetzt beginnt der psychische Stress, der, je nachdem wie gut ich mich schlage, umso länger dauert. Fragen über Fragen schießen durch meine Gedanken. Wo sollte ich am besten landen? Wo sollte ich dann hingehen? Wo finde ich Waffen? Werde ich bereits verfolgt? Welches Gebäude sollte ich für Materialien zu Kleinholz schlagen, ohne dabei durch den Krach sofort entdeckt zu werden? Und vor allem: Wie viel Zeit habe ich noch, bevor das Gewitter näherkommt? Im Sekundentakt hoffe ich, kluge Antworten auf diese Fragen zu finden, um länger zu überleben und um weitere Fragen beantworten zu können.

Dieses Video zu Fortnite schon gesehen?

Der Kampf selbst gestaltet sich durch das Hopsen und Bauen mehr reflexartig als wirklich taktisch. Wenn ich gewinne, fühle ich mich für einen kurzen Moment gut, doch dann geht das Spiel weiter. Wenn ich sterbe, bin ich enttäuscht, aber andererseits auch erleichtert, da ich jetzt ohne Probleme meinem Gegner zusehen kann, wie er sich die nächsten Minuten bis zu seinem Ableben schlägt. Bei all den Faktoren ist es immer schwierig zu sagen, was genau mein Fehler gewesen ist. Um das herauszufinden, bräuchte ich mehr Erfahrung und für mehr Erfahrung müsste ich mehr spielen, also noch mehr Stress haben. So finde ich mich in einer Schleife wieder, in der ich viel schwitze, sterbe und neustarte, während ich an sich weder Spaß noch einen Mehrgewinn habe.

Wenn ich dann mal wirklich der letzte Überlebende bin, ist der Moment nicht so befriedigend, wie ich ihn mir vorgestellt habe. Das Spiel ist nicht gewonnen, es ist nur vorbei. Sekunden später befinde ich mich wieder in einer neuen Runde und versuche dasselbe zu erreichen, fast so als ob ich diese krasse Leistung von eben nicht geschafft hätte. Oder geht es in Fortnite überhaupt darum? Wenn wir den Comic-Look, die Tänze und die bunte Spielwelt mal abziehen, bleibt im "Battle Royale"-Modus eigentlich nur der Stress übrig. Dabei gibt es ihn in zwei Formen: Ich brenne vor Stress, wenn ich plötzlich auf einen Gegner treffe, oder ich bin durch die Unterforderung gestresst, wenn ich in zehn Minuten keinen einzigen Gegner finde. Ob ich gewinne oder verliere, ist egal, die nächste Runde kommt sowieso.

Adrenalin-Junkie

So sehr Fortnite auch belastend und frustrierend ist und ich mir andauernd schwöre, nie wieder aus dem Battle Bus zu springen, stehe ich erstaunlicherweise am nächsten Tag schon wieder in der Schlange. Das hat weniger etwas mit einer multiplen Persönlichkeit zu tun als mehr damit, dass der Stress irgendwie süchtig macht. Es ist wie Achterbahnfahren im Vergnügungspark: eine nervenaufreibende und tolle Erfahrung, die ich aber nicht den ganzen Tag lang haben will.

Jetzt spiele ich Fortnite mit einer anderen Einstellung. Mein Fehler war, es als ein Spiel zu zocken, das es nicht ist. Es geht nicht ums Gewinnen, es geht nicht um Lama-Figuren, es geht nur darum, einmal komplett durchgeschockt zu werden. Wohl dosiert hat das seinen Reiz. Ihr müsst nicht der beste Überlebenskünstler werden, sondern nur so oft überleben, wie ihr wollt.

Will ich so viel Stress wie möglich haben, spiele ich Fortnite. Wenn ich Spaß, eine interessante Geschichte oder eine schöne Welt haben möchte - alles, was Videospiele sonst auszeichnet - spiele ich etwas anderes. Mit Fortnite kann ich eine gehetzte Stunde zubringen, mit allem anderen entspannte Tage.

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