Test Spider-Man: Düster, nahbar und mitreißend

von Micky Auer (04. September 2018)

Allzu oft stecken Superhelden-Spiele in einem teuren Lizenzsumpf fest, der jeglichen Spielspaß verschluckt und nur auf bekannten Namen aufbaut. Ist Spider-Man der Held, den die Spielewelt braucht oder soll er nur die Kassen klingeln lassen?

Sony hat dieses Jahr bereits mit God of War ein großartiges Exklusivspiel für die PlayStation 4 veröffentlicht. Nun will der Konzern diesen Erfolg mit Spider-Man wiederholen. Das wird nicht einfach sein, hat der netzschwingende Superheld aus dem Hause Marvel doch eine - sagen wir mal - "bewegte" Vergangenheit in Hinblick auf Spieleumsetzungen vorzuweisen.

Soll heißen: Da ging das eine oder andere Abenteuer schon mal ordentlich in die Hose. Um das in diesem Fall zu vermeiden und vielleicht sogar den Auftakt für ein "Marvel Gaming Universe" zu schaffen, muss der namhafte Entwickler Insomniac Games (Ratchet & Clank) ran. Der hat selbst einen guten Ruf zu verteidigen.

Das Spiel selbst hat nun nach seiner Fertigstellung mehr als ein Gesicht. Mal ist es bunt und unbeschwert, mal ist es erwachsen und düster. Diese beiden Seiten einer Geschichte unter einen Hut zu bringen ohne einen dieser Aspekte lächerlich zu machen, ist eine Aufgabe für Profis. Aber auch Profis haben das Potenzial, unter hohem Druck mal danebenzuhauen, oder? Schließlich steht hier für alle Beteiligten sehr viel auf dem Spiel. Und wer möchte schon derjenige sein, eine erfolgreiche Marvel-Lizenz zu vergeigen?

Ein Superheld wie du und ich

Der typische Tag von Spider-Man: Ein karges Frühstück zu sich nehmen, eine Mahnung des Vermieters ignorieren, schwerbewaffnete Kriminelle in den Straßen von New York aufhalten, einen Wolkenkratzer infiltrieren und einen milliardenschweren Gangster-Boss zur Strecke bringen. Dann schnell in die Laborkluft wechseln und an hochkomplexen, wissenschaftlichen Forschungen arbeiten, Tante Mae besuchen und versuchen, ob die Sache mit Ex-Freundin MJ nicht vielleicht doch wieder was werden könnte.

So sieht also der Unterschlupf eines Superhelden aus.So sieht also der Unterschlupf eines Superhelden aus.

Peter Parker, in seiner spärlichen Freizeit als Spider-Man unterwegs, verdankt seine Superkräfte (erhöhte Agilität und Reflexe, erhöhte Körperkraft, verbesserte sensorische Wahrnehmung, verbesserte Schadensresistenz und die Fähigkeit, selbst an senkrechten Flächen hochzulaufen) dem Biss einer gentechnisch veränderten Spinne. Das wird im Spiel aber gar nicht erläutert, dieses Wissen wird vorausgesetzt.

Man könnte schon fast eine psychologische Abhandlung darüber schreiben, wer nun die dominante Persönlichkeit ist: Ist es Peter Parker, der junge Mann, der ständig in Geldnöten ist und dessen Ethik und Hilfsbereitschaft ihn immer wieder dazu bewegt, seine eigenen Bedürfnisse hinten anzustellen? Oder ist es Spider-Man, der maskierte Superheld, der diese Prinzipien mithilfe seiner besonderen Fähigkeiten noch weiter ausführt? Gänzlich ohne finanzielle Entlohnung, übrigens. Denn anders als Bruce Wayne (Batman) oder Tony Stark (Iron Man), die beide auf ein Milliardenvermögen blicken können, ist Peter Parker ein armer Schlucker. Und trotzdem ist er ein Superheld. Oder gerade deswegen.

Peter Parker und seine Ex-Freundin MJ. Ob es da nochmal ein Happy End geben wird?Peter Parker und seine Ex-Freundin MJ. Ob es da nochmal ein Happy End geben wird?

Hier sammelt das Spiel seinen ersten Pluspunkt: Peter Parker alias Spider-Man ist kein austauschbarer Übermensch mit schier unendlichen Ressourcen. Er ist nahbar, menschlich und manchmal möchte er einfach nur die Decke über den Kopf ziehen und ausschlafen. Das lässt aber die Welt, in der er existiert, nicht zu. Die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Spider-Man - also, die Figur - mögen werdet, ist sehr hoch. Doch es gibt noch mehr Pluspunkte.

Eine Geschichte wie aus dem Comic

Der nächste Pluspunkt geht erneut an die Autoren. Was nämlich als kunterbuntes, leichtherziges und mitunter recht humorvolles Superheldenspektakel beginnt, wird ab einem gewissen Punkt im Spiel zu einer unglaublich dunklen Angelegenheit rund um innere Dämonen, terroristische Aktivitäten, blutige Rache und den Willen so mancher Bösewichte, aus Eigennützigkeit über Leichen zu gehen.

Uuuuund ... Selfie! Gerade zu Beginn schlägt Spider-Man noch leichter verdauliche Töne an.Uuuuund ... Selfie! Gerade zu Beginn schlägt Spider-Man noch leichter verdauliche Töne an.

Die Story beginnt mit dem Kampf gegen den verbrecherischen Kingpin, Wilson Fisk, ein Milliardär und ewiger Widersacher von Spider-Man. Mit ihm aus dem Spiel gerät das Gleichgewicht der Mächte in New York ins Wanken. Schon bald macht eine Gruppe von Männern mit asiatischen Dämonenmasken von sich reden. Ihr Anführer, der Negative Man, sieht nicht nur wie das Negativ eines Fotos aus, er kann auch das Negative, das Dunkle, das Verbotene in den Menschen zum Vorschein bringen und sie lenken, wie es ihm beliebt.

Spider-Man versucht nun, dem Negative Man auf die Spur zu kommen und ihm das Handwerk zu legen. Doch auch wenn dieser Erzählstrang im Spiel groß angelegt ist, so ist die ganze Geschichte rund um diesen Bösewicht im Endeffekt nur ein Aufhänger für das, was euch zum Ende hin erwartet. Es kommen viele Überraschungen auf euch zu. Das betrifft auch den Wechsel der Tonart, den das Spiel mit nur geringer Vorwarnung anschlägt.

Im XXL-Trailer könnt ihr euch ein Bild davon machen, wie sich Spider-Man in Bewegung anfühlt:

Ohne zu spoilern: In einem Moment schwingt sich Spider-Man vor dem Hintergrund eines malerischen Sonnenuntergangs durch die Straßen und hat ein paar witzige Kommentare auf den Lippen, in der nächsten Szene zünden Suizid-Attentäter in Menschenmengen Bomben und auf offener Straße werden unschuldige Zivilisten von Todesschwadronen hingerichtet.

Ein explosives Szenario, wenn ihr bedenkt, dass Manhattan in der Realität Schauplatz des Anschlags auf das World Trade Center war. Bei so manchen Szenen im Spiel läuft es einem kalt den Rücken hinunter, denn abgesehen von den fantastischen Elementen wirkt die Bedrohung nur zu real.

Verstärkt wird das natürlich durch den Kontrast des zwar actionreichen, aber eher leicht verdaulichen Einstiegs. Die Entwickler haben es geschafft, mit jedem Abschnitt des Spiels einen Gang in der Erzählung zuzulegen. Die Dringlichkeit des Geschehens und die Wichtigkeit eurer Handlungen wird immer stärker inszeniert. Das steigert sich bis zum Ende, das in einem Kampf gipfelt, wie er eines berühmten Superhelden würdig ist.

Schnellreise in Manhattan? Da nimmt ein Superheld schon mal die U-Bahn. Spider-Man versteht sich auf eher stillen, charmanten Humor.Schnellreise in Manhattan? Da nimmt ein Superheld schon mal die U-Bahn. Spider-Man versteht sich auf eher stillen, charmanten Humor.

Ein wirklich großes Lob geht hier an die Verantwortlichen, die behutsam eine Erzählung - Verzeihung - "gesponnen" haben, die immer wieder überrascht und euch auch mit neuen Aufgaben und Wendungen bei Laune hält. Trotz einiger repetitiver Mechaniken bleibt Spider-Man stets unterhaltsam und hält die Balance zwischen Herausforderung, Grinden und Dramaturgie, ohne jemals melodramatisch zu werden.

Auf den ersten Blick zu viel des Guten

Es dauert keine zwei Minuten und ihr seid mitten im Geschehen und sollt euch durch die Wolkenkratzerschluchten von Manhatten schwingen, akrobatische Kampfeinlagen meistern und Raketen ausweichen. All das geschieht in einer Open World, die sich erstaunlich übersichtlich hält. Als Spielplatz steht euch ein Teil von New York, nämlich die Insel Manhattan zur Verfügung.

Schauplatz des Geschehens: Manhattan in New York.Schauplatz des Geschehens: Manhattan in New York.

Das Spiel bewirft euch gleich von Anfang an mit einer Vielzahl von möglichen Aktionen. Das betrifft sowohl die äußerst geschmeidig inszenierte Fortbewegung, als auch die schnellen und spannenden Kämpfe. Es könnte für so manchen am Anfang fast ein wenig zu viel sein, was da an Interaktionsmöglichkeiten im Spiel steckt. Gepaart mit dem äußerst flotten Spielablauf wirkt das alles erstmal ein wenig erschlagend. Fakt ist: Das ist es gar nicht.

Anfangs kann es schon mal passieren, dass ihr auf den falschen Knopf drückt oder versucht, in einer bestimmten Situation die falsche Kombination einzugeben. Das wird aber nicht von langer Dauer sein. Die meisten Eingaben in Spider-Man sind bewusst einfach gehalten, sind größtenteils intuitiv und gehen leicht von der Hand. Ihr braucht keine auf Millisekunden genau aufeinander abgestimmten Controller-Aktionen. Ein paar Versuche im Spiel und ihr seid mit allem vertraut, was ihr braucht. Das ist insofern wichtig, weil Spider-Man noch viele weitere Aktionen erlernt.

Basis dafür ist ein Erfahrungspunkte-System. Für jeden erledigten Gegner, für jede abgeschlossene Quest und für jedes Fundstück im Spiel bekommt ihr Erfahrungspunkte, durch die eure Lieblingsspinne ganz klassisch im Level aufsteigt. Mehr Lebensenergie, erhöhter Schaden und bessere Resistenz sind angenehme Begleiterscheinungen dieses Stufenaufstiegs, aber die wahre Charakterentwicklung findet woanders statt.

Weiter mit: Charakterentwicklung, Präsentation, Meinung und Wertung

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Tags: Singleplayer  

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