Bezahlte Nachhilfe im Gaming: Wenn Coaches euch das Spielen beibringen

(Special)

von René Wiesenthal (08. September 2018)

Stellt euch vor, es gäbe eine Agentur, die Trainer vermittelt, bei denen ihr Unterrichtsstunden im Zocken nehmt. Könnt ihr nicht? Wir waren bei genau einer solchen Agentur zu Besuch. Neben interessanten Einblicken in deren Arbeit, beantwortet man uns dort auch die drängendste Frage: Warum eigentlich?

Wer Musik spielen möchte, geht auf die Musikschule und lernt ein Instrument oder das Singen. Wer ein guter Fußballer sein will, trainiert im Verein. Wer auf hohem Niveau zocken möchte, der ... ? Nun, wenn es nach Nicolas Reber geht, dem Geschäftsführer von GamerLegion, macht das keinen Unterschied. Wer gut spielen möchte, aber irgendwo nicht weiterkommt, der muss es sich eben beibringen lassen. Professionell.

Hier könnt ihr viel falsch machen, wenn ihr es nicht richtig lernt - World of Tanks:

Nicolas hat GamerLegion im April 2017 gegründet. Seit etwa einem Jahr ist das Unternehmen ansässig in Berlin. Vorher war er im E-Sports-Bereich aktiv und hat bereits selbst Spieler in World of Tanks gecoacht. Er ist ein leidenschaftlicher Spieler und ein Macher, hat in der Vergangenheit gezielt Nachwuchs gefördert. Seine Devise: Wenn man schon etwas lernt, dann doch gleich so gut wie es nur irgendwie geht.

"Ich war immer jemand, der versucht hat, das Maximum zu erreichen. Ich war nie zufrieden mit meinem eigenen Spiel und meinem eigenen Erfolg." Genau diese Einstellung versucht er, an andere weiterzugeben.

So wie auch Dennis Hartmann. Er ist PR Manager bei GamerLegion und hat vor seinem Job im Unternehmen unter anderem als Spieleredakteur gearbeitet. Über einen gemeinsamen Bekannten haben Nicolas und er zueinander gefunden. Wir haben mit den beiden in ihren Büroräumen in Berlin gesprochen.

Gaming-Coaches? Es sind doch nur Videospiele!

Warum gibt es das? Warum kann man Menschen engagieren, die einem gegen Geld etwas beibringen, das man doch eigentlich zur Unterhaltung bereits gegen Bezahlung erworben hat? Nicolas habe schlicht einen Bedarf festgestellt, den er decken möchte. Einen Bedarf an professioneller Unterstützung beim Videospielen.

Innerhalb eines Jahres, in dem Nicolas noch World of Tanks gecoacht hat, gab es, so sagt er, zwischenzeitlich bis zu 8.000 Interessenten, die sich darin professionalisieren wollten. Die Nachfrage war also da, Nicolas schuf das Angebot.

Ein Dauerbrenner unter den angefragten Spielen: League of Legends.Ein Dauerbrenner unter den angefragten Spielen: League of Legends.

Das Portfolio von GamerLegion umfasst bisher sieben kompetitive Multiplayer-Spiele. League of Legends sei ganz vorne mit dabei bei den am häufigsten Angefragten, außerdem Counter-Strike Global Offensive und Rainbow Six. Das Angebot soll sukzessive erweitert werden.

Die Coaches, die sie vermitteln, durchlaufen einen Bewerbungsprozess, bevor sie gebucht werden können. Von einem Coach Manager werden sie zum persönlichen Gespräch geladen, erklärt Dennis. Ihm müssen die Bewerber beweisen, dass sie nicht nur fachlich geeignet sind, sondern auch kommunikativ fähig sind, ihr Wissen gut zu vermitteln. Damit soll die Qualität gesichert sein, wenn es zu einer Unterrichtsstunde kommt.

Beruf: Videospiellehrer

Die Anfragen seien zahlreich.

"Das Wichtigste für uns ist, dass der Coach entweder jede Frage selbst beantworten kann – was in der Regel unrealistisch ist – oder zumindest weiß, wo die Antwort steht und sie relativ schnell finden kann. So, dass er prinzipiell bei keiner Anfrage passen muss."

So gebe es beispielsweise Ladezeiten und Feuerkadenzen in Shooter-Spielen, die kein Mensch auswendig wissen könne. Wenn es um solche Details ginge, müsse der Coach zumindest wissen, wo er die Information finden kann.

Viele der Trainer stammen aus dem E-Sport. Nicolas zieht Vergleiche vom professionellen Zocken zum Fußball: Irgendwann würden die Spieler langsamer werden und seien nicht mehr für den Profisport geeignet. Dann läge es nahe, in die Trainerrolle zu wechseln, auch im Gaming-Bereich. "Das ist die logische Evolution des Spielers."

Qualifiziert sich ein Coach, nimmt GamerLegion nur noch die Vermittlerrolle ein:

"Unsere Dienstleistung ist dann, dass wir uns um alles drum herum kümmern, so dass sie sich auf das Coachen konzentrieren können."

Hat ein Spieler eine Frage oder ein Problem, sucht er sich einen Coach aus dem Pool von GamerLegion, bucht ihn und kann den Termin dann mit ihm über die Plattform abstimmen. Die Bezahlung an den Coach wickelt wiederum die Agentur ab.

World of Tanks im Fernstudium

Wie auch ein großer Teil der Kommunikation zwischen Agentur und Coaches, laufen die Unterrichtseinheiten selbst übers Internet, also via Discord. Das soll die Abläufe besonders schnell und einfach machen. "Problem, Frage, Lösung.", beschreibt Nicolas den Prozess.

Dieser Ansatz sei auch eine Kostenfrage für den Kunden, ergänzt Dennis. Diese würden sich sehr viel höher belaufen, wenn Personal vor Ort sein müsste. Welche Probleme die Spieler in den Games haben, ist für die Agentur dabei nicht wichtig. Nur, dass eine Session mit einem Coach stattfindet, der sich im Spiel auskennt. Das bisherige Kunden-Feedback zeuge davon, dass das System funktioniere.

Viele Details in der Spielmechanik: Das Free2Play-Spiel World of Tanks.Viele Details in der Spielmechanik: Das Free2Play-Spiel World of Tanks.

Während einer Unterrichtseinheit in World of Tanks drehen Spieler und Coach dann beispielsweise ein paar Runden zusammen, der Coach beantwortet Fragen, bringt bei, hilft bei einem spezifischen Problem. Die Art des Coachings hängt ganz vom Spiel und der Anfrage ab. Es gibt zum Beispiel auch, wie im physischen Leistungssport, Replay-Analysen, die vor allem bei League of Legends zum Einsatz kämen.

Wenn Gamer etwas leisten wollen

Dabei ginge es den Kunden nicht immer zwingend darum, eine Zukunft im E-Sport anzustreben. Es gebe eine große Bandbreite an Spielern, die besser werden wollen, auch im privaten Bereich. Die Leistungsansprüche haben, wie Nicolas sie auch an sich selbst stellt. Die Zielgruppe vom Games-Coaching?

"Ich möchte nicht verrückt klingen, aber prinzipiell von 14 bis 59 oder sogar noch älter. Auch über 60 gibt es noch Möglichkeiten, etwas zu lernen", sagt Nicolas.

"Die Leute kommen zu dir und sind unglaublich gefrustet. Haben eigentlich Interesse am Spiel, wollen aber nicht mehr spielen, weil es keinen Spaß macht, wenn man vier Runden am Stück verliert. Der Feierabend ist dahin."

YouTube-Videos, Streams und andere Quellen, über die man sich informieren kann, seien ab einem bestimmten Punkt einfach nicht mehr hilfreich. Und auch die Clans sind seiner Ansicht nach nicht immer der richtige Ansprechpartner, wenn man Probleme in einem Spiel hat. "Die Profis haben in der Regel keine Zeit und kein Interesse."

Dann braucht es, so Nicolas, eine Person, die einem ganz genau sagt, wo die Fehler liegen und die einem direkt zeigt, wie es richtig gemacht wird. Die persönliche Betreuung sei effektiv, weil sie auf den jeweiligen Kunden maßgeschneidert ist - im Gegensatz zu eher allgemein gehaltenen Guides.

"Wenn ich Klavier lernen will, kann ich unzählige Stunden auf den Tasten rumdrücken und warten, was dabei rauskommt. Oder ich nehme einen Klavierlehrer für ein Jahr oder zwei und dann kann ich es gut."

Klimpern ist nicht verwerflich. Wer klimpern will, kann das tun. Ebenso einfach nur zocken, unprofessionell. Im Gespräch mit Dennis und Nicolas zeigt sich: Die Angebote von GamerLegion richten sich ganz klar an stark erfolgsorientierte Menschen.

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Tags: E-Sport   Turnier   Highscore  

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