Streaming statt Datenträger: Keinen Bock auf diese Spiele-Zukunft

(Kolumne)

von Micky Auer (07. September 2018)

Immer mehr große Publisher sprechen davon, in Sachen Vertrieb von Spielen gänzlich neue Wege gehen zu wollen. Streaming ist dabei das wichtigste Schlagwort, von dem stets versprochen wird, dass es für die Gamer nur Vorteile bringt. Ich sehe das anders.

Zwei Entwicklungen sind es, die mir zurzeit in der Spielebranche große Sorgen bereiten. Zum einen wäre da dieses aus meiner Sicht unsägliche Konzept "Spiele als Dienstleistung", zum anderen der Wunsch der führenden Publisher in der Branche, den Verkauf physischer Datenträger gänzlich auszumerzen.

Doch soll es, sobald das erst vollzogen ist, auch nicht beim Download von Spielesoftware bleiben. Denn so manch einer sieht die Zukunft sogar im Streaming von Spielen. Externe Hardware berechnet die Software, ihr sitzt zu Hause und streamt das spielbare Ergebnis. Bei dem Gedanken graut es mir in mehrfacher Hinsicht.

Das Thema beschäftigt mich seit einiger Zeit, und wenn auch die folgenden Zeilen eine düstere Zukunft für die Gaming-Landschaft zeichnen, so gehe ich lieber vom Schlimmsten aus als danach umso bitterer enttäuscht zu werden, weil meine Hoffnungen unerfüllt blieben.

Streaming bringt nur Vorteile? Ja, vor allem für den Publisher

Vor kurzem berichteten wir darüber, dass Ubisoft-Chef Yves Guillemot mit zwei großen Themen liebäugelt: Streaming von Spielen und neue Preismodelle. Beides soll wohl Hand in Hand gehen. Allerdings schließt er auch nicht aus, dass traditionelle Spielekonsolen weiterhin existieren könnten.

Wenn er aber von neuen Preismodellen spricht, so impliziert er damit wohl, dass gestreamte Spiele günstiger sein könnten als die Versionen auf physischen Datenträgern. So recht will ich das nicht glauben. Denn aktuell kosten rein digital erworbene Spiele meist genau so viel wie im Laden gekaufte. Und das, obwohl sie keine extra hergestellten Datenträger benötigen, keine Verpackung, keinen Transport, keine Lagerung, keine Versicherungen.

Aus Sicht eines Publishers ist das natürlich grandios. Ein großer Teil des Produktions- und Distributionsweges fällt weg und verursacht keine Kosten, der Gewinn steigt. Glaubt ihr im Angesicht dessen ernsthaft, gestreamte Spiele würden so dermaßen viel günstiger werden? Ich bin nicht so blauäugig zu glauben, dass auf Publisher-Seite durch dedizierte Streaming-Dienste nicht erstmal auch hohe Kosten anfallen würden. Denn zuerst muss die Infrastruktur für einen so aufwändigen Dienst geschaffen werden. Damit verbunden sind natürlich Investitionen finanzieller Natur.

Diese nicht näher definierten "Preismodelle", von denen Guillemot spricht, formen sich in meiner Vorstellung zu Services, die eine Spielesoftware so portionieren, dass man sie noch modularer verkaufen kann als Spiele in Episoden oder DLCs. Das ist jetzt natürlich reine Vermutung, die jedoch auf fragwürdigen Geschäftspraktiken beruhen, die im Laufe der vergangenen Jahre zu solchen Auswüchsen wie Lootboxen und überbordenden Mikrotransaktionen geführt haben.

"Ihre Download-Rate liegt völlig im Toleranzbereich"

Ein gestreamtes Spiel zu spielen setzt voraus, dass der User über eine stabile Internetverbindung verfügt. Tja, da sehe ich noch großes, großes, großes Verbesserungspotenzial. Ich wohne in einer deutschen Großstadt, ziemlich nahe am Zentrum. Und dennoch: Von der Downloadgeschwindigkeit, für die ich bezahle, kriege ich im Durschnitt ein Viertel geliefert. Auch wenn mein Provider behauptet, dass 25 Prozent der gekauften Geschwindigkeit vollkommen in Ordnung sind.

Final Fantasy 7 - Remake: Denkt an die Szene mit Aeris im Original. Und dann stellt euch vor, wie eure Verbindung im Stream stottert.Final Fantasy 7 - Remake: Denkt an die Szene mit Aeris im Original. Und dann stellt euch vor, wie eure Verbindung im Stream stottert.

Es gibt immer noch so viele Ausfälle, dass ich zur Sicherheit ein teures Zweitnetz am Start habe, dass ich im Notfall aktivieren kann. Manchmal, am Abend und an Wochenenden, sinkt die Geschwindigkeit gerne mal auf das Niveau einer Lauf-Kartoffel (Null Meter pro Stunde). Dass ich damit nicht alleine dastehe, verrät mir ein Blick in User-Foren oder Fehlermeldungs-Seiten.

Gerne setze ich mich, wenn ich mir die Zeit dafür freigeschaufelt habe, mal für Stunden hin und versinke in einem Spiel. Was soll ich von einem Dienst erwarten, der auf einer Infrastruktur beruht, die mich schon oft aus einem Multiplayer-Match schmeißt? Unerklärliche Verbindungsabbrüche User- und serverseitigen Ursprungs, unzuverlässige Provider, instabile Verbindungen ... Und das soll ich für etwas nutzen, das mir Spaß und Entspannung bereiten soll?

Klingt eher nach einem Stressfaktor, den ich garantiert nicht brauche. Oder nehmen wir mal an, es kommt zu einem Totalausfall oder Wartungsarbeiten am Server. Dann kann ich rein gar nichts spielen. Jetzt könnte man natürlich sagen: "Na und? Das kann dir bei jedem MMO passieren!" Das stimmt. Aber nicht jedes meiner Spiele ist ein MMO und somit netzabhängig. Im Falle von gestreamten Spielen wäre das bei jedem einzelnen der Fall.

Das altehrwürdige World of Warcraft: Wenn die Server nicht erreichbar sind, könnt ihr nicht spielen. Bei gestreamten Spielen würde das auf alles zutreffen, was ihr per Stream spielen wollt.

Ich weiß, dass an dieser Stelle viele Leute sagen würden: "Mir ist das egal. Bei mir läuft immer alles stabil." Nun, selbst wenn das bei mir der Fall wäre, wäre mir das nicht egal. Denn eine "Hauptsache bei mir ist alles gut"-Einstellung ist letzten Endes eine Charakterfrage, die mit meinem persönlichen Ansatz nicht kompatibel ist. Auch befürchte ich, dass Publisher einen Teil der User mit instabilen Verbindungen als Verlust billigend in Kauf nehmen würden. Solange der Umsatz stimmt, ist alles gut. Erst, wenn es da zu Einbrüchen kommt, folgen PR-Sprüche im Sinne von: "... sind stehts bemüht, alle unsere Fans zu versorgen ..."

Blah. Blobb.

Was passiert, wenn Server abgeschaltet werden?

Gestreamte Spiele könnt ihr euch vielleicht kaufen. Aber dürft ihr sie dann bis in alle Ewigkeit auch nutzen? Oder sind sie einfach nach einer gewissen Zeit weg, weil die entsprechenden Server und Dienste abgeschaltet werden? Davon gehe ich nämlich stark aus. Und ich befürchte, dass die Marktforschung bei großen Firmen zu dem Schluss kommt, dass der Anteil der Konsumenten, die ein Spiel auch noch gerne in 20 Jahren spielen wollen, verschwinded gering ist und daher ignoriert werden kann.

Ich sehe es schon vor mir: In vielleicht nicht ganz so ferner Zukunft wird der erste Zocker vor dem Bildschirm sitzen, auf dem steht: "Ihre Lizenz ist abgelaufen. Final Fantasy siebenundzwölfzig steht nicht mehr zur Verfügung. Aber wir haben folgende Sonderangebote für Sie!" Und dann stellt sich heraus, dass ihr gar nicht das Spiel selbst gekauft habt, sondern nur das Recht, es für eine gewisse Zeit im Rahmen eines Streaming-Dienstes zu nutzen.

Hat vorher jemand die AGB durchgelesen, bevor er oder sie den Haken bei "Ich akzeptiere" gesetzt hat? Vermutlich nicht. Vielleicht dürft ihr euch aber eine Platin-Version kaufen, die dann für immer zur Verfügung steht. Zu einem Preis, versteht sich, der die Preisvorteilsargumente in Schall und Rauch aufgehen lässt.

Viele Gamer, die ich kenne und die dieses Hobby seit Jahrzehnten ausüben, entwickeln auch oft eine gewisse Sammelleidenschaft. Spiele werden wie Bücher in Regalen zur Schau gestellt, man freut sich über seine Sammlung, denkt gerne zurück an schöne Erlebnisse in Spielen und greift hin und wieder zu einem alten Klassiker. Der ideelle Wert, die nostalgische und emotionale Bindung an ein physisch greifbares Spiel kann durch einen Stream keinesfalls ersetzt werden, so finde ich.

Die große Frage, die ich mir im Angesicht solch düsterer Vorstellungen stelle: Will ich Teil einer solchen Gaming-Zukunft sein? Wie eingangs erwähnt, wälze ich das Thema seit Tagen im Kopf von einer auf die andere Seite. Seit 40 Jahre bin ich immer an vorderster Front mit dabei, will ständig die beste Technik für mein liebstes Hobby nutzen, schau mir genau an, was ich worin investiere und freue mich über jede Verbesserung, jeden Sprung nach vorne, den die Technik macht.

Aber die aktuelle Entwicklung gefällt mir rein gar nicht. Ich sehe darin keine Verbesserung für den User, nur für den Publisher. Nicht ein Aspekt der sogenannten Vorteile kommt bei mir logisch an. Und die Antwort auf meine Frage wir immer deutlicher. Leider. Und so blicke ich mehr mit Skepsis und einer gewissen Resignation in die Zukunft. Den freuen kann ich mich zurzeit darauf absolut nicht.

Tags: Online-Zwang  

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