Test Shadow of the Tomb Raider: Ein unterhaltsamer und opulenter Drückeberger

von René Wiesenthal (10. September 2018)

Lara Croft folgt ihrer Bestimmung, zur Schatzjägerin zu werden und wir haben sie auf diesem Weg begleitet. Frau Croft begeht in Shadow of the Tomb Raider die bis dato beeindruckendsten Schauplätze ihrer Karriere - und traut sich trotzdem nicht so richtig, etwas Neues zu probieren.

Na prima, Lara. Im Übermut greift Frau Croft zu Beginn von Shadow of the Tomb Raider einen uralten Dolch in einer Ausgrabungsstätte. Kurz darauf bricht ein Tsunami los und der Trinity-Oberschurke Dr. Dominguez schüttelt seinen Kopf ob Laras Rücksichtslosigkeit. Hat sie da gerade wirklich – wie er behauptet – die Apokalypse ausgelöst?

Shadow of the Tomb Raider: Die Vorgeschichte - Lara Crofts Werdegang zur Heldin

Die Organisation, die für den Tod ihres Vaters verantwortlich ist, spielt sich als Weltenretter auf, nimmt ihr den Dolch ab und will mit dessen Hilfe und der einer antiken Schatulle die Erde neugestalten. Was das bedeutet? In jedem Fall die Auslöschung von allem, was Trinity ein Dorn im Auge ist. Und so lassen Lara Croft und Kumpel Jonah nicht viel Zeit mit Reflektion verstreichen und eilen los, um den Übeltätern ein für alle Mal das Handwerk zu legen.

Die (nicht mehr) verborgene Stadt

Nachdem sich die beiden durch den Dschungel gekämpft haben, erreichen sie die verborgene Stadt Paititi, die als Dreh- und Angelpunkt der Geschichte dient. Denn siehe da: Völlig abgeschieden von der Außenwelt, ist die Stadt doch enorm belebt. Eine blühende Gesellschaft indigener Bewohner tummelt sich in der Siedlung. Und so wie das Leben dort floriert, entwickeln sich auch Konflikte, Rebellen lehnen sich gegen einen unterdrückerischen Kult auf. An dessen Spitze: Dr. Dominguez. Langsam beginnt sich das Geheimnis hinter der Organisation Trinity zu lüften.

Shadow of the Tomb Raider ist gewohnt geradlinig erzählt: Neben kurzen Dialogen, die während des Spielens nebenbei stattfinden wird die Handlung in teils ruhigen und schön inszenierten, teils wieder einmal bombastischen Sequenzen vorangetrieben. Die Dialoge sind gut vertont und erfüllen ihren Zweck – viel Tiefe solltet ihr hier auch im dritten Teil der Reihe nicht erwarten. Ebenso braucht ihr eine gute Portion Toleranz gegenüber Logiklöchern.

Keine Ruhe für die Grabjägerin

Abseits der Haupthandlung trefft ihr nicht nur in Paititi auf eine Vielzahl von Figuren, die euch bei Bedarf in kurze Gespräche verwickeln, mitunter aber auch Nebenmissionen für euch parat haben. Diese reichen von einfachen Botengängen hin bis zu Befreiungsaktionen und sind eine willkommene Abwechslung zum Weltretten.

Bei Händlern kauft ihr euch neue Ausrüstung, die ihr vereinzelt an Lagerfeuern, die ebenso wieder als Schnellreisepunkte dienen, aufbessern könnt. Dazu sammelt ihr fleißig die mit Beute vollgestopfte Gegend leer und bekommt so belohnende Verbesserungen für eure Mühen.

Gräber plündern will gelernt sein

Lara selbst erweitert ihr Fähigkeitenarsenal ebenso am Lagerfeuer. Der Skill-Tree ist in drei Kategorien aufgeteilt, innerhalb denen ihr euch im Kämpfen, in Terrainmanövern, im Beutesammeln und Schleichen sowie eure Perks durch Pflanzenkosum verbessert.

Manche der Skills schaltet ihr im Zuge der Geschichtsprogression frei, einige sind an das Meistern von Herausforderungsgräbern gekoppelt. In einem dieser findet ihr beispielsweise den mehrstufigen "Atem des Kaiman", mit dem euch langsamer unter Wasser die Luft ausgeht.

In Shadow of the Tomb Raider macht es eine große Freude, so richtig abzutauchen.In Shadow of the Tomb Raider macht es eine große Freude, so richtig abzutauchen.

Neben Story-Missionen und Side-Quests findet ihr in den Herausforderungsgräber und deren kleinen Schwestern - den Kryptas - ordentlich Zerstreuung. Vor allem die Gräber sind wirklich enorm umfangreich und weit mehr als nur schnödes Beiwerk. Nicht nur, was die Belohnungen an deren Ende angeht, auch in Sachen Optik verpasst ihr etwas, wenn ihr nur stur der Haupthandlung folgt.

Im Video seht ihr, dass es die Grabstätten in sich haben:

Das Erhalten neuer Ausrüstung verleiht Shadow of the Tomb Raider einen dezenten Metroidvania-Charakter: Viele Bereiche in den Arealen, die ihr besucht, sind beim ersten Begehen noch verschlossen. Sobald ihr die passenden Gegenstände besitzt, könnt ihr dann zurückkehren und euch neue Bereiche erschließen, wo wiederum Belohnungen warten.

Zudem könnt ihr in jedem Abschnitt einen Schlüsselgegenstand finden, der euch interessante Punkte auf eurer Karte markiert. So verliert ihr auch im späteren Spiel nicht den Überblick darüber, was es noch zu tun gibt.

Die Archivar-Karte deckt interessante Kartenpunkte auf.Die Archivar-Karte deckt interessante Kartenpunkte auf.

Wer gar nicht genug vom Sammeln bekommt, verbessert sein Wissen in uralten Dialekten, um so Monolithen zu entziffern oder buddelt Wertsachen aus dem Boden. Eine Menge Inhalt, der aber auch auf Kosten der Natürlichkeit und Glaubwürdigkeit der Welt geht. Alles Interessante wird euch immer wieder als solches gelabelt.

Auffällig ist das angenehme Pacing im dritten Teil der Origin-Saga. Wieder wechseln sich Kletter- und Knobelpassagen mit Schießeinlagen und Stealth-Sequenzen ab. Das größte Augenmerk liegt diesmal aber – zur Freude von Fans klassischer "Tomb Raider"-Spiele – auf dem Erkunden. Zwar ist das auch nicht frei von Action – immer wieder stürzen Böden unter euch ein oder ihr müsst fluchtartig einfallende Tunnel verlassen – aber ruhige Momente, in denen ihr euch ganz auf die Umgebung konzentrieren könnt und müsst, bekommen viel Zeit eingeräumt.

Klettern und schmachten

Diese Zeit könnt ihr dazu nutzen, eure Augen über die wunderschönen Kulissen der Spielwelt gleiten zu lassen. Wirklich fast ausnahmslos jedes Set, das ihr frisch betretet, ist eine absolute Augenweide und bringt euch zum Staunen. Besonders beeindruckend ist, wie viel Abwechslung in der Spielwelt steckt, obwohl zwischen einzelnen Arealen keine großen Entfernungen liegen. Viele Bereiche sind durch Unterwasserhöhlen miteinander verbunden, die dank gelungener Tauchsteuerung positiv auffallen.

Shadow of the Tomb Raider: Der Unterwasser-Überlebenskampf

Diese Liebe zur Gestaltung hat allerdings auch ihre Schattenseiten: Denn trotz der überschaubaren Größe der einzelnen Areale sind sie oft unübersichtlich. Das führt dazu, dass Rätsel, in denen ihr Umweltelemente kombinieren und richtige Wege finden müsst, nicht wegen ihrer anspruchsvollen Mechaniken zur Herausforderung werden. Vielmehr werden sie das, weil ihr euch die Elemente erstmal aus der Umgebung herauspicken müsst, die Teil des Rätsels sind.

Viel spielerischen Freiraum habt ihr nicht, es gibt immer nur eine Lösung und so wird das Finden von Interaktionsobjekten manchmal etwas mühsam. Nicht selten gipfelt es in "Trial & Error", was wegen häufiger Rücksetzpunkte zumindest nicht frustrierend wird. Eindeutigere, dafür aber Hirnschmalz fordernde Aufgaben hätten da besser gestanden, zumal die etwas ungenaue Kollisionsabfrage und die starke Limitierung der Erkundungsfreiheit die Motivation beim Herausfinden der Lösung dämpfen.

Was generell auffällt: Shadow of The Tomb Raider verrückt zwar die Gewichtung zwischen einzelnen Elementen, bis auf kleinere Nuancen ist das Finale der Trilogie aber eher mehr vom Gewohnten, als so richtig neu. Wer genau das erwartet und möchte, hat Grund zur Vorfreude.

Meinung von René Wiesenthal

Shadow of the Tomb Raider ist für Serien-Fans sicher ein unterhaltsamer Abschluss der Origin-Story von Lara Croft. Das Spiel muss sich aber den Vorwurf gefallen lassen, zu wenig Mut zu zeigen. Die Kernelemente des Spiels waren schon zu Beginn der Reboot-Reihe von der Konkurrenz bei Naughty Dog vertraut. So richtig emanzipiert hat sich Tomb Raider nun auch mit dem Reihenfinale nicht.

Das heißt aber auch, dass alles, was Spieler bisher begeistert hat, wieder einmal anständig umgesetzt wurde – um kleine Nuancen ergänzt. Mit dem noch größeren Umfang und den wirklich sehr liebevoll dargestellten optionalen Gräbern, die weit mehr sind als nur Füllmaterial, punktet Shadow of the Tomb Raider bei genau den Spielern, die einfach nicht genug von gut gemachten Action-Adventures kriegen können.

Dass der Sound und die Optik des Spiels ebenso auf hohem Niveau rangieren, muss eigentlich nicht dazu gesagt werden - die Bilder und Trailer sprechen für sich. In diesem Fall komme ich aber nicht umhin, zu betonen wie gut und abwechslungsreich die einzelnen Kulissen aussehen. So wirklich glaubhaft oder organisch wirkt die neue Spielwiese von Lara zwar nicht. Wer aber im bisher schönsten und größten Terrain der Reihe herumtoben und sammeln möchte, ist in Shadow of the Tomb Raider bestens aufgehoben.

Für alle, die in Laras Verjüngungskur nur einen halbgaren Abklatsch anderer Action-Adventure-Referenzen gesehen oder sich schlicht größere Neuerungen gewünscht haben, ist Shadow of the Tomb Raider wohl nichts. Fans greifen auch diesmal bedenkenlos zu.

85

meint: Unterhaltsam und audiovisuell beeindruckend - ein gelungenes Serien-Finale für jeden Fan. Leider fehlt aber etwas der Mut zur Veränderung.

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Tags: Singleplayer  

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